Auszeit

Familien-Sabbatical

Ein Sabbatical will gut vorbereitet sein. Dann profitieren Familien in besonderer Weise von der Auszeit.

 

Eine hohe Belastung ist Daniel Kraft gewohnt. Der 38-Jährige leitet die Kommunikationsabteilung der Bundeszentrale für politische Bildung, ein fordernder Job mit hoher Intensität und viel Verantwortung. Da war es schon ein großer Schritt, dieses Berufsleben für ein halbes Jahr zu verlassen und sich während dieser Zeit einmal nur um die junge Familie zu kümmern.

Mit Frau und Kind ging Kraft nach Brüssel, kümmerte sich um Wohnung und Windeln – und war am Ende verblüfft darüber, wie wenig Zeit für die Dinge blieb, die er sich noch so vorgenommen hatte. Ein intensives Praktikum als Vollzeit-Familienvater. Eine bleibende Erinnerung.

 

„Sprungbrett“ Elternzeit

Eine Auszeit vom Job, ein paar Monate Familie statt Firma – für immer mehr Menschen ist das ein erstrebenswertes Ziel. Den großen Traum vom Sabbatical haben viele: Ein Jahr ganz weit weg vom Alltag der Meetings und Lieferfristen, toleriert vom Arbeitgeber, eine Auszeit im Einverständnis mit dem Chef. Sich diese Zeit zu nehmen, schaffen indes nur ganz wenige.

Der Anteil der Arbeitnehmer, die ins Sabbatical gehen, liegt konstant im unteren einstelligen Prozentbereich –  immerhin steigt die Zahl der Unternehmen, die Auszeitmodelle anbieten. Allerdings meist, um Konjunktur-Dellen auszugleichen. „Am ehesten geht es bei Sabbaticals um berufliche Weiterbildung“, sagt Barbara Hess, Geschäftsführerin der Stuttgarter Imanent Beratung & Training GmbH. Allerdings stellt die Autorin des Ratgebers „Sabbaticals. Auszeit vom Job“ fest: „Familienthemen sind langsam im Kommen."

Einen komfortableren Einstieg in das Thema bietet die Elternzeit – eine Art „Sabbatical light“. Insbesondere in den 14 Monaten nach der Geburt, wenn es den Anspruch auf Elterngeld gibt, gönnen sich inzwischen auch mehr Männer eine Pause vom Job. Die maximal drei Jahre Elternzeit – also eine unbezahlte Auszeit vom Job mit Kündigungsschutz – lassen sich im Einvernehmen mit dem Arbeitgeber sogar bis zum achten Lebensjahr eines Kindes setzen. „Der Rechtsanspruch macht hier den Unterschied zum Sabbatical, aber auch diese Option wird bislang nur sehr selten genutzt“, sagt Christina Klenner vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung in Düsseldorf.

 

Die Weltreise bleibt ein Traum

Wenn es also darum geht, dass eine Familie mehr Zeit ohne Berufsstress erlebt, dominieren derzeit andere Lösungen. Männer nehmen sich ein paar Monate Auszeit mit Elterngeldanspruch, vielleicht nutzt man Erspartes für einen zehnwöchigen Break. Laut Barbara Hess verständlich, und je nach Zielstellung muss es auch gar nicht so viel mehr Zeit sein. „Wer eine Auszeit aus familiären Gründen wünscht, sollte realistisch planen. Oft sind drei Monate, manchmal sechs Monate angemessen“, sagt die Sabbatical-Expertin.

Die einjährige Weltreise fernab aller Alltagssorgen ist für die Allermeisten Utopie. Wenn es um Familienthemen geht, dann nutzen Menschen die Auszeiten eher für konkrete Vorhaben. Der Wunsch nach gemeinsamem Erleben, nach Reisen in ferne Länder, spielt natürlich bei manchen eine Rolle – aber schon finanziell ist das eher eine Ausnahme und die Reisedauer eingeschränkt.

Es gibt andere Motive, die Forscherin Klenner benennt. So komme es vor, dass sich Arbeitnehmer ein paar Monate Zeit nehmen, um ihre Kinder bei der schwierigen Übergangsphase vom Kindergarten in die Schule zu unterstützen. „Es gibt Eltern, die es für sinnvoll halten, ihren Kindern dann zur Seite zu stehen“, sagt Klenner. Solch eine Pause von vielleicht zwei Monaten sei leicht zu verkraften. Es gibt auch „Wechselfälle des Lebens“, zu denen sich Eltern eine jobfreie Phase nehmen: Eine Verletzung ihres Kindes, die akute Versorgung und danach viel Logistik und seelischen Beistand nötig macht, wäre ein Beispiel.

Eine andere Sache sind Auszeiten meist von Vätern, die den gesamten Jahresurlaub und vielleicht noch etwas mehr in einem Block nehmen und gemeinsam mit der Familie eine Pause einlegen, weil  sie wiedergutmachen möchten, dass sie sonst so wenig Zeit für Frau und Kind haben. Während solcher Zeiten können die emotionale Bindung und die Kenntnisse zu Familienthemen bei den Vätern wachsen, sagt Klenner, „aber die Alltagsroutine danach muss sich nicht unbedingt ändern.“ Kontraproduktiv ist es, wenn ein sechsmonatiges Paradies den Preis hat, dass Papa oder Mama danach drei Jahre jeden Abend bis elf Uhr arbeitet.

