Exklusiv-Interview mit Frédérick Leboyer

"Die Geburt eines Kindes ist wie ein wilder Sturm"

In den siebziger Jahren lösten seine Gedanken zur "Geburt ohne Gewalt" eine nachhaltige Revolution in der Geburtshilfe aus. Inzwischen hat sich der 82jährige Frédérick Leboyer längst aus der aktiven Geburtsmedizin zurückgezogen. Doch nach wie vor beschäftigt ihn eines der größten Geheimnisse überhaupt: das Wunder der Geburt.

Unsere Autorin Ursula Bachhausen hatte das Glück, Leboyer persönlich zu begegnen. Seine bahnbrechenden Ideen und Gedanken hielt sie für uns im Interview fest.


Monsieur Leboyer, wie viele Geburten haben Sie in Ihrer aktiven Laufbahn als Geburtshelfer begleitet?
Zahlen. Zahlen und Statistiken sagen nichts aus über das Wesentliche. Aber wenn Sie es genau wissen wollen: Es waren weit über 10.000 Geburten, wovon die letzten 1.000 von meinen neuen Ideen beeinflusst waren.

Was hat Sie in den siebziger Jahren zu Ihrer neuen Sicht der Geburt und Geburtsmedizin geführt? Waren es Ihre Reisen nach Indien?
Nein. Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Es war vielmehr meine eigene Psychoanalyse, die mir plötzlich eine neue Perspektive eröffnete. Geht man in der Psychoanalyse sehr tief, bringt sie einen zurück zur eigenen Geburt. Vorher hatte ich nur Augen für die Frau und ihre Situation, doch als ich in der Psychoanalyse die Ängste meiner eigenen Geburt wieder erlebte, rückte das Kind in mein Blickfeld. Auf einmal sah ich diese wachen Augen voller Angst.

Wie erlebt das Kind Schwangerschaft und Geburt?
Zu Beginn der Schwangerschaft ist das Kind ein König. Die Gebärmutter wächst und wächst, und es hat eine unendliche Freiheit, sich in seinem Königreich einzurichten. In der zweiten Hälfte der Schwangerschaft wächst das Kind schneller als der Uterus. Aus dem Königreich wird ein Gefängnis. Mit jedem Tag wird die Enge drängender. Und irgendwann fasst das Kind einen Entschluss: Ich muss raus! Man weiß heute, dass der Reiz, der die Geburt auslöst, auch vom Kind ausgeht. Das Kind wird selbst aktiv.

Was bedeuten Schwangerschaft und Geburt für die Frau?
In der Schwangerschaft erlebt die Frau ein Paradox. Im gleichen Maße, wie sie der Niederkunft entgegen geht, werden in ihr - immer unter der Voraussetzung, dass sie ihre Schwangerschaft bewusst erlebt - die Gefühle und Ängste wach, die sie selbst bei ihrer Geburt durchmachte. Viele Mütter haben mir berichtet: Leben schenken ist wie selbst geboren zu werden. Ich halte es für wesentlich, dass sich eine Schwangere mit dieser Reise zur eigenen Herkunft auseinandersetzt. Die Schwangerschaft ist eine Pilgerfahrt zu den Ursprüngen des Lebens.

Viele Frauen erleben die Schwangerschaft weniger poetisch. Für sie überwiegen körperliches Unwohlsein, Einschränkungen in der Beweglichkeit und die ungewisse Zukunft.
Sicher. Eine Frau, die z.B. sehr von ihrem Beruf vereinnahmt wird, wird diese innere Reise nicht machen. Doch sie wird etwas versäumen.

Hat die innere Reise einen Einfluss darauf, wie die Frau die Geburt erlebt?
Wenn eine Frau ein Kind bekommt, stirbt sie und wird wiedergeboren. Die Reise zurück zu den eigenen Ursprüngen bereitet sie darauf vor. Ab dem Moment, in dem eine Frau wirklich Mutter wird, zählt das Kind mehr als sie selbst. Viele Frauen haben ein Kind und sind doch nicht Mutter. Das ist absolut nicht dasselbe. Diese Verwandlung von der Frau zur Mutter kann nur erleben, wer den Mut hat, sich den eigenen Ängsten zu stellen und sie zu überwinden.

Warum löst der Gedanke an die bevorstehende Geburt ihres Kindes bei vielen Frauen Angst und Unwohlsein aus?
Die Geburt eines Kindes ist etwas Heiliges. Etwas Mysteriöses. Etwas, das wir nicht mit dem Verstand erfassen oder dem Willen steuern können. Etwas, das Angst macht. Etwas, das stärker ist als wir. Eine Frau in den Wehen ist wie auf einem kleinen Boot inmitten eines tosenden Sturms. Sie ist ganz allein und begegnet einer Kraft, die viel, viel stärker ist als sie. Immer kurz davor, Schiffbruch zu erleiden, erreicht sie doch am Ende den rettenden Hafen. Diese Urgewalten auf ihrem Weg machen Angst.

Wie soll sich eine Schwangere auf die Geburt vorbereiten?
Sie muss sich der Wahrheit stellen. Die "sanfte" Geburt gibt es nicht, das ist blanker Unsinn. Eine Geburt ist immer ein Akt der Gewalt. Deshalb muss die Frau wissen, dass sie ganz allein auf dem winzig kleinen Boot im schlimmsten Unwetter um ihr Überleben kämpfen wird. Ist sie bereit, sich dieser Erfahrung zu stellen, dann kann sie die Niederkunft als ein großes Fest erleben.

