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Strategien für ein gutes Miteinander

Wie Geschwister Freunde werden

Eltern können mit vorbildhaftem Verhalten ihre Kinder so prägen, dass sich Geschwister nicht als Rivalen verstehen, sondern ein Gefühl von Sicherheit und Zusammengehörigkeit entwickeln.

 

Manchmal hat das Familienleben etwas Herzzerreißendes. Silja ist drei Jahre alt, ihre ältere Schwester Rebekka gerade sechs. Beide sitzen am Küchentisch und essen. Silja versucht die Aufmerksamkeit ihrer Schwester zu erregen, indem sie laut singt. Rebekka ist ohnehin schon sauer. „Hör auf, Du nervst!“, herrscht sie die kleine Schwester an, die völlig aus der Fassung gerät und schluchzend ruft: „Aber ich will dich doch gar nicht nerven. Ich will doch nur so sein wie du.“

Fluch und Segen von Geschwisterbeziehungen beschäftigen die Menschheit seit Jahrtausenden. Ideale Geschwister, wie Kastor und Pollux, die füreinander bedingungslos einstehen, kannte schon die griechische Mythologie. Seit Kain und Abel wissen wir aber auch, wie schief so manche Geschwisterbeziehung laufen kann. Und nur selten fördern die kindlichen Kabbeleien den Lebenserfolg so nachhaltig wie bei den Klitschkos. Manche Eltern wissen wahre Horrorgeschichten von Streitigkeiten ihrer Kinder zu erzählen. Blaue Flecken, Kratzer oder ein ausgeschlagener Zahn sind keine Seltenheit. 

 

Geschwister bedeuten ein Gewinn an Sicherheit

Warum wünschen sich so viele von uns also sogar einen reichen Kindersegen? Sicher sind wir nicht von Hanni und Nanni paralysiert. Professor Dr. Hartmut Kasten, Frühpädagoge und Familienforscher am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München, bringt es auf den Punkt: „Geschwister erleben Tag für Tag ein Wechselbad der Gefühle: Neid auf den anderen, Enttäuschung, Angst vor Verlust und Versagen – aber auch die Sicherheit von Zusammengehörigkeit und Vertrauen.“ 

Zwar hat er auch die Nachteile des Geschwisterlebens analysiert, weiß aber, dass in aller Regel die positiven Seiten überwiegen. „Einen Bruder oder eine Schwester zu haben, bedeutet für jedes Kind in erster Linie einen Gewinn an Sicherheit, Zusammengehörigkeitsgefühl, Vertrauen, Erfahrung im Umgang miteinander und persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten, den Einzelkinder nicht erleben.“ Blut ist eben doch dicker als Wasser, wie der Volksmund sagt.

 

Bruder und Schwester prägen ein Leben lang

Geschwisterkinder ahnen nicht, wie mühsam es ist, immer sozialkompetent zu sein, denn das ist die Voraussetzung für Einzelkinder, um Mitspieler zu bekommen, die ja nicht automatisch mit im Zimmer oder im Garten sind,“ berichtet die Verhaltensbiologin und Inhaberin der selbstständigen Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen Dr. Gabriele Haug-Schnabel aus ihrer täglichen Arbeit: „Wer Geschwister hat, weiß, dass mit Geschwistern beglückende und vernichtende Erfahrungen gemacht werden können. 

Geschwister können als Schutzfaktoren im eigenen Entwicklungsverlauf wirken – sie können aber auch Risikofaktoren sein, die weit über den Auszug aus dem Elternhaus hinaus Einfluss auf das Leben nehmen. Das haben Geschwisterkinder erlebt und Geschwisterforscher detailliert untersucht.“

Was die Forscher zudem entdeckt haben: Den Eltern kommt die größte Bedeutung zu, wenn es um die Geschwisterbeziehung geht. Wir prägen mit unserem Vorbild und beeinflussen mit unserem Verhalten besonders. Insofern können wir auch viel zum Gelingen beitragen.

 

Eifersüchteleien sind normal, wenn der Nachwuchs einen Bruder oder eine Schwester bekommt

Professor Kasten rät Eltern: „Wichtig ist, dass Sie immer wieder versuchen, die Dinge einmal aus der Sicht Ihrer Kinder zu betrachten: Wie ist das zum Bespiel für ein Kind, wenn sich ein zweites Baby ankündigt und man nicht mehr die Hauptrolle in der Familie spielt? Auf einmal soll man der große, vernünftige Bruder sein. Wie hätten Sie an seiner Stelle reagiert?“ Für viele erstgeborene Kinder wächst sich die Entthronung durch ein neues Geschwisterchen zum echten Trauma aus. 

