Sprechenlernen

"Ein genialer Prozess"

Wir haben uns gefragt, wie Kinder eigentlich ihre Muttersprache lernen. Wie helfen wir ihnen dabei, was hindert sie? Logopädin Bärbel Koch kennt die Antworten.

wirEltern.de: Wie lernen Kinder ihre Muttersprache?

Bärbel Koch: Unbewusst. Das läuft wie ein Instinkt ab, wie ein automatisiertes Programm: Indem sie uns sprechen hören und uns nachahmen, lernen sie Schritt für Schritt sprechen. Das ist ein komplizierter, langwieriger und gleichzeitig genialer Prozess, weil die Kinder nichts Bewusstes dafür tun müssen, um die ersten Wörter zu sprechen und die Sprache zu lernen. Allerdings ist dieser Prozess der sprachlichen Entwicklung auch sehr störanfällig.

Haben Kinder mit zweisprachiger Erziehung Vor- oder Nachteile?

Das Gehirn profitiert von den weitgefächerten Verknüpfungen. Eventuell finden die ersten Sprechversuche leicht verzögert statt. Dies holen die Kinder aber später wieder auf. Unter Umständen ist das Kind anfangs etwas vorsichtiger oder zögerlicher.

Wichtig ist, dass die Eltern immer in ihrer Muttersprache mit ihrem Kind sprechen. Spricht ein Elternteil in mehreren Sprachen mit dem Kind, kann es zu einer Sprachverwirrung kommen, bei der das Kind nicht mehr zwischen den Sprachen unterscheidet, sondern sie vermischt. Wenn Eltern, die dieselbe Muttersprache sprechen, wollen, dass ihr Kind zweisprachig aufwächst, bietet sich eine Kita an, in der Muttersprachler in der entsprechenden Sprache arbeiten.

Mit größeren Kindern kann man auch mal eine Kindersendung in einer anderen Sprache schauen. Wichtig ist, dass in dem Film Muttersprachler sprechen, damit die Kinder die Aussprache, Grammatik etc. von vornherein richtig hören.

Wenn wir zu Hause einen starken Dialekt sprechen, stört das mein Baby bei der Sprachentwicklung?

Überhaupt nicht. Ich finde, das gehört mit dazu. Die Kinder lernen umso besser, je natürlicher sie Sprache vermittelt bekommen. Dazu gehören auch Dialekte. Schließlich sprechen die meisten Menschen in der jeweiligen Umgebung so.

Beim Sprechen muss der Schnuller raus
Wie kann ich mein Kind schon als Baby beim Spracherwerb unterstützen?

Ganz wichtig: viel mit dem Baby zu sprechen. Und zwar so, als würde es uns verstehen. Intuitiv legen die meisten Erwachsenen eine höhere Tonlage an den Tag, wenn sie mit einem kleinen Baby sprechen. Das ist gut so, denn es hilft ihnen beim Lernen. Im Laufe der Monate legt man diese höhere Tonlage meistens wieder ab. Auch das ist gut.

Und als Kleinkind?

Wichtige Voraussetzung ist immer, dass man nichts tut, um damit gezielt etwas zu bewirken. Je natürlicher man mit einem Kind spricht, desto besser lernt es die Sprache. Bei Babys und Kleinkindern sollte man stets die Dinge benennen, um die es gerade geht. Dabei sind auch Verben wichtig. Leider tendieren wir dazu, mit Kindern zu kurz und zu vereinfacht zu sprechen. Doch die Kinder sollen auch komplizierte Sätze lernen. Das funktioniert nur, wenn sie solche auch hören.

Das Fragenstellen ist ein weiterer essenzieller Aspekt beim Erlernen von Sprache. Wir sollten die Kinder dazu animieren, Fragen zu stellen – auch, indem wir es selbst tun. Die Kinder dürfen nicht das Gefühl bekommen, Fragen seien unerwünscht oder ein Zeichen von Schwäche Fragen wie „Das weißt du nicht?“ sind unbedingt zu vermeiden. Man kann mit dem Kind gemeinsam überlegen, warum etwas so sein könnte, wie es ist. Das ist oft viel interessanter für das Kind als einfach nur die Antwort präsentiert zu bekommen.

