Wenn Babys schreien

Schreibabys – eine Belastungsprobe

Eltern von Schreibabys müssen eine echte Belastungsprobe bestehen. Was frisch gebackene Eltern tun können, um die schwierige erste Zeit mit ihrem Baby zu bewältigen.

 

Das Babys noch nicht sprechen können, äußern sie sich über Mimik, Körpersprache und Laute. Dazu gehört das Lächeln, aber auch das Schreien. Eltern müssen lernen, die Signale ihres Kindes richtig zu deuten. Die meisten Säuglinge weinen nach den ersten drei Lebensmonaten bereits deutlich weniger. Häufig haben Babys einen bestimmten Grund fürs Schreien, den die Eltern schnell erkennen: Weil es Hunger oder Bauchschmerzen hat, weil die Windel voll ist, weil es Nähe sucht, oder weil es müde ist. Im Laufe der Monate können Eltern die verschiedenen Schreiarten ihres Babys immer besser zuordnen.

Doch einige Säuglinge weinen ohne ersichtlichen Grund viel und lassen sich nicht beruhigen. Margret Ziegler, Leiterin der Sprechstunde für Schreibabys im KBO-Kinderzentrum München: „Bis zu 20 Prozent aller Säuglinge schreien in den ersten Lebensmonaten übermäßig viel. Durch das Schreien sind viele Eltern so verunsichert, hilflos und chronisch erschöpft, dass sie nicht mehr auf ihr Kind eingehen und es beruhigen können.“ Oft schaffen es die Babys noch nicht, sich selbst zu beruhigen. „Das heißt, sie schlafen viel zu wenig und brauchen im Vergleich zu „Nicht-Schreibabys“ von ihren Eltern Hilfe für einen regelmäßigen Tages-Schlaf-Rhythmus“, so Ziegler. Oft hilft den Eltern ein Gespräch mit der Hebamme. 

Babys wollen ganz viel Nähe.

Wie viel Schreien ist normal?

Eltern empfinden das Schreien ihres Babys sehr verschieden. Während die einen gelassen damit umgehen, sind für die anderen schon wenige Minuten Gebrüll unerträglich. Es ist normal, dass Babys unterschiedlich viel weinen – das Temperament des Kindes spielt dabei eine große Rolle. Zwei Stunden am Tag gelten durchaus als normal. Doch es gibt eine einfache Faustregel, wann man von einem Schreibaby spricht: Es schreit oder quengelt mehr als drei Stunden am Tag an mehr als drei Tagen der Woche seit mehr als drei Wochen.

 

Wer kann helfen?

Erste Anlaufstelle sollte der Kinderarzt sein, um mögliche Erkrankungen auszuschließen. Ganz wichtig ist, dass Eltern weder dem Kind, noch sich selbst die Schuld am Schreien geben. Das Kleine handelt nicht böswillig, sondern will uns mitteilen, dass es etwa überreizt oder müde ist. Selten stecken – auch bei gestillten Babys – Nahrungsunverträglichkeiten dahinter. Stress und andere seelische Belastungen der Mutter während der Schwangerschaft und danach sind eine mögliche Ursache. Dafür kann niemand etwas und es geht vielen so. Margret Ziegler: „Vor allem in den Abend- und frühen Nachtstunden neigen unruhige Babys mit gestörtem Schlaf-wach-Rhythmus zu exzessivem Schreien.“ 

 

Gegenseitig entlasten und sich helfen lassen

Eltern sollten sich abwechseln, um sich gegenseitig zu entlasten. Und – wenn möglich – Hilfe von anderen Familienangehörigen oder Freunden in Anspruch nehmen. Wenn der Kinderarzt organische Ursachen ausgeschlossen hat, helfen Schreiambulanzen. Die gibt es in vielen Kinderkliniken oder Beratungsstellen. Hier erhalten Eltern professionelle Ratschläge und Hilfe. 

