Jesper Juul: "Eltern haben ein Recht auf Zweisamkeit"

Warum ihr als Eltern mehr an euch denken solltet - und wie eure Kinder davon profitieren

Immer rücksichtsvoll für die Kinder da sein? Sich aufopfern und die eigenen Interessen zurückstecken? Besser nicht, rät der Familientherapeut Jesper Juul und plädiert für mehr elterliche Zweisamkeit. Denn das Beste für die Kinder sind Mütter und Väter, die sich Zeit für ihre Liebesbeziehung nehmen und als Paar glücklich sind.

Endlich Feierabend. Die Kinder sind im Bett. Wir haben Freizeit und machen es uns im Wohnzimmer gemütlich. Plötzlich steht unsere Tochter in der Tür. "Habt ihr es schön hier. Kann ich noch bei euch sein?" Bitte nicht, denke ich. Wir haben auch heute wieder zwei Stunden gebraucht, bis die Kinder endlich schliefen. Es ist spät. Wir sind müde, würden gerne ungestört sein. Aber die Kleine einfach wegschicken? Das kommt mir zu hart vor. Während ich noch überlege, mit welchen Argumenten ich sie liebevoll ins Bett zurückschicken könnte, hat mein Mann schon geantwortet: "Nein, kannst du nicht." – "Warum nicht?" – "Weil wir allein sein wollen." Das Kind trollt sich mit Schmollmund davon. Ich sehe meinen Mann entsetzt an. "Du bist ganz schön fies." Das sieht er nicht so.

Unsere Tochter ist gegangen. Das ist für ihn das Wichtigste. "Wir könnten ihr ja anbieten, dass sie noch zehn Minuten hier sein darf", schlage ich vor. "Warum?", will mein Mann wissen. "Weil sie mir sonst leidtut." Unsere gute Stimmung ist dahin. Wir haben einen Konflikt. Als ob wir tagsüber nicht schon genug Kämpfe mit den Kindern hätten, holt es uns jetzt auch noch am Abend ein. Mist ...

Eine Szene wie diese beschreibt der bekannte Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch „Liebende bleiben“ genauso, wie sie sich bei uns regelmäßig abspielt. Er weiß offenbar, was in uns vorgeht. Beim Lesen hoffe ich natürlich, dass er mir recht gibt und ich das meinem Mann unter die Nase reiben kann, um als gute Mutter dazustehen. Doch ich erfahre genau das Gegenteil – und die Begründung ist so einleuchtend, dass wir beschließen, uns nicht mehr nervenaufreibend ums Neinsagen zu streiten. Denn dann werden alle Beteiligten zufriedener, prophezeit uns das Buch. 

Die eigenen Ansprüche herunterschrauben

Warum? Weil die weitverbreitete Elternangst vor vermeintlichen Härten unbegründet ist. Das, was mein Mann sagt, ist zwar kurzfristig eine Enttäuschung für unsere Tochter, doch langfristig ist es ein Weg zu mehr Familienglück. Nach den Erkenntnissen von Jesper Juul reiben Eltern sich heute viel zu sehr auf, versuchen perfekt zu sein und allen gerecht zu werden. Sie wollen gute Pädagogen und beste Kumpel für die Kinder sein. Den Kleinen Frust ersparen und maximale Aufmerksamkeit widmen. Im Job und im Haushalt erfolgreich und immer auf Achse zwischen Kindern und Karriere. Kein Wunder, dass dabei kein Platz mehr für die eigenen Bedürfnisse bleibt. Denn Eltern haben heute hohe Erwartungen, was die Logistik des Alltags angeht. Diese Ansprüche kann niemand erfüllen. Das führt zu Frust und dem Gefühl, unzulänglich zu sein. Die Liebe bleibt dabei auf der Strecke. Und das tut weh.

Jesper Juul: "Konzentriert euch auf eure Beziehung!"

