Ganz schön turbulent Die ersten Monate zu dritt

Ein Kind zu bekommen, ist großartig. Aber auch anstrengend und kräftezehrend. Ein Navigator für den Take-off zu dritt.

 

Bärbel und Thomas Voigtländer, Katrin Walschek und Achim Lauber sowie Markus und Claudia Servaty haben das Haus als Paar verlassen. Zurückgekehrt sind sie als Eltern. Wie in der Mini-Playback-Show, nur ohne Playback: Als Paar rein in die Zauberkugel, als Mutter und Vater wieder raus. Sie sind also zu dritt. Vater, Mutter, Kind. Dass der Spieleklassiker Lichtjahre von der Realität entfernt ist, war ihnen selbstverständlich bewusst, bevor ihre Kinder Malin, Samuel und Neele das Licht der Welt erblickt haben. Dass mit Kind alles anders werden würde – na, klar, auch! Wie anders das Leben zu dritt aber tatsächlich ist, vermochten sie sich im Vorhinein nicht vorzustellen – da sind sich im Nachhinein alle einig.
 

Theorie versus Praxis

Dabei haben sich die Mütter und Väter unserer Titelgeschichte auf das neue Leben vorbereitet. Sie haben wie viele Paare Ratgeber gewälzt, Geburtsvorbereitungskurse besucht, und, und, und. „Es ist jedoch ein großer Unterschied, ob ich mir Wissen theoretisch aneigne oder über Erfahrungen“, erklärt die Familientherapeutin Michaela Herchenhan. Paartherapeut Friedhelm Schwiderski teilt diese Meinung. „Sich theoretisch mit etwas auseinanderzusetzen, ist das eine. Etwas in einer konkreten Situation zu erleben, das andere.“ Kann man sich auf das Leben mit Kind also gar nicht vorbereiten?

Friedhelm Schwiderski empfiehlt jungen Eltern, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, um eine möglichst realistische Vorstellung davon zu bekommen, was diese Veränderung bedeutet. Dass Vorstellung und Realität vom Leben mit Kind auseinanderklaffen, weiß Michala Herchenhan aus ihrem Praxisalltag nur zu gut. „Frischgebackene Eltern gehen davon aus, dass sie eine wunderbare, kleine Familie sein werden, und alles herrlich sein wird. Natürlich ist das auch so. Aber das ist kein Dauerzustand.“

 

Illusion der Perfektion

Die rosarote Friede-Freude-Eierkuchenwelt. Herchenhan spricht auch von „Idealfamilienmythos“. Nach Meinung der Expertin liegt genau darin das Problem. „Man gaukelt jungen Eltern etwas vor, was im realen Leben nicht existiert. Man sagt ihnen nicht, was tatsächlich auf sie zukommt, wenn das Baby da ist – und dass sie oft an ihre Grenzen stoßen werden.“

Der perfekte Papa und die perfekte Mama stoßen selbstverständlich nie an ihre Grenzen. „Die perfekte Frau bekommt Kinder, macht Karriere und sieht obendrein umwerfend aus“, bringt es Herchenhan auf den Punkt. Und der perfekte Mann? Ernährt die Familie, kümmert sich ums Kind, aber nur soviel, dass seine Männlichkeit nicht abhanden kommt und ist ein leidenschaftlicher Liebhaber.

Es verwundert also nicht, dass junge Eltern hohe Ansprüche an sich selbst haben. Alles gut und richtig machen zu wollen, ist verständlich. Diesen Rollenbildern nachzueifern, nicht. „Väter und Mütter, die sich an diesem Ideal orientieren und versuchen, sämtlichen gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden, können nur scheitern“, gibt Friedhelm Schwiderski zu bedenken. Er rät Paaren, aus der Fülle der Möglichkeiten solche auszuwählen, die für die eigene Familie passen und auf diese Weise für sich ein persönliches Ideal herauszufiltern.

 

Belastungsprobe Baby

Fakt ist: Ein Baby ist eine Belastungsprobe für die Beziehung. „Aus einem System ‚Paar’, zu dem zwei Menschen mit bestimmten Rollen und Funktionen gehören, wird von jetzt auf gleich ein völlig anderes System. Nämlich ein Familiensystem“, verdeutlicht Michaela Herchenhan. Der dritte im Bunde: Ein Winzling, der vollkommen auf die Hilfe von Mama und Papa angewiesen ist und ihre Aufmerksamkeit rund um die Uhr beansprucht. Heißt im Klartext: Baby tragen, Baby trösten, Baby bespaßen … Genau darin liegt am Anfang die größte Herausforderung.

