Die Babywelt ist bunt Im Einwanderungsland Deutschland mischen sich die Kulturen

Die Eltern kommen aus Ghana, Gambia, Ägypten, Taiwan und Portugal. In den Großstädten hat fast jeder Dritte schon einen Migrationshintergrund. Am häufigsten liegen die kulturellen Wurzeln in der Türkei. Und während die Deutschen die niedrigste Geburtenrate in Europa haben, können sich Frauen aus anderen Kulturen und von anderen Kontinenten kein oder nur ein Kind gar nicht vorstellen.

So wird Deutschland immer bunter und jede Kultur bringt eigene Vorstellungen und Gewohnheiten über Kindererziehung mit sich. Überall haben die Familie und die Förderung von Kindern einen anderen Stellenwert. Manches bewahren sich Migranten aus ihrer Heimat, anderes übernehmen sie von den Deutschen.
 

Ghana: Die Gemeinschaft zieht die Kinder groß

Beatrice Frimpong (35) aus Ghana hat drei Kinder. Sie lebt als Alleinerziehende mit der kleinen Audrey (1), mit Perry (3) und seinem großen Bruder Jon (5) in einer Zweizimmerwohnung. Alle drei gehen in den Internationalen Kinderladen in Hamburg Altona. Auch der Vater lebt in Deutschland, arbeitet aber in Kellenhusen. „Die Kinder kennen ihn überwiegend vom Telefon“, sagt Beatrice und zuckt mit den Achseln. „Natürlich ist das nicht gut für die Kinder, aber was sollen wir machen?“, fragt sie etwas ratlos und ergänzt: „Ich sage oft zu Gott, hilf mir, auf meine Kinder aufzupassen, damit sie eine gute Zukunft haben.“ In Ghana werden alle Kinder in sehr große, für uns unüberschaubare Familien, hineingeboren. Sie haben von Anfang an viele Menschen um sich und somit auch viele, die sie großziehen. Es ist eine Ausnahme, wenn ein Kind ganz „normal“ bei Mutter und Vater aufwächst. Beatrice: „Meine Schwester und mein Bruder leben hier. So haben wir wenigs­tens am Wochenende ein bisschen Familie.“ Mit ihren Kindern ist sie streng. „Ich will nicht, dass meine Kinder jemals anfangen zu rauchen oder Alkohol zu trinken.“ Was Beatrice hier fehlt, ist Hilfsbereitschaft. „Hier lebt jeder für sich und es kann passieren, dass einer stirbt und keiner merkt es.“ In Ghana ist das Kind, so lange es klein ist, immer dabei. Ob es nun die Oma oder die Tante ist, das Kind wird schon gleich nach der Geburt und teilweise bis zum dritten oder sogar vierten Lebensjahr auf dem Rücken getragen. Egal wohin gegangen wird, ob zum Einkaufen, zu Freunden oder auch zum Tanzen, das Kind ist mit dabei. Wenn ghanaische Kinder nicht mehr auf dem Rücken getragen werden, werden sie sehr schnell selbstständig, schon, weil  es kaum Verbote für sie gibt. Sie laufen im Dunkeln alleine nach Hause, sie können mit vier Jahren schon alleine kochen und waschen.

Die Mehrzahl der Einwanderer aus anderen Nationen in Deutschland hat einen muslimischen Hintergrund. In diesem Kulturkreis können sich Eltern ein Leben ohne Kinder kaum vorstellen.  Kinder spielen bei Muslimen auch für den Unterhalt der Familie und die Altersversorgung eine wichtige Rolle. Sind die Kinder klein, kümmern sich die Eltern um sie. Sind sie dann erwachsen, kümmern sich die Kinder um die Eltern. Der Familiensinn ist sehr ausgeprägt. Staatliche Fürsorge und Altenheime sind so gut wie unbekannt in der islamischen Welt. Viele Muslime betrachten diese Einrichtungen in der westlichen Welt als Kennzeichen einer beziehungskalten Gesellschaft und die Trennung von Eltern und Kindern im Alter als Hinweis auf deren mangelnde Ehrerbietung den Eltern gegenüber.

