Was sollte ein Kind wann sagen können? Wie können Eltern die Sprachentwicklung fördern? Und wann sollten die Alarmglocken läuten? Wir fragten Privatdozentin Dr. Annerose Keilmann, Oberärztin an der Klinik für Kommunikationsstörungen der Universität Mainz.
Wie verläuft die normale Sprachentwicklung?
Das erste Wort, mit dem das Kind etwas meint, erwartet man zwischen dem 9. und 14. Lebensmonat, also Mama, Auto, heiß oder ähnliches. Mit anderthalb, spätestens am zweiten Geburtstag sollte ein Kind den ersten Zweiwortsatz sprechen, etwa "Mama dada". Ein Kind mit drei kann sich normalerweise so ausdrücken, dass Eltern und Geschwister mitkommen, Fremde aber oft noch nicht. Vierjährige sind in der Regel auch für Fremde verständlich.
Läuft sie bei den meisten Kindern glatt?
Bei den meisten Kindern ja, aber der Spracherwerb ist individuell sehr unterschiedlich und verläuft in Schüben. Manche Kinder haben mit dem zweiten Geburtstag einen kompletten Lautbestand, können etwa eine Sch-Verbindung, die schwer ist. Trotzdem ist es kein Alarmsignal, wenn ein Kind mit zwei Jahren "necke" statt Schnecke sagt. Das würden wir erst mit vier Jahren erwarten.
Wie viel Prozent der Kinder haben eine Sprachstörung?
In einer Untersuchung von 1996 haben zwei Phoniater Kinder zwischen vier und fünf untersucht und haben bei 17 Prozent Sprachentwicklungsstörungen gefunden.
Heute gibt es mehr Sprachentwicklungsstörungen als früher. Woran liegt das?
Alle Experten vermuten, dass für die dramatische Zunahme der Sprachentwicklungsstörungen vor allem die veränderten Umweltbedingungen verantwortlich sind: Kinder sind heute mehr in isolierten Situationen und weniger in Gruppen. Zum Beispiel spielen viele Kinder nachmittags allein, wogegen sie früher auf der Straße mit Freunden zugange waren. Auch das Fernsehen wird immer wieder angeschuldigt – sicher zurecht, wenn ein Kind täglich einige Stunden davor sitzt. Diese Zeit ist für die Sprachentwicklung ungenutzte Zeit. Man muss schon selber reden, um die Sprache zu lernen. In vielen Familien entfallen zum Beispiel Tischgespräche am Abend, weil das Fernsehen läuft. Fest steht, dass es wenig medizinische Gründe gibt, die dafür verantwortlich sein könnten. Erwähnenswert sind lediglich die etwas häufigeren Fälle von Schallleitungsschwerhörigkeiten, also Paukenergüsse nach Mittelohrentzündung, die sich spontan einstellen und keiner bemerkt. Diese Kinder haben Nachteile beim Sprechenlernen.
Was versteht man unter einer Sprachentwicklungsstörung oder -verzögerung?
Wir schätzen das Sprachverständnis in den verschiedenen Ebenen ein und getrennt davon den Lautstatus, die Beherrschung des Wortschatzes und der Grammatik. Von diesen vier Bereichen müssen drei gestört sein, wenn wir von Sprachentwicklungsstörung oder -verzögerung reden.
Was kann man tun, wenn ein Kind lispelt?
´Zig Prozent aller Vorschulkinder lispeln. Wenn Eltern sagen, das stört mich nicht, dann lässt man das so. Wenn meine Tochter lispeln würde, würde ich sie behandeln lassen, weil Lispeln oft mit einfachem Gemüt gleichgesetzt wird. Wenn sich die Frau im Leben mal bewähren will, tut sie sich leichter, wenn sie das "S" normal spricht.
Wann kann man das am besten therapieren?
Man muss das Lispeln vor oder nach dem Zahnwechsel behandeln. Währenddessen ist es schwierig. Die Kinder verlieren ja etwa zur Einschulung ihre Frontzähne und solange die weg sind, kann die Zunge nicht lernen, wohin sie beim "s" sprechen muss.
Viele Kinder fangen irgendwann an zu stottern. Wann sollten Eltern sich Sorgen machen?
Viele Kinder machen im Vorschulalter Sprechunflüssigkeiten durch. Da denken die Kinder schneller als sie reden, und wiederholen Satzteile, Wörter, auch mal Silben oder Laute. Es kommt aber nicht zu einem Wiederholen von einzelnen Lauten, also a-a-a- oder einem Auseinanderziehen von Lauten – das geht dann eher in Richtung Stottern. Auch wenn die Unflüssigkeit über ein halbes Jahr dauert, spricht es dafür, dass es eher ein Stottern ist. Ziemlich sicher ist das der Fall, wenn ein Kind Sprechangst entwickelt, und Gesicht oder Hände mitarbeiten müssen beim Reden.
Wie verhalten sich Eltern am besten, wenn ihr Kind zu stottern anfängt?
Eine Theorie sagt, dass sich das Stottern aus der Entwicklungsunflüssigkeit heraus entwickelt – unter anderem dadurch, dass die Eltern ungeschickt damit umgehen, also das Kind unter Druck setzen und sagen: "Jetzt red´ mal richtig". Eltern sollten sich nicht auf die Unflüssigkeit konzentrieren, sondern eher auf den Inhalt und dem Kind damit klarmachen: Diese Äußerung war wichtig für mich. Günstig ist auch, wenn die Eltern Räume schaffen, in denen die Kinder wissen: "Jetzt bin ich dran". Etwa beim ins Bett bringen, das kann man so gestalten, dass Zeit bleibt und das Kind vom Kindergarten berichten kann. Wenn alles in Hektik abläuft, setzt das die Kinder unter Druck nach dem Motto: "Wenn ich jetzt nichts sage, kann ich es nie loswerden".
Wie können Eltern generell die Sprachentwicklung fördern?
Sprachentwicklung liegt in der Hand der Eltern. Je mehr Sprache sie dem Kind anbieten, desto leichter fällt es ihm, Sprache zu erwerben. Positiv ist das korrektive Feedback: Wenn das Kind im Spracherwerb Fehler macht, was ja normal ist, soll man nicht sagen, "Sag das mal richtig". Das könnte ihnen den Spaß am Sprechen verderben. Die Eltern sollten den Satz einfach richtig wiederholen. Damit erzielt man oft denselben Effekt ohne psychischen Druck. Viele Kinder übernehmen die richtige Form dann. Außerdem ist es gut, wenn ein Kind eine reiche Erfahrungswelt hat und viele natürliche Situationen erlebt, in denen Sprache eingesetzt wird – also draußen spielen, und mit allen Sinnen erleben. Das ist günstiger als Memory-Kärtchen anzuschauen.
Interview: Dorothee Hahne