 

Die Finanzkraft ist entscheidend

So stark das Bedürfnis nach einer Phase ohne Büro ist: Die Schwierigkeiten, sich darauf einzulassen, sind gewaltig. „Es gibt handfeste Ängste vor negativen Folgen“, weiß Forscherin Klenner – beispielsweise davor, in der Auszeit aufs Abstellgleis zu geraten oder bei der nächsten Beförderungsrunde die eigenen Chancen zu verschlechtern. Ein anderes, sehr greifbares Thema ist das Geld. Ein Sabbatical muss man sich leisten können. Wer Kinder hat, für den ist das im Normalfall kaum zu stemmen. „Derzeit ist ein ganzes Sabbatjahr nur für sehr wenige Eltern finanzierbar“, sagt Klenner.

Wer sich dennoch diese Zeit nehmen möchte, der sollte sich Gedanken darüber machen, wie er es am besten anstellt. „Es muss auch dem Unternehmen etwas bringen“, benennt Barbara Hess einen der leitenden Gedanken. Schließlich muss man ja mit dem Arbeitgeber eine Einigung finden. Was aber hat ein Unternehmen davon, wenn Mitarbeiter sich für längere Zeit vom Schreibtisch zum Spielzeug begeben?

Ein Aspekt, der immer mehr betont werde, sagt Hess, sei die soziale Kompetenz von Eltern, wenn sie sich ihrer Rolle wirklich annehmen. „Mitarbeiter, vor allem Männer, gewinnen in diesem Bereich – das wird für Unternehmen immer wichtiger, und das kann man durchaus betonen“, argumentiert Hess. „Wir könnten uns eine Menge Trainings im Bereich Sozialkompetenz sparen, wenn sich mehr Männer stärker in ihre Familien einbringen würden.“

Den Arbeitgeber überzeugt zudem, wer sich realistische Gedanken dazu macht, wie lange er auf welche Weise vertreten werden kann. Wer beispielsweise aufgrund seiner Position im Unternehmen wichtig ist, muss klare Vertretungsregelungen vorbereiten. Wer vor allem in Projekten arbeitet, muss so planen, dass die Abwesenheit nicht den Erfolg dieser Projekte gefährdet. „Weil das Sabbatical ein Privileg ist, sollte es auch gut vorbereitet sein“, sagt Hess.

 

Akribische Vorbereitung

Ein wichtiger Punkt ist die klare Absprache: Nur die wenigsten Eltern steigen ohne Absicherung aus dem Job aus. Eine realistische Vereinbarung über die Rückkehr ist wichtig. Wird man danach den gleichen Arbeitsplatz haben, die gleichen Funktionen? Was passiert mit dem Gehalt? Und wie lässt sich der Rentenanspruch aufrechterhalten? Dies sind wichtige Faktoren, die eine akribische Vorbereitung erfordern.

Insbesondere die Variante „unbezahlter Urlaub“ muss genau geplant werde, damit sie nicht in einem finanziellen Desaster endet. Währenddessen jedoch muss man nicht ständig an den Chef denken. Gelegentliche Rückmeldungen können bei einer längeren Pause nicht schaden, wenn etwas ganz Wichtiges passiert, sollte man auch erreichbar sein – und kurz vor der Rückkehr darf man sich ruhig wieder in Erinnerung rufen.

Das Geld  ist das leidige Thema. Es gibt einige wenige Musterbetriebe, die Möglichkeiten bieten, den Gehaltsausgleich über einige Jahre zu organisieren und so auch einen Lohn während der Pause auszahlen. In den meisten Fällen ist die Liquidität aber allein ein Problem es Sabbat-Nehmenden. „Und damit wird es oft zum Thema von Gutverdienenden“, sagt Christina Klenner von der Hans-Böckler-Stiftung. Wer wenig verdient oder in kleineren Betrieben arbeitet, wer einen unflexiblen Job hat, für den wird auf Dauer wohl eher eine Teilzeitlösung die Chance bieten, um Beruf und Familie zu kombinieren. Wobei dies fast exklusiv ein Frauenthema ist.

Bewunderung und Neid

Männer wiederum stehen vor einem speziellen Problem. „Noch immer ist es nicht leicht für sie, mit Familienthemen eine Auszeit zu begründen“, sagt Christina Klenner. Ihre Einschätzung ist jedoch, dass auch im Zuge der Elterngeld-Diskussion ganz sachte eine gesellschaftliche Veränderung greift, dass auch bei Männern familiäre Beweggründe stetig mehr an Akzeptanz gewönnen. „Das ist eine Frage der Arbeitskultur. Wenn einmal die kritische Masse erreicht wird, wenn 30 Prozent der Männer Elternzeit nehmen, dann wird sich auch das Verhältnis von Beruf und Familie noch stärker verändern“, sagt Klenner.

Bis dahin ist die Entscheidung zur Auszeit mit Mann, Frau, Sohn und Tochter allerdings eine private Mission – wohl aber mit Strahlkraft. „Es entsteht in einem Unternehmen Neid, wenn man so etwas macht, aber es entsteht auch viel Bewunderung – so etwas inspiriert viele Leute und ändert damit die Arbeitswelt“, sagt Barbara Hess. Wichtig sei aber auch die Inspiration für das eigene Leben nach der Pause. „Im besten Fall gewinnt man Erkenntnisse, wie man das Arbeitsleben später so organisieren kann, dass die Familie danach auch eine größere Rolle spielt.“

 

 

Unsere Experten

Christina Klenner ist promovierte Ökonomin und arbeitet am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung. Sie verantwortet dort unter anderem den Bereich Arbeitszeit (insbesondere Probleme der Arbeitszeitflexibilisierung)

 

Barbara Hess ist Unternehmensberaterin und leitet die Imanent Beratung & Training GmbH in Stuttgart. Von ihr erschien das Ratgeberbuch „Sabbaticals. Auszeit vom Job. Wie Sie erfolgreich gehen und motiviert zurückkommen“ (Frankfurter Allgemeine Buch)

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