Achtsam durch den Familienalltag

Achtsamkeit: 12 Tipps für Eltern, gelassen zu bleiben

Zu viel Hektik, Gemecker, Unzufriedenheit? Obwohl es eigentlich ganz gut läuft im Alltag, überwiegen im Familienleben oft negative Gefühle. Mehr Achtsamkeit soll Abhilfe schaffen,
heißt es. Wie praxistauglich ist das neue Zauberwort?

Heute schon über die Kinder geärgert? Wahrscheinlich musst du gar nicht lange darüber nachdenken. Klar, die kleine Tochter zickte mal wieder beim Anziehen. Der Sohn brüllte, weil er Apfelsaft wollte, aber Orangensaft in seinem Glas war. Deine Nerven lagen blank. Der ganz normale Wahnsinn eben. Jetzt einfach kräftig durchatmen, die Wut wegpusten und sich hingebungsvoll am Anblick des Baums vorm Fenster erfreuen? Also Achtsamkeit als Entschleunigungsmittel einsetzen? Schön wär’s. Das alleine hilft leider nicht, wenn es mal wieder drunter und drüber geht. Doch die Idee dahinter ist verführerisch. Mehr Achtsamkeit im Familienalltag soll das Erziehen leichter machen und für bessere Stimmung zu Hause sorgen.

Achtsamkeit bedeutet, die Dinge mit ungeteilter Aufmerksamkeit wahrzunehmen 

Achtsamkeit ist eine Jahrtausende alte Methode, die aus der buddhistischen Lehre stammt. Sie verhilft zu mehr Lebensfreude, Selbstvertrauen und Gelassenheit. Also zu Dingen, die Eltern sich meist dringend wünschen. Was ist das Geheimnis der Achtsamkeit? Es bedeutet, dass man die Dinge, die um einen herum passieren, mit ungeteilter und ruhiger Aufmerksamkeit wahrnimmt, ohne sie zu beurteilen. Mit etwas Training kann Achtsamkeit zum Lebensstil werden. Wer in der Lage ist, sich in stressigen Situationen innerlich zu wappnen und im Hier und Jetzt zu leben, wird leichter mit den Herausforderungen des Lebens fertig.

Ein meckernder Nachbar, der tobende Chef, das brüllende Kind – die Dinge einfach zu nehmen, wie sind, fördert das Wohlergehen. Zusätzlich unterstützt wird das von der Fähigkeit, die kleinen guten Momente des Lebens zu genießen, sich am Duft einer Blume oder am Lächeln eines Kindes zu erfreuen. Neue Studien zeigen, dass die positiven Eigenschaften achtsamer Erwachsener sich auf die Kinder übertragen. Mit den Eltern als Vorbild lernen sie, auf gesunde Weise mit ihren Gefühlen umzugehen, ohne sie zu unterdrücken. 

Achtsamkeit sollte nicht zu Optimierungszwecken dienen

Wichtig ist dabei: Mütter und Väter müssen tatsächlich achtsam sein. Sie dürfen nicht einfach Achtsamkeitsübungen von ihrem Nachwuchs verlangen, damit der zum Beispiel bessere Schulnoten nach Hause bringt. Mit der Kraft ihrer inneren Einstellung übertragen Eltern idealerweise Gelassenheit auf ihre Kinder, ohne die zielgerichtet zur Optimierung einzusetzen. Wie geht es meinem Kind, wenn es ausrastet? Was fühlt es? Wie kann ich ihm helfen, ohne sein Verhalten zu verurteilen? So lauten die richtigen Fragen, die einem Kind mehr bringen als ein wütendes „Beherrsch dich und sei still“.  

