"Regretting Motherhood" Wenn Mütter das Muttersein bereuen

Das Bild der allzeit seligen Mami bestimmt noch immer unsere Vorstellungen. Wer dem nicht entspricht, eckt in der modernen Alles-ist-möglich-Gesellschaft an. Trotzdem trauen sich immer mehr Frauen zuzugeben, dass sie mit ihrer Mutterrolle nicht zufrieden sind, obwohl sie ihr Kind über alles lieben. Die aktuelle „Regretting Motherhood“-Debatte macht Mut zur Ehrlichkeit.

 

Die Rahmenbedingungen waren perfekt. Beziehung, Beruf, das Leben in der Großstadt, Reisen durch die ganze Welt – Sarah Fischer hatte viel erreicht, als sie Mutter wurde. Ein Baby kam nicht ungelegen, aber auch nicht heiß ersehnt. Sarah und ihr Mann kümmern sich nach allen Regeln der Kunst um ihr gesundes, aufgewecktes Mädchen, teilen die Aufgaben so partnerschaftlich wie möglich und kommen finanziell über die Runden. Es gibt keine Katastrophen. Doch der Alltag ernüchtert die frischgebackene Mama so sehr, dass sie ihre Mutterschaft gerne rückgängig machen würde. „Ich möchte alles dafür tun, dass mein Kind glücklich wird, aber inzwischen ist mir bewusst, dass ich dabei womöglich über die Klinge springe“, schreibt die 43-jährige Mutter einer zweijährigen Tochter in ihrem Buch „Die Mutterglück-Lüge“. Aus ihrer Sicht wird eine Mutter geboren, aber der Mensch, der sie vorher war, bleibt auf der Strecke. „Ich liebe mein Kind über alles, aber ich möchte deshalb nicht aufhören, ich selbst zu sein“, resümiert die Mongolei-Expertin, die Film- und Fernsehteams im Ausland betreut und sich als Vortragsreferentin einen Namen gemacht hat.

 

Trotz verbesserter Bedingungen fühlen sich Mütter überfordert 

Wie kann das passieren – trotz verbesserter Bedingungen für die Vereinbarkeit von Kind und Karriere? Theoretisch herrscht schließlich Chancengleichheit. Es gibt einen Rechtsanspruch auf Kitaplätze, staatlich subventionierte Betreuung für Unter-Dreijährige, Elterngeld und Erziehungszeiten auch für Väter. Über den gesellschaftlichen Konsens, dass die Zeiten der Hausfrau an der Seite eines verdienenden Mannes vorbei sind, herrscht weitgehende Einigkeit in allen politischen Lagern. Und trotzdem haben viele Mütter das Gefühl, die Verantwortung allein zu tragen – und: daran zu zerbrechen. Ist die Mutterschaft hinter der modernen Fassade doch noch eine „Fessel der Frau“, wie Alice Schwarzer es einst nannte? Sind Frauen von heute nach wie vor dazu verurteilt, für andere zu putzen, zu waschen und zu kochen, nur weil sie ein Kind bekommen haben? Oder ist die freie Wahlmöglichkeit zwischen Zuhausebleiben und Geldverdienen zum unerfüllbaren Du-musst-beides-haben-Anspruch geworden?

Für Sarah Fischer bedeutet Muttersein, dass sie sich gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt sieht, denen sie nicht entspricht. Ob im Geburtsvorbereitungskurs, in der Krabbelgruppe, auf dem Spielplatz: Es sind die Mütter-Kriege, die ihr zu schaffen machen. Einen Vortrag halten mit Babybauch? „Wie kannst du deinem Kind das antun?“, fragt eine fremde Mutter vorwurfsvoll. Auch die Vorstellungsrunde im Vorbereitungskurs verläuft ernüchternd („Manche Mütter hüpfen herum wie kleine Kinder. Müssen wir alle schrumpfen und verblöden?“). 