Monika Schloß erzählt in ihrem Buch „Wie Geschwister Freunde werden“ eine rührende Geschichte dazu: „Eines Tages nimmt die Mutter ihren kleinen Sohn auf den Schoß und sagt: ,Schätzchen, wir haben eine große Überraschung für dich. Bald bekommst du ein Geschwisterchen. Jetzt sag’ mal: Was möchtest du lieber haben – ein Brüderchen oder ein Schwesterchen?’ Worauf der Kleine lakonisch antwortet: ,Einen Hund!’“

Vielleicht will der kleine Junge tatsächlich einen Hund. Wahrscheinlich befürchtet er auch, die Liebe und Aufmerksamkeit seiner Eltern künftig teilen zu müssen. Schon neun Monate alte Babys wissen, dass sie mit ihrem Verhalten Aufmerksamkeit auf sich lenken können. Sie lernen zu lächeln und zu brabbeln. Gleichzeitig bemerken sie, wenn andere Kinder sich entsprechend verhalten und entwickeln eine Eifersucht.

 

Wenn das zweite Kind kommt

Leider lassen sich diese Gefühle auf Dauer kaum vermeiden. Dennoch können wir einiges tun, damit sie nicht zu stark auftreten. Wenn ein Baby unterwegs ist, neigen viele Eltern dazu, sich auf die Schwangerschaft und das Neugeborene zu konzentrieren. 

Dabei braucht gerade jetzt das ältere Kind besondere Beachtung. Binde deshalb das Kind dauerhaft mit ein. Bringe das Thema immer wieder zur Sprache, damit es sich daran gewöhnen kann. Dabei darfst du ruhig darüber reden, dass die Schwangerschaft anstrengend ist und so manche Gereiztheit ihre Ursache darin hat. Dein Kind versteht dann, warum du manchmal anders reagierest als bisher. Richte mit ihm gemeinsam das Kinderzimmer ein, beteilige es an der Namensfindung, nimm es mit zur Ultraschalluntersuchung und unternehme viel gemeinsam, damit dein Kind nicht den Eindruck hat, dass es zu kurz kommt. Bei so einer Vorbereitung kann dein Kind eine Menge Angstgefühle abbauen und freut sich vielleicht auf das Geschwisterchen.

Nun kann es natürlich ganz anders kommen und dein Kind ist verzweifelt, nachdem gerade das neue Geschwisterchen im Haus ist. Es versteht nicht, wie du dieses schreiende, runzlige Etwas lieb haben kannst . Dass das Baby alles darf. In die Windeln machen, nachts die Eltern aufwecken – während es selbst gar nichts mehr darf.

„Niemand hat mich mehr lieb!“, könnte das Gefühl deines Kindes beschreiben. Es wird jetzt vermutlich alles versuchen, um deine Aufmerksamkeit zurück zu bekommen. Dein Kind leidet. Sei deshalb bitte nicht schockiert, wenn es sagt „Schick, das Baby doch zurück!“ Dein Kind ist nicht böse, sondern nur verzweifelt. Lass es seine Wut artikulieren. Nimm dir Zeit. Erkläre, dass du das Kleine nicht zurückgeben kannst. „Ich habe das Kleine genauso lieb wie dich. Und dich würde ich auch niemals hergeben.“

 

Kampf um Liebe und Anerkennung

Geschwister wetteifern um die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern. Zwar lässt es sich nicht ändern, einen Bruder oder eine Schwester zu haben. Das bedeutet aber nicht, dass Kinder dies kampflos akzeptieren. Es kommt so oft zum Streit. 

Je nach Geschwisterfolge können Eltern auf ganz unterschiedliche Herausforderungen stoßen. Und auch hier ist es wichtig, Verständnis für die Situation des Kindes aufzubringen. Die Situation des ältesten haben wir uns schon angesehen. Schloß stellt etwa noch die Situation des „Sandwich-Kindes“ und des „Nesthäkchens“ heraus. Sandwich-Kinder stehen zwischen dem Ältesten und dem Jüngsten. Oftmals bekommen die beiden anderen mehr Beachtung – oder das mittlere Kind empfindet das so. 

Für mehr Anerkennung entwickelt sich deshalb so manches Kind zum Clown, Tollpatsch oder Rebellen. Dabei gibt es auch Vorteile, das Mittlere zu sein. Weil es nicht so sehr im Fokus steht, kann es sich bereits früh entfalten, wird schneller selbstständig und setzt leichter seine Ideen um. Mittlere Kinder orientieren sich gerne an den älteren. Deshalb entwickeln Sandwich-Kinder oft ein gutes Gespür für Diplomatie, können leichter Kompromisse schließen und vermitteln. Eltern sollten sich deshalb bewusst intensiv mit ihm beschäftigen. Denn das Kind hat viele Eigenschaften, die es zu fördern gilt.

Das jüngste Kind nimmt dagegen immer eine Sonderstellung in der Familie ein. Es muss erst mal lernen, sich gegen die Älteren durchzusetzen – mal mit Bitten, mal mit Charme, mal mit Schmeicheln und mal mit Nerven und Gebrüll. 

