Allein unter Müttern - Väter in Elternzeit

Im Jahr 2017 haben 410.000 Väter Elterngeld bezogen. Das sind elf Prozent mehr als noch im Vorjahr. Die meisten von ihnen gehen zwei bis drei Monate lang in Elternzeit, um für den Nachwuchs da zu sein.

Väter, die ein Jahr oder länger Elterngeld beziehen, während die Mutter voll in ihrem Job arbeitet, bleiben die Ausnahme. Unsere Autorin Silke Schröckert hat einen von ihnen getroffen und mit ihm über Vorteile und Vorurteile gesprochen.

Donnerstagnachmittag, 15.30 Uhr. In der Spielgruppe sitzen elf Eltern im Kreis zusammen. Singenderweise stellen sie ihren Nachwuchs vor: "Hallo, hallo, schön dass du da bist. Die Lisa, die ist da, der Luca, der ist da!", trällern sie im Chor. Die meisten müssen verbergen, dass sie die Namen der anderen Kinder gar nicht kennen. Aber einen Namen, den kennen sie alle: Christoph.

Als einziger Vater im Elternkurs

Christoph ist kein Kind, dessen Name gesungen wird. Christoph ist der einzige Vater in dieser Krabbelgruppe. Wirklich gefallen tut ihm das nicht: "In Kursen wie diesem bin ich meistens allein als Mann. Ich werde oft seltsam behandelt und leider meistens auch als dumm dargestellt.

Die meisten denken, ich sei arbeitslos und deshalb mit dem Kind hier." Christoph ist in Elternzeit. Und das seit Geburt seines Kindes. Für seine Frau und ihn war dieser Schritt nur logisch: "Wir haben uns gemeinsam dafür entschieden, dass sie nach dem Mutterschutz wieder voll arbeiten geht und ich zu Hause bleibe. Ganz einfach, weil sie ein höheres Einkommen hat als ich."

"Ganz einfach ist es nicht"

Ganz einfach gestaltet sich das Jahr Elternzeit für Christoph jedoch nicht. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Bergheim bei Köln. Angebote gibt es hier einige, doch ob Babymassage oder Schwimmkurs, Christoph ist fast immer der einzige Mann unter Müttern:

"Ich habe im Umkreis von 50 Kilometern alle Väter-Vereine angeschrieben, habe auf Facebook in den Gruppen der Stadtkreise Männer in derselben Situation gesucht zum Austausch. Doch ich hatte nie Erfolg."

Also besucht Christoph die Kurse, in denen außer ihm nur Mütter mit ihren Babys sind. Lange ausgehalten hat er es in keinem.

"Generell werde ich wirklich oft sehr, sehr seltsam angeschaut. Tuscheleien und Zickereien sind an der Tagesordnung." Schuld daran ist auch die Infrastruktur, die auf Väter mit Babys selten vorbereitet ist.

"Wenn ich mit unserem Sohn unterwegs bin und er eine neue Windel braucht, muss ich aufs Damenklo gehen, weil es auf Männertoiletten fast nie Wickeltische gibt."

Dass er sich manchmal Sprüche anhören muss, er sei "kein echter Mann", ist Christoph egal. Dass andere seine Frau als "Rabenmutter" beschimpfen, stört ihn hingegen sehr.

Was ist falsch am Begriff "Rabenmutter"?

Imke Dohmen ist Mama-Coach in Hamburg. Und auch sie wird bei dem Begriff "Rabenmutter" wütend.

"Das ist ein Schimpfbegriff für Mütter, die etwas anderes machen als die Masse. Aber was macht die Masse heute eigentlich?", fragt sie bei unserem Interview.

"Es ist doch so: Für die Generation unserer Eltern war vieles eindeutiger. Die Mutter gab ihren Job auf und blieb zu Hause bei den Kindern. Heute ist das anders. Wir finden alles in unserer Gesellschaft: arbeitende Mütter, studierende Eltern und zum Glück auch Väter in Elternzeit", führt Imke weiter aus.

Ihre Coaching-Marke "Mutterhelden" richtet sich konkret an Mamas. Doch auch sie spürt seit Jahren das zunehmende Interesse der Väter an ihren Angeboten: 20 bis 30 Prozent der Teilnehmer ihrer Vorträge und Seminare sind Männer. Ich erzähle ihr von Christoph, seinen Erfahrungen als einziger Mann in den meisten Babykursen. Und der Tatsache, dass er alle deshalb bisher abgebrochen hat.

Imke findet das sehr schade, vor allem für Christoph selbst: "Diese Kurse halte ich für sehr wichtig. Und zwar mehr für den Erwachsenen als für das Kind. Gerade nach der Geburt eines Babys hat man wenig Gelegenheit zum Austausch und gleichzeitig ein ganz großes Bedürfnis danach. Bei der Babymassage oder im Schwimmkurs trifft man auf Gleichgesinnte und findet vielleicht sogar jemanden, mit dem man die erste Babyzeit erleben kann." Eine Erfahrung, die Christoph fehlt.

Der Alltag mit Baby

Dafür erlebt Christoph mit seinem Sohn etwas, das laut Imke wiederum den meisten anderen Vätern fehlt: der ganz normale Alltag mit Baby.