 

Eine Teilzeitstelle muss her, doch das endet im Burnout

Im Job als Freiberuflerin könnte es theoretisch weitergehen wie vorher. Doch das Wissen, die Mutter eines Babys zu beauftragen, hält potenzielle Auftraggeber ab. Das Geld reicht nicht mehr. Als Sarah Fischer ihre Selbstständigkeit aufgeben muss, findet sie nur schlecht bezahlte Stellenangebote weit unter ihrer Qualifikation. Und als sie endlich doch eine feste Teilzeitstelle ergattern kann, endet es im Burn-out. Vom Verdienst des Mannes leben? Das würde eine Zeitlang gehen, doch es bringt ein gefährliches Ungleichgewicht in die Beziehung. Wer das Geld hat, hat auch die Macht. Wer zu Hause ist, mutiert automatisch zur Hausfrau, die ja den ganzen Tag Zeit hat, den Haushalt allein zu erledigen. 

Sarah Fischers Fazit: Frauen werden in die Mutterrolle gezwängt und zu einer Art aufopfernder Dienstleisterin, deren eigene Bedürfnisse bedeutungslos sind. „Als wäre das noch nicht genug, sollen sie darüber auch noch glücklich sein, denn Mutter zu sein ist erfüllend – wer anders empfindet, gilt als selbstsüchtig oder als Rabenmutter.“

 

Kinder erfüllen keinesfalls die Hoffnung auf lebenslanges Glück

Dass Kinder nicht für jede Frau das große Glück sind, zeigte die israelische Soziologin Orna Donath in der Studie „Regretting Motherhood“ der Universität Tel Aviv über Mütter, die zugeben: „Ich wäre besser nie Mutter geworden.“ Die Wissenschaftlerin hat dafür Mittelschichts-Frauen mit einem oder mehreren Kindern zwischen 25 und 70 Jahren zu ihren Gefühlen in Sachen Mutterschaft befragt. Würden sie mit dem Wissen von heute noch einmal Mutter werden? Antwort: Nein. Das entfachte 2015 in sozialen Netzwerken wie Twitter (Hashtag #regrettingmotherhood) eine große Debatte, die danach in sämtlichen Medien lebhaft geführt wurde – und bis heute geführt wird. Der Begriff bedeutet im Deutschen etwa „Bereute Mutterschaft“. Das Phänomen wurde bisher kaum erforscht. Die Ursache für die Reue ist dabei keineswegs der Nachwuchs selbst, sondern die gesellschaftliche Rolle, die Frauen auch heute noch zugewiesen wird, sobald sie ein Kind in die Welt setzen. 

Auch andere Studien belegen, dass Kinder die Hoffnung auf lebenslanges Glück nicht erfüllen. Soziologin Robin Simon (Florida State University) fand heraus, dass kinderlose Erwachsene ihre Lebensqualität höher einschätzen als Eltern. Sie müssen sich nicht so viele Sorgen machen wie Mütter und Väter, deren Sorgen um den Nachwuchs nie nachlassen. Doch Glück ist zum Glück eine subjektive Empfindung. Einer anderen Studie zufolge schlägt der Pegel nämlich doch öfters mal nach oben aus, sobald sich ein Baby anmeldet. Im Jahr vor der Geburt und ein Jahr danach sind Eltern häufig mal richtig high vor Freude. Überwältigende Momente wie das erste Lächeln, das Laufenlernen, die anrührenden ersten Worte steigern positive Gefühle. 

 

Bittere Realität: schlaflose Nächte und plötzlich Hausfrau wider Willen 

Allerdings geht’s danach wieder auf Normalniveau herunter. Bis zum vierten Lebensjahr lässt der Jubel nach. Ob man ein Paar mit oder ohne Kind ist – das macht in dieser Zeit keinen Unterschied mehr. Vor allem Frauen reagieren enttäuscht auf die Ernüchterung. Hatten sie einst von einem lächelnden Wonneproppen geträumt, sieht die Realität jetzt anders aus: schlaflose Nächte, schreiende Kinder und die nie gewollte Rolle als Hausfrau – das hat nichts mehr mit den Vorstellungen von früher zu tun. 