Weil das Jüngste meist ein Leben lang den „Babybonus“ hat, bekommt es von den Eltern oft den größten Handlungsspielraum. Hier sind klare Grenzen notwendig. Andererseits müssen die Jüngsten erfahren, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, auch wenn die Älteren immer voraus sind. Oftmals suchen sie sich ein Spezialgebiet, in dem sie die anderen überflügeln können. Dafür und für die Entwicklung zur Selbstständigkeit, brauchen Kinder genügend Freiraum. Dabei sind Grenzen und Freiraum kein Widerspruch. Experte Kasten zitiert dazu ein altes Sprichwort: „Kleinen Kindern müssen wir helfen, Wurzeln zu fassen. Großen Kindern müssen wir Flügel schenken.“

 

Familiäre Werte fördern

Wie sich Geschwister entwickeln und gegenseitig prägen, lässt sich nie vorherbestimmen. Als Eltern erreichen wir am meisten durch unser Vorbild, durch das Verständnis für die Situation und entsprechendes Handeln und durch das Fördern familiärer Werte und Eigenschaften wie Solidarität, Vertrauen und vor allen Dingen Geborgenheit. Daraus entstehen dann jene positiven Beispiele: Statt miteinander zu konkurrieren, solidarisieren sich Kinder miteinander, spielen zusammen und sind wirklich ein Herz und eine Seele. Dieses Verhalten lässt sich aber nicht erzwingen. Schloß nimmt in ihrem Buch Geschwisterbeziehungen aus etlichen Blickwinkeln unter die Lupe und gibt wertvolle Hinweise, wie sich die Kinder positiv führen lassen. „Natürlich hängt auch viel von den Eltern ab“, erklärt sie. „Wenn die darauf achten, kein Kind dem anderen vorzuziehen, lässt sich aufkeimende Rivalität leichter vermeiden.“ 

 

Jedes Kind ist anders

Möglich, dass du an dieser Stelle einwendest, dass es gar nicht so einfach ist, kein Kind dem anderen vorzuziehen. Schließlich sind ja auch die Kinder völlig unterschiedlich. Doch genau darin liegt die Lösung.

Natürlich sind sie das. Deshalb ist eine völlige Gleichbehandlung auch nicht möglich. Jedes Kind hat aber seine eigenen Stärken. Ist das eine sportlich, hat das andere vielleicht mehr ein Gefühl für Musik

Expertin Schloß empfiehlt deshalb:

  • Stelle die Stärken des  jeweiligen Kindes heraus.
  • Stelle keines deiner Kinder einem anderen als Vorbild dar. Das schafft nur Unmut.
  • Höre zu, statt zu schimpfen. Greife nie bei Streitereien ein, ohne Partei zu nehmen.
  • Gib allen Kindern eine Chance und lasse sie möglichst Auseinandersetzungen miteinander lösen. 

Dabei musst du sich auch nicht schämen, wenn du dich innerlich einem Kind näher fühlst als einem anderen. Das ist natürlich. Wichtig ist nur, dass du diese Vorliebe nicht nach außen kehrst. Schließlich ist jedes Kind etwas Besonderes. So schlägt Schloß etwa auf die viel gefürchtete Frage „Mami, wen hast Du am liebsten?“ folgende Antwort vor: „Lieb hab ich Euch alle gleich. Aber jeden von Euch lieb’ ich aus anderen Gründen besonders.“ Denn jedes Kind will etwas Besonderes sein und nicht genau so wie die anderen Kinder. Dies ist gleichzeitig der beste Weg zur Entwicklung des eigenen Selbstbewusstseins und zu einer glücklichen Geschwisterbeziehung.

 

10 Regeln, wenn es kracht

1. Spiele bei Streitereien unter den Geschwistern nie den Richter, der zwischen schuldig und nicht-schuldig entscheidet.

2. Bestrafe niemals ein Kind allein. Damit verschärfst du den Konflikt und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.

3. Bleibe ruhig – wer brüllt hat Unrecht.

4. Suche nach der Ursache für den Streit.

5. Stelle fest, warum sich deine Kinder genau so verhalten.

6. Hilf, eine für alle zufriedenstellende Lösung zu finden.

7. Lasse deine Kinder eine Weile allein, damit sich der Zorn legen kann. Redet anschließend ruhig miteinander.

8. Setze auf deine natürliche Autorität. Kinder brauchen eine Respektperson, an der sie sich orientieren können. 

9. Schaffe ein Ventil zum Abreagieren. Ein Punchingball wirkt manchmal Wunder!

10. Lasse zu, dass deine Kinder Aggressionen aktiv abbauen. Von der Kissenschlacht über Wutgebrüll bis zum Wettlauf ist alles angebracht, das Adrenalin abbaut.

 

Buchtipp

Monika Schloß: "Wie Geschwister Freunde werden. So helfen Sie Ihren kleinen Rivalen, sich zu verstehen und zu vertragen", ObersteBrink Elternbibliothek, ISBN: 978-3-934333-26-0; Preis: 14,95 Euro. 

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