"Wenn Väter in Elternzeit gehen, unternehmen viele Familien gemeinsame Reisen, die sie sonst vielleicht nie hätten realisieren können. Ich persönlich würde mir wünschen, dass Väter die Elternzeit wirklich dazu nutzen, den Alltag zu gestalten. Eben ganz genau das, was eine Mama in der Zeit machen würde."

Einen "besten Zeitpunkt" für eine Vater-Elternzeit gibt es aus Imkes Sicht nicht: "Welches Modell auch immer gut für die Familie ist, wird auch gut für das Kind sein", weiß sie aus ihrer privaten wie beruflichen Erfahrung.

Zeit für den Nachwuchs. Foto: Getty Images

Mehr Möglichkeiten mit "Elterngeld Plus"

Modelle gibt es viele. Und seit Sommer 2015 durch das Elterngeld Plus auch noch deutlich mehr Möglichkeiten, die Betreuungszeiten für Vater und Mutter flexibel aufzuteilen. So können beide Elternteile beispielsweise direkt ab Geburt in Teilzeit arbeiten und gleichzeitig den Einkommenswegfall durch das Elterngeld Plus aufstocken.

Oder sie teilen sich die ersten Monate klassischer auf: Einer geht Vollzeit arbeiten, der andere bleibt beim Kind. Und erst dann nutzen beide die Möglichkeit der Teilzeitarbeit mit Unterstützung durch Elterngeld Plus. Auch gemeinsame Elternzeit-Monate direkt nach der Geburt sind möglich. In allen Modellen lockt der sogenannte Partnerschaftsbonus: Eine Verlängerung der Elternzeit von vier Monaten, in denen beide weiter Bezüge erhalten, wenn sie sich auf eine parallel stattfindende Teilzeitarbeit einigen.

Im Tanzkurs mit Müttern

Christoph hat für das erste Jahr nach der Geburt seines Kindes das klassische Basiselterngeld bezogen. Seine Frau hat kein Elterngeld in Anspruch genommen. Statistisch gesehen passiert das noch sehr selten. Doch das Elterngeld Plus sorgt dafür, dass immer mehr Väter ein für sie passendes Modell der Elternzeit ausprobieren.

Wenn der Trend sich weiter fortsetzt und die Vater-Elternzeiten länger und selbstverständlicher werden, sind Väter in Babykursen hoffentlich schon bald der Normalfall. Bis dahin wird Christoph die Zähne zusammenbeißen. Vor einigen Tagen schrieb er mir, dass er einen neuen Tanzkurs gefunden hat. Auch hier ist er der einzige Mann, aber das Programm tut seinem Sohn so gut, dass er diesen Kurs auf keinen Fall abbrechen will.

"Ich bin groß und dick", schreibt er mir, "aber in Sachen Tanzen mache ich allen Müttern noch was vor!" Als ich die Nachricht lese, freue ich mich sehr für Christoph. Und hoffe insgeheim, dass er nicht nur den Müttern im Tanzkurs, sondern auch zahlreichen Vätern etwas vormacht und sich künftig noch mehr Männer trauen, seinem Beispiel zu folgen.

Alles auf einen Blick

Elterngeld

  • In den ersten 14 Monaten nach der Geburt haben Eltern Anspruch auf mindestens 65 bis maximal 100 Prozent ihres bisherigen Einkommens als Elterngeld.
  • Zwölf Elterngeld-Monatsbeträge können die Eltern untereinander aufteilen.
  • Nutzen Mutter UND Vater das Elterngeld, können sie für zwei zusätzliche Monate Elterngeld beziehen (Partnermonate).

Elterngeld Plus

  • Das Elterngeld Plus beträgt maximal die Hälfte des Betrags, der Eltern ohne Einkommen aus Teilzeit-Arbeit als Elterngeld zustünde.
  • Dafür wird das Elterngeld Plus doppelt so lange gezahlt.

Partnerschaftsbonus

  • Gehen Vater und Mutter parallel in vier aufeinanderfolgenden Monaten 25 bis 30 Wochenstunden in Teilzeit arbeiten, erhalten sie vier zusätzliche Monate Elterngeld Plus.
  • Diesen Antrag können auch Alleinerziehende stellen.

Elternzeit

  • Statt bislang zwölf Monate können Eltern nun 24 Monate Elternzeit beanspruchen.
  • Elternzeit kann pro Elternteil in drei Zeitabschnitte aufgeteilt werden.

Unsere Expertin

Mama-Coach Imke Dohmen. Foto: privat

Imke Dohmen ist Mama-Coach in Hamburg. Auf ihrer Website mutterhelden.de stellt sie ihre Seminar- und Vortragsthemen rund um die Welt junger Mütter (und Väter!) vor.

Die Mutter von zwei Töchtern (drei und sechs Jahre) hat Ihre Ausbildung zum Psychologischen Coach/Berater in der Paracelsus Schule Hamburg absolviert. Sie hat einen Abschluss als Heilpraktikerin für Psychotherapie. Zudem absolvierte sie eine Ausbildung als Systemische Therapeutin, Hypnose- und Traumatherapeutin sowie als Erziehungsberaterin.

Text: Silke Schröckert

wirEltern.de - Newsletter

Gewinnspiele und deine Themen. Jede Woche neu.