„Frischgebackene Mütter und Väter müssen innerhalb von kurzer Zeit völlig neue Rollen und Funktionen in diesem Dreiersystem übernehmen. Es geht nicht mehr bloß darum, ein liebevoller Partner zu sein, sondern ein Vater und eine Mutter. Die Paarbeziehung tritt zwangsläufig in den Hintergrund.“ Gemütlich essen oder ins Kino gehen, spontaner Städtetrip, Sex – traute Zweisamkeit bleibt im ersten Jahr erfahrungsgemäß auf der Strecke.

 

Frust statt Lust

Schlafentzug, Babyblues & Co. sorgen dafür, dass sich bei vielen Frauen in der ersten Zeit nach der Geburt sexuelle Lustlosigkeit breit macht. Das ist normal. Normal ist leider auch, dass man darüber nicht spricht. „Sexuelle Lustlosigkeit nach der Geburt ist immer noch ein Tabuthema. Betroffene sollten sich Hilfe holen. Und zwar nicht erst, wenn ihr Liebesleben in der Krise steckt“, unterstreicht Michaela Herchenhan. Kostenlose Hilfe bekommen Eltern bei Familienberatungsstellen.

Es sind übrigens nicht immer nur die frischgebackenen Mütter, die keine Lust auf Sex verspüren. „Es kommen auch Paare zu mir, von denen der Mann ein verändertes Begehren der Frau gegenüber empfindet.“ Als Ursache vermutet die Expertin, dass sich Väter nach der Geburt auf die Mutterrolle ihrer Frau konzentrieren, und sie weniger in der Rolle als Liebespartnerin sehen.

 

Papa ist nicht nur Copilot

Dass der Nachwuchs plötzlich der Nabel der mütterlichen Welt ist – daran muss sich so mancher Mann erst gewöhnen. Schließlich stand er bisher an erster Stelle. Die Bindung zwischen Mutter und Kind ist naturgemäß inniger als die zwischen Vater und Kind, besonders, wenn die Frau stillt. Tatenlos zusehen muss – und sollte – Papa indes nicht. „Damit der Vater eine gute Beziehung zu seinem Kind aufbaut, ist es unabdingbar, dass er sich um es kümmert“, sagt Michaela Herchenhan. Das muss Mama allerdings auch zulassen.

„Mir fällt auf, dass Mütter es oft gar nicht wollen, dass der Vater das Wickeln und Füttern übernimmt. Es kostet sie Überwindung, das Baby in die Obhut des Vaters zu geben.“ Das ist gerade dann kontraproduktiv, wenn Papa ohnehin schon Berührungsängste gegenüber dem Säugling hat. Deshalb, liebe Mütter: Lasst Papa einfach mal machen! Und korrigiert ihn nicht ständig, wenn er eurer Meinung nach das Fläschchen falsch hält (anders ist nicht falsch, sondern nur anders!) und die Technik beim Windelnwechseln nicht zu eurer Zufriedenheit ausfällt.

 

Reden ist Gold

Wenn die Nerven vor lauter Schlafmangel blank liegen, kann sich eine Kleinigkeit schon mal hochschaukeln und in einem ausgewachsenen Konflikt enden. Konflikte gehören grundsätzlich zu einer Beziehung dazu. „Ein Paar ohne Streitkultur ist kein vollständiges Paar“, weiß Michaela Herchenhan. „Konflikte und Krisen sind Chancen. Die Kunst liegt darin, sie gut zu lösen!“ Wie das geht? Es klingt trivial: Indem man miteinander spricht. Schweigen ist der falsche Weg, weil sich Emotionen, Enttäuschungen und unerfüllte Erwartungen aufstauen und mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem großen Knall entladen.

„Wenn es schwierig ist, aufeinander einzugehen, erweist es sich als hilfreich, in einer strukturierten Weise miteinander zu reden. Zum Beispiel, indem man für jeden eine Redezeit festlegt, in der der andere nur zuhört“, schlägt Friedhelm Schwiderski vor. Stift und Papier seien ebenfalls probate Kommunikationsmittel, um dem Partner mitzuteilen, was gerade in ihm vorgeht – und Konflikte zu entschärfen.

„Ein Brief bietet die Möglichkeit, dass ich nicht sofort spontan reagieren muss, sondern mir die Zeilen in Ruhe anschauen und überlegen kann, wie ich reagieren möchte.“ Manchmal nützen jedoch all diese Strategien nichts, und die Situation eskaliert. Michaela Herchenhan: „Natürlich dürfen sich Eltern auch mal laut streiten. Das hat gelegentlich eine reinigende Wirkung. Nur das Kind darf nicht dabei sein!“

 

Zeit geben und nehmen

Zeit nehmen – der vielleicht wichtigste Tipp für junge Eltern. „Einmal am Tag sollten sich Paare zehn Minuten für ein Gespräch nehmen und sich in Ruhe erzählen, wie es ihnen geht. Dies sollte ein festes Ritual sein. Am besten im Kalender anstreichen, ansonsten geht das gerade im ersten Jahr mit Baby unter.“ Darüber hinaus seien auch regelmäßige Auszeiten zu zweit ein Muss. Auszeiten schön und gut – stellt sich bloß die Frage, wie junge Eltern das hinkriegen sollen, wenn sie sich sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag um den Nachwuchs kümmern, Wäscheberge beseitigen und mindestens einer auch noch einem Job nachgeht – von der chronischen Übermüdung ganz zu schweigen.

