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Ein kleiner Leitfaden für den Familienalltag

Wie geht eigentlich (Familien-) Glück?

Was ist Glück? Und was bedeutet Glück für Kinder und Eltern? Wir haben nach Antworten gesucht und wollten wissen, wann wir uns am wohlsten fühlen, wovon unsere Lebensfreude bedroht ist und was wir aktiv für unser Glück tun können.

 

Weißt du, was Stachelschweine und Glück miteinander verbindet? Arthur Schopenhauer, seines Zeichens Philosoph, hat einst eine kleine Parabel verfasst. In dieser drängen sich an einem kalten Wintertag Stachelschweine eng zusammen, um nicht zu erfrieren. Da piksen sie die Stacheln der anderen. So suchen sie eine mäßige Entfernung voneinander, bei der sie die Wärme ihrer Artgenossen spüren, aber nicht deren Stacheln.

Auch wenn der alte Philosoph in seiner Geschichte etwas anderes sah, könnte sie heute doch eine Parabel zum Thema Glück sein. Der bekannte Neurobiologe Gerald Hüther verkündet etwa: „Glücklich sind die Menschen immer dann, wenn sie die Gelegenheit bekommen, ihre beiden Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Nähe einerseits und Wachstum, Autonomie und Freiheit andererseits stillen zu können.“

 

Momente reinen Glücks

Wie die Stachelschweine brauchen wir die Nähe der anderen, ohne uns dabei jedoch eingeengt zu fühlen. Schließlich wollen wir unsere Freiheit, um uns zu entwickeln. Deutlich zeigt sich das bei unseren Kindern. Wenn du dein Kind ruhig beobachtest, wenn es völlig versonnen ins Spiel abgetaucht ist, oder wenn es sich völlig ausgetobt hat und nun zufrieden in deinen Armen liegt, hast du Momente reinen Glücks miterlebt. 

Dabei sind wir Eltern immer als wärmende und sichere Ausgangsbasis gefordert. Wir sind jene, die ihren Nachwuchs liebevoll und motivierend in seiner Entwicklung begleiten. Wenn wir jedoch unsere Kinder in ihren Unternehmungen zu sehr einschränken, kommt ganz schnell das kleine Stachelschwein zum Vorschein und sticht zu.

Die Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel sieht in Eltern deshalb „Entwicklungsassistenten“, die ihr Kind individuell und mit Liebe ermuntern, es aber selbst ausprobieren lassen und erst dann Unterstützung bieten, wenn es sie braucht. „Durch die zunehmende Selbstständigkeit und Wissenserweiterung entsteht ein Gefühl von Eigenkompetenz, das in immer neuen Situationen gestärkt und durch neue Erfahrungen erweitert wird“, schreibt sie in ihrem unlängst erschienenen Buch „Stark von Anfang an“.

 

Glückliche Eltern = glückliche Kinder

Aber reicht das für das Glück? Nicht ganz. Zudem brauchen Kinder noch unsere Liebe, ein ausreichend ausgestattetes Umfeld, Gesundheit und ... glückliche Eltern. 

„Glückliche Eltern = glückliche Kinder“ lautet eine der vielen Glücksformeln. Damit steht es zwar nicht allzu schlecht, aber dennoch bedenklich. Seit 2011 beobachtet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das Glücksempfinden der Menschen in ihren Mitgliedsstaaten. Das Maß ist der Better-Life-Index, der sich auf einer Skala von Null bis Zehn ausdrücken lässt. Die Deutschen landen dabei auf den hinteren Plätzen.

Rund ein Drittel der Befragten geben hierzulande sechs oder weniger Punkte an. Das hat objektive und subjektive Gründe. Zu den Gründen gehören neben Krankheit vor allem finanzielle Sorgen. Denn Geld macht zwar nicht glücklich; ohne fehlt uns jedoch eine Lebensgrundlage. Für Deutschland fordert die OECD deshalb Bildungsgerechtigkeit, anständige Löhne und Steuergerechtigkeit.

 

Die Frage nach Zufriedenheit

Dennoch ist unser Glücks- oder besser Wohlbefinden subjektiv. Es kann also in jedem stecken oder eben nicht. Dabei unterscheiden Glücksforscher wie der Nürnberger Professor Karlheinz Ruckriegel das Zufallsglück „luck“ vom persönlichen Glück „happiness“. Letzteres lässt sich als subjektives Wohlbefinden bezeichnen und ist Gegenstand der Forschung. Wohlbefinden beinhaltet zwei Elemente oder Ebenen: Das emotionale Wohlbefinden, also das Verhältnis zwischen positiven und negativen Gefühlen, und das kognitive Wohlbefinden.