"Das Beste für Kinder sind Eltern, die glücklich miteinander sind", lautet die gute Nachricht von Jesper Juul. Ich denke an meine eigene Kindheit zurück. Meine Eltern haben sich pädagogisch nicht überanstrengt. Sie haben uns meistens einfach machen lassen und waren so, wie sie waren. Für uns Kinder war das toll. Meine Geschwister und ich wussten, wann wir sie besser nicht stören sollten, und hielten uns daran, sobald wir vom Alter her in der Lage dazu waren. Hätten sie mich rausgeschickt, wenn sie allein sein wollten, wäre ich eben rausgegangen. Vielleicht ein bisschen enttäuscht, aber keineswegs geschädigt. Hätten sie sich aber meinetwegen gezankt, dann hätte ich ernsthaft gelitten. Das wollte ich auf keinen Fall. "Wenn Eltern sich vor den Kindern streiten, sich gegenseitig Vorwürfe machen, meinen die Kinder, sie sind schuld an dem Streit", sagt Jesper Juul. „Also konzentriert euch immer mal wieder auf eure Beziehung.“ 

Ein Nein gilt nur für eine bestimmte Zeit

Sein Appell richtet sich vor allem an Mütter. "Normalerweise fällt es Frauen schwerer, sich für die eigenen Bedürfnisse einzusetzen", erklärt der Experte. "Das liegt daran, dass es Frauen in der Vergangenheit nicht erlaubt war, Nein zu sagen und sich abzugrenzen." Frauen sagen sich: "Ich muss für meine Kinder da sein, sonst bin ich egoistisch." Und wenn schon! Ein bisschen Egoismus schadet keineswegs. Denn sonst bestimmt nicht etwa die Liebe füreinander, was wir tun, sondern es sind Schuldgefühle, die uns antreiben. Das heißt, dass Eltern ihren Kindern bewusst oder unbewusst vermitteln: "Weil du da bist, muss ich mich aufopfern, kann ich keinen Spaß mehr haben, fange ich an zu streiten oder musste ich meinen geliebten Job aufgeben.“ Unter einer solchen Belastung aufzuwachsen, ist weitaus schlimmer als ein gelegentliches, elterliches Nein.

Niemand sollte die Verantwortung für Elternfrust an seine Kinder weitergeben. Das Recht, auch mal an sich selbst zu denken, ist also nicht so egoistisch, wie es auf den ersten Blick erscheint. Das heißt natürlich nicht, dass Eltern ihre Kinder ständig abweisen dürfen, wenn sie ihnen zu anstrengend sind. Nach einer Absage sollten Mama und Papa zuverlässig wieder da sein. Ein Nein darf die Kinder nicht als Person zurückweisen. Es gilt immer nur für eine bestimmte Zeit ("Lass mich mal eine Stunde in Ruhe arbeiten, dann bin ich wieder für dich da.“). 

Wenn Mama beim Telefonieren nicht gestört werden will, sagt sie ihrem Kind das klar und deutlich - auch wenn der Nachwuchs das in diesem Moment doof findet.
Wenn Eltern sich nicht festlegen, lassen sie ihre Kinder im Unklaren

Wenn ich mich daran halte, muss ich mir auch keine Sorgen machen, in autoritäre, für Kinder schädliche Muster zu verfallen. An sich selbst und die eigene Partnerschaft zu denken ist nämlich keineswegs ein Rückschritt in längst überholte Erziehungsmethoden. "Wir gehen mit unseren Kindern viel, viel besser um als die Generationen vor uns", sagt Jesper Juul. "Die Kinder sehen sich heute mit einer großen Selbstverständlichkeit. Die glauben wirklich: Hier in dieser Welt zu sein ist mein Recht." Dass Zweijährige heute nicht mehr denken, dass sie leise sein müssen, wenn die Erwachsenen in der Nähe sind, sei ein Riesenfortschritt. "Aber leider auch furchtbar irritierend, weil viele Eltern deshalb kein klares Nein mehr sagen." Um sich möglichst nicht festzulegen, weichen Mütter und Väter gerne auf ein "Jein" aus – in dem Glauben, dass das den Kindern weniger wehtut. "Doch damit wissen Kinder nicht umzugehen und können resignieren", warnt der Däne.

