Mom-Shaming: Wenn Mütter Mütter mobben

Spitze Bemerkungen, abwertende Blicke, offene Anfeindungen: Die Mehrheit der Mütter gibt an, dass sie schon einmal für den Umgang mit ihrem Kind kritisiert wurde. Vor allem in den eigenen Reihen herrscht wenig Zusammenhalt: Ganze 86 Prozent wünschen sich mehr Unterstützung durch andere Mamas. Die Kampagne #coolmomsdontjudge fordert Mütter nun zu mehr Toleranz untereinander auf.

"Kein Kind muss SO schreien!", behauptet die Frau an der Kasse vor mir. "Man muss denen nur in die Augen schauen, dann weiß man, was die haben." Sie sagt es nicht zu mir. Sie sagt es zur Kassiererin, der sie gerade ihre EC-Karte reicht. Aber natürlich höre ich, was sie sagt. Und es ist offensichtlich, dass ich hören SOLL, was sie sagt. Denn das Kind, das sie meint, ist meine Tochter. Die sitzt schreiend im Buggy und lässt sich seit Minuten nicht beruhigen. "Macht ja aber keiner mehr heute!", wettert die Fremde nun. Die Kassiererin antwortet nicht. "Die starren ja alle nur auf ihre Handys", zischt die Frau unbeirrt weiter und schielt auf das Smartphone in meiner Hand. Ich atme hörbar ein. Und stecke peinlich berührt das Handy weg, mit dem ich gerade die Adresse des Kinderarztes raussuchen wollte. Ich rufe mir das Motto meiner Mutter ins Gedächtnis: "Nicht ärgern, nur wundern. Aber wundern darf man sich sehr." Also wundere ich mich wirklich sehr über das Bedürfnis dieser Dame, eine fremde Frau in der Schlange vor der Kasse – mich – derart zu verurteilen. Aber halte ihr zugute, dass sie vermutlich selbst noch keine Kinder hat. Und einfach nicht weiß, was es bedeutet, wenn eine Einjährige einen Backenzahn bekommt. Die Frau packt ihre Einkäufe ein. Im Gehen dreht sie sich noch einmal um und sagt diese beiden Sätze, über die ich mich dann doch noch richtig ärgere: "Ich muss es wissen. Ich habe selbst zwei."

"Mom-Shaming" und "Mom-Bashing"

Warum muss es ausgerechnet eine andere Mutter sein, die so hart mit mir ins Gericht geht? Diese Frage habe ich mir schon in vielen Situationen gestellt. Wenn ich zum Beispiel auf dem Spielplatz zum Fläschchen griff, weil mir das Stillen in der Öffentlichkeit unangenehm war. Von Lästereien über Sticheleien bis hin zu öffentlichen Beschimpfungen habe ich da alles erlebt. "Sowas gab es bei uns nicht!", kommentiert meine Mutter meine Erzählungen. Ihre Erklärung leuchtet mir ein: "Wir waren uns eben einig. Beim Füttern zum Beispiel gab es eine Regel: Gestillt wird alle vier Stunden. Da gab es gar keinen Grund zum Lästern. Das haben schließlich alle so gemacht." Heute, mit zahlreichen neuen Erkenntnissen zum Thema Säuglings-Ernährung, müssen Eltern sich allein bei diesem Thema ganz anders positionieren. Sie müssen viel mehr Entscheidungen fällen. Und diese dann auch rechtfertigen. Die Folge: Es wird mehr gelästert und verurteilt.

77 Prozent der Mütter geben an, dass sie schon einmal für den Umgang mit ihrem Kind kritisiert wurden. 72 Prozent von ihnen fühlten sich deshalb als schlechte Mutter. Ganze 86 Prozent wünschen sich mehr Unterstützung durch andere Mütter. Das sind Ergebnisse einer Studie des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des Bio-Breiherstellers Löwenzahn Organics. Das Phänomen hat einen Namen: "Mom-Bashing", also das Heruntermachen von Müttern, oder "Mom-Shaming", also Schamgefühl verursachen. Unter dem Hashtag #coolmomsdontjudge ("Coole Mütter urteilen nicht") hat Löwenzahn Organics gemeinsam mit Bloggern, Unternehmerinnen und Autorinnen nun eine Kampagne gestartet, die Schluss machen will mit dem "Mom-Bashing" – und zu mehr Toleranz aufruft.