Leider genetisch bedingt: Wir suchen nach dem Negativen

Leider neigen wir trotzdem dazu. Denn die erste Reaktion auf Herausforderungen ist meistens Abwehr. Das ist durchaus menschlich und vor dem Hintergrund der Geschichte sogar sinnvoll. Denn die Tatsache, dass wir auf Negatives fixiert sind, ist aus wissenschaftlicher Sicht evolutionsbedingt. Die Menschen richten ihre Aufmerksamkeit immer zuerst auf drohende Gefahren. Sie mussten früher stets auf der Hut sein, um zu überleben. Bis heute suchen wir förmlich nach Dingen, die nicht gut sind, die uns falsch oder unstimmig erscheinen und gegen die wir vorbeugen wollen. Gefahrenabwehr steckt in den Genen. Deshalb haften negative Erfahrungen auch fester als glückliche Erinnerungen. Sie sind ein Schutz dafür, dass uns etwas Schlimmes nicht zweimal passiert. Zwar ist das Leben heute nicht mehr so gefährlich wie in Zeiten, als die Menschen noch in Höhlen hausten. Doch das rasante Tempo des heutigen Alltags verhindert ebenfalls, dass wir uns Zeit für Erlebnisse nehmen, die auf den ersten Blick nutzlos erscheinen, weil sie nicht in die Kategorie „Gefahrenabwehr“ gehören.

Für ein besseres Familienklima müssen Eltern heute umdenken

Um ein gutes Familienklima zu schaffen, müssen Erwachsene umdenken. Das bedeutet, dass wir bewusst gegen die negativen Gedanken im Kopf angehen, um nicht ungerecht gegenüber den Kindern zu werden. Dass wir ausblenden müssen, was nicht guttut, um zufriedener zu sein. Fast jeder kennt das von sich selbst. Wenn das Rundherum stimmt, wenn wir nicht müde, hungrig, abgehetzt sind oder uns schlecht behandelt fühlen, reagieren wir auf Stress-Attacken gelassener. Wir können lächelnd darüber hinwegsehen, wenn das Kind mal wieder einen Trotzanfall hat oder sich aus Erwachsenensicht unangemessen benimmt.

Kinder sind übrigens meisterhaft in der Kunst des Achtsamseins. Sie können mitten aus dem Hier und Jetzt heraus innehalten und sich auf etwas konzentrieren, das sie erfüllt. Und sei es nur ein Stein in einer Pfütze. Je seltener sie das dürfen, weil den Eltern die Zeit dafür fehlt, desto schneller werden sie ebenfalls ungnädig, schlecht gelaunt und unzufrieden. Auch wenn negative Gedanken häufig die Erziehung bestimmen, lässt sich das ändern, indem man es sich bewusst macht. Die meisten Mütter und Väter wünschen sich ein gutes Miteinander, ein Zuhause, indem nicht nur herumgemeckert wird. Studien haben gezeigt, dass sich genau das erreichen lässt, wenn Achtsamkeit in der Erziehung und im Familienalltag eine Rolle spielt. Wie gelingt es? 

12 Tipps für mehr Achtsamkeit im Familienalltag

1. Kleine Momente als etwas Großes wahrnehmen. Es muss nicht immer Weihnachten oder Ostern sein. Große Gefühle lassen sich auch in kleinen Momenten ausleben: Beim Anblick des Sternenhimmels, beim Singen eines besonders emotionalen Liedes oder beim gemeinsamen Blättern im Bilderbuch.

2. Kommunikation ohne Kommandos. Wir tauschen uns viel mit unseren Kindern zwischen Tür und Angel aus. Achtet darauf, dass die Kommunikation nicht nur aus Kommandos besteht. Nehmt euch zwischendurch immer wieder Zeit, eurem Kind zuzuhören, wenn es zum Beispiel erzählen möchte, was es erlebt hat.

3. In die Gedanken des anderen versetzen. Warum räumt mein Kind die Spielzeugauto nicht weg, obwohl ich das schon dreimal gesagt habe? Bevor du dich aufregst, versuche, dich in dein Kind hineinzuversetzen. Vielleicht ist es mitten in einem Spiel und dabei so zufrieden, dass das Aufräumen auf später verschoben werden kann. Wer seine Mitmenschen versteht, kann gelassener mit ihnen umgehen.

