Co-Parenting In aller Freundschaft: Eltern werden ohne romantische Beziehung

Eine Familie gründen ohne ein Liebespaar zu sein – das ist die Idee hinter Co-Parenting. Das moderne Familienmodell stößt in den USA, Großbritannien und Holland bereits seit längerem auf große Begeisterung. Auch in Deutschland entscheiden sich immer mehr Männer und Frauen für die Elternschaft in aller Freundschaft.

Sarah* war immer klar, dass sie eines Tages eine Familie gründen möchte. Mit Mitte 20 dachte sie das erste Mal ernsthaft über Kinder nach. Ein fester Partner war nicht in Sicht, das Studium zog sich länger hin, als gedacht und kostete zu viel Zeit. Also schob Sarah den Gedanken erst einmal beiseite. Mit 29 stand sie fest im Berufsleben, und der Kinderwunsch wurde stärker. Eigentlich der richtige Zeitpunkt, um eine Familie zu gründen. Aber noch fehlte der Mann dafür. Also wartete Sarah weiter ab. Als sie Mitte 30 und immer noch Single war, fällte sie eine Entscheidung: Sie wollte ihren Kinderwunsch nicht länger von ihrem Liebesleben abhängig machen. Warum sollte sie auf ein Kind verzichten, nur weil sie den passenden Mann für eine romantische Beziehung nicht fand? Eine Familie gründen lässt sich doch auch ohne festen Partner.

Es dauerte insgesamt weitere anderthalb Jahre, dann hatte Sarah ihn endlich gefunden: den richtigen Mann. Nicht als Partner für sich selbst, sondern als Vater ihres Kindes. Philipp* war 44, als sie ihn kennenlernte, und in einer festen Beziehung mit seinem Freund Adam*. Die beiden hatten schon seit Jahren einen starken Kinderwunsch. Eine geplante Leihmutterschaft scheiterte. Philipp, Adam und Sarah lernten sich über Freunde kennen. An einem weinseligen Abend entstand die Idee der gemeinsamen Elternschaft. 8 Monate später wurde daraus Realität: In einer Kinderwunschklinik wurden Sarah Philipps Spermien eingesetzt. Schon der erste Versuch war ein Erfolg: Der gemeinsame Sohn Emil ist heute zwei Jahre alt. Drei Tage die Woche lebt er bei seinen Vätern, vier Tage die Woche bei Mutter Sarah.

Co-Parenting: Was ist das eigentlich?

Die Form der Familienplanung, für die Sarah und Philipp sich entschieden haben, nennt sich Co-Parenting. Dieser Begriff bezeichnet eine Frau und einen Mann, die sich gezielt zusammentun, um einen Kinderwunsch zu erfüllen. Meist geschieht das ohne Geschlechtsverkehr. Viele Elternpaare wollen das gemeinsame Kind arbeitsteilig aufziehen. Es gibt aber auch Konstellationen, in denen der Mann nur eine Onkel- beziehungsweise die Frau nur eine Tanten-Rolle einnimmt. In der Regel leben Co-Parents in getrennten Haushalten.

Co-Parenting ermöglicht es Männern und Frauen, ein biologisch eigenes Kind zu zeugen und auch aufzuziehen, ohne mit dem anderen Elternteil in einer romantischen Beziehung zu leben. Doch nicht immer findet man den richtigen Partner für diesen Plan im eigenen Freundeskreis. So ging es auch Christine Wagner und Miriam Förster aus Berlin. Die beiden führten eine lesbische Beziehung – und wollten Eltern werden. Die Suche nach einem Vater brachte sie auf die Idee zu der Website Familyship.org: eine Plattform, auf der Männer und Frauen in Kontakt kommen können, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen möchten.

Familienplanung via Online-Suche

„Das Modell Samenspende passte für uns einfach nicht“, erklärt Christine Wagner die Motivation hinter der Gründung des Portals. „Das, was wir selbst gesucht haben, gab es einfach nicht. Wir wollten deshalb selbst etwas Seriöses anbieten, ein anständiges Angebot.“ Dieses Angebot nutzen aktuell rund 4.000 Mitglieder. Damit ist Familyship die größte aktive Community zur Familienplanung in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Eine geringe Schutzgebühr wird bei der Anmeldung fällig - vor allem, um Missbrauch auszuschließen. „Ein bis zwei Mal im Jahr gibt es Beschwerden, aber da geht es eher um kleinere Unpässlichkeiten in der Kommunikation“, berichtet Christine Wagner. Ein hervorragender Schnitt, wenn man den Umgangston in gängigen Dating-Portalen oder Apps als Vergleich heranzieht: „Wir wollen ja eben kein schlechteres Tinder sein“, bringt die Allgemeinärztin es auf den Punkt. In den USA und in Großbritannien gibt es Portale wie Familyship schon länger: Sie heißen „Family by Design“, „Pride Angel“ oder „Modamily“.