Inwiefern?
Die Geburt ist der Gipfel der Intimität, daran sind nur zwei beteiligt. Die Frau und das Kind. Der Sturm trägt die Frau immer weiter und weiter, bis sie zuletzt den Höhepunkt der Ekstase auskosten kann. Ihre Wahrnehmung ändert sich, sie tritt aus sich heraus. Es gibt in diesem Moment nichts auf der Welt, nur noch die Frau und das Kind.

Sie haben gesagt, eine Geburt sei keine Aufgabe für eine Mannschaft, und bezogen sich dabei auf die Geburtshelfer und Hebammen im Krankenhaus. Was kritisieren Sie?
Im Krankenhaus bestimmen die Geburtshelfer die Spielregeln. Es besteht die Gefahr, dass man Ihnen Ihre Geburt stiehlt. Nichts anderes habe ich über viele Jahre gemacht, ich habe den Frauen ihre Geburt gestohlen. Lassen Sie das nicht zu!
Ärzte interessieren sich für Krankheiten und Komplikationen. Ist jemand bei guter Gesundheit, empfinden sie es als eine Art Verrat. Doch eine Geburt ist etwas so Normales, so Natürliches, so Alltägliches, ja so Gesundes. Für den Arzt ist da kein Platz. Erst wenn es wirklich zu etwas Unvorhergesehenem kommt, sollte der Arzt eingreifen.

Was sind ideale Bedingungen für eine Geburt?
Eine ideale Geburt gibt es nicht. Sie müssen völlig frei sein, keine Rolle spielen, keine Tabus beachten. Nur wenn eine Frau allein ist, kann sie ihre ganze Spontanität ausleben. Die Niederkunft ist einem Orgasmus sehr, sehr ähnlich. Die Frau muss ganz in sich sein, in dem, was mit ihr vorgeht, doch wie beim Orgasmus kann sie es selbst nicht steuern, sondern muss sich fallen lassen. Im Krankenhaus mit einer ganzen Schar von Zuschauern ist diese Intimität nicht zu erreichen. Bei einer Hausgeburt mit einer guten, erfahrenen Hebamme sind die Bedingungen günstiger.

Welche Rolle spielt die Hebamme?
Die Hebamme sollte nichts tun. Eine wirklich gute Hebamme ist einfach da. Sie ist so ruhig, so frei von Angst, dass sie diese Ruhe und Zuversicht überträgt. Dann gewinnt die Frau Vertrauen in sich selbst. Doch im Krankenhaus sind auch die Hebammen zu aktiv.

Sollte der Vater des Kindes bei der Geburt anwesend sein?
Das ist reine Pornographie. Er kann nur Zuschauer sein, die Reise der Niederkunft muss die Frau allein antreten. Er kann ihr nicht folgen. Schon während der Schwangerschaft muss er lernen, dass sich seine Frau verändern und zeitweise von ihm abwenden wird. Es erfordert sehr viel Reife und Großzügigkeit, das zu akzeptieren und die Frau zu gegebener Zeit als Partnerin wieder aufzunehmen.
Für das Kind repräsentiert der Vater die Außenwelt. Es scheint jedoch so, als verlasse die Frau um den sechsten Schwangerschaftsmonat herum diese Außenwelt. Je mehr sie mit dem Ungeborenen in Kontakt tritt und je mehr sie nach innen horcht, desto weniger ist sie für die Außenwelt ansprechbar. Dies gilt ebenso für die ersten Monate nach der Geburt, in denen sie für das Kind das ganze Universum ist.

Warum gerade im sechsten Monat?
Den Grund kenne ich nicht, aber viele Frauen haben mir davon berichtet. Ein werdender Vater verdächtigte seine Frau gar, einen Liebhaber zu haben. Doch da war niemand anderer als das Kind.
Im alten China durfte der Mann seine Frau während der letzten drei Monate der Schwangerschaft nicht mehr sehen. Und das Kind bekam er nicht vor Ablauf von drei Monaten nach der Geburt zu Gesicht. Auch in Indien verließ die Frau etwa im sechsten Monat ihren Mann und kehrte vorübergehend zu ihrer Mutter zurück.

Wie sollten Eltern ihr Kind auf dieser Welt empfangen?
Wir müssen die Kinder mit Wärme und Zärtlichkeit überreichlich füttern. Denn das brauchen sie ebenso sehr wie Nahrung. Wir sollten nie vergessen, wie angenehm es für das Kind im Mutterleib war. Nach der Geburt bleibt nur das unerträgliche Gefühl der Leere, nichts ist mehr da, was seinen Körper hält, es bewegt, die Geräusche sind anders, alle Sinneseindrücke sind fremd. Ein Kind zu berühren, zu wiegen, zu streicheln, versöhnt es mit dem fremden Außen. Das ist wahre Liebe.

Das Interview führte Ursula Bachhausen.

 Literatur: "Frédérick Leboyer - Geburtshelfer und Poet" Voller Weisheit und Poesie widmet sich Frédérick Leboyer in seinen Büchern der Frage, wie Mutter und Kind die Geburt und das Beisammensein in den ersten Monaten erleben. Mit diesen Schriften löste Leboyer eine weltweite Revolution in der Geburtshilfe aus, die als "sanfte Geburt" bekannt wurde:
"Geburt ohne Gewalt."
"Sanfte Hände - Die traditionelle Kunst der indischen Babymassage."
"Das Geheimnis der Geburt."
Alle erschienen im Kösel Verlag.

Marken Verlag Köln

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