Genial Vererbung, Erziehung und Umwelteinflüsse

Jeder Mensch ist einzigartig. Aber: Was macht uns zu dem, der wir sind? Und: Sind es nur die Gene, die eine Rolle spielen?

Die Augen? Vom Papa, ganz klar! Und die Stupsