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Kinderimpfungen

"Nicht zu impfen ist unverantwortlich und gefährlich"

Viele Eltern wissen nicht, warum Impfungen sein müssen und wie diese mitunter vor schlimmen Infektionskrankheiten schützen können. Sie lassen sich durch Meldungen über mögliche Impfschäden verunsichern und fragen sich, ob sie ihr Baby wenigstens etwas später impfen lassen könnten. Kinder- und Jugendarzt Dr. Gunther Gosch vertritt eine eindeutige Meinung. Ein Interview über die Wichtigkeit von Impfungen.

Dr Gosch, warum sind Impfungen überhaupt wichtig?

Impfungen sind der effektivste und sicherste Schutz vor bestimmten Krankheitserregern, die besonders bei Menschen mit einem unreifen, also besonders dem untrainierten Immunsystem junger Kinder, aber auch bei Menschen mit einem nicht mehr ausreichend gut funktionierendem Immunsystem, wie dem älterer Menschen schwere Schäden auslösen können. Das Argument, Kinder möglichst spät zu impfen, um dem Immunsystem vorher Gelegenheit zu geben, auszureifen, ist falsch und gefährlich. Einige der heute durch Impfungen vermeidbare Erkrankungen, zum Beispiel Hirnhautentzündungen oder auch der Keuchhusten treten besonders häufig bei Säuglingen auf und gefährden unter Umständen deren Leben.

Woher weiß man, wogegen man impfen sollte?

In allen Industrieländern gibt es Kommissionen von Impfexperten, die den sogenannten Impfkalender in regelmäßigen Abständen, in der Regel jährlich, auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse anpassen und Impfempfehlungen abgeben. In Deutschland wird diese Aufgabe durch die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Institutes RKI wahrgenommen. Das RKI ist international eine der renommiertesten infektionsmedizinischen Fach- und Forschungseinrichtungen und dem Bundesgesundheitsministerium zugeordnet.  Die Impfempfehlungen der meisten Industrieländer ähneln sich.

Was muss man beachten, wenn man seine Kinder impfen lässt?

Darüber klärt der Kinder- und Jugendarzt die Eltern oder ggf. die Jugendlichen in der Praxis auf. Auch bei Befindlichkeitstörungen, wie beispielsweise häufigen milden alterstypischen Atemwegserkrankungen mit Husten und Schnupfen oder Hautausschlägen muss laut STIKO-Empfehlung eine Impfung nicht unbedingt verschoben werden. In jedem Fall besteht die Möglichkeit, den Arzt dazu zu befragen. Die Entscheidung, ein Kind impfen zu lassen, kann allein durch die Eltern getroffen werden. In Deutschland existiert, anders als beispielsweise in Frankreich oder Italien, keine Impfpflicht, allerdings diskutiert man darüber öffentlich unter anderem im Zusammenhang mit der Vielzahl von Masernerkrankungen immer wieder. Jugendliche können sich unter Umständen auch gegen den Willen der Eltern für oder gegen eine Impfung entscheiden.

Welches ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Impfung?

Es gibt keine "wichtigste" Impfung. Alle durch die STIKO empfohlenen Impfungen sind wichtig. Dazu gehört beispielsweise die Pneumokokken-Impfung, die zu den Standard-Impfungen bei Säuglingen im ersten Lebensjahr zählt und sie vor lebensbedrohlichen Infektionskrankheiten wie einer Lungenentzündung oder einer Blutvergiftung bewahren kann. Aber auch Impfungen, die derzeit noch nicht offiziell von der STIKO empfohlen werden, sind nach Meinung vieler Impfexperten wichtig. In meinen Augen gehört dazu auch die Impfung gegen Meningokokken B. Das sind Bakterien, die eine der gefährlichsten und lebensbedrohlichsten Infektionskrankheiten besonders bei Säuglingen und Kleinkindern, aber auch bei Jugendlichen auslösen können.

Was ist, wenn man eine Impfung verpasst hat?

Eine verpasste Impfung kann – impfmedizinisch gesehen – jederzeit nachgeholt werden. Allerdings übernehmen die meisten gesetzlichen Krankenkassen die Kosten von Nachholimpfungen nur bis zum 18. Geburtstag. Grundsätzlich ist es wichtig, alle notwendigen Impfdosen einer Impfung einzuhalten, damit ein vollständiger Impfschutz entstehen kann.

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Man hört immer wieder von Impfschäden und Spätfolgen. Es heißt mitunter, dass Kinder die Kinderkrankheiten durchmachen sollen, um ein gutes Immunsystem zu entwickeln. Was sagen Sie dazu?

