Wenn ein Geschwisterchen kommt

Familienzuwachs

Mehr oder weniger lange sind Erstgeborene der unangefochtene Mittelpunkt der Familie. Das ändert sich, sobald ein kleiner Bruder oder eine kleine Schwester auf die Welt kommt. Was Eltern tun können, damit selbst eingeschworene Einzelkinder „geschwisterfit“ werden.

Ein weiteres Kind kündigt sich an und die Freude ist unendlich groß auch beim älteren Geschwisterchen, das sich oftmals eine kleine Schwester oder einen kleinen Bruder gewünscht hat. Doch bald darauf fragen sich viele Eltern: „Wie kann ich mein Kind optimal auf den neuen Familienzuwachs vorbereiten?“ Je jünger das Erstgeborene ist, desto weniger kann es sich vorstellen, was genau auf es zukommt. Das gut gemeinte Versprechen der Eltern: „Du bekommst einen tollen Spielkameraden“, führt mitunter zu Frust und enttäuschten Gesichtern. Denn ein kleiner, meist schlafender Säugling, der dazu noch viel schreit, ist kaum das, was ein Kind sich unter einem perfekten Spielgefährten vorstellt.

Der richtige Zeitpunkt

Grundsätzlich gilt: Je kleiner das Kind, desto später sollten ihm seine Eltern von der Schwangerschaft erzählen. Solange noch kein Babybauch auszumachen ist, kann sich nämlich ein Ein- oder Zweijähriger kaum ausmalen, was in Mamas Bauch vor sich geht. Ein fünfjähriges Kind hingegen versteht schon sehr viel von dem, was seine Eltern miteinander besprechen. Es könnte daher schnell das Gefühl bekommen, dass sie ihm etwas verheimlichen: „Zwar gibt es kein Patentrezept. Mütter und Väter sollten ihr erstgeborenes Kind jedoch in die Schwangerschaft mit einbeziehen, bevor es durch Andeutungen oder den wachsenden Bauch der Mutter von sich aus darauf aufmerksam wird“, rät die Hebamme Bettina Schumacher-Werner.

Altersunterschied

Wie es mit der Neuigkeit zurechtkommt, hängt stark vom Alter des Kindes ab. Bei Drei- und Vierjährigen treten selten Konflikte auf. In diesem Alter haben Kinder schon begonnen, sich von den Eltern abzunabeln, und pflegen bereits Kontakte außerhalb der Familie. Sie besitzen eine Vorstellung von Zeit, sodass sie auch in der Lage sind, ihre Bedürfnisse für einen gewissen Zeitraum zurückzustellen. „Ein- bis zweijährige Erstgeborene hingegen haben noch eine sehr enge Bindung zu ihrer Mutter und fühlen sich durch den ,Rivalen’ im Bauch am stärksten bedroht“, erläutert Bettina Schumacher-Werner.

Gemeinsame Vorfreude

Umso behutsamer müssen Eltern sie auf den familiären Neuankömmling vorbereiten. Bilderbücher beispielsweise, die das Thema anschaulich und spielerisch aufgreifen, helfen dabei. Außerdem freut sich das Kind, wenn es aktiv an den Vorbereitungen für das neue Familienmitglied teilnehmen darf, indem es mit den Eltern die ersten Strampler oder das Mobiliar des Babyzimmers aussucht. Viele Kindertagesstätten unterstützen Eltern zudem dabei, ihre Kleinen „geschwisterfit“ zu machen: „Wir führen mit den Kindern Rollenspiele rund um das Thema ,Geschwister’ durch, betrachten mit den zukünftigen großen Schwestern und Brüdern deren Babyfotos oder bilden Erzählkreise. Darüber hinaus erklären wir ihnen, dass sie früher auch mal klein und hilflos waren, und machen ihnen klar, was sie jetzt schon alles können“, erläutert die Erzieherin Svenja Hagen.

Anfänge zu viert

Auch Freunde und Verwandte der Eltern sind wichtige Helfer für einen reibungslosen Start mit dem neuen Familienmitglied. Sie können dem älteren Kind mit einer großen Portion Aufmerksamkeit, Zuwendung und gemeinsamen Aktivitäten durch die turbulente Anfangszeit helfen. Wer beispielsweise zur Geburt nicht nur dem Baby, sondern auch dem älteren Geschwisterkind ein Geschenk mitbringt, verhindert Neid und zeigt dem „Stammhalter“, dass dies ein ganz besonderer Tag ist – für alle Beteiligten.