Türkei: Kinder müssen ihre Grenzen kennen

© Peter Pototzki

Der kleine Ali (2) und sein Vater Mehmed (34) haben eine innige Beziehung. Die Mama, Yesim, ist wieder schwanger und erwartet das dritte Kind. Sie war Verkäuferin, ist aber seit sie Mutter ist, zu Hause. „Mütter gehören nach Hause, wenigstens in der ersten Zeit.“ Das meint ein Großteil hier lebender türkischer Familien. Der Mann hat die Familie zu versorgen. Jedenfalls dort, wo er genug für den Familienunterhalt verdient. Die Familie meint: „Ein Kind ist zu wenig, zwei Kinder gehen, aber am besten sind drei.“ Der Vater wünscht seinem Sohn „einen guten Beruf, ein schönes Leben und eine schöne Zukunft.“ Wichtige Werte, die der türkische Vater seinen Kindern vermitteln möchte sind: „Sie sollen nicht lügen. Wenn sie Fehler machen, sollen sie dazu stehen und damit zu mir kommen. Sie sollen ihre Grenzen kennen und Vertrauen haben.“ Eine Studie der Universität Bamberg kommt zu dem Ergebnis, dass gerade türkische Migranten den Kreislauf „Großvater war Arbeiter, Vater ist Arbeiter“ durchbrechen wollen: „Unter türkischen Einwanderern, die selbst oft nur wenige Jahre eine Schule besucht haben, ist der Wunsch verbreitet, dass ihre Kinder studieren und einen angesehenen Beruf ergreifen, zum Beispiel Anwalt oder Arzt. Sie sind sehr ehrgeizig, was das spätere Leben ihrer Kinder angeht.“ Allerdings sind sie oft wenig informiert, was das Bildungssystem angeht und überlassen die Förderung allein den Lehrern. Auf der anderen Seite attestierten sie ihren Söhnen und Töchtern auch mehr Freude an der Schule als andere Eltern. In der Studie zeigte sich, wie ausgeprägt der Wunsch nach einem sozialen Aufstieg für die Kinder ist. Eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung hat ebenfalls ergeben, dass Migranten karriereorientierter und interessierter am beruflichen Fortkommen sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Ein türkisches Sprichwort besagt: „Wenn du ertrinkst, ertrinke in großen Gewässern.“

Ein etwas anderes Familienbild als in Deutschland herrscht in den nordischen Ländern Europas, wie Schweden oder Norwegen. Schweden verfügt beispielsweise über die höchste Dichte an öffentlichen Einrichtungen zur Kinderbetreuung. Das familienpolitische Konzept geht vom Zwei-Verdiener-Haushalt aus, denn die Schweden sind für die Gleichstellung der Geschlechter, genauso wie die Norweger oder Dänen. Allerdings hat sich in den letzten zehn Jahren die Position von Familien mit Kindern und von Alleinerziehenden verändert. Auch die Schwedinnen bekommen weniger Kinder. Einen großen Vorteil hat die schwedische Familie aber gegenüber der anderer europäischer Länder: den 450 Tage zählenden Elternurlaub und einen 30-tägigen Urlaub für die Väter von Neugeborenen.

Frankreich, dessen Familienpolitik ebenfalls auf dem Leitbild des Zwei-Verdiener-Haushalts beruht, steht in Europa für die größte Vielfalt an staatlich geförderten privaten und öffentlichen Betreuungsmöglichkeiten. Für die Familienförderung gibt der französische Staat 2,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Vom zweiten Kind an erhalten Familien monatlich Kindergeld, für jedes weitere Kind entsprechend mehr. Der Kinderfreibetrag vermindert das  zu versteuernde Einkommen. Zum Schulanfang gewährt der Staat eine Beihilfe. 5,7 Millionen Schüler von sechs bis 18 Jahren profitieren davon. Die öffentlichen Ganztagsschulen sind kostenlos, nur die Mahlzeiten müssen bezahlt werden. Außerdem haben Französinnen die Möglichkeit, ihre Kinder früh ganztags betreuen zu lassen.

