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Schlaf gut, mein Baby!

Schlafprobleme in den Griff bekommen

Bis zum ersten Geburtstag gibt es bei Babys keine Schlafprobleme. Denn sie müssen erst mal ihren Rhythmus finden. Wer diesen Grundsatz beherzigt, kann die oft kurzen und durchwachten Nächte sicher besser durchstehen...

Die Schlafprobleme des Kindes sind das größte Thema unter jungen Eltern. Denn:. „Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum Schwierigkeiten haben, in den Schlaf zu finden, ist der Schlaf der Eltern auch gestört. Sie sind dann gestresst, manchmal auch aggressiv. Kinder sind Gefühlswesen mit sehr feinen Antennen und sie reagieren darauf, oftmals mit eigener Unruhe.“ So beschreibt die Sozialpädagogin Petra Weidemann-Böker die Stressspirale. Dabei haben „viele Kinder Phasen, in denen sie schwer ein- oder durchschlafen können. Das ist ganz normal“, sagt die Schlafberaterin. 

Nach der Geburt muss sich der Säugling erst mal auf das Leben außerhalb des Mutterleibs einstellen. Neugeborene benötigen rund 16 Stunden Schlaf, mit drei Monaten sind es etwa zehn Stunden in der Nacht und fünf am Tag. Ab sechs Monaten sind es elf Stunden Nachtschlaf, tagsüber aber nur noch drei Stunden.

Spätere Schwierigkeiten mit dem Schlafen entstehen dann mit dem Zahnen, den Drei-Monats-Koliken oder sind damit verbunden, dass es spannende Erlebnisse zu verarbeiten gilt oder Veränderungen in der Umgebung. Experten sprechen im ersten Lebensjahr selten von Schlafstörungen, eher von Regulationsstörungen. „Die eigenen Zustände zu regulieren, zwischen müde und wach, zwischen hungrig und satt, zwischen aktiviert und gesättigt, das müssen die Kinder erst noch lernen“, erklärt Diplom-Psychologe Gero Hufendiek vom Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) des Malteser Krankenhauses St. Anna in Duisburg. In seiner seit langen Jahren betriebenen Sprechstunde kommen oft völlig verzweifelte Eltern. Er weiß, dass einige Kinder „von ihrem Temperament sehr neugierig sind, extrovertiert oder reizoffen. Für Eltern ist sehr schwer zu erkennen, wann sie beginnen, müde zu werden.“

Das verlngt den Eltern doch einiges ab. Barbara-Nardmann Stahl, die lange an der Schreiambulanz im SPZ tätig war, kennt die Verzweiflung vieler: „Wenn die Eltern zur Freiambulanz kommen, sind sie den Tränennahe und wahnsinnig erschöpft.“ Grund ist meist der eigene, dauerhafte Schlafmangel. So haben Schlafforscher entdeckt, dass Menschen, die etwa nur eine Stunde Schlafdefizit verkraften müssen, tagsüber leichter einschlafen, mehr Fehler machen und Probleme mit der Konzentration bekommen. Und bei Eltern geht es um deutlich mehr als nur einen Stündchen Schafdefizit.

Beim Schlaf müssen die Eltern zuerst an sich denken

„Wenn die Eltern sehr belastet sind, ist es wichtig, sich zuerst um Entlastung und Unterstützung zu bemühen. Das ist das A und O, denn es ist ja nicht von heute auf morgen vorbei. Gerade wenn die Eltern etwas ändern wollen, steigert sich der Stresslevel oft noch,“ so Psychologe Hufendiek. Extrem wichtig sei es, dass Eltern wissen, dass Schlafprobleme weit verbreitet sind. Im zweiten Schritt ginge es darum herauszufinden, warum das Kind nicht einschlafen will. Dabei kommt es nur selten auf den Schlafplatz des Kindes an. Oftmals ist die Übermüdung wesentlicher. Hufendiek beschreibt es so: „Wenn das Kind anfängt müde zu werden, quengelt oder schreit, kommen viele Eltern auf die Idee, dass es ihm langweilig sein könnte. Dann bekommt es ein neues Angebot z. B. mit einem Spielzeug. Darauf reagiert das Baby erst positiv, ist aber körperlich eigentlich schon an einem Punkt, wo es neue Reize nicht mehr aufnehmen kann. Das Kind geht dann über seine Müdigkeit hinweg mit dem Effekt, dass es Minuten später wieder schreit.“

 

Schlafprobleme entstehen oft am Tag

Ist das Kind also müde, gilt es, ihm Schlaf anzubieten. Gelingt das nicht, können andere Faktoren ausschlaggebend sein. Für Weidemann-Böker liegt der Schlüssel von Schlafproblemen am Tage. Zu den Ursachen zählt sie: kein strukturierter Tagesablauf, wechselnde Schlafplätze, kein festgelegtes Einschlafritual, Ablenkung durch Ersatzbefriedigung, inkonsequentes elterliches Verhalten, unangebrachte Erwartungen der Eltern, Angst vor Trennung, Konfliktvermeidungsstrategien, Krankheit beim Kind und auch Entwicklungssprünge.