Kleine Helfer – große Geschwister

Geschwisterkinder dürfen durchaus schon bei der Babypflege mithelfen – so wird ihr Selbstbewusstsein in der neuen Familiensituation gestärkt. „Das ältere Kind kann hier viele positive Eindrücke sammeln. Es merkt, dass die Eltern seine Hilfe benötigen, zum Beispiel beim Wickeln oder beim gemeinsamen Trösten“, unterstreicht Svenja Hagen. „Die Gewissheit, gebraucht zu werden, ist für Kinder ungemein wichtig.“ Nicht selten beobachten Eltern, wie positiv das Baby auf den Bruder oder die Schwester reagiert. „Babys sind fasziniert von den älteren Geschwistern. Oft gilt das erste glucksende Lachen ihnen und nicht den Eltern“, weiß Dr. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) in München.

Geteilte Aufmerksamkeit

Natürlich gibt es in den ersten Lebensmonaten des Säuglings immer wieder Situationen, in denen er die ganze Aufmerksamkeit der Mutter fordert, zum Beispiel beim Stillen. „Das Baby verlangt viel Fürsorge und es braucht sie unmittelbar. Wenn Mama gerade mit dem älteren Kind ein Buch liest und das Baby zu weinen beginnt, muss sie das Lesen unterbrechen und sich dem Säugling widmen“, sagt Dr. Fabienne Becker-Stoll. „Das Erstgeborene besitzt nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern.“ Gerade in diesen Momenten fühlt es sich häufig zurückgesetzt und reagiert mitunter eifersüchtig. In der Anfangszeit kann es auch vorkommen, dass das ältere Kind plötzlich Rückschritte in seiner Entwicklung macht und wieder in sein „Baby-Verhalten“ zurückfällt. Manche wollen nicht mehr alleine schlafen, wieder gestillt werden und eine Windel tragen. Oder sie versuchen, mit allen Mitteln die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu ziehen.

Auftritt für die Väter

Auch im Kindergarten zeigen die Kleinen manchmal ein verändertes Verhalten: „Einige frischgebackene Geschwisterkinder reagieren plötzlich übermäßig wütend oder trotzig. Andere ziehen sich zurück oder suchen extreme Nähe“, erzählt Svenja Hagen. Die Erzieherin ermuntert die Väter, verstärkt bestimmte Aufgaben zu übernehmen: „Sie können zum Beispiel die Mutter beim Gute Nacht-Ritual ablösen oder für einen festen Tag in der Woche eine Unternehmung mit ihrer ,großen’ Tochter oder ihrem ,großen’ Sohn planen.“

Rivalitäten

Das ältere Kind muss spüren, dass beide Geschwister den gleichen Anteil an elterlicher Liebe bekommen – auch wenn das Baby zunächst noch mehr Hilfe beansprucht. „Es gibt viele verbale und nonverbale Zeichen, die dem großen Kind signalisieren: Du bist mir wichtig! Deshalb das Kind unbedingt loben, wenn es sich positiv verhält“, rät Dr. Fabienne Becker-Stoll. „Die Eltern sollten nicht nur auf das Kind reagieren, wenn es etwas Negatives tut. Sonst merkt es schnell: Ich bekomme nur Aufmerksamkeit, wenn ich das Baby beispielsweise schlage.“ Wird das Geschwisterkind dem Baby gegenüber aber aggressiv, müssen Eltern schnell handeln. „Körperliche Attacken auf den Säugling sind ein ernsthaftes Alarmsignal. Das große Kind weiß sehr gut, dass es dem Baby damit weh tut. Sein Verhalten zeigt deutlich, dass es mehr ungeteilte Aufmerksamkeit braucht“, erklärt Dr. Fabienne Becker-Stoll. In diesem Fall sind Zeit und Zuwendung durch beide Elternteile oder auch Verwandte gefragt. „Gegebenenfalls kann eine betreuende Hebamme oder ein Gynäkologe auch die Notwendigkeit einer Haushaltshilfe bescheinigen, die der Familie unter die Arme greift“, rät Bettina Schumacher- Werner. So wird die Mutter entlastet und kann mit dem „Großen“ feste Zeiten vereinbaren, wenn möglich ein bis zwei Mal pro Tag, in denen er die Mutter nur für sich hat.

Freunde fürs Leben

Auch wenn Konflikte mit dem Erstgeborenen oder Nächte zu viert im elterlichen Schlafzimmer zusätzliche Anstrengungen für Mutter und Vater bedeuten – diese Phase geht meist von alleine wieder vorbei. „Geschwister zu haben, ist etwas ganz Tolles. Das sollten Eltern ihren Kindern signalisieren“, sagt Dr. Fabienne Becker-Stoll. „Das Baby vergöttert das ältere Kind. Die Liebe ist also da.“ Durch ihr eigenes Verhalten können die Eltern ganz viel dazu beitragen, dass aus den beiden Geschwistern Freunde fürs Leben werden.

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