Wie oft sie mit ihrer Seite einen Kinderwunsch tatsächlich schon erfüllt haben, wissen die beiden nicht: Eine Benachrichtigung über eine erfolgreiche Vermittlung erhalten sie als Betreiber der Seite nicht. Feedback bekommen Sie dennoch – im wahren Leben: „Wir sind hier in Berlin gut in der Regenbogenfamilien-Szene vernetzt. Da passiert es uns immer wieder, dass Eltern uns plötzlich erzählen, wie sie sich über Familyship kennengelernt haben“, berichtet Christine Wagner. „Das ist dann schon ein Wahnsinns-Gefühl, wenn ich bedenke, dass aus unserem Portal ein echter Mensch im wahren Leben entstanden ist!“

Familie gründen in aller Freundschaft

Wie aber fällt man eine so wichtige Entscheidung wie die Wahl des anderen Elternteils – wenn die Komponente Romantik gar keine Rolle mehr spielt? Laut Christine Wagner ist vor allem die Zeit wesentlich: „Das ist kein Hoppla-Hopp-Projekt“, betont sie. „Viele denken: Wenn ich mich erst einmal bei so einem Portal anmelde, geht es ja schnell! Aber dieser Gedanke ist falsch. Beim Co-Parenting sucht man keinen Partner für eine Liebesbeziehung, sondern für eine Elternbeziehung. So etwas baut man nicht in vier Wochen auf.“

Nach dem ersten Kennenlernen geht es deshalb ans „richtige Kennenlernen“. Und die Beantwortung der Frage: Kann ich mir vorstellen, mit diesem Menschen ein Kind in die Welt zu setzen – und gemeinsam für es da zu sein? Nicht nur bei der Geburt und in den Baby-Monaten, sondern auch in den Teenager-Jahren? „Man hat mindestens 20 Jahre seines Lebens miteinander zu tun, wenn man sich für ein gemeinsames Kind entscheidet“, fasst die Mutter zusammen. „Da sollte man einander schon sympathisch sein.“

Einfach ein Kind bekommen – darf man das überhaupt?

Adoptionen sind in Deutschland zahlreichen Regularien unterlegen. Das Kinderkriegen nicht. Beide Elternteile müssen natürlich volljährig sein. Abgesehen davon kann im Grunde Jeder mit Jedem ein Kind bekommen – ob nun verliebt oder nicht, online verabredet oder über Freunde verkuppelt: „Das Jugendamt macht ja keinen Hormontest, ob ich wirklich in den Vater meines Kindes verliebt bin oder nicht“, lacht Christine Wagner bei der Frage nach der Rechtslage. „Ob ich den nun liebe oder nicht – das ist meine Sache.“

Nur an einer Stelle können die Hormone doch noch ein Problem werden: Wenn sich ein Elternteil unbeabsichtigt doch noch verliebt – und die Gefühle nicht erwidert werden. „Viele Frauen auf unserer Seite entscheiden sich für einen schwulen Vater für ihr Kind, um genau dieses Szenario zu vermeiden“, berichtet Christine Wagner. Grundsätzlich soll die sexuelle Orientierung aber weder Zugangsvoraussetzung noch Ausschlusskriterium darstellen.

Mehr glückliche Familien durch Co-Parenting?

Mutter und Vater ohne Beziehung, Eltern ohne Liebe, getrennte Haushalte und geregelte Zeiten – ist das Co-Parenting so etwas wie das bewusste Schaffen einer Scheidungsfamilie? Diese Frage beantwortet Christine Wagner zunächst mit einer Gegenfrage: „Ist denn das Leben nicht lebenswert, wenn man in einer Scheidungsfamilie aufwächst?“ Dann macht sie deutlich, dass man es beim Co-Parenting mit etwas ganz anderem zu tun hat: „Ein Scheidungskind hat eine völlig andere Ausgangslage: Da gab es Liebe zwischen Muter und Vater, die große Familie, Geschenke, Erwartungen, alles was dazu gehört. All das ist gescheitert – und zwischen all diesen unerfüllten Erwartungen steht das Kind. Einen solchen emotionalen Bruch müssen Kinder von Co-Parents nie erfahren.“

Auch Sarah und Philipp würden sich niemals mit einem Scheidungspaar vergleichen: Urlaube und Feiertage verbringen sie gemeinsam mit Sohn Emil und Adam, der mittlerweile Philipps Ehemann ist. Dieses Jahr war zum ersten Mal ein weiterer Mann dabei: Sarahs Freund Florian*. Christine Wagner freuen solche Geschichten: „Ich fände es schön, wenn es bald eine neue Generation gibt, für die das Wort Familie nicht so starr ist. Die einfach sieht: Es gibt Kinder, es gibt Erwachsene. Das ist Familie. Egal in welcher Konstellation.“ Das Co-Parenting ist für diesen Wunsch auf jeden Fall ein wichtiger Schritt.

Über unsere Expertin

Familyship.org Gründerinnen Christine Wagner (links) und Miriam Förster. Foto: George Rudy

Dr. Christine Wagner arbeitet als Allgemeinärztin. Ihre Tochter Milla ist eines der ersten „Familyship-Babys“. Millas Vater Gianni Bettucci ist schwul und wünschte sich ein Kind. Dafür suchte er nach einer Frau – und fand auf Familyship.org Christine. Das Familienmodell der Drei beruht auf Freundschaft, nicht auf Liebe. Gianni lebt in einer homosexuellen Liebesbeziehung, Christine ist mittlerweile wieder Single.

Kinderwunsch ohne Partner: Wie fange ich an?

Das Thema Co-Parenting interessiert dich? Christine Wagner gibt Tipps für den Start:

  • Begib dich auf die Suche nach Männern und Frauen mit gleichen Gedanken und tausche dich aus.
  • Nimm dir Zeit! Die Suche nach dem Mann, der Vater deines Kindes werden soll, darf nicht vom Eisprung getrieben sein. (Gilt natürlich auch umgekehrt für Männer auf der Suche nach der passenden Frau.)
  • Wenn du glaubst, den passenden Mann oder die passende Frau gefunden zu haben, gilt erneut: Immer mit der Ruhe! Auch Freundschaften brauchen Zeit. Baue sie in Ruhe auf, um sicher zu sein, dass du den perfekten Co-Parents-Partner gefunden hast.

*Namen von der Redaktion geändert

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