Wenn Erwachsene trauern

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Wenn Erwachsene trauern – was dürfen Kinder wissen?
Eine Erzieherin hat ihren Vater durch einen Verkehrsunfall verloren. Sind Kinder überfordert, wenn sie davon in der Kita etwas erfahren?
Sarah trägt seit ein paar Tagen nur noch schwarz. Die 38-jährige Erzieherin ist häufig niedergeschlagen, lacht nicht mehr so oft wie sonst mit den Kindern – und hin und wieder bricht sie in Tränen aus. Dann verlässt sie schnell ihre Gruppe und zieht sich in die Küche zurück, bis sie die Fassung wiedergefunden hat. Vor zwei Wochen ist ihr Vater, zu dem sie ein inniges Verhältnis hatte, bei einem Verkehrsunfall gestorben. Sarah wird noch viel Zeit brauchen, bis sie „darüber hinwegkommt“.
Zur Erinnerung hat sie immer ein Bild des Vaters in der Handtasche. Als sie kürzlich einen ihrer Schützlinge im Bus auf dem Schoß nahm, wollte der Fünfjährige gerne in die Tasche der Erzieherin gucken. Sein Blick fiel auf das Bild, und er erkundigte sich arglos: „Wer ist denn das?“ Sofort wurde auch eine kleine Gruppe von anderen Kindern aufmerksam – unter ihnen die sechsjährige Lisan, die besonders empfindsam ist. Sarah erzählte, dass das ihr Papa sei, und dass der jetzt nicht mehr lebt. Bei dem Gedanken daran musste sie erneut weinen. Die Kinder erschraken; eine von Sarahs Kolleginnen sprang ein und erklärte ihnen, warum Sarah so traurig ist.
Am nächsten Tag beschwerte sich Lisans Vater bei der Kindergartenleiterin. Seine Tochter sei nach diesem Erlebnis völlig verwirrt, frage ständig nach dem Tod und habe nachts kaum geschlafen. Er und seine Frau seien empört, dass eine Erzieherin so junge Kinder mit „ihrer persönlichen Trauer belästigt“, und verlangte, dass so etwas nicht noch einmal vorkommt.
Hat Lisans Vater recht? Oder dürfen Erzieher Dinge erzählen, die Kinder erschrecken können, aber eben zum Leben dazu gehören? Ist der Tod überhaupt ein Thema für kleine Kinder? Wie sollte man im Kindergarten mit Trauer umgehen?
Das sagen unsere Leser dazu:
Kinder auf den Tod vorbereiten
Erzieherinnen sind keine Maschinen. Die Trauer hört auch nicht auf, nur weil man auf der Arbeit ist. Sicherlich sollten Betreuerinnen von Kindern sich in ihrer Trauer nicht komplett gehenlassen. Aber auch Kinder müssen doch irgendwann wissen, dass der Tod zum Leben dazugehört, so schlimm das auch ist. Umso geschockter sind doch Kinder, die es plötzlich unvorbereitet persönlich betrifft. Übrigens gibt es sehr schöne Bücher, die dieses Thema dem Alter entsprechend behandeln. Damit fällt es leichter, dieses Tabu anzusprechen.
R. R. aus München, per E-Mail
Kinder sollen teilhaben, aber zu nichts gezwungen werden
Ich bin in der Ausbildung zur Erzieherin und beginne nächstes Jahr mein Anerkennungsjahr. Wir haben ein Projekt zu dem angesprochenen Thema "Tod und Trauer" mit Kindern erarbeitet.
Ich denke, man sollte Kinder mit diesem Thema konfrontieren, denn der Tod gehört genauso zum Leben wie die Geburt. Außerdem ist der Tod auch in der Natur zu sehen, Pflanzen und Tiere sterben, genauso wie auch der Jahreskreislauf eine Veränderung ist, die man im weitesten Sinne mit dem Sterben vergleichen kann.
Zunächst ist es einmal wichtig, sich selbst mit seiner eigenen Trauer auseinanderzusetzen. Denn man selbst sollte mit seinen Gefühlen zurückstecken können, wenn man mit Kindern solch ein Thema bearbeitet.
Wichtig ist es aber auch, sich mit der Entwicklung von Kindern zu befassen und herauszufinden, was das Kind überhaupt schon verstehen kann. Ein zweijähriges Kind kann beispielsweise verstehen, dass es selbst sterben kann. Im Anschluss sollte man sich aber auch mit Trauerphasen befassen, um zu wissen wie Kinder trauern.