Eltern müssen also erkennen, wie es ihrem Kleinen gerade geht. Dafür ist zunächst eine gute Beobachtungsgabe und Intuition nötig. Aber keine Sorge: Laut Forschungsergebnissen liegen dabei über 95 Prozent der Eltern meist richtig. „Wer Kinder hat weiß, dass es immer wieder Phasen mit ruhigen Nächten, und dann auch immer wieder schwierige Nächte gibt“, beruhigt Nardmann-Stahl. Auch dass Kinder in der Nacht immer wieder aufwachen, ist völlig normal. „Weil sie kontrollieren müssen, ob noch alles in Ordnung ist. Das sieht unser genetisches Programm so vor. Manche machen sich dann bemerkbar, andere schlafen einfach weiter. Es kann das Bedürfnis nach Nähe sein, nach den Eltern oder nach den Geschwistern.“

Und wenn sie dabei schreien? „Man sollte die Signale des Kindes immer ernst nehmen und beantworten. Ein Kind schreien zu lassen, um ihm dieses Verhalten abzutrainieren, halte ich für ein absolut schädigendes Verhalten. Es sollten immer zwei Signale ausgesandt werden, wobei es immer vom Alter de Kindes abhängt. Das eine sollte sein, die Nacht ist zum Schlafen da, wir brauchen alle unsere Ruhe. Und das andere sollte sein, ich lasse Dich aber nicht alleine, ich bin da und ich helfe dir – aber auch ich brauche meinen Schlaf“, rät Nardmann-Stahl. 

Das Prinzip „Schlafhaus”

Eine Patentlösung, wie Kinder schlafen lernen, gibt es nicht. „Weil jedes Kind einmalig und wunderbar ist. Weil jedes anders ’tickt’, weil die Situation in jeweils anders ist. Wir leben eben nicht in einer genormten Welt mit ’Kindern von der Stange’, die sich in ein Raster stecken lassen und programmgemäß reagieren“, sagt Weidemann-Böker. 

Für alle hilfesuchenden Eltern hat sie das Modell vom „Schlafhaus“ geschaffen (mehr Infos in ihrem Buch „So lernen Kinder schlafen“). 

Im Kern geht es darum, dem Kind Liebe, Verständnis und Geborgenheit zu geben, um so auch Sicherheit zu schaffen. Die drei Säulen des Hauses sollten klare Regeln für die Orientierung, ein klarer Tagesrhythmus für die Ruhe und Abend-Rituale zum Einschlafen sein. 

Als Dach des Hauses stellt sie sechs verschiedene Ein- und Durchschlafprogramme vor, die je nach der Situation des Kindes und der Familie erfolgreich sein können. Klar, strukturiert und damit erfolgversprechend ist dieses Schlafhaus. Es bedeutet in vielen Familien aber auch eine klare Umstellung. Und diese müssen alle Familienmitglieder üben.

Veränderung beim Einschlaf-Ritual in kleinen Schritten

Der Psychotherapeut Hufendiek ist etwa ein großer Freund von Veränderung in kleinen Schritten, „dass man am Anfang erst vor dem Bett liegt, dann man sitzt, die Hand hält, dass man peu à peu sagt, ich geh jetzt noch mal kurz raus und schau dann wieder nach Dir. Wir stufen das vom Einschlafen auf dem Arm, ins Bett legen und Händchen halten bis hin zu einer Spieluhr anmachen oder ein Schlaflied spielen und dann rausgehen.“

So wünschen sich das viele Eltern und in den allermeisten Fällen gelingt das auch in den ersten zwölf Lebensmonaten. Rückschläge gibt es dabei immer wieder. Von diesen sollten wir uns nicht entmutigen lassen oder eben fachmännische Hilfe suchen.

Buch-Tipp zum Thema Kinderschlaf:

 

Petra Weidemann-Böker: "So lernen Kinder schlafen – die sechs besten Einschlaf-Programme für Kinder", Oberstebrink 2016, 19,95 Euro.

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