Die K-Frage Mütter zwischen Kind und Karriere

Zu wenig Betreuungsplätze, antiquierte Rollenmodelle, Perfektionswahn: Welche Stolpersteine Müttern auf ihrem Weg nach oben begegnen und wie sie sie aus dem Weg räumen.

Alexa Rothmund beherrscht Spagat. Sie ist keine Balletttänzerin oder Turnerin, sondern Mutter. Und: berufstätig. Morgens leitet sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Studio Hamburg, nachmittags baut sie mit Söhnchen Emilian auf dem Spielplatz Sandburgen. Wie die 38-Jährige den Spagat hinkriegt? „Es verlangt unheimlich viel Organisationsgeschick, Familie und Beruf zu vereinbaren“, sagt sie. Zum Glück kann Alexa Rothmund auf die Unterstützung ihres Mannes zählen. Und: auf die ihres Chefs. Das können hierzulande immer noch wenige berufstätige Mütter. Das ist nur ein Grund, weshalb sich Muttersein und Karriere machen immer noch schwer unter einen Hut bringen lassen. Die Sprossen der Karriereleiter sind nämlich äußerst fragil, wenn man ein Kind hat. Und noch dazu gespickt mit Stolpersteinen. Kinder sind Karrierebremsen, sind sich Cornelia Spachtholz, Vorsitzende des Verbands berufstätiger Mütter e. V. (VBM) und Cornelia Heckermann, Projektmanagerin bei Worklife Hamburg, einig. „Erst langsam erkennen Arbeitgeber den Mehrwert von  Beschäftigten mit Kindern – dazu gehören Kompetenzen wie Organisationstalent, Kommunikationsgeschick, Durchsetzungsvermögen und Flexibilität“, sagt Spachtholz.

Starre Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle

Mit dieser Art von Flexibilität ist es auf Seiten der Arbeitgeber indes nicht so weit her. Wer Karriere machen will, muss anwesend sein, so das altgediente Credo deutscher Unternehmen. Wer nicht Vollzeit vor Ort ist, hat in puncto Karriere schlechtere Karten – ein K. o.-Kriterium für das Teilzeitmodell, in dem laut Mikrozensus zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf 2011 mehr als zwei Drittel der aktiv erwerbstätigen Mütter in Deutschland gearbeitet haben.

Spachtholz: „Unterbricht eine Frau ihren Beruf, um ihre Kinder zu betreuen, wird der Wiedereinstieg in ihren vorherigen Job mit Qualifikation beziehungsweise Führungsverantwortung erfahrungsgemäß schwierig. Denn es gibt kaum Unternehmen, die Karriere in Teilzeit fördern“, sagt Spachtholz. Die VBM-Vorsitzende fordert deshalb bessere  Karriereoptionen für Mütter, die Teilzeit arbeiten. Das Teilzeitmodell ist übrigens typisch weiblich: Gerade mal 6,2 Prozent der Väter gingen 2011 einem solchen Beschäftigungsverhältnis nach.  

Frauen an den Herd: Rollenmodelle

Typisch weiblich – typisch männlich: Traditionelle Rollenmodelle sind ebenfalls ein Stolperstein. Der Klassiker, Mama erzieht die Kinder, Papa bringt das Geld nach Hause, ist für die meisten Frauen heute kein bevorzugter Lebensentwurf mehr schon allein aus finanziellen Gründen. Frauen haben heute die freie Wahl, ihr Leben zu gestalten und können dabei aus vielfältigen Modellen wählen. Was sie dabei meist nicht im Blick haben, sind die Rahmenbedingungen, die an das jeweilige Lebensmodell geknüpft sind. Sicher: Die Väter unterstützen ihre Frauen und mischen bei Kinderbetreuung und -erziehung tatkräftig mit, wie die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Demnach haben 2011 27,3 Prozent der Väter Elterngeld bezogen – ein neuer Höchststand seit Einführung des Elterngeldes.

Das Problem: „Die traditionellen Rollenbilder bestimmen immer noch die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft. Kinderbetreuung, Steuerrecht, um nur zwei zu nennen, sind auf das männliche Ein-Ernährer-Modell zugeschnitten. Das macht es schwer bis unmöglich, moderne Rollenbilder im Alltag zu leben“, erklärt Spachtholz. Das weiß auch Cornelia Heckermann, die Mütter beim Wiedereinstieg in den Beruf nach der Babypause berät: „Oft fallen Mütter und Väter nach der Geburt des Kindes in alte Rollenmuster zurück, obwohl sie es zuvor anders vereinbart haben.“

Perfekt, perfekter, Mama: Perfektionswahn

Was die Projektmanagerin in ihren Gesprächen auch immer wieder beobachtet: Mütter haben in allen Bereichen – bei der Kindererziehung, im Haushalt und bei der Arbeit – extrem hohe Ansprüche an sich selbst. „Mütter wollen alles perfekt machen. Wenn sie in einem Bereich nachlassen, plagt sie sofort das schlechte Gewissen.“ Liebevolle Mutter, begehrenswerte Partnerin, eifrige Hausfrau, toughe Businessfrau – und das alles nicht nur irgendwie, sondern perfekt. „Das gleicht Hochleistungssport!“, meint Spachtholz. „Mit dem Unterschied, dass Hochleistungssportler im Gegensatz zu Müttern Unterstützung von Trainern, Physiotherapeuten und anderen Profis erhalten.“ Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen.