Kleiner Trost: Rein statistisch gesehen kommen nach den schweren ersten Jahren wieder bessere Zeiten. Eltern von Kindern im Grundschulalter fühlen sich häufiger glücklich – bis die Pubertät einsetzt. Dann sinkt die Kurve wieder. Zumindest, bis auch das Abenteuer durchgestanden ist. Ist das liebe Kleine eines Tages vernünftig und erwachsen geworden, ernten viele Eltern den langersehnten Lohn für die anstrengenden Jahre mit den Kids. Mütter und Väter von erwachsenen Kindern schätzen sich im Durchschnitt glücklicher ein als Kinderlose. 

 

Keine Selbstaufgabe, keine Überfürsorge

Mütter, die gar nicht erst erwarten, dass ihre Kinder sie dauerglücklich machen, dürften in den meisten Fällen trotzdem gute Eltern sein. Denn auch wenn ihnen die Rollen nicht immer gefallen, bieten sie ihren Töchtern und Söhnen, was Erziehungsexperten für richtig halten. Sie sind zum Beispiel nicht überfürsorglich, sondern freuen sich, wenn sich ihre Kinder allein beschäftigen. Denn in der Zeit können sie ein bisschen abschalten statt sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob das Kleine jetzt nicht besser gefördert werden müsste. Auch sorgen sie dafür, dass die Aufgaben in der Familie gerecht verteilt werden und nehmen den Kindern nicht alles ab. Dem Wunsch des Kindes „Ich kann das schon alleine“ folgen sie gern, denn sie können ihr Kleines loslassen.

 

Überhöhte Ansprüche müssen heruntergeschraubt werden 

Häufig helfen gezielte Strategien, um den Alltagsfrust zu mindern. Demnach gilt es zuerst einmal, die überhöhten Ansprüche an sich selbst herunterzuschrauben. Das höchste Ziel besteht nicht darin, sich  aufzugeben. Was kann ich, was will ich? Wie viel Zeit brauche ich für mich selbst? Wie lässt sich das erreichen? Es kann schon tröstlich sein, sich einmal klar zu machen, was Kindern guttut und dass zu viel Mama-Einsatz auch kontraproduktiv sein kann. Mütter müssen sich zum Beispiel nicht verpflichtet fühlen, mit dem Kind Rollenspiele zu spielen, Plastikautos über den Boden zu schieben oder Puppen sprechen zu lassen. Das können Kinder allein oder mit Gleichaltrigen viel besser. Auch Förderung um jeden Preis dient nicht immer dem Wohl des Kindes. Oft es ist besser, ihm einfach Zeit und Raum für Spielen nach Lust und Laune zu lassen.

Langeweile? Wenn Kinder darüber klagen, sollten Mütter sich nicht verantwortlich fühlen. Dem Nachwuchs wird schon etwas einfallen, wenn ihm nicht sofort eine Beschäftigungs-Idee präsentiert wird. Solche kleinen Lösungen helfen gegen das schlechte Gewissen, mit dem Mütter offenbar ständig zu kämpfen haben. Wer darin aufgeht, für andere zu sorgen und die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen, kann in der Mutterrolle überaus glücklich werden. Doch langfristig funktioniert so viel Verzicht zu Gunsten anderer selten. Geben die Kinder nicht zurück, was die Mutter in sie investiert hat, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. 

 

Eine große Hilfe: Ich mache mich unabhängig von der Meinung anderer

Viel ist schon geschafft, wenn Frauen nicht auf Anerkennung von außen warten und Vorwürfe („Dein Kind müsste aber eigentlich schon laufen können“) selbstbewusst an sich abprallen lassen können. Man muss ein dickes Fell haben, um eine Mutterrolle genauso zu leben, wie man es selbst für richtig hält. Männer können das offenbar besser als Frauen. Sarah Fischer berichtet in ihrem Buch immer wieder, wie leicht der Vater ihrer Tochter seine neue Rolle angenommen hat. „Bei ihm war alles wunderbar eingeteilt. Er war zu Hause fürs Kind und im Job für seine Projekte zuständig. Sein Leben war nicht zerrissen. Er war nicht nervös, wenn unsere Tochter unruhig war, weil er wichtige Telefonate führen musste. Denn zu Hause kam er gar nicht in diese Verlegenheit.“ So hofft Sarah Fischer, dass es Müttern in unserer Gesellschaft eines Tages genauso geht wie Vätern heute: „Ich wünsche mir, dass meine Tochter, wenn sie Mutter wird, Frau bleibt und dabei die Rolle genießt, die viele Väter in Deutschland derzeit zelebrieren. Sie behält ihr Leben und kriegt ein Kind dazu, anstatt ihr eigenes Leben zu verlieren.“