Mehr Toleranz und Unterstützung von Müttern für Mütter: Das wünscht sich laut einer Studie von Löwenzahn Organics die Mehrheit der Mütter
Gute Mutter – schlechte Mutter

Meine Kinder sind eineinhalb und vier Jahre alt. Ich kann nicht zählen, wie oft ich schon in der Schlange an der Kasse stand, während mindestens eines von ihnen durch den ganzen Laden schrie. Nicht, weil es wirklich Schmerzen hatte, wie meine Tochter in dem Beispiel zu Beginn dieses Textes. Sondern ganz einfach, weil es nicht bekam, was es wollte. Man wird gelassener, natürlich. Und dennoch: Die Blicke, die Bemerkungen, allein die Anwesenheit der Beobachter verursachen Stress. Sie schüren das schlechte Gewissen und die Selbstzweifel: Weshalb passiert das immer wieder? Was mache ich falsch? Und die ganz große Angst: Bin ich eine schlechte Mutter? Als ich noch Mitglied im Management einer großen Werbeagentur war, hat Kritik in mir keine persönlichen Zweifel hervorgerufen. Im Gegenteil. Ich habe selbst darüber referiert, wie hilfreich Kritik sein kann. Kein Grund zur Wut oder zum Zergehen in Selbstzweifeln, sondern eine Chance! Doch als Mutter? Da reicht eine einzige blöde Bemerkung, und diese Selbstzweifel fahren Achterbahn in meinem Kopf. Warum ist das so?

Manche Mamas zweifeln den ganzen Tag an sich

"Wir geben all die Power, die wir vorher in unseren Beruf gesteckt haben, in unsere Mama-Welt", erklärt mir Imke Dohmen das Phänomen. Imke ist psychologische Beraterin und arbeitet als Mama-Coach in Hamburg. Auf ihrer Seite Mutterhelden.de stellt sie ihre Workshops und Coaching-Themen vor, die alle ein Ziel haben: Mütter stärken und von ihren Selbstzweifeln befreien. "Die Bestätigung über Lob oder Bezahlung eines Vollzeitjobs fällt weg", erklärt sie weiter. "Wir bauen uns den Druck dann zum einen selber auf, zum anderen bekommen wir durch die sozialen Medien, Fernsehen oder sogar in Krabbelgruppen aufgezeigt, wie vermeintlich toll es bei anderen Familien läuft. Wir glauben, dass die gestylte, gut gelaunte Mama der Normalzustand sein sollte und nur wir das ‚als einzige‘ nicht hinbekommen (was natürlich ein Trugschluss ist)." In diesem emotional fragilen Konstrukt kann jede Bemerkung, jeder Blick der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und selbst aus dem positivsten Menschen wird eine Mama voller Selbstzweifel.

Wie "Mom-Bashing" das Leben beeinfusst

Auf Twitter starte ich einen Aufruf: Ich frage nach Erfahrungen zum Thema "Mom-Bashing". Svenja aus Wien schreibt mir, dass ihr erstes Kind ein Schreibaby war. "Kein Wunder, dass er so schreit, wenn du nur auf der Couch liegst und ihn stillst" gehört zu den harmlosen Dingen, die sie sich vorwerfen lassen musste. Dass das Stillen eins der wenigen Mittel war, die ihren Sohn beruhigten, interessierte die Kritiker nicht. Auch dass sie vier Wochen nach dem Notkaiserschnitt starke Schmerzmittel nahm und kaum aufstehen konnte. Weil ihr Kind auch später nicht aufhörte zu schreien, verlor sie den Betreuungsplatz. Mitarbeiter der Einrichtung unterstellten mütterliches Fehlverhalten als Ursache für das Schreien, drohten Svenja mit dem Jugendamt. "Haben sie etwa getrunken in der Schwangerschaft, dass er so ist?", wurde sie offen gefragt.

Ihre eigene Mutter war sicher: "Du verwöhnst ihn zu sehr. Da bist du selber Schuld." Svenja führte diese Flut an Vorwürfen in eine Depression: "Die Kommentare haben mich als gerade frischgebackene Mama extrem verunsichert. Ich bin sicher, dass sie Schuld waren, dass ich das erste Jahr depressiv war", schreibt sie mir. "Eine Bekannte hatte mir die Adresse einer Schreiambulanz geschickt. Jedoch war ich da schon so depressiv und dachte, ich wäre eine schlechte Mutter, dass ich nicht hinging." Mit dreieinhalb Jahren bekam Svenjas Sohn die Diagnose frühkindlicher Autist.

Verändert dein Kind dein Selbstwertgefühl?

Ich möchte mehr Geschichten sammeln und treffe mich mit der Hebamme Maria Ehrenstraßer. Sie ist zweifache Mama – und Testimonial der #coolmomsdontjudge-Kampagne. Und das aus tiefster Überzeugung: "Ich bin eigentlich sehr selbstbewusst", erzählt sie. Und gibt dann zu, dass sie sich dennoch zum Fläschchengeben im Auto versteckt hat, weil sie die Blicke nicht ertragen hat: "Da wird man so weich, wenn es um das eigene Kind geht. Da wollte ich mich keiner Diskussion aussetzen." Marias Tochter kam übrigens neun Wochen zu früh zur Welt und musste zugefüttert werden.

