Bonding Fundament fürs Leben

Ein Fall für alle Sinne: Bereits während der Schwangerschaft baut sich die innige Nähe zwischen Mutter, Vater und Kind auf. Nach der Geburt wird das Bonding noch intensiver und das Kind ein Leben lang prägen.

Die Natur sorgt dafür, dass sich insbesondere die Mutter-Kind-Beziehung nach der Geburt verfestigt. Beim Bonding, dem starken Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Mutter und Kind, spielen körperliche Nähe, Wärme, Bewegungen und Augenkontakt eine große Rolle. Das bereits während der Schwangerschaft ausgeschüttete Hormon Oxytocin sorgt für den euphorischen Zustand der bedingungslosen Liebe mit dem überwältigenden Drang, das Kind um alles in der Welt zu beschützen.

Das Hormon Dopamin hilft dem Baby, dieses starke Gefühl auch für die Mama zu entwickeln. Vertraute Berührungen und Gerüche helfen dem kleinen Wesen, eine Bindung aufzubauen. Ein Grund dafür, dass Neugeborene oft direkt nach der Geburt an die Brust gelegt werden.

Darum ist Bonding so wichtig

"Bonding aktiviert das Bindungssystem der Eltern", weiß Experte Dr. Karl Heinz Brisch. Der Münchener Facharzt für Kinder- und Jugendpsychatrie und Psychotherapie sieht Bonding als wichtige Basis für die Fähigkeit des Kindes, später gesunde Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen. Bonding stellt auch sicher, dass die Eltern nachts aufstehen und sich dem schreienden Kind widmen, während es das Urvertrauen des Kindes stärkt.

"Indem die Eltern die Bedürfnisse des Kindes nach Wärme, Nahrung, Körperkontakt und Schutz zuverlässig befriedigen, baut sich das kindliche Bindungssystem zu ihnen auf." Mit viel Liebe, Aufmerksamkeit und Zuneigung beider Elternteile kann so eine sichere Verbindung entstehen, die zudem Wachstum und Gehirn sowie die körperliche, psychische und soziale Entwicklung fördert. 

Kein fester Zeitplan

Lange war man der Meinung, dass die ersten Stunden nach der Entbindung ausschlaggebend für die Eltern-Kind-Bindung seien. Erst der Schweizer Kinderarzt Remo Largo konnte belegen, dass es sich dabei um kein "zeitgebundenes Reflexgeschehen" handelt, sodass also auch adoptierte Kinder oder Kaiserschnitt-Geburten in Sachen Bonding die gleichen Voraussetzungen haben. Zudem ist der innige Kontakt direkt nach der Geburt und in den ersten Tagen kein Garant für eine innige Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Vorteile frühen Bondings

Eine möglichst frühe Bindung zwischen Eltern und Kind wirkt sich allerdings positiv aus und fördert das Wohlgefühl aller Beteiligten. Mama und Papa gibt es Sicherheit im Umgang, während das Baby ruhiger wird, wenn es sich anvertraut hat. Es drückt sein positives Gefühl etwa beim reibungslosen Stillen und durch einen guten Schlafrhythmus aus. Das durch das Bonding geförderte Urvertrauen des Kindes ist mitentscheidend für dessen Ausprägung von Selbstbewusstsein, Fröhlichkeit und Neugierde.

Bonding vor der Geburt

Zahlreiche Studien zeigen, dass bestimmte Bonding-Maßnahmen die Beziehung beschleunigen und verstärken. Hier sind ein paar einfache Tipps für Mama und Papa:

  • Den Babybauch sanft streicheln: stellt den Kontakt zum Baby her. Das Ungeborene reagiert, indem es sich in Richtung der Hände bewegt. 
  • Mit dem Baby sprechen: Ab der 24. Schwangerschaftswoche ist das Gehör voll ausgebildet, also kann sich das Ungeborene schon jetzt an Stimmen und Melodien gewöhnen, die es später wieder erkennt.
  • Ultraschallbilder anschauen: Sich gemeinsam zu überlegen, wie das Kind heißen soll und wie es mit ihm sein wird, stärkt die Bindung.

Bonding nach der Geburt

Immer mehr Krankenhäuser legen Wert auf ein intensives Bonding. Nach einer normalen Geburt wird der Mutter ihr Kind bereits im Kreißsaal auf die nackte Haut ans Herz gelegt. Die erste soziale Bindung entsteht durch das gegenseitige Spüren, Riechen, Schmecken und Hören.

Nach einem Kaiserschnitt (Sectio), bei dem die Frau nur örtlich betäubt wird, wird ihr das Baby direkt nach der Geburt gezeigt. Oft kann jetzt der Vater ersten Kontakt aufnehmen und sich das Baby auf die Brust legen, bis Mama aus dem OP-Saal kommt. Auch wenn die Mutter erst zeitlich verzögert Nähe spüren kann, steht einem intensiven Bonding nichts im Wege.

Bei einer Frühgeburt oder auftretenden Komplikationen während der Entbindung, kann das Baby oft erst viel später zu seiner Mutter. Die medizinische Versorgung hat Vorrang. Beim sogenannten "Känguruhen" wird das Frühchen der Mutter täglich ein bis zwei Stunden warm zugedeckt auf die Brust gelegt. Das Kuscheln und gegenseitige Erspüren tröstet das Kleine, hilft bei seiner Entwicklung und Mutter und Kind dabei, sich entspannt kennenzulernen. 