 

Elternglück

Ob Kinder glücklich machen oder nicht – das hängt nicht allein von der Frage ab, ob man Kinder hat oder nicht, sondern von den Lebensumständen. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen wie Einkommen, Ansehen und die Vereinbarkeit von Kindern und Job bestimmen, wie zufrieden Eltern sind. Statistisch gesehen, leiden in Deutschland die meisten Mütter darunter, dass sie Beruf und Muttersein nur mit großen Schwierigkeiten vereinbaren können.

 

Das sagen unsere Mami-REPORTER

 

"Ich bleibe ich", Leonie (minimenschlein.de), zwei Töchter

„Mich ärgert die Diskussion #regrettingmotherhood maßlos. Weil Mamasein doch nicht bedeutet, dass ich aufhöre, ich selbst zu sein. Natürlich verändert es mich, natürlich habe ich als Mutter weniger Zeit für mich selbst. Ganz sicher aber bleibe ich ich – wenn ich es will. Wer sich auf das ‚Abenteuer Mama‘ einlässt, das Kind ins eigene Leben integriert und nicht sich selbst in die Welt des Kindes, der wird doch mit haufenweise Glück belohnt – und dafür schlafe ich gerne jahrelang schlecht!“

 

"Hoffentlich müssen die Kinder das niemals lesen", Silke, selbstständig, ein Sohn

„Zwei Dinge entsetzen mich an der Debatte. Erstens: Zu welch extremen Aussagen sich Menschen für ein wenig Aufmerksamkeit in den Sozialen Medien hinreißen lassen. Zweitens: Die Unüberlegtheit der Aussage. Ich denke (und hoffe), dass Mütter, die heute behaupten, ihre Mutterschaft zu bereuen, schon ganz bald eben diese Äußerung bereuen werden. Und ich wünsche ihren Kindern, dass sie das alles niemals durch Zufall lesen müssen.“

 

"Klingt fremd und düster", Nina, Lehrerin, ein Sohn

„Das Muttersein bereuen? Klingt in meinen Ohren fremd und düster. Ich habe es schon häufiger bereut, einen unbequemen Schuh oder eine teure Tasche gekauft zu haben. Aber die entstandene Liebe einer Beziehung zu bereuen? Nein! Ist der Kinderwunsch ‚geplant‘, so ist vieles (natürlich nicht alles!), was damit einhergeht planbar. Die Kunst, Mutter zu sein, meinem Beruf nachzugehen und darüber hinaus noch Zeit für den Ehemann, Freunde und sich selbst zu haben, funktioniert, weil unsere Lebensbedingungen und der Background stimmen. Mit einem wundervollen Ehemann und fürsorglichen Großeltern habe ich großes Glück. Und wenn doch einmal Regen aufzieht, ist mein Sonnenschein nicht weit.“

 

"Die Liebe zu Kindern wird nicht in Frage gestellt", Heike, Vertriebsleiterin, zwei Töchter

„Manchmal wünschen meine Freundin, selbst Mama, und ich uns eine Tür zum kinderlosen Paradies. Dann lachen wir die Sorgen weg – und lachen schließlich mit unseren Kindern. Manche Mütter haben niemanden und sind erschöpft. Die Studie ‚Regretting Motherhood‘ sagt doch nichts anderes. Die Liebe zu Kindern wird nicht in Frage gestellt. Ganz ohne Wertung sollte die Gesellschaft einer Mutter die helfende Hand reichen!“

 

Buch-Tipp

Darf man es bereuen, Mutter geworden zu sein?

Mit diesem Tabubruch beschäftigt sich die Autorin Sarah Fischer in ihrem Buch „Die Mutterglück-Lüge – Regretting Motherhood – Warum ich lieber Vater geworden wäre“ (Ludwig 2016, 16,99 Euro).

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