Schlüssel-Beziehung

Frauen und ihr weiblicher Nachwuchs

Das Zusammenleben von Müttern und ihren Töchtern ist besonders eng – und bietet Stoff für tiefschürfende Auseinandersetzungen. Vielleicht geht es eben nicht um ewige Harmonie und Symbiose – sondern am Ende um Respekt zwischen Frauen.

Es war einmal. Zum Beispiel dieser bekannte Fall, als die Mutter so erfüllt war vom Neid auf ihre eigene Tochter, dass sie ihren eigenen Nachwuchs töten wollte. Der Tochter gelang die Flucht ins Exil, in dem ihr die Mutter weiter nach dem Leben trachtete. Ein Mutter-Tochter-Konfliktfall unter vielen in der kulturellen Überlieferung, vielleicht der bekannteste – das Märchen vom Schneewittchen. Und tatsächlich war es in der Urform der Geschichte die leibliche Mutter und nicht wie später die Stiefmutter, welche das junge Mädchen beseitigen wollte. Ein Märchen von vielen, das von einem schwierigen Verhältnis der weiblichen Generationen erzählt.

Emotional und konfliktreich

Es war einmal und ist noch so. Mama und ihre Töchter, das ist zwar ein Stoff aus dem Märchen, aber ein hochaktueller. „Es gibt keine andere Beziehung, die so gefühlsbeladen ist wie die zwischen Mutter und Tochter“, sagt die Autorin und Psychotherapeutin Claudia Haarmann. Die Emotionen sind dabei bei weitem nicht nur positiv. „Es gibt einen enormen Konflikt: Hunderttausende Töchter und Mütter in Deutschland haben den Kontakt zueinander abgebrochen.“

Haarmann, die ein Buch über Mutter-Tochter-Beziehungen geschrieben hat, liefert eine erschreckende Diagnose: In weit mehr als der Hälfte aller Beziehungen zwischen Müttern und ihren Töchtern herrschten gravierende emotionale Probleme. Was vor allem auch dann passiert, wenn die beiden besonders darauf aus sind, in Harmonie und Eintracht zusammenzuleben.

Nicht nur die Märchen sind voll solcher – teils allerdings verklausulierter – Beispiele. Wer sich in Ratgeberecken im Buchhandel umschaut, findet eine Vielzahl von Titeln, die über Auseinandersetzungen und psychische Probleme zwischen Müttern und Töchter berichten und Auswege aufzeigen wollen. Dass diese Beziehung ein Problemthema ist, dafür gibt es laut der österreichischen Pädagogin Andrea Bramberger einen wichtigen gesellschaftlichen Grund. Die Beziehung zwischen dem weiblichen Elternteil und den Nachkommen desselben Geschlechts sei in dieser herrschenden Meinung an sich etwas Besonderes, es bestehe eine sehr enge Verbindung, gar die Wahrnehmung: „Die Tochter soll nach dem Modell der ‚Russischen Puppen‘ idealerweise zu dem werden, was die Mutter ist.“

Bramberger beobachtet, dass diese von ihr identifizierten gesellschaftlichen Vorstellungen letztlich das reale Verhältnis negativ prägen. „Mütter und Töchter sehnen sich nach einer symbiotischen Beziehung, sie streben diese an und leiden an der Nichterfüllung oder versuchen gar, sich radikal voneinander zu trennen.“ Deswegen rät Bramberger allen Frauen mit Kindern oder Kinderwunsch, sich mit dem gesellschaftlichen Bild dieser Beziehung genauer auseinanderzusetzen und ein eigenes Verhältnis zu der Idee der Mutterrolle zu entwickeln.