Dennoch kann es dazu kommen, dass sich Eltern einem Nervenzusammenbruch nahe fühlen. „In Extremfällen kann die Überforderung der Eltern zu Gewalt führen, die Eltern schütteln ihr Kind und gefährden es sehr dadurch“, so die Schreiexpertin. Leider zeigen viele solcher dramatischen Fälle, die an die Öffentlichkeit gelangen, dass besonders junge Eltern mit dem Dauerstress durch ein schreiendes Kind und die veränderte Lebenssituation völlig aus dem normalen Lebenstakt geraten. Bei akuter Überforderung sollten Eltern daher ihr schreiendes Kind an einem sicheren Ort (Kinderbett) ablegen, sich kurz vom Kind entfernen, um sich selbst zu beruhigen und Hilfe zu holen. Gespräche mit erfahrenen Eltern, der Hebamme, dem Kinderarzt oder dem Personal einer Schreiambulanz sind hilfreich und entlasten.   

 

Jana Kühner, Mutter von zwei Schreibabys

Eine betroffene Schreibaby-Mama gibt Tipps

 

wirEltern.de sprach mit Jana Kühnler (32), Bloggerin www.hilfe-mein-baby-schreit.de und Mutter von zwei Töchtern (11 Jahre, 10 Monate), die beide Schreibabys waren. Dies sind ihre Tipps:

• Ein Schreibaby zu erkennen ist nicht so einfach. Eltern können die Schreizeiten ihres Babys aufschreiben und sich so einen Überblick darüber verschaffen, wie viel es tatsächlich schreit.

• In erster Linie sollten sich Eltern klar sein, dass nicht sie die Schuld an dem exzessiven Schreien des Babys tragen.

• Ignorieren Eltern das Schreien des Babys, kann sich das auf sein Grundvertrauen auswirken. Daher ist es eine wichtige Stütze für ein Schreibaby, wenn es die Nähe der Eltern spürt und weiß, dass es nicht allein ist.

• Eltern sollten versuchen, sich in den schwierigen Zeiten gegenseitig zu unterstützen und auch Hilfe von außen anzunehmen. Jeder muss zwischendurch Kraft tanken können. Oft reicht schon eine halbe Stunde Ruhe.

• Das Wochenbett sollte auch als solches angesehen werden – Mama und Baby brauchen viel Ruhe. Besuche sollten lieber für danach eingeplant werden. Auch nach acht Wochen ist das Baby noch klein und süß und kann mit Besuchern und Terminen schon besser umgehen.

• Ich würde bei einem Schreibaby immer darauf achten, dass der Tag einen festen Rhythmus hat. Das heißt, es geht jeden Tag um dieselbe Zeit ins Bett und das am besten auch auf dieselbe Weise. Zudem sollte das Licht warm und schummrig sein. Fernseher und Radio sind aus, dafür können Papa oder Mama leise summen. Es kann auch helfen, das Baby mit dem Pucken zu begrenzen.

• Genauso sollte das Baby im Urlaub einen festen Ablauf haben. Es ist gut, auch hier die Rituale weiterzuführen. 

• Ich rate nicht generell von einem Urlaub mit Schreibaby ab, mitunter kann ein Umgebungswechsel sogar helfen.

 

Hier gibt’s weitere Infos und Hilfe für Eltern von Schreibabys

• Hebammensuche: www.hebammenverband.de

• Schreiambulanzsuche nach Postleitzahlen: www.schreibaby.de

• Kostenfreies Krisentelefon des KBO-Kinderzentrums München mit akuter Krisenberatung, Risikoeinschätzung, ersten Beratungsschritten und Handlungsanleitungen für Eltern von schreienden Babys: Telefonnummer 0800/710 09 00, Mi., Fr., Sa., So. von 19.00 bis 22.00 Uhr, www.kbo-kinderzentrum.de

 

Unsere Schreibaby-Expertin

Dr. Margret Ziegler, Kinder- und Jugendärztin, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie ärztliche Leiterin der Sprechstunde für Schreibabys im KBO-Kinderzentrum München

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