Für Japan gilt: Je teurer die Kinder, desto weniger werden geboren. Hinter japanischer Familienplanung stehen ökonomische Gesetze. Die Ausbildungskosten sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen, die Geburtenrate hingegen sinkt. Auch Japans Politiker klagen über eine „alternde Gesellschaft.“ Bis zu 30 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens müssen für ein Schulkind veranschlagt werden, einschließlich Nachhilfe- und Violine-Stunden. Die Frauenzeitschrift „Josei Jishin“ rechnete aus, dass ein Kind von der Geburt bis zum Ende der Ausbildung im Durchschnitt mehr als umgerechnet 150.000 Euro kostet. Teurer wird die Ausbildung, wenn die Sprösslinge auf eine Elite-Universität sollen, was japanische Eltern oft anstreben. Schon die privaten Schulen zur Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfungen verschlingen Unsummen.

Gambia: Quatsch, wenn eine Mutter bei einem Kind zu Hause bleibt

© Peter Pototzki

Nyima Tatta (25) aus Gambia ist eine alleinerziehende Karrieremutter. Sie ist Inhaberin eines Friseursalons, der sich auf Extensions spezialisiert hat. „Ich arbeite zwölf Stunden am Tag.“ Baby Noah, wie ihr einjähriger Sohn heißt, ist der Star des Internationalen Kinderladens und besucht schon, seit er sechs Monate alt ist, die Krippe dort. Er ist von morgens um 9 Uhr bis um 16:30 Uhr am Nachmittag hier. Seine Mutter lebt seit zwölf Jahren in Deutschland. „Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich so viel arbeite“, sagt die hübsche, junge Frau. „Aber dann wieder denke ich, was für ein Quatsch. Noah braucht ja nicht den ganzen Tag über mich, sondern vor allem andere Kinder.“ In der Kinderkrippe ist er bestens aufgehoben und wird aufmerksam betreut. Seine Mutter sagt: „Er ist ein ausgeglichenes und glückliches Kind. Ich sehe bei Müttern, die den ganzen Tag zu Hause sind, dass die Kinder sich langweilen. Auch Noah wird unleidlich, wenn er nicht genug Anregung durch andere Kinder hat.“ Jetzt, mit einem Jahr, kennt er schon den Weg und freut sich morgens auf die vielen  anderen Kinder. An deutschen Eltern gefällt Nyima Tatta, dass die ihren Kindern zuhören, auf sie eingehen und sich mit ihnen beschäftigen. „So viel Aufmerksamkeit bekommen Kinder bei uns nicht. In Gambia lebt man in Großfamilien mit vielen Kindern und die besten Freunde sind meistens Cousins oder Cousinen.“ Als Nachteil für Kinder in Kleinfamilien empfindet die Afrikanerin, dass sehr viel Kontrolle ausgeübt wird. Für ihren Sohn wünscht sie sich eine gute Schul- und Ausbildung. „Ich bringe ihm gute Manieren bei, und dass er Respekt vor anderen Menschen hat. Ich möchte, dass er im Leben weiterkommt.“ Noahs Vater lebt in Gambia.