Mit Impfungen können typische Begleiterscheinungen verbunden sein. Die häufigsten sind harmlose Befindlichkeitsstörungen wie Rötungen und mitunter schmerzhafte Schwellungen im Bereich der Impfstelle, manchmal Temperaturerhöhungen. Das sind keine Komplikationen, sondern – sehr vereinfacht ausgedrückt – Anzeichen des intensiv arbeitenden Immunsystems. Ein Kind bewusst einer Infektionskrankheit wie beispielsweise Masern oder Keuchhusten auszusetzen, um möglicherweise eine "natürliche" Immunisierung zu erreichen, bedeutet stets auch, das Kind der Gefahr eines komplizierten Krankheitsverlaufs mit schweren, unter Umständen tödlichen Komplikationen auszusetzen.

Ich halte das für unverantwortlich dem einzelnen Kind gegenüber, aber auch gegenüber der Gesellschaft, für die wir alle eine Solidarverantwortung tragen. Wenn ein ungeimpfter Mensch an einer Infektion erkrankt, besteht immer die Gefahr, andere Menschen anzustecken, die sich zum Beispiel aus Altersgründen oder weil es in Einzelfällen eine Kontraindiktion gegen eine Impfung gibt, nicht oder noch nicht haben impfen lassen können. Allerdings sind sich gerade in Ländern mit einem hohen Lebensstandard Menschen ihrer Verantwortung auch anderen gegenüber nicht ausreichend bewusst. Übrigens sieht das Infektionsschutzgesetz in Deutschland für die bewusste Weitergabe von Krankheitserregern durchaus empfindliche Strafen vor.

Für vermeintliche Impfschäden wie beispielsweise durch eine Masern-Impfung ausgelösten Autismus gibt es keinerlei wissenschaftlich belastbare Beweise, jedoch eine große Zahl seriöser Analysen, die das Gegenteil beweisen.

Kann man auch einfach gar nicht impfen?

In Deutschland kann niemand gezwungen werden, sich oder sein Kind impfen zu lassen. Ich halte das allerdings für unverantwortlich und gefährlich.

Was ist mit Frühchen oder anderen geschwächten Kindern – brauchen sie einen besonderen Impfschutz?

Ja, gerade im Zusammenhang mit dem hochgradig unreifen Immunsystem bedürfen besonders Frühgeborene eines umfassenden Impfschutzes. Aber auch die Impfschemata können von denen der Reifgeborenen abweichen. So erhalten Frühgeborene bei der Pneumokokken-Impfung beispielsweise vier Impfdosen, während die Grundimmunisierung bei Reifgeborenen mit nur drei Dosen erfolgt. Bei der Identifizierung von Frühgeborenen ist dabei darauf zu achten, dass sich der Impfkalender bei Frühgeborenen nach dem chronologischen, nicht nach dem korrigierten Entwicklungsalter richtet. Auch dazu äußern sich die Impfexperten der STIKO. Der Kinderarzt berät Familien gerade in solchen Fällen ausführlich.

Gibt es Kinder, die man nicht impfen sollte? Aus welchem Grund?

Kinder mit bestimmten, sehr seltenen Erkrankungen des Immunsystems oder bestimmten bösartigen Erkrankungen und verschiedenen notwendigen Therapien können nicht immer und zu jedem Zeitpunkt geimpft werden. Umso wichtiger ist es, dass die breite Masse geimpft ist, so können Krankheiten sich nicht ausbreiten und auch diejenigen, die nicht geimpft werden können, profitieren vom sogenannten Herdenschutz.

Wer berät einen über Reiseimpfungen, wenn man mit Baby oder Kind verreisen will? Wer kommt für die Kosten auf?

Die meisten Kinderärzte führen reisemedizinische Beratungen durch. Besonders bei Reisen in fernere, vor allem subtropische und tropische Länder, in bestimmte Entwicklungsländer, bei Reisen unter sehr einfachen Bedingungen oder in Risikogebiete sollte man unbedingt rechtzeitig mit dem Arzt, dem Gesundheitsamt oder einer speziellen reisemedizinischen Beratungsstelle Kontakt aufnehmen.

Kosten für Reiseimpfungen werden in der Regel nicht durch die gesetzlichen Krankenkassen übernommen, sondern müssen selbst getragen werden. In jedem Fall wird man eine Rechnung bezahlen müssen. Manche Krankenkassen ersetzen im Einzelfall die Kosten – eine Nachfrage lohnt sich also immer.

Unser Impf-Experte:

Dr. Gunther Gosch

Kinder- und Jugendarzt mit eigener Praxis in Magdeburg, tätig in verschiedenen impfmedizinischen Gremien

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Unsere Autorin

Irlana Nörtemann

Irlana Nörtemann ist seit vielen Jahren mit Herzblut Redakteurin bei Junior Medien. Zu ihren Aufgaben zählt auch Content Management.

Als Mutter eines Jungen lässt sie ihre Alltagserfahrungen in ihre Artikel mit einfließen. Die Schwerpunkte liegen dabei auf den Themen Reise und Gesundheit.

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