Genial Wissenswertes zur Vererbung

Papas Augen, Mamis Lachen – wie unsere Kinder aussehen, ob sie groß, klein, blond oder rothaarig werden, ist ihnen zu einem Großteil in die Wiege gelegt. Doch was ist mit unserer Persönlichkeit, unseren Charaktereigenschaften? Werden auch sie vererbt oder spielten nicht auch das Elternhaus, die Umwelt eine ganz entscheidende Rolle in der menschlichen Entwicklung? – Was anerzogen und was angeboren ist, wer was wie vererbet und wann mit dem Briefträger Rücksprache gehalten werden sollte.

Angeboren

Sehen wir einem Baby ins Gesicht, so entdecken wir oft auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit der Mutter, dem Vater oder anderen nahen Verwandten. Denn Äußerlichkeiten wie Nasenform, Augenfarbe und Beinlänge werden vererbt. „Ganz der Papi!“, heißt es dann gerne.

Noch ist die Forschung nicht so weit, dass sie den genauen Bauplan unserer Gene entschlüsseln kann. Fakt ist jedoch: Wenn ein Kind gezeugt wird, Spermium und Eizelle verschmelzen, dann liegt jedes Gen in allen entstehenden Körperzellen doppelt vor, also von väterlicher und von mütterlicher Seite.

Es wäre jedoch zu einfach, sich nun vorzustellen, ein Kind sei deshalb halb Vater, halb Mutter. Heraus kommt nicht ein fünfzigprozentiger Mama- und fünfzigprozentiger Papa-Sprössling, sondern eine ganz individuelle Mischung.
Denn es kommt nicht allein auf die Abfolge unserer Erbanlagen an, sondern auch auf die Art, wie diese abgelesen und in der Zelle in Eiweißstoffe umgesetzt werden. So sind einige Gene nur während der Embryonalentwicklung oder in frühester Kindheit aktiv. Andere können wegen äußeren Einflüssen nur schlecht abgelesen werden und kommen nur vermindert zum Tragen.

Rote Haare von der Oma

Zudem können Erbinformationen auch eine Generation überspringen, so dass das Kind beispielsweise Merkmale der Großeltern erben kann. Bestes Beispiel sind die roten Haare, die ein Kind erben kann, ohne dass die Eltern selbst rothaarig sind.
Ist die Oma mütterlicherseits rothaarig und der Opa dunkelhaarig, so trägt die Mutter zwei Erbanlagen in sich: Eine für die dunkle Haarfarbe und eine für rote Haare. Da das Gen für dunkle Haare dominant ist, setzt es sich durch und die Mutter ist selbst dunkelhaarig. Dennoch gibt sie eines dieser Gene, die sie in sich trägt, weiter - das für rote Haare oder das für dunkle.
Trägt auch der Vater ein Gen für rote Haare in sich, kann das Kind rein theoretisch von beiden Elternteilen die Anlage für rote Haare erben. Somit ist das Kind ein Rotschopf, ohne dass die Eltern selbst rothaarig sein müssen.
Und es können auch ganz neue Eigenschaften auftreten, die in keiner der beiden Herkunftsfamilien vorhanden waren. An die Beteiligung eines Briefträgers sollte also nicht vorschnell gedacht werden. Für die meisten anderen Körpermerkmale ist nämlich nicht nur ein einziges Gen, sondern das Zusammenspiel sehr vieler Gene verantwortlich.

Ein spannendes Doppel: Umwelt und Gene

Doch wie sieht es aus mit unserer Persönlichkeit: Wird sie uns auch in die Wiege gelegt? Welchen Stellenwert haben Umwelt und Elternhaus? Fragen, die sich nur mit einem „sowohl als auch“ beantworten lassen.
Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass neben den genetisch bedingten Eigenschaften vor allem die Erziehung und das Vorbild der Eltern prägend für den Charakter und die Persönlichkeit des Kindes sei. Doch mittlerweile gibt es Hinweise darauf, dass unsere Gene auch eine Art Bauplan für die Persönlichkeit bieten.