Stillen - ein Thema, das für Zündstoff sorgt
Gründen wir eine „Gang of Moms“!

Als frischgebackene Mutter bekommt man zum neuen Lebewesen noch einen Haufen Ängste und Zweifel oben drauf. Selbstzweifel, weil zum Beispiel der Mann sagt, man verwöhne das Kind zu sehr. Selbstzweifel, weil andere Mütter sagen, man kümmere sich nicht genug. Und Selbstzweifel, weil man irgendwann denkt, man könne sowieso gar nichts richtig machen. Der innere Kritiker ist schon so laut, dass jede noch so kleine Bemerkung von außen diese Selbstzweifel ins Extrem führen kann. Was aber können wir tun für ein besseres Verhalten unter Eltern?

Dottie Llama liefert eine konkrete Idee. Dottie ist eine Social-Media-Mama: Auf ihrer Seite „Mommas Page“ (facebook.com/mommasbreakroom) berichtet sie aus ihrem turbulenten Familienalltag. Ihre authentische Art gefällt rund 93.000 Menschen. Doch diese Zahl ist nichts im Vergleich zu Dotties erfolgreichstem Beitrag: Ihr Video "Mom Gang" haben mehr als 38 Millionen Menschen gesehen! Dottie erzählt darin von einer Supermarkt-Situation, die sie selbst beobachtet hat: Das Kind liegt auf dem Boden, schreiend, am Rande des Wahnsinns. Die Mutter ist kurz vorm Verzweifeln. Und als sie sich hilfesuchend in der Menge der Beobachter umschaut, trifft ihr Blick den einer anderen Frau. Die rollt vorwurfsvoll mit den Augen und wendet sich genervt ab. Das Kind schreit weiter. Die Mutter bleibt entkräftet zurück.

Wie wäre es, fragt Dottie am Ende ihres Videos, wenn wir nicht mit den Augen rollen, sondern auf die Mutter zugehen, ihr aufmunternd auf die Schulter klopfen und ihr sagen würden: "Hey, ich weiß, was du durchmachst! Es ist okay!"? Denn wenn wir ehrlich sind: Wir sind doch nur froh, dass das gerade nicht UNSER Kind ist, das da schreiend auf dem Boden liegt. Und wir wissen ganz genau: Nächstes Mal WIRD es vermutlich unser Kind sein. Lasst uns doch einfach, bittet Dottie, ein wenig netter zueinander sein. Lasst uns eine "Gang of Moms" sein!

Mehr Selbstvertrauen, weniger Selbstzweifel

Ich freue mich, dass 38 Millionen Menschen diesen Aufruf bereits gesehen haben. Und mit der #coolmomsdontjudge-Kampagne ein weiterer positiver Schritt getan wurde. Und wenn ich dennoch vermutlich schon bald den nächsten Blick oder blöden Kommenar kassiere, bin ich jetzt um einiges vorbereiteter. Eine Nachricht, die ich auf Twitter erhalte, bringt es besonders schön auf den Punkt. Tanja aus Bremerhaven schreibt mir: "Manchmal denke ich mir: Lass sie doch alle reden. Meine Jungs sind toll und das ist mein Verdienst. Also: Wenn deine Kinder dich lieben, respektieren und dir das zeigen, das ist das schönste Gefühl." Recht hat sie.

Wie werde ich Selbstzweifel los?

Mama-Coach Imke Dohmen (Mutterhelden.de): Oft fehlt uns die Geduld und das Verständnis dafür, dass Kinder noch nicht alles verstehen, wütend werden oder ihren Willen durchsetzen wollen durch lautes Schreien. Wir appellieren an die Vernunft und den Verstand des Kindes. Und fühlen uns provoziert und geärgert, wenn es unseren Ansagen nicht folgt. Genau da liegt das Geheimnis: Wenn wir unser Kind besser verstehen würden, Vertrauen in seine Entwicklung haben könnten, dann würden wir auch weniger Druck und Ärger empfinden. Und könnten ganz gelassen die Blicke von außen ignorieren. Leben Sie deshalb die Gewissheit, dass Ihr Kind gut ist in seiner Entwicklung und genau richtig, so wie es ist. Mit all seinen bockigen und lauten und widerspenstigen Phasen. Dann prallen Kritik und Blicke, die von außen kommen, an Ihnen ab.

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