4. Essen als Erlebnis. „Zack, zack, schnell runter mit den Nudeln, wir müssen gleich zum Flöten.“ So sollte es nicht ablaufen. Nehmt euch Zeit, mit euren Kindern in Ruhe zu essen. Und zwar ohne Ablenkungen. Smartphones, Fernsehen, der Blick auf die Mails – all das ist während der Mahlzeit tabu. Achtsam essen bedeutet auch, sich mit dem Geschmack zu beschäftigen, Neues zu probieren, einzelne Lebensmittel langsam auf der Zunge zergehen zu lassen.  

5. Nicht nur Katzenwäsche unter Zeitdruck. Bloß schnell ins Bettchen und dafür fix mit dem Waschlappen durchs Gesichts fahren? Das muss das nicht sein. Denn Waschen und Körperpflege sind gute Achtsamkeitsübungen. Ermuntert euer Kind, auf den Duft der Seife und das gute Gefühl beim Eincremen zu achten. 

6. In die Natur gehen. Die meisten Kinder finden einen Spaziergang langweilig. Doch sobald sie unterwegs sind, am Wegesrand einen Käfer beobachten, Steine sammeln, mit den Eltern um die Wette rennen dürfen, sind sie begeistert dabei. Bewegung in der Natur setzt Glückshormone frei, wirkt positiv auf die Emotionen und die Stimmung. 

7. Gemeinsam reflektieren. Worüber habe ich mich gefreut, wofür bin ich dankbar, was hat mich zum Lachen gebracht? Ein Gespräch über die Erfolge des Tages an der Bettkante vorm Einschlafen hilft dabei, den Blick auf das Positive zu richten und Negatives in den Hintergrund zu rücken. Das ist eine Fähigkeit, die auch Erwachsene glücklich macht.

8. Aufschreiben oder malen. Hat die Familie etwas Tolles erlebt? Wer schon schreiben kann, sollte das abends in ein persönliches Büchlein notieren. Kleinere Kinder können das auch aufmalen. So hält die positive Wirkung eines Erlebnisses länger an.

9. Dankbar sein. Erziehung zur Dankbarkeit bedeutet nicht, dass wir unseren Kindern nur beibringen, artig danke zu sagen. Wir müssen sie auf die besonderen Augenblicke hinweisen. Auf den Duft einer Mandarine, das Glück, über etwas lächeln zu können, oder auf den besonderen Geschmack einer frischen Karotte. Wer für große und kleine Momente des Alltags dankbar sein kann, empfindet mehr Freude und bleibt sogar gesünder, wie Studien bei Erwachsenen gezeigt haben.

10. Sich vom Perfektionismus verabschieden. Wer seine Ziele zu hoch steckt und sich an utopischen Idealen orientiert, schafft vor allem Stress und Schuldgefühle. Unrealistische Vorstellungen machen unzufrieden. „Ich bin nicht gut genug” – nur wenn man sich davon lösen kann, gelingt ein achtsamer Umgang mit den Kindern.

11. Nicht alles gleichzeitig machen. Wer versucht, möglichst vieles zeitgleich zu machen, um Zeit zu sparen, stresst sich. Konzentriere dich lieber auf eine Handlung und lass die Gedanken dabei nicht abschweifen.

12. Legt doch mal das Smartphone weg! Macht die Digital-Pause zum Familienerlebnis. Es muss ja nicht gleich eine ganze Woche sein. Aber ein handyfreier Sonntag beweist, wie viel Aufmerksamkeit die kleinen Geräte sonst fordern. Das zeitlich begrenzte Handy-Verbot gilt natürlich nicht nur für die Kinder.  Auch die Eltern müssen es durchhalten.

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