Laut Ruckriegel sollte das Verhältnis zwischen positiven und negativen Empfindungen im Tagedurchschnitt mindestens bei drei zu eins liegen. Unter kognitivem Wohlbefinden versteht die Forschung den Grad der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

Und so formuliert Ruckriegel die Frage nach den Glück: „Wie zufrieden bin ich mit meinem Leben vor dem Hintergrund der Ziele, Wünsche und Erwartungen?“

Von Märchen lernen

Die extremen Typen erleben wir in den Hausmärchen der Gebrüder Grimm. Da ist die Frau des Fischers, die noch nicht einmal glücklich und zufrieden sein kann, als sie Papst ist. Oder „Hans im Glück“, der auch noch glücklich ist, als er gar nichts mehr hat. Hans macht sich frei von allem Habenwollen und allen Erwartungen. 

Deshalb ist er glücklich und deshalb gehören gerade die kleinen Kinder zu den glücklichsten Menschen in unserer Gesellschaft. Wenn sie genügend Geborgenheit spüren, trüben keine Sorgen den Augenblick. Sie Leben im Hier und Jetzt, staunen über die Welt, über Blätter, Käfer und Seifenblasen. Sie freuen sich über sich und über andere Menschen und Tiere, mit denen sie ausgiebig spielen und kuscheln können. „Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn. Ich freue mich vor allem, dass ich bin“, schrieb Mascha Kaléko einst in ihrem Gedicht „Sozusagen grundlos vergnügt“.

Leider erleben auch unsere Kinder im Laufe der Zeit viele Schattenseiten. So verlieren sie ihre Sorglosigkeit und kommen selbst in den Sog des Habenwollens und -müssens. In der Schule und später im Arbeitsleben sehen wir uns vielen Anforderungen ausgesetzt. Das bedeutet noch lange nicht Unglück – solange wir das Gefühl haben, das eigene Leben gestalten zu können.

 

Unglück kommt mit Überforderung

Das Unglück kommt erst mit der Überforderung. Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse (TK) „... zur Stresslage der Nation“ aus dem Jahr 2013 fühlt sich jeder Dritte Deutsche ausgebrannt. Rund 60 Prozent sind gestresst, jeder Fünfte steht unter Dauerdruck

Am meisten davon betroffen sind Eltern. „In der Rushhour ihres Lebens reiben sie sich auf zwischen Kind, Haushalt und Karriere und den eigenen Eltern, die auch immer mehr Hilfe brauchen.“ Hier sind rund 80 Prozent gestresst. Dabei stehen Frauen noch mehr unter Druck als Männer. Je höher Bildungsabschluss und Einkommen sind, desto höher ist auch der Belastungsgrad.

 

Stressfaktor Familie

Sobald drei und mehr Personen im Haushalt leben, steigt das Stresslevel enorm. „Ganz nüchtern betrachtet“, heißt es in der Studie, „Beruf, Privatleben und Kinder – da steigt ... der Nervfaktor“. 71 Prozent der Eltern sind im Stress – nur 29 Prozent bleiben gelassen. 

„Wobei die Kinder selbst gar nicht als größte Belastung empfunden werden. Die hauptsächlichen Stressfaktoren für Eltern sind der Reihenfolge nach: die Arbeit, private Konflikte, die Betreuung der Kinder, hohe Ansprüche an sich selbst sowie finanzielle Sorgen.“ Wieder sind es die Frauen, die am meisten unter Familienstress leiden. 

Unsere Stachelschweine hätten bei so viel Stress wohl längst die Flucht ergriffen oder  den Kopf in den Sand gesteckt. Laut TK-Studie ist das aber der falsche Weg. Wer den Kopf in den Sand steckt, wird schneller krank. Am besten ist es wohl, die Dinge anzupacken und die Herausforderungen anzunehmen. 

 

Schlüssel zum Glück

Trotz Stress sind knapp die Hälfte der Befragten zufrieden mit ihrem bisherigen Leben. Frauen sogar mehr als Männer. „Der Schlüssel zum Glück sind für die allermeisten Familie und Freunde. Für 91 Prozent der Menschen sind sie ein starker Rückhalt. Sieben von zehn Befragten ziehen Energie aus ihrem privaten Umfeld und 58 Prozent finden einen Ausgleich im Engagement in ihrer Freizeit.“

Genau das hat auch die Glücksforschung erkannt. Laut Ruckriegel stehen an erster Stelle soziale Beziehungen, dann psychische und physische Gesundheit, eine befriedigende Tätigkeit und das Gefühl, das eigene Leben gestalten zu können. 

 

Negatives aus der Steinzeit

Warum wir nur so wenig Positives sehen, hat viele Gründe. Hier sind wir den Stachelschweinen wieder ganz nah. Schließlich haben wir in der Zeit, als die Menschheit noch nicht an der Spitze der Nahrungskette stand, ein ganz starkes Gespür für das Negative entwickelt, damit wir bei Gefahr rechtzeitig das Weite suchen können. Glück bestand für uns vielfach darin, genügend zu essen zu haben, was bis zum heutigen Tag Auswirkungen hat. Die östliche und fernöstliche Philosophie versucht dem Negativen entgegen zu steuern. Hier gilt: Wer achtsam, empathisch und freundlich ist und Freude empfindet, sodass er es zu seiner Lebenshaltung macht, kann jederzeit glücklich sein.

