Wie viel Erziehung braucht ein Kleinkind?
Braucht es lange Erklärungen? Oder reicht ein klares Nein? Darüber sprach unsere Autorin Anke Gasch mit Dr. Johanna Graf, Diplom-Psychologin und Miturheberin der FamilienTeam-Elternkurse.
Junge Familie: Frau Dr. Graf, wie viele Worte braucht es, um die Kleinen liebe- aber wirkungsvoll zu stoppen, zum Beispiel, wenn sie gerade Spaß daran haben, Bauklötze gegen unsere Schränke zu werfen?
Dr. Johanna Graf: Kinder lernen am besten aus Erfahrung. Das heißt für Eltern: weniger sprechen, mehr handeln. Damit genau das beim Kind ankommt, was Eltern rüberbringen wollen, braucht es eine Mischung aus Haltung (Wir gemeinsam gegen das Problem! Nicht: Wir gegeneinander!) und Handwerkszeug (z. B.: Papa drückt innerlich auf „Pause“, bevor er losplatzt). Kinder ärgern ihre Eltern nicht absichtlich. Sie sind in ihr Spiel vertieft, ohne daran zu denken, was die Eltern stören könnte.
Wenn Mama und Papa in einem ruhigen Moment überlegt haben, was sie unbedingt von ihrem Kind erwarten (beispielsweise, dass es andere nicht treten darf) und wo sie flexibel sind (Bauklötze werfen geht, nur nicht auf Möbel), spüren Kinder diese Klarheit. Grundsätzlich gilt: Erst handeln, dann reden: also das Kind von den Bauklötzen trennen, danach kurz und genau sagen, was es als Nächstes tun darf.
Zusätzlich toll: „Erst verstehen – dann verstanden werden“. Dazu tauchen Eltern einen Moment in die Welt des Kindes ein („Es macht Spaß, die Bauklötze zu werfen, denn das knallt so schön…“), bevor sie eine Erlaubnis für jetzt geben und auch gleich entsprechend handeln. („Hier, du darfst die Bauklötze in diesen Eimer/Wäschekorb werfen!“)
Quengelgarantie Telefon
Eben hat Kira (3) noch selbstvergessen gemalt. Doch kaum greift ihre Mutter Eva zum Telefon, lässt die Kleine den Stift fallen und ruft: „Ist das nicht ein schönes Bild? Mama, schau doch mal. Mama!“
JF: Eva ist genervt. Sie möchte schnell wieder ruhige Telefonate führen. Was tun?
JG: Beziehungen sind wie ein Bankkonto. Man kann täglich einzahlen oder abheben. Eva sollte sich fragen: Habe ich auf unserem Beziehungskonto (heute!) ein Plus? Ist das so, könnte sie nach dem Grundsatz „Deine Welt – meine Welt – unsere Welt“ verfahren. Also erst der Person am anderen Ende erklären, was los ist und Rückruf versprechen, nun die drei Welten öffnen:
„Wirklich, ein schönes Bild, mit Blau und Rot – so leuchtend (Kiras Welt). Jetzt möchte ich kurz zu Ende telefonieren (Evas Welt), danach gehen wir raus (Familienwelt).“ Und schließlich Kira die Wahl lassen, was sie so lange machen möchte: „Du darfst bei mir sitzen und weitermalen oder schon mal in den Garten vorgehen und Blumen gießen.“
Ist ihr Konto im Minus, kann Eva das ruhige Telefonat vergessen: In diesem Fall wird Kira um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter kämpfen. Gut ist immer, Kinder auf ein Telefonat vorzubereiten. Eva könnte, bevor sie zum Hörer greift, gemeinsam mit Kira eine Idee entwickeln, was ihre Tochter während des Gesprächs tun kann und was danach möglich ist (mit Mama spielen…).
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