Grundsätzlich sollte man so mit dem Kind sprechen, wie man es sich auch von ihm wünscht. Also nicht in der dritten Person – „Komm, Mama bindet dir die Schuhe zu“ –, sondern lieber: „Komm, ich binde dir die Schuhe zu.“

Wirken sich Schnuller und Daumen negativ auf den Spracherwerb aus?

Der Mund darf kein Parkplatz für den Schnuller sein. Man sollte ihn – wie ein Medikament – nur wenn es sein muss und ganz gezielt einsetzen. In der oralen Phase müssen Kinder sich alles in den Mund stecken können, um ihren Mundraum kennenzulernen und ihn zu spüren. Das sollte man nicht mit einem Schnuller verhindern.

Das Kind darf auch weinen, denn durch das Weinen scheidet es über die Tränenflüssigkeit Adrenalin aus. Das Weinen an sich hat also einen Sinn und hilft, sich schneller wieder zu beruhigen. Keinesfalls sollte das Kind mit Schnuller oder Daumen im Mund sprechen – hier sollte man es animieren, den Schnuller oder Daumen aus dem Mund zu nehmen.

Welche Wirkung hat es, wenn ein Kind beim Sprechen ständig korrigiert wird?

Das ist absolut kontraproduktiv. Man demotiviert das Kind, da es merkt, es kann es nicht. Zudem drückt man den unbewussten und komplexen Prozess des Sprechenlernens in eine unangemessene bewusste Ebene. Dadurch kann man die „Sprachlernmaschinerie“ ins Stocken bringen. Kinder lernen ganz automatisch und in ihrer eigenen Geschwindigkeit.

Von außen erkennt man oft nicht, ­woran das Kind gerade „arbeitet“. Wenn man es nun auf bestimmte Dinge hinweist, stockt das Lernen möglicherweise an anderer Stelle. Das Kind fühlt sich verunsichert, hört mitunter sogar auf zu sprechen oder vermeidet einzelne Wörter, die es noch nicht richtig aussprechen kann.

Auch eine indirekte Korrektur, indem man beispielsweise den Satz des Kindes noch mal richtig wiederholt, sollte man vermeiden. Denn das ist keine natürliche Kommunikation.

Auch Vorlesen hilft beim Spracherwerb
Bei welchen Störungsbildern braucht man eine frühe logopädische Behandlung?

Für den kindlichen Spracherwerb ist es wichtig, dass Babys in die sogenannte Lall-Phase kommen, in der sie beginnen, Töne von sich zu geben und mit Lauten zu erzählen. Ein Warnsignal ist es auf jeden Fall, wenn das Baby im ersten Lebensjahr komplett stumm bleibt. Hier muss man überprüfen, ob eine Hörstörung vorliegt oder das Zungenbändchen zu kurz ist.

Um den zweiten Geburtstag sprechen Kinder normalerweise um die 200 Wörter, darunter auch Verben und Adjektive. Doch auch 50 Wörter sind noch normal.

Man unterscheidet zwischen einer Sprachentwicklungsverzögerung und einer Sprachentwicklungsstörung. Eine Störung liegt dann vor, wenn das Kind bestimmte Laute miteinander vertauscht, was so in der normalen Sprachentwicklung nicht vorkommt. Zum Beispiel wenn ein Kind „Bogel“ statt „Vogel“ sagt. Bei einer solchen Störung geht man davon aus, dass das Kind sie ohne therapeutische Unterstützung nicht überwinden wird und daher eine logopädische Therapie notwendig ist.

Dass Kinder in den ersten Lebensjahren einige Buchstaben noch nicht korrekt aussprechen können, ist völlig normal. Für alle Laute gibt es ein bestimmtes Alter, wann sie richtig artikuliert werden sollen. So sollten Vier- bis Fünfjährige die Laute „r“, „g“, „d“, „k“ und „t“ korrekt einsetzen. Mit fünf Jahren sollten sie das „sch“ aussprechen können und mit sechs Jahren auch das „s“.