Sichere Bindung

Ohne Zweifel ist die Beziehung zwischen Müttern und Töchtern von Natur aus eng, enger als alle anderen Beziehungen, die Kinder üblicherweise erleben. Für ein kleines Mädchen gibt es zunächst nur dieses eine Vorbild. Es möchte so sein wie die Mama, möchte die Schuhe und den Schmuck anprobieren, möchte sich schminken und das machen, was die Mutter macht. Mädchen wissen, dass Mama auch ein „Mädchen“ ist. Das erste, das wichtigste Muster, an dem sie sich orientieren. Was die Mutter ausstrahlt, wie sie sich gibt, wie sie sich selber fühlt, das hat enorme Ausstrahlung auf ihr Kind, das prägt die Entwicklung ihrer eigenen Tochter als Mensch vom weiblichen Geschlecht.

„Wenn die Mutter sich mit sich selbst in ihrem Körper und Leben wohlfühlt, dann lernt die Tochter diese Grundeinstellung auch für ihre eigene Weiblichkeit“, sagt Claudia Haarmann. Die Mutter gibt aber auch ihre Sicht der Welt, zum Beispiel ihre Einstellung zum Vater oder ihre Sicht auf Männer ganz allgemein, an ihre Tochter weiter.
Es ist nicht unüblich, dass Töchter irgendwann in ihrem Leben, nach der Pubertät oder schon im Erwachsenenalter, eine wehmütige Erinnerung an ihr eigenes Leben im Elternhaus haben.

Ein Satz, der oft fällt: „Ich hatte das Gefühl, dass meine Mutter nicht richtig da war.“ In solchen Fällen, meint Psychotherapeutin Haarmann, realisierten die Kinder, was ihnen am Anfang ihres Lebens, in der Bindungsphase, gefehlt hat. Sie verweist auf die Arbeit des Münchner Kinder- und Jugendpsychiaters und Psychotherapeuten Karl-Heinz Brisch, der die enorme Bedeutung der sicheren Bindung zwischen Eltern und Kind im frühesten Lebensstadium besonders betont. Vereinzelt gibt es Programme, bei denen beispielsweise Hebammen den Eltern auch diese Komponente in ihrem neuen Lebensabschnitt zu vermitteln versuchen.

Schließlich wird es, so sagt es Claudia Haarmann, eine Tochter in ihrem Leben prägen, wenn sie in den ersten Jahren des Lebens ihre eigene Mutter als distanziert, abgewandt erlebt hat. „Hier entstehen Gefühlsmuster, die das Leben prägen und die das Kind selbst als Mutter einmal weitergeben wird – sei es auf gleiche Weise oder als gegenläufige Reaktion, was ebenso schwierig wäre.“

Eigene Lebensentwürfe

Bewusstsein für die eigenen Rollen könnte helfen. Die französische Soziologin und Philosophin Elisabeth Badinter bezifferte vor zwei Jahren den Anteil der „Supermütter“ unter Europas Müttern auf etwa 60 Prozent. Gemeint sind Frauen, die als Mutter zugleich sexualisierte Weiblichkeit, Familie, Beruf, Karriere und auch noch Selbstverwirklichung ausleben wollen. Enorm hohe Anforderungen an einen Menschen. Allerdings muss die Schlussfolgerung zum Wohle der Kinder nicht lauten: „Zurück zum Herd!“ Vielmehr drängt sich ein realistischer, aufmerksamer, verantwortungsvoller Umgang mit Blick auf die eigenen Töchter auf.

„Mütter sind abgewandt, wenn sie sich in eigene Dramen verstricken, wenn zum Beispiel ihre Aufmerksamkeit von eigenen Problemen absorbiert wird“, sagt Claudia Haarmann, „aber es ist wichtig, dass Mütter dies wissen und es schaffen, ihrem Nachwuchs zugewandt zu sein.“ Wer sich konstant selbst falschen Erwartungen aussetzt, überträgt das. Wer sich selber Fragen stellt, kann ein besseres Verhältnis schaffen: Wie aufmerksam bin ich? Nehme ich mir Zeit? Höre ich zu? Stehe ich wirklich hinter meinem Kind?