Wie teuer Kinder in den USA sind, das bekommen die Amerikaner immer stärker zu spüren. Kinder sind gleich nach dem Hauskauf die mit Abstand höchste „Investition“. Die Aufwendungen für Schule, College, Universität gehen in die Hunderttausende. In einem Land, in dem die Herkunft und Bildung entscheidend zur Karriere beitragen, sparen viele Eltern jeden Dollar, um ihren Kindern später ein Studium zu finanzieren. Und dabei ist nicht Harvard gemeint. Schon ein ordinärer Master of Law in der Fordham University of New York kostet zigtausend Dollar an Schulgebühr. Schon ein normaler Kindergarten liegt monatlich im vierstelligen Bereich. Ähnliche Preise sind für Vorschule, Grundschule und High School zu entrichten. Bei Besserverdienenden ist die gesamte Ausbildung der Kinder privatwirtschaftlich organisiert. Doch nicht nur Schulen und Universitäten des Landes machen Eltern zu armen Leuten. Auch für die kleinen Dinge des Alltags müssen Amerikaner tief in die Tasche greifen: Abgesehen davon, dass es in den USA kein Kindergeld gibt, sind auch die Steuerfreibeträge für Kinder extrem gering. Sportvereine wie in Deutschland gibt es quasi nicht, Sport wird in der Schule getrieben oder im Proficlub. Wer seine Kleinen dennoch körperlicher Ertüchtigung aussetzen will, muss mehrere hundert Dollar für ein paar private Gymnastikstunden aufbringen.

Auch in Großbritannien ist ein Kind ein  teures Vergnügen. Das geht schon mit der Kinderbetreuung los und in Schule und Uni weiter. Wohnungs- oder Häuserpreise werden in Großbritannien nach Anzahl der Schlafzimmer berechnet und sind citynah so hoch, dass Familien, sobald sie Kinder haben, in die entlegenen Randgebiete ziehen. Babygläschen, Babybrei und Pampers kosten zwei- bis dreimal so viel wie in Deutschland. Ist der Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus, kommt der Kindergarten. Den staatlichen Kindergarten gibt es ab drei Jahren halbtags gratis, jedoch passen die Zeiten meist nicht mit der Berufstätigkeit der Ehefrau zusammen.

© Peter Pototzki

Wie teuer Kinder in den USA sind, das bekommen die Amerikaner immer stärker zu spüren. Kinder sind gleich nach dem Hauskauf die mit Abstand höchste „Investition“. Die Aufwendungen für Schule, College, Universität gehen in die Hunderttausende. In einem Land, in dem die Herkunft und Bildung entscheidend zur Karriere beitragen, sparen viele Eltern jeden Dollar, um ihren Kindern später ein Studium zu finanzieren. Und dabei ist nicht Harvard gemeint. Schon ein ordinärer Master of Law in der Fordham University of New York kostet zigtausend Dollar an Schulgebühr. Schon ein normaler Kindergarten liegt monatlich im vierstelligen Bereich. Ähnliche Preise sind für Vorschule, Grundschule und High School zu entrichten. Bei Besserverdienenden ist die gesamte Ausbildung der Kinder privatwirtschaftlich organisiert. Doch nicht nur Schulen und Universitäten des Landes machen Eltern zu armen Leuten. Auch für die kleinen Dinge des Alltags müssen Amerikaner tief in die Tasche greifen: Abgesehen davon, dass es in den USA kein Kindergeld gibt, sind auch die Steuerfreibeträge für Kinder extrem gering. Sportvereine wie in Deutschland gibt es quasi nicht, Sport wird in der Schule getrieben oder im Proficlub. Wer seine Kleinen dennoch körperlicher Ertüchtigung aussetzen will, muss mehrere hundert Dollar für ein paar private Gymnastikstunden aufbringen.

Auch in Großbritannien ist ein Kind ein  teures Vergnügen. Das geht schon mit der Kinderbetreuung los und in Schule und Uni weiter. Wohnungs- oder Häuserpreise werden in Großbritannien nach Anzahl der Schlafzimmer berechnet und sind citynah so hoch, dass Familien, sobald sie Kinder haben, in die entlegenen Randgebiete ziehen. Babygläschen, Babybrei und Pampers kosten zwei- bis dreimal so viel wie in Deutschland. Ist der Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus, kommt der Kindergarten. Den staatlichen Kindergarten gibt es ab drei Jahren halbtags gratis, jedoch passen die Zeiten meist nicht mit der Berufstätigkeit der Ehefrau zusammen.

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