 

Kinder beobachten das Verhalten ihrer Eltern. Deshalb ist es auch wichtig, dass Mütter und Väter klar miteinander reden und sich für ihre individuellen Bedürfnisse einsetzen. Sagt einer zum Beispiel "Ich möchte mich jetzt mal eine Stunde zurückziehen und nicht gestört werden", kann der andere das akzeptieren und zustimmen: "Ja, mach das, ich übernehme solange die Kinder." Er kann aber auch beleidigt schweigen, den Partner im Unklaren lassen und subtil dafür sorgen, dass der sich schlecht fühlt und das Projekt "Ich ziehe mich mal zurück" abbricht. Der Preis dafür ist dann meist schlechte Stimmung in der Familie. 

Jedes Familienmitglied muss seine Bedürfnisse und Wünsche klar kommunizieren

Für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen, ist deshalb ein großes Thema. Wie schaffen Mütter und Väter es überhaupt, unter dem Druck der Alltagsbelastungen mit kleinen Kindern ein fröhliches, zufriedenes Paar zu bleiben? Auch hier gilt genauso wie gegenüber dem Nachwuchs: Die eigenen Bedürfnisse müssen klar geäußert werden. Wer das nicht tut, übernimmt auch keine Verantwortung dafür. Fast alle Eltern, die zu Jesper Juul zur Beratung kommen, wünschen sich weniger Konflikte. Doch das kann aus der Sicht des Familientherapeuten nicht die Lösung sein. "Viele versuchen, Konflikte zu vermeiden, bekommen dann aber oft die doppelte Anzahl und verzweifeln noch mehr daran."

 

Bei einer Familie mit zwei Kindern kommen vier Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen. Und die müssen sich einigen. "Eine Familie muss eine Arena sein, in der alle genau das sagen und äußern können, was sie wollen, was sie brauchen, welche Träume und Bedürfnisse sie haben." Auch hier sind unrealistische Erwartungen Gift für die Beziehung. Der Klassiker: Die Frau fühlt sich für alles verantwortlich und deshalb überfordert. Statt genau zu sagen, was sie will ("Bitte bring die Kinder ins Bett!"), macht sie es mit Opfermiene selbst, leidet dabei, lässt das an den Kindern aus und beklagt sich hinterher: "Also das muss man ja wohl mindestens erwarten können. Immer lässt du mich alles allein machen." Streit und schlechte Stimmung sind vorprogrammiert. Dabei wären die Chancen auf Erfolg eigentlich ganz gut, wenn die Wünsche nur klar geäußert würden.

Glückliche Beziehung = glückliche Familie

In diesem Punkt sind Kinder übrigens prima Vorbilder für ihre Eltern. Sie machen unmissverständlich klar, was sie wollen, und nehmen Mama und Papa genauso, wie sie sind. Ob die Kinderwünsche erfüllt werden oder nicht, ist gar nicht so wichtig. Im Laufe der Jahre lernen sie, dass sie vielleicht vom Vater schneller eine Abfuhr bekommen als von der Mutter. Sie setzen das dann strategisch ein, entwickeln Empathie, Menschenkenntnis und die Fähigkeit, mit anderen zurechtzukommen. Sie haben also viel davon.

Jesper Juul: "Wenn beide Partner es schaffen, sich endlich mal wieder auf die gemeinsame tiefe Verbindung zu konzentrieren und nicht immer nur zu schauen, dass es den Kindern gut geht oder die Wäsche gelegt ist oder der Chef zufrieden ist, dann hilft das nicht nur dem Beziehungsglück, sondern am Ende auch dem Familienglück." 

Buchtipp: "Liebende bleiben – Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken"

Der renommierte Familientherapeut Jesper Juul erklärt, wie Eltern ihre Liebesbeziehung trotz Kind erhalten und damit mehr Zufriedenheit in die Familie bringen. „Liebende bleiben – Familie braucht Eltern, die mehr an sich denken", Beltz, 18,95 Euro. 

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