Es geht aber eben nicht darum, eine Glucke zu sein. Wenn eine Frau als Kind eine distanzierte Mutter erlebt hat, tendiert sie oft zu einer wohlmeinenden Gegenreaktion, wenn sie selbst Kinder bekommt, getreu dem Motto: Ich werde es besser machen. Und schon ist der nächste Generationenkonflikt programmiert. Eine wichtige Maßgabe: Mütter müssen ihren Kindern die Chance zu einer eigenen Entwicklung geben. „Ich halte es für einen guten Weg, mit Töchtern über alle möglichen adäquaten Lebensentwürfe zu sprechen: Das Leben kann auch anders gelebt werden, als die Mutter es macht, und das ist nicht unbedingt schlechter“, sagt Andrea Bramberger. Sie warnt vor Symbiosen, vor Einengung.

Es gibt eine anspruchsvolle, aber konstruktive Möglichkeit, die Charakterbildung der eigenen Tochter positiv zu begleiten. Die Mutter als Frau hilft, die Möglichkeiten für ihren Nachwuchs auszuleuchten, aber sie bestimmt nicht, sie zeigt die eigenen Probleme aus ihrem eigenen Leben auf und gibt der Tochter damit Einblicke, wie sich eigene Pläne umsetzen lassen. „Gerade das kann Töchtern Sicherheit geben“, sagt Bramberger, es helfe bei der nötigen Abgrenzung zur Mutter und dabei, „sich als eigenständige Persönlichkeit wahrzunehmen, sichere Schritte außerhalb der Mutter-Tochter-Dyade zu machen – und sich trotzdem oder vielleicht gerade dadurch beschützt zu erleben.“

Das Ziel einer solchen „kritischen Begleitung“ soll, so sieht es zumindest Psychotherapeutin Haarmann, auf keinen Fall eine „Freundschaft“ zwischen Mutter und Tochter sein. „Beide gehören unterschiedlichen Generationen an. Will eine Mutter eine Tochter zur Freundin machen, dann verkennt das die Realität. Die Unterschiede, die eigenen Lebenserfahrungen können nicht kaschiert werden.“ Mütter sollten also schützend da sein, auch Freiheit lassen und kritisch begleiten – aber keinesfalls in Kumpanei verfallen.

Intensiv und anstrengend

Eine Schlüsselphase für jede Mutter-Tochter-Beziehung ist die Pubertät. Es ist ein brutaler Test für die Mütter. Egal, wie gut man darauf vorbereitet zu sein scheint, es schmerzt, wenn Töchter die eigene Mutter als alt und peinlich beschimpfen. In dieser Phase kann sehr viel zerbrechen, wenn das Fundament schon instabil war. Was auf jeden Fall passieren wird: Die Tochter stößt ihre Mutter vom Sockel, aus dem Vorbild von früher wird ein Negativbeispiel. Mütter müssen das aushalten. Mütter dürfen nicht beleidigt sein, sondern diese Phase verantwortungsvoll leben.

Claudia Haarmann sagt: „Ich kann und muss unterstützen, dass mein Kind zu sich selbst findet.“ Was aber nicht heißt, dass die Mutter ihrer Tochter nicht auch die Meinung geigen soll. Gerade darauf kommt es ja an: Dass es Unterschiede gibt, keinen Harmoniezwang, und die Möglichkeit, einen eigenen Weg zu finden. Eine intensive, anstrengende Zeit. Aber am Ende lockt ein Ergebnis, das jede kümmernde Mutter wohl gerne sieht. Claudia Haarmann sagt: „Danach stehen sich zwei Frauen gegenüber, die sich lieben und respektieren.

Unsere Expertinnen:

Claudia Haarmann,
Autorin und Journalistin. Sie arbeitet in Essen als Coach und Psychotherapeutin und veröffentlichte das Buch „Mütter sind auch Menschen. Mütter und Töchter begegnen sich neu“ (Orlanda Verlag)

Andrea Bramberger,
Universitätsdozentin für Pädagogik im österreichischen Salzburg. Sie studierte Pädagogik, Psychologie und Soziologie. Von ihr erschien das Buch „Das Lächeln der Mutter auf den Lippen der Tochter. Mutter-Tochter-Beziehungen“ (Centaurus)

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