Was mache ich, wenn mein Kind stottert?

Stottern tritt meist ab etwa drei Jahren auf, vorher ist es sehr selten. Hier lautet die oberste Prämisse: Nicht in Panik ausbrechen. Es kann sich um eine Phase handeln, die von allein vorübergeht.

Auf jeden Fall sollte man vermeiden, dem Kind Anweisungen zu geben, wie es sprechen soll: zum Beispiel „Hol erst mal Luft“, „Sprich langsamer“ oder „Denk erst mal nach, was du sagen willst“. Das verunsichert die Kinder noch mehr. Man sollte den Kindern gut zuhören und auf den Inhalt reagieren.

Das Kind nicht unnötig zum Sprechen auffordern, da dadurch „Sprechdruck“ entsteht, der das Stottern verstärken kann. Außerdem ist es wichtig, das Kind immer ausreden zu lassen. Gehen alle, die mit dem Kind zu tun haben, und das Kind selbst angstfrei mit der Situation um, ist das die beste Voraussetzung, kein chronisches Stottern zu entwickeln.

Es gibt sogenannte altersgemäße Unflüssigkeiten, die sich durch Wort- und Silbenwiederholungen zeigen, wobei das Kind überhaupt nicht angespannt ist. Bei beginnendem Stottern treten zusätzlich auch Lautwiederholungen auf, die mit mehr Spannung gesprochen werden. Es kommt zu stummen Blockaden. Die Kinder bleiben regelrecht hängen. Doch auch hier spricht man erst von einem chronischen Stottern, wenn der Zustand mindestens sechs Monate anhält.

Eltern, die sich wegen des Stotterns ihres Kindes Sorgen machen, sollten einen Beratungstermin bei einem Logopäden in Anspruch nehmen.

Was halten Sie von Medien, mit denen Familien zu Hause üben können?

Ich bin da etwas kritisch. Wenn wirklich eine Artikulationsstörung vorliegt, sollte auf jeden Fall ein Logopäde aufgesucht werden. Bei Audioanweisungen für mundmotorische Übungen kann man viel falsch machen, da die Eltern nicht wissen können, worauf es genau ankommt. Möglicherweise trainiert man sich ungünstige motorische Muster an.

Grundsätzlich helfen Bücher, den Wortschatz zu erweitern. Kinder lernen hier auch die Vergangenheitsform des Präteritums, statt nur – wie in der gesprochenen Sprache gängig – das Perfekt. Dennoch sage ich den Eltern nicht, sie müssten ihrem Kind auf jeden Fall vorlesen.

Auch hier steht Natürlichkeit und Freude an erster Stelle. Nur, wer gerne vorliest, sollte es tun. Vielleicht findet sich eine Oma, ein Onkel oder ein Freund, der das Vorlesen gerne übernimmt. Alternativ nimmt man Hörbücher zu Hilfe oder bittet jemanden, die Geschichte aus einem Bilderbuch aufzunehmen. Die kann man sich dann anhören, während man mit dem Kind das Buch anschaut.

Unsere Sprach-Expertin
Logopädin Bärbel Koch. Foto: privat

Bärbel Koch
Logopädin mit eigener Praxis, Spaichingen

 

 

 

 

 

Medien-Tipps für die Sprachentwicklung
Buch übers Sprechenlernen. Foto: Bärbel Koch

Buch „Korrigier mich nicht! Sprechen lerne ich von selber“ von Bärbel Koch, 12,80 Euro, epubli.de (auch zu beziehen per E-Mail an info [at] logopaedie-spaichingen.de)

CD Logopädischer Mundsport. Foto: Hersteller

CD „Logopädischer Mundsport für Kinder. Lippen- und Zungenübungen für eine klare Sprache mit Lotta, der Logoraffe“ von und mit Steffi Richter (Lotta) & Abbas Schirmohammadi für Vier- bis Achtjährige, 12,90 Euro, vianaturale.de oder als MP3-Download auf den gängigen Portalen.

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