Erst dann sollte begonnen werden, die Kinder an das Thema heranzuführen. Dazu gibt es viele Möglichkeiten: Bilderbuchbetrachtung, Friedhof besuchen, Kett-Legeübungen.
Die Kinder sollten an allen Dingen (Beerdigung, Vorbereitung für Beerdigung/Trauerfeier/Leichenschmaus...) die mit dem Tod/Sterben eines geliebten Menschen zu tun haben, teilhaben dürfen, jedoch sollten sie zu nichts gezwungen werden.
Ich habe selbst bereits Erfahrungen mit trauernden Kindern gemacht: Aus meiner Erfahrung heraus ist es besser, die Kinder mit dem Thema zu konfrontieren, als sie davor zu schonen.
Jenny, per E-Mail
Kinder irritiert das Verheimlichen von Gefühlen
Ich glaube, dass auch die Erzieher der Kita durchaus ein Recht auf ihre Gefühle haben. Natürlich kann man nicht ständig vor den Kinder weinen und trauern, dennoch gehört der Tod in unser Leben! Und jede verantwortungsvolle Erzieherin wird „ihren" Kindern nur das Nötigste zumuten.
Über kurz oder lang werden alle Kinder mit diesem Ereignis konfrontiert, sei es im familiären Umfeld oder durch den Tod des geliebten Haustieres. Und vielleicht ist es für viele Kinder sogar ein „Vorteil" mit etwas Abstand, also ohne direkt davon betroffen zu sein, vom Kreislauf des Lebens zu erfahren. Gleichzeitig ist es für die Erzieher in der Kita eine große Herausforderung, mit so einem wichtig Thema kindgerecht umzugehen, ohne wirklich Angst zu machen.
Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen lernen, nicht nur praktische Dinge sondern eben auch Emotionen! Wut, Trauer und Verlust gehören da ebenso dazu wie Freude und Freundschaft. Ich kann die Besorgnis der Eltern durchaus nachvollziehen, wenn die Tochter verwirrt ist und Fragen über Tod und Sterben stellt. Doch ist es oft das „Unter-den-Tisch-Kehren der negativen Gefühle oder das Negieren, was die Kinder irritiert. Aus meiner Erfahrung heraus haben für Kinder alle Emotionen erst einmal die gleiche Wertigkeit und werden als solche wahr- und hingenommen. Nur die Reaktion der Erwachsenen und ihr Umgang damit lässt sie positiv oder verwirrend werden!
Wir alle wissen, dass die Trauer nicht verschwindet, aber mit der Zeit für die Betroffenen leichter wird. Und damit auch wieder der gewohnte Rhythmus in die Kita-Gruppe einkehrt.
Sabine Engel, per E-Mail
Trauer gehört zum Leben dazu
Der Tod gehört leider zu unserer Welt dazu und auch Kinder müssen damit früher oder später konfrontiert werden. Kinder bekommen einfach so viel mit… sie werden bemerken, dass Sarah anders geworden ist und ständig weint. Meiner Meinung nach hätte die Kinder das sicher auch durcheinander gebracht, weil sie nicht wussten was los ist.
Meine Tochter wird im Februar drei Jahre alt und wir haben letztes Jahr leider Uroma und Oma verabschieden müssen. Ich wusste anfangs nicht, ob und wie ich es ihr sagen sollte, habe mich aber dann doch entschlossen, es ihr dem Alter entsprechend zu erklären. Ich habe ihr gesagt, dass die Oma gestorben und jetzt oben bei den Engeln ist, und wir sie nicht mehr sehen können.
Meiner Meinung nach hätte meine Tochter auf jeden Fall mitbekommen, dass etwas nicht stimmt, da vor allem mein Mann sehr stark getrauert hat. Natürlich haben wir darauf geachtet, dass unsere Kinder nicht direkt dabei waren, wenn einer von uns die Fassung verloren hat. Einen verzweifelt weinenden Papa kann wohl kein Kind gut ertragen.
Aber ich muss sagen, meine Tochter hat es prima verstanden. Immer wenn wir von der Oma sprechen, fällt ihr nach kurzer Zeit etwas ein, sie wird traurig und sagt: "Oma ist heute gestorben. Die seh` ich nicht mehr wieder." Ja, sie ist traurig, aber das gehört dazu.
Diana Ernst, per E-Mail







