Probieren - Qual oder Anregung?

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Probieren – Qual oder Anregung?
Yannik isst nichts, was er nicht kennt. Im Kindergarten muss aber jeder zumindest probieren, bevor etwas abgelehnt werden darf. Yanniks Eltern finden das Quälerei.
Der zweijährige Yannik ist ein schlechter Esser. Er war ein Frühchen, viel krank und schon als Baby selten richtig hungrig. Zu Hause haben Mama und Papa regelmäßig Mühe, den zarten, leicht untergewichtigen Jungen zum Essen zu bewegen. Das klappt – wenn überhaupt – nur mit viel Ruhe und mit den wenigen Lieblingsgerichten, die Yannik gut kennt. „Ich bin froh, wenn er überhaupt ordentlich isst – da gehe ich kein Risiko mit neuen Rezepten ein“, sagt eine Mutter.
Im Kindergarten nimmt darauf niemand Rücksicht. Kürzlich weigerte Yannik sich, Bohnen zu probieren, und musste deshalb allein eine Stunde am Tisch sitzen bleiben. „Ich finde das unmöglich. Seitdem will er mittags überhaupt nicht mehr in den Kindergarten“, berichtet seine Mutter. Sie überlegt nun, ob sie ihren Sohn jeden Tag vor dem Essen abholen soll, um ihm weitere Dramen zu ersparen. Ein Gespräch mit der Leiterin des Kindergartens brachte sie nicht weiter.
In der Einrichtung gilt die Regel: Es wird niemand zum Essen gezwungen, aber jedes Kind muss probiert haben, bevor es sagen darf: „Ich mag das nicht.“ Kleine Essens-Mäkler gehen dann keineswegs leer aus, bekommen aber auch keine Extrawurst, sondern dürfen sich in der Küche ein Brot holen. In Yanniks Fall wollen die Erzieher keine Ausnahme machen. Schließlich soll das Probieren die Kinder anregen, mal etwas Neues kennenzulernen und ein Essen nicht nur deshalb zu verweigern, weil sie es nicht kennen. Wenn Yannik nicht zumindest ein kleines Stück Bohne probiert, bekommt er auch kein Brot – dabei bleibt es („sonst lernt er das ja nie“). Die Erzieher argumentieren: „Wenn wir das durchgehen lassen, würden auch andere Kinder nichts Neues mehr probieren.“
Sollen sie trotzdem für Yannik eine Ausnahme machen?
Das sagen unsere Leser dazu:
Kleine Mengen sind keine Quälerei
Ich finde es richtig, dass die Kinder erst einmal probieren müssen, bevor sie etwas ablehnen können. Häufig wird von vornherein gesagt: "Das mag ich nicht." Weil zum Beispiel ein anderes Kind es auch nicht essen mag. Diese Erfahrung mache ich selbst immer wieder mit meinen Kindern. Was der Große sagt, zählt. Die kleine Schwester plappert es dann nur nach. Erst wenn sie selbst probiert, stellt sie häufig fest, dass es ihr doch schmeckt. Es gibt ja auch im Kindergarten normalerweise kein Essen, vor dem manche Kinder sich grundsätzlich ekeln müssen (Schnecken, Innereien o.ä.). Da es beim Probieren nur um eine kleine Menge geht, finde ich das keine Quälerei. Sollte ein Kind damit größere Probleme haben, wie im geschilderten Fall, müsste ein Gespräch mit den Eltern geführt werden, da das Essen natürlich kein Grund sein sollte, dass ein Kind nicht mehr in den Kindergarten will.
Alexandra Hagen, Königsbrunn
Seelische Grausamkeit und Erpressung
Ich bin entsetzt über die Erziehungsmethode des Zwangsprobierens! Jeder hat Vorlieben und Abneigungen. Anbieten und motivieren, etwas Neues auszuprobieren, und Erzwingen sind völlig unterschiedliche Dinge. Im Kleinkindalter wird das Kind fürs Leben in grundsätzlichen Dingen geprägt. Essen bedeutet Spaß am Probieren und Freude am Genuss. Essen ist etwas Tolles, das sollte durch Zwang nicht kaputt gemacht werden. Anstatt bei Yannik Neugier zu wecken, haben die Erzieher es geschafft, dass er nun Angst vor den Mahlzeiten hat. Das ist seelische Grausamkeit, Folter und Erpressung.
M. Weber, Chemnitz
Das Leben besteht nicht nur aus Steak und Frikadellen
Ich bin mit so einem Essens-Mäkler verheiratet. Ich kann dazu nur sagen: Liebe Eltern, seht zu, dass die Kinder frühzeitig eine große Auswahl an Speisen angeboten bekommen, um später einen weiten Ernährungshorizont zu haben. Meine Schwiegermutter hatte Sorge, dass ihr Sohn nicht isst, und fragte stets nach, ob sie ihm etwas anderes machen solle. So wird einer einseitigen Ernährung Tür und Tor geöffnet. Ich hörte zu Beginn unserer Ehe oft die Frage: Hast du nichts anderes? Ich mag das doch nicht! Helle Soßen sind bäh, braune Soßen lecker, um nur ein Beispiel zu nennen. Die Vorgehensweise in Yanniks Kindergarten finde ich absolut richtig. Das Leben besteht ja nicht nur aus Steak und Frikadellen! Unsere Tochter isst zum Glück recht viele Sachen, wenngleich sie bei den ungeliebten nicht viel isst und eher um den Nachtisch bittet.
S. Vogt, per E-Mail