Herchenhan: „Es ist wichtig, dass sich Väter und Mütter vernetzen. Und: Dass sie mutig sind, ihr Netzwerk auch tatsächlich um Unterstützung zu bitten, wenn sie es brauchen. Mal passt das eine Paar auf das Kind des anderen Paares auf – und umgekehrt. Ich sehe bei meiner Tochter, dass das wunderbar funktioniert.“ Nicht zuletzt sollten Eltern geduldig mit sich selbst sein. Das neue Leben mit Kind zu ordnen, braucht schließlich seine Zeit.

 

Unsere Experten:

Michaela Herchenhan ist Systemische Familientherapeutin mit eigener Praxis und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie, www.dgsf.org

Friedhelm Schwiderski arbeitet seit über 30 Jahren mit Systemischer Paar- und Psychotherapie und betreibt seine Praxis am Rande von Hamburg, www.paar-psychotherapie.de

 

Markus Servaty (37), Bankangestellter, mit Neele (6 Monate)

„Ich habe mir schon vorgestellt, dass sich eine Menge ändern wird, wenn Neele da ist. Dennoch kann man sich im Vorhinein kein Bild davon machen, wie anders das Leben zu dritt ist. Der größte Unterschied ist, dass der Tagesablauf – insbesondere in den ersten Wochen – vollkommen fremdbestimmt ist. Daran habe mich jedoch erstaunlich schnell gewöhnt. Ein Leben ohne Kind kann ich mir nicht mehr vorstellen. Deshalb nehmen Claudia und ich Neele auch mit, wenn wir Freunde treffen, auf Geburtstagen eingeladen sind etc. Wir haben bisher noch nicht das Bedürfnis verspürt, etwas ohne unsere Tochter zu unternehmen.“

 

Claudia Servaty (34), Bankangestellte, Mutter von Neele

„In den ersten Wochen nach der Geburt war Markus der beste Babysitter, den man sich vorstellen kann. Weil ich durch die Entbindung körperlich sehr geschwächt war, musste ich 14 Tage in der Klinik bleiben und konnte ich mich nicht um die Kleine kümmern. Markus war engagiert, hat Neele mit zur Untersuchung genommen und mir anschließend berichtet. Heute berichte ich ihm, was am Tag passiert ist, da ich ein Jahr zu Hause bin und Markus Vollzeit arbeitet. Er hatte zwar überlegt, zwei Monate Elternzeit zu nehmen, sich aus beruflichen und finanziellen Gründen jedoch dagegen entschieden.“

 

Thomas Voigtländer (35), Vertriebsleiter, mit Samuel (7 Monate)

„Weil sich Bärbel vom Kaiserschnitt erholen musste, habe ich mich in den ersten Wochen um Samuel gekümmert. Samuel und ich hatten von Anfang an einen engen Kontakt. Ich war mir natürlich bewusst, dass das erste halbe Jahr für Bärbel und ihn – insbesondere durch das Stillen – eine intensive Phase ist. Außen vor gelassen fühlte ich mich aber nicht. Ich rate Vätern, die Zeit zu dritt zu genießen. Das Leben mit Kind ist anstrengend, keine Frage. Aber: Es ist immer spannend. Die größte Herausforderung ist zweifelsohne die enorme Verantwortung, die man als Eltern trägt.“  

 

Bärbel Voigtländer (31), Online-Redakteurin, Mutter von Samuel

„Mittlerweile hat sich unser Alltag eingespielt und ich versuche, mich wieder etwas auf mich zu besinnen – möchte wieder Sport treiben und mich mit Freundinnen treffen. Auszeiten zu zweit sind ebenfalls geplant. Es gibt natürlich Momente, da bin ich gestresst. Zum Beispiel wenn Samuel den ganzen Tag quengelig war und Thomas nach der Arbeit erst mal trainieren und dann in Ruhe duschen geht. ‚Schön, dass du duschst, ich habe seit drei Tagen nicht geduscht’, geht mir dann durch den Kopf. An solchen Kleinigkeiten kann man sich reiben. Wichtig ist, dass man darüber spricht.“

 

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