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"Wir sind beliebt"

Einzelkinder - von wegen verwöhnt und egoistisch!

Lange galten Mädchen und Jungen ohne Geschwister als altklug und egoistisch. Dabei stehen die Solokämpfer Gleichaltrigen in nichts nach. Im Gegenteil: Wer unter guten Umständen in einer Ein-Kind-Familie aufwächst, schneidet in einigen Bereichen sogar besser ab.

Manchmal versetzt es Marlene einen Stich ins Herz, wenn die 39-jährige Grafikerin auf dem Spielplatz ein Geschwisterpaar beobachtet. Oder vor Kurzem, als die Nachbarin freudig ihre vierte Schwangerschaft verkündete. Ein süßes Bruder-Schwester-Paar oder sogar ein Dreier-Dream-Team – wie schön, denkt Marlene. Für sie ist das der Inbegriff einer glücklichen Familie, die sie ihrem vierjährigen Sohn Yannis nicht bieten kann. Ein Kind ist genug, sagt ihr Mann Timo, der selbst mit drei Brüdern aufwuchs und das alles andere als idyllisch fand. „Wir haben uns ständig gestritten und bis heute kein inniges Verhältnis“, sagt er. Marlene hingegen ist Einzelkind und hat sich schon als kleines Mädchen mindestens eine Schwester und am liebsten noch einen Bruder dazu gewünscht. 

Das schlechte Image von Einzelkindern kommt aus früheren Generationen

„Bis heute beneide ich jeden, der Geschwister hat“, sagt sie. „Weil du das verklärst“, betont Timo. Er macht sich keine Gedanken um Yannis’ Entwicklung. Dass Einzelkinder angeblich egoistisch, selbstverliebt und unbeliebt werden, hält Timo für übertrieben. Die Tatsache, dass der Sohn ohne Geschwister aufwächst, sei doch schon lange kein Manko mehr, sagt er. Tatsächlich haben Einzelkinder zwar einen schlechten Ruf, stehen anderen aber nicht mehr nach – wenn die Eltern darauf achten, dass ihr Nachwuchs nicht nur unter Erwachsenen groß wird.

 

Woher kommt das schlechte Image? Experten vermuten, dass dieses Vorurteil aus einer Zeit stammt, in der Einzelkinder die Ausnahme darstellten. In früheren Generationen, in denen drei bis vier Kinder Standard waren, hatten Sprösslinge aus Ein-Kind-Familien wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, waren stark auf Erwachsene fokussiert und entwickelten genau die Macken, die ihnen heute noch nachgesagt werden. Sie waren Waisen oder Halbwaisen, hatten vielleicht kranke Eltern, stammten aus Trennungsfamilien oder wurden unehelich geboren (damals noch gesellschaftlich geächtet). So wurden die Einzelkämpfer zwangsläufig zu Außenseitern, die isoliert aufwuchsen. 

Eltern geraten unter Druck: Was? Ihr wollt nur ein Kind?

Außerdem gibt es eine biologische Theorie, die auch ideologisch auslegbar ist: Der Mensch überlebt nur, wenn er sich fortpflanzt. Wer das verweigert, obwohl es möglich wäre, gerät leicht unter Druck. Die Vorstellung, dass ein Paar mit einem Kind noch keine richtige Familie ist, scheint in unseren Köpfen tief verankert zu sein. Muss nicht jeder seinen Beitrag gegen den demografischen Wandel leisten? Etwas tun gegen die Vergreisung der Gesellschaft, indem er Nachwuchs in die Welt setzt? Solche Gedanken spielen eine Rolle, wenn jemand die Eltern eines geschwisterlosen Kindes entsetzt fragt: „Was? Ihr wollt nur ein Kind?“

 

Die Gründe dafür sind heute andere als in früheren Generationen. Timo hat sich aus praktischen Erwägungen heraus gegen ein zweites Kind entschieden. „Schon ein Kind ist anstrengend genug. Wir haben kaum noch Zeit für uns selbst“, sagt er. Marlene akzeptiert das, schließlich will sie es nicht riskieren, dass ihre Beziehung aus dem Gleichgewicht gerät oder sogar scheitert. Außerdem ist sie froh, dass ihr Sohn mittlerweile in einer Kita gut untergebracht ist und sie selbst wieder arbeiten kann. „Jetzt noch mal mit einem Baby von vorn anzufangen wäre da ein Rückschritt“, tröstet sie sich, wenn sie neidvoll auf Familien mit Geschwisterpaaren blickt. 

Späte Eltern, finanzielle Gründe oder Trennungen

Auch das Alter spielt inzwischen zunehmend eine Rolle. Immer mehr Frauen entscheiden sich erst mit Ende dreißig oder Anfang vierzig für ein Kind. Oder sie finden erst in diesem Alter den richtigen Partner, sodass das erste Kind kurz vor Ablauf der biologischen Uhr auf die Welt kommt. Für ein zweites ist es dann zu spät. Trennungen sind die häufigste Ursache für den unerfüllten Wunsch nach einem zweiten oder dritten Kind. Ist eine Ehe gescheitert, schwindet der Mut, eine große Familie zu gründen. Die ehemaligen Partner bleiben Alleinerziehende mit Kind oder finden einen neuen Partner. So entstehen dann manchmal Patchworkfamilien, in denen Einzelkinder doch noch unverhofft zu Geschwistern auf Zeit kommen. Finanzielle Gründe spielen auch eine Rolle. Ist die Wohnung zu klein für mehr als drei Leute? Muss ein neues Auto her? Wie lange reicht ein Teilzeitgehalt? Wer genaue Berechnungen anstellt, kommt schnell zu dem Ergebnis: Uns reicht ein Kind. 