Erkenntnisse aus der Zwillingsforschung

Wichtige Erkenntnisse hierüber erhielten die Wissenschaftler aus der Zwillingsforschung. Eineiige Zwillinge besitzen eine identische genetische Ausstattung. Insofern sind sie ideale "Beobachtungsobjekte", um Umwelteinflüsse auf die Ausprägung des Erbguts zu analysieren.
Studien an 7000 Zwillingspaaren, die der Forscher Thomas Bouchard im Rahmen einer Studie zwischen 1979 und 1999 durchführte, brachten die These ins wanken, nach der die Persönlichkeit des Menschen anerzogen sei. Bis dahin glaubte man, dass ein Kind die Verhaltensweisen von seinem Umfeld erlerne.
Die getesteten Zwillingspaare wiesen jedoch enorme Übereinstimmungen in ihrer Persönlichkeit auf, obwohl sie manchmal bei der Geburt getrennt und in unterschiedlichen Familien und Kulturen aufgewachsen waren. Unabhängig von ihrem ungleichen Umfeld entwickelten sie sehr ähnliche Persönlichkeitsstrukturen und Vorlieben. Die Gemeinsamkeiten mussten also auf Erbanlagen beruhen.

Auch Studien mit Adoptivgeschwistern belegen diese These. Adoptivgeschwister sind im selben Elternhaus aufgewachsen und so größtenteils denselben Einflüssen ausgesetzt – ohne jedoch gleiche Erbanlagen zu besitzen.
Diese Geschwister entwickelten  zwar in vielen Fällen den gleichen Humor, ähnliche Essengewohnheiten, politische und soziale Ansichten und ein ähnliches Aggressionsverhalten. Darüber hinaus gab es jedoch kaum Ähnlichkeiten, wie sie verwandte Geschwister aufweisen. Somit, so die Schlussfolgerung der Forscher, sind die meisten Ähnlichkeiten genetisch bedingt.

Genetischer Rahmen

Doch auch, wenn das Erbgut unser Verhalten entscheidend prägt, so legt es doch nur einen Rahmen fest: Wie sich innerhalb dieses Rahmens die Persönlichkeit entwickelt, hängt auch stark von Umweltfaktoren wie Erziehung, Ausbildung, sozialem Umfeld und Erfahrungen ab.
So sind uns Temperament, Ängstlichkeit oder Aggressivität in gewissem Maße in die Wiege gelegt, ihre Ausprägung aber wird auch von der Umwelt beeinflusst.
Erbanlagen und Umwelt lassen sich folglich nicht ganz trennen. Sie beeinflussen sich gegenseitig. So lässt sich feststellen, dass sich genetische Veranlagungen auch die jeweils passende Umwelt suchen. Denn jeder Mensch sucht in seinem Umfeld genau die Dinge, die zu seiner eigenen erblich bedingten Veranlagung passen. Ein musikalisch begabtes Kind wird sich bewusst eher mit Instrumenten beschäftigen, da es hier seine Erfolgsmomente hat. So nimmt auch der Nachwuchs selbst mindestens so viel Einfluss auf seine Entwicklung wie die Eltern.

Lebenslange Entwicklung

Um es den Eltern noch schwieriger zu machen, kommen zu den Genen und der Selbstbestimmung der Kinder auch noch weitere Konkurrenten, die Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes nehmen: Freunde, Erzieher, Lehrer, und später Partner und Arbeitskollegen besitzen ebenfalls einen großen Einfluss.
Auch im Kindergarten, in der Schule und im Verein machen die Kleinen Erfahrungen, die ihre Persönlichkeit prägen. Nicht zuletzt sind es die gleichaltrigen Freunde, die bei den Kindern Eindruck hinterlassen. Denn in den anderen Gleichaltrigen erkennen sich Kinder viel eher wieder, als in Erwachsenen.
 
Die Persönlichkeit eines Kindes entwickelt sich fortlaufend die ganze Kindheit und Jugendzeit hindurch weiter. Das heißt: Ein schüchternes Kleinkind muss noch lange kein schüchterner Teenager werden.
Mit zunehmendem Alter verfestigt sich der Charakter allmählich. Aber selbst im Erwachsenenalter sind noch Wandlungen möglich.

Fiona Rohde

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