Eine Studie hat gezeigt, dass Mütter heute häufiger erschöpft und krank sind, als noch vor zehn Jahren. Die Zahl jener mit Symptomen eines Burn-outs, ist um 30 Prozent gestiegen. Zu allem Überfluss liefern sich Mütter untereinander auch noch erbitterte Konkurrenzkämpfe, wer den Spagat zwischen Kind und Job besser hinkriegt, anstatt sich gegenseitig zu unterstützen. Heckermann rät: „Mütter müssen Prioritäten setzen. Sie sollten sich fragen: Will ich hauptsächlich Mutter sein und im Beruf kürzer treten oder will ich meine Karriere pushen und weniger Zeit für meine Kinder haben? Oder will ich von beidem gleich viel – und damit weniger Beruf beziehungsweise Karriere?“ Egal, für was sie sich entscheiden: Mütter sollten sich nicht scheuen, ihre Wünsche klar formulieren und den Partner, Familie und Freunde um Unterstützung zu bitten, wenn sie sie brauchen.

Homeoffice ist beispielsweise ein familienfreundliches Modell
Homeoffice ist beispielsweise ein familienfreundliches Modell
©iStock.com / monkeybusinessimages

Bitte recht familienfreundlich!

Umdenken müssen aber nicht nur die Mütter, sondern auch Unternehmen. „Viele sind dabei, eine familienfreundliche Unternehmenskultur zu entwickeln. Allerdings gibt es da in Deutschland noch viel zu tun“, betont Spachtholz. Was zeichnet nun einen familienfreundlichen Betrieb aus? Flexiblere Arbeitszeiten, sagen 89 Prozent der Deutschen, die im Rahmen des „Monitors Familienleben 2012“ befragt wurden. Außerdem: ein offener Umgang mit dem Thema Familie. „Wenn man mit seinem Vorgesetzten vertrauensvoll über Familiengründung sprechen kann, ohne Karriereverlust befürchten zu müssen oder ohne gar Sorge zu haben, den Arbeitsplatz zu verlieren, ist das für beide Seiten eine Win-win-Situation. Der Arbeitgeber kann in puncto Personalentwicklung viel besser agieren; der Arbeitnehmer kann wiederum die Elternzeit und die Rückkehr in den Beruf besser planen“, sagt die VBM-Vorsitzende.

61 Prozent der Deutschen wünschen sich laut Familienmonitor eine eigene Kinderbetreuung für den Nachwuchs der Mitarbeiter. Ist das nicht möglich, bietet ein familienfreundlicher Arbeitgeber einen Zuschuss zur Kinderbetreuung beziehungsweise Belegplätze in der Kita an. Eine familienfreundliche Personalpolitik ist letztlich eine Frage der Einstellung: Unternehmen, die bereit sind, alte Denkmuster durchbrechen und Kollegen mit Kindern nicht als Hemmnis, sondern als Bereicherung sehen, sind auf dem besten Weg zu einem „Great Place for families to Work“. Für Mütter gilt: Dran bleiben, um die Karriere zu verfolgen und sich nicht von Widrigkeiten abschrecken lassen!

Checkliste: So gelingt der Wiedereinstieg in den Job

  • Kontakt halten. Sich schon während der Elternzeit regelmäßig mit Arbeitgeber und Kollegen austauschen, um auf dem Laufenden zu bleiben.
  • Strategisch planen. Für sich rechtzeitig klären, was man beruflich erreichen will.
  • Klar kommunizieren. Wünsche und Vorstellungen formulieren und aktiv mit Vorschlägen auf den Arbeitgeber zugehen (Stichwort Arbeitszeitmodell). Die Bedürfnisse des Arbeitgebers dabei nicht aus den Augen verlieren!
  • Up to date sein. Sich während der Elternzeit fortbilden, zum Beispiel mit Literatur. Möglicherweise bietet der Arbeitgeber sogar eine Weiterbildung an?
  • Praktisch üben. Schon frühzeitig vor der Jobrückkehr die Abläufe durchspielen, um sich an den neuen Alltag zu gewöhnen.
  • Den Partner einbeziehen. Die Vorstellungen hinsichtlich des Wiedereinstiegs mit dem Partner besprechen und die Arbeitsteilung im Alltag durchziehen.
  • Sich Hilfe holen. VBM, Worklife – Institutionen, die bei der Rückkehr in den Beruf unterstützen, gibt es deutschlandweit.
  • Auszeit gönnen. Bei allem Engagement sollte man sich hin und wieder auch Zeit für sich nehmen, um aufzutanken.

Unsere Expertinnen:

Cornelia Spachtholz, Vorsitzende des Verbands berufstätiger Mütter e. V. (VBM), www.vbm-online.de

Cornelia Heckermann, Projektmanagerin bei der Worklife Koordinierungsstelle Familie und Beruf Hamburg, www.worklife-hamburg.de

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