Neue Herausforderungen

Zudem stehen wir vor neuen Herausforderungen. Wie das Happiness-Institut 2014 in einer Studie festgestellt hat, stehen wir vor Entwicklungen, deren Konsequenzen unsere Fähigkeit zum empfinden von Lebensfreude herausfordern. Da sind etwa der technische Fortschritt, die Globalisierung und die Umweltverschmutzung. Die elf Forscher aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft sind sich zudem einig, dass sich unser Leben gegenüber früheren Generationen grundsätzlich geändert hat:

1. Im Arbeitsleben steigen die Chancen der Selbstbestimmung und Work-Life Balance. Gleichzeitig steigt die Arbeitsintensität, die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben verschwimmen.

2. Wir wählen unsere sozialen Beziehungen selbst und diese haben eine höhere Qualität. Virtuelle Beziehungspflege ist wichtig, kann aber die für die Lebensfreude entscheidenden Face-to-Face-Kontakte nicht ersetzen.

3Die Freizeit ist zunehmend professionalisiert und geplant. Berufliches findet auch im Privaten statt. Darüberhinaus stehen soziale Aktivitäten im Vordergrund. Unverplante Zeit gibt es kaum noch.

4. In Bezug auf die Gesundheit sind wir immer selbstbestimmter und greifen dabei auf das Internet und Apps zurück. Die Anforderungen an einen ausgewogenen Lebensstil und die Selbstbeobachtung steigen, aber auch das Eigeninteresse, informiert zu sein.

5. Zu viel Verantwortung, Entscheidungsdruck und mangelnde soziale Einbindung sind entscheidende Belastungsfaktoren.

 

Handeln für das Glück

Die Studie lässt sich leicht im Internet finden. Hier die Handlungsstrategien für mehr Lebensfreude:

• Eigene Werte und Prioritäten entwickeln: Eigene Werte, Ziele und Bedürfnisse identifizieren. Prioritäten setzen. Reflexion und Gefühle dokumentieren. Eine „Vision“ für das eigene Leben entwickeln. 

• In soziale Beziehungen investieren: Anerkennung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenken. Mitstreiter finden. Balance zwischen engen und losen Kontakten halten. Dem Anderen Freiheit und Autonomie ermöglichen. 

Aktives Zeitmanagement: Zeit für Arbeit und Privatleben konsequent planen. Erreichbarkeit einschränken. Auszeiten und Zeit für sich selbst planen.

Achtsamkeit und Konzentration üben: Fokus auf einige wenige Prioritäten. Ablenkungen vermeiden, offline gehen. Gelassenheit in Bezug auf alles, was keine Priorität genießt. Perfektionismus reduzieren. 

Das Leben aktiv gestalten: Lebensfreude aus verschiedenen Quellen ziehen, einseitigen Fokus etwa auf Arbeit vermeiden. Bewusst ungewohnte Perspektiven einnehmen („Reframing“). Spielräume identifizieren und ausprobieren, Experimente wagen.

 

Wir brauchen ein Schulfach „Glück“

Vieles davon hört sich kompliziert an, ist es aber gar nicht. Letztlich hätte uns sogar der Schulunterricht darauf vorbereiten können. 

Für uns Erwachsene bleibt, uns regelmäßig selbst dazu zu ermahnen, unseren Blick auf Positives zu lenken und unser Verhalten in Richtung der vorgenannten Handlungsstrategien zu lenken. Bücher und Workshops können dabei helfen. Für unsere Kinder sollten wir uns dringend für eine Schule einsetzen, die sie auf das Leben vorbereitet. Es hilft nicht viel, die hohe Literatur zu kennen oder mit Logarithmen rechnen zu können, wenn wir nicht gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen oder hilflos vor einer Steuererklärung sitzen. Mit dem „Schulfach Glück“ versucht die „Stiftung Kinderjahre“ und die Stiftung von Eckart von Hirschhausen „Humor hilft heilen“, diesen Weg einzuschlagen.

 

Achtsam miteinander umgehen

Für uns und unsere Familien gilt, achtsam, empathisch und wertschätzend miteinander umzugehen. Denn sie sollten für alle Quelle der Kraft sein, statt Ausgangspunkt von Konflikten. 

Gerade in Stressphasen bleiben Gefühl und Intuition oftmals auf der Strecke. Seit Jahrzehnten engagieren sich etwa Adele Faber und Elaine Mazlish für eine gelungene Kommunikation innerhalb der Familie. Über 40.000 Elterngruppen in der ganzen Welt nutzen ihre Workshops und Programme. Das hat so manches Elternverhältnis und so manche Familie gerettet. Ihr Ziel, die Würde und Menschlichkeit im Miteinander zu stärken, gilt für alle sozialen Beziehungen. Denn wer möchte nicht geachtet, geliebt, wahr- und ernstgenommen werden. So ist das Gespräch miteinander der wesentliche Schritt zum Glück. Das unterscheidet uns doch sehr von den Stachelschweinen.

 

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