 

Wichtiger als Geschwister ist der Umgang mit Gleichaltrigen

Paare, die sich bewusst für nur ein Kind entscheiden, müssen weder ein schlechtes Gewissen haben noch sich rechtfertigen. Neuere Studien zeigen, dass es nicht so sehr auf die Anzahl der Geschwister ankommt. Viel wichtiger ist die Art und Weise, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen und welche Möglichkeiten sie ihnen eröffnen.

Die Sozialpsychologin Toni Falbo kam bereits in den 80er-Jahren zu der Erkenntnis, dass sich Einzelkinder kaum noch von Jungen und Mädchen aus Mehr-Kind-Familien unterscheiden und keine nachweislichen Nachteile haben. Im Gegenteil, in den wenigen Punkten, in denen überhaupt Unterschiede feststellbar waren, schnitten sie sogar besser ab. 

Einzelkinder übernehmen häufiger die Verantwortung

Einzelkinder sind demnach eher bereit, Verantwortung zu übernehmen, und neigen seltener dazu, die Schuld für Unangenehmes anderen in die Schuhe zu schieben. Schließlich konnten sie nie Bruder oder Schwester vorschicken. Sie setzen seltener die Ellenbogen ein und gehen gewissenhafter mit Freundschaften um, denn von allein steht ihnen kein Spielkamerad zur Verfügung. Diese Fähigkeit macht sie besonders beliebt. In Gruppen werden Einzelkinder deshalb oft zum Sprecher gewählt.

 

Einzelkinder werden im Durchschnitt häufiger in Kitagruppen, Horten oder von Tagesmüttern betreut. Und das ist auch gut so. Denn genau die sozialen Fähigkeiten, die ihnen im alltäglichen Umgang mit Geschwistern fehlen, können sie dort erwerben. Sie lernen zu teilen, abzugeben, auf andere Rücksicht zu nehmen und Kompromisse einzugehen. Erwachsene sollten ihre Töchter und Söhne ruhig schon früh allein zu Freunden, in den Turnverein oder zur Musikstunde schicken. 

Vorsicht: Mütter und Väter sollten nicht überbehüten

Die Gefahr der Überbehütung ist nicht von der Hand zu weisen. Schließlich müssen Eltern all ihre Wünsche auf ein einziges Kind projizieren. Ist ihnen das aber bewusst, können sie gezielt gegenlenken, sich selbst zurücknehmen und das Kind seinen eigenen Rhythmus finden lassen. Die Gefahr der Überbehütung besteht schon im Babyalter. Aus Sorge um ihr einziges Kind packen Mütter und Väter es oft in Watte und enthalten ihm wichtige Erfahrungen vor. Lassen sie es hingegen neugierig und munter die Welt entdecken, kann das auch zum Vorteil werden. Solange noch kein zweites Kind da ist, haben Eltern mehr Zeit, das erste intensiv zu fördern.

Dass die Schulleistungen von Einzelkindern im Durchschnitt besser sind, bestätigen ältere Studien. Wenn die Eltern sich mehr um ihren einzigen Sprössling kümmern können, ohne ihn dabei so zu überfordern, dass er zum Leistungsverweigerer wird, kommt ihm die frühe Prägung in der Schule, im Studium und im Beruf zugute. Wenn es darum geht, sich allein zu beschäftigen, schneiden Einzelkinder ebenfalls besser ab. Sie sind es gewohnt, für sich selbst verantwortlich zu sein und nicht immer auf einen zuverlässigen Spielkameraden zurückgreifen zu können. 

Kleinigkeiten können Keilereien auslösen

Und was empfinden die Kinder selbst? Das ist ein bisschen wie mit Locken. Wer welche hat, möchte sie los sein. Wer keine hat, träumt davon. Einzelkinder wünschen sich oft Geschwister. Mädchen und Jungen aus Mehr-Kind-Familien hätten wahrscheinlich genauso oft nichts dagegen, wenn die Konkurrenten, die nicht immer lieb sind, verschwinden würden. Denn Dream-Teams aus Brüdern und Schwestern, wie sie in Kindergeschichten und Filmen gerne verklärt werden, sind im Alltag selten. Da wird gezickt, gepetzt, gehauen und gebrüllt. Geschwister gehen viel rabiater miteinander um, als sie es mit ihren Freunden tun würden.

Die Statistik sagt, dass Drei- bis Siebenjährige 3,5 Mal pro Stunde aneinanderrasseln; bei zwei- bis vierjährigen Geschwistern kracht es sogar alle zehn Minuten. Genervte Eltern haben oft das Gefühl, dass sich die Kleinen von morgens bis abends nur zanken. Schon Kleinigkeiten („Der hat meinen Stift angefasst“) können große Keilereien auslösen. Das schult das Durchsetzungs- vermögen. In diesem Punkt haben Kinder mit Geschwistern die Nase vorn.

Für Eltern tröstlich zu wissen: Gleichgültig, wie viele Kinder miteinander aufwachsen, eine Prognose fürs Leben lässt sich daraus nicht ableiten. Kein Kind bekommt einen Schaden, weil es keine oder besonders viele Geschwister hat. Einzelkindern geht es deshalb weder grundsätzlich besser noch schlechter als anderen 

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