Wertvolle Tipps fürs Bonding

In den ersten drei Monaten nach der Geburt soll dem Kind eine dem Mutterleib möglichst ähnliche Umgebung geschaffen werden. Kaum auf der Welt, sucht das Baby den engen Kontakt zu seiner Mama, der ihm Sicherheit und Vertrauen gibt. So wächst die Familie von Anfang an zusammen:

  • Hautkontakt: Ideal sind Babymassagen, Kuscheln, Kitzeln sowie zärtliches Eincremen und Baden. Nackt und eng am eigenen Körper spürt das Baby die vertraute Wärme, Geborgenheit und den Herzschlag.
  • Stillen: Beim Brustgeben erlebst du sofort die körperliche und emotionale Nähe. Muttermilch ist das Beste für die Entwicklung des Kindes und fördert die Bindung. Doch auch mit Fläschchen können Mama und Papa Nähe zeigen und Liebe geben.
  • Berührung: Viele Streicheleinheiten und Massagen verbinden, helfen deinem Baby, im Leben anzukommen und lindern z.B. Probleme wie Koliken.
  • Halten und Tragen: In den Armen von Mama und Papa fühlt sich das Baby wohl.  Am besten das Kleine in einem Tuch eng am Körper tragen, das erinnert das Kind an die Wärme und Geborgenheit in Mamas Bauch.
  • Ansprache: Erklär deinem Baby mit liebevollen Worten die Welt und erzähle ihm Geschichten. Von Anfang an prägt das die Sprachentwicklung. Schon bald reagiert das Baby auf deine Stimme.
  • Lächeln: Zeig deinem Baby dein schönstes Lächeln und es wird dich nachahmen. Der Moment, in dem dein Kind zum ersten Mal zurücklächelt, ist etwas ganz Besonderes.
  • Blickkontakt: Dein Baby kann zwar noch keine Laute bilden, aber mit den Augen sprechen. Mimik und Gestik sind ein wichtig beim Bonding: Schau aufmerksam hin und hör ihm ihm gut zu.
  • Reagieren: Wenn sich das Baby aufregt, freut oder weint, am besten gleich mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen darauf eingehen. So wächst schnell Vertrauen.
  • Freiheit: Lass zu, dass dein Kind neue Dinge entdeckt und ausprobiert – natürlich immer unter Aufsicht.
  • White Noise: Das "Weiße Rauschen", das die Kleinen an die vertrauten Geräusche im Mutterleib erinnert und beruhigt, kann man z.B. durch Föhn-App nachahmen.

Keine Sorge, wenn es nicht sofort klappt

Wenn sich die Mutter- oder Vatergefühle nicht sofort einstellen, ist das kein Grund zum Verzweifeln. Oft ist eine Geburt ein sehr einschneidendes und erschöpfendes Erlebnis. Gesundheitliche Probleme, Enttäuschung, Ängste und Stress können die enge Bindung zum Baby verzögern. Junge Mütter brauchen oft auch erst einmal Zeit zur Verarbeitung, ehe sie sich dem Neugeborenen mit aller Kraft widmen können. Also keine Panik, nimm dir Zeit für den Aufbau einer innigen Beziehung. 

Wie lange ein optimales Bonding dauert, lässt sich zeitlich nicht genau sagen, da jedes Kind anders ist. Mit genügend Liebe und Zuwendung wird es sich ganz automatisch und natürlich einstellen. Je besser du dein Baby kennenlernst und weißt, wie es zu beruhigen ist und wie du das Zusammensein mit ihm genießt, um so tiefer wird die Bindung werden.

Wann brauche ich Unterstützung?

Wenn du ein paar Wochen nach der Geburt noch immer das Gefühl hast, keine tiefe Verbundenheit zu deinem Baby aufgebaut zu haben, solltest du dir Rat holen. Es kommt sogar vor, dass man als Mutter ablehnend dem Kind gegenüber steht. Im Zustand vollkommener Überforderung und Erschöpfung, sprich am besten mit deiner Hebamme oder deinem Arzt. Eine mögliche postnatale Depression kann das Bonding und die schnelle, einfühlsame Reaktion auf die Bedürfnisse des Babys erschweren.

Hebammen empfehlen bei einer PND hilfreiche (Ohr-)Akupunktur und kennen ggf. gute Adressen von Ärzten, Psychologen und Hilfseinrichtungen. Experte Karl-Heinz Birsch weiß, dass viele junge Mütter nach traumatischen Geburtserlebnissen ängstlich sind und sich zu unsicher fühlen, um eine Beziehung zum Kind aufzubauen. Er rät zu professioneller Hilfe, wenn Mama drei Monate nach der Geburt noch unter Albträumen, Schlafstörungen oder anhaltender Traurigkeit leidet. Denn nur, wenn es dir gut geht, du dich sicher und geborgen fühlst, geht es auch deinem Kind gut!

Bonding ist auch Männersache

Natürlich kann auch der Kindsvater eine enge Beziehung zu eurem Kind aufbauen.Tatsache ist, dass auch werdende Väter biologische und hormonelle Veränderungen durchmachen. Im Vergleich zur Mama setzt das Bonding meist etwas später ein als und kann auch länger dauern. Klar, die biologischen Prozesse von Schwangerschaft und Geburt fehlen.

Möglichst schneller Hautkontakt mit dem Kleinen nach der Geburt hilft auch dem Vater. Wenn Papa zu deinem Bauch spricht, bei der Geburt dabei ist, die Nabelschnur durchtrennt, eurer Baby hält, füttert und badet, bildet er die beste Grundlage für eine enge Bindung. Und wenn das Kleine auch ihm erst ein Lächeln schenkt, sich mit seiner Zuwendung  und Körpernähe wohlfühlt, sind beste Voraussetzungen für eine tiefe Verbundenheit fürs Leben geschaffen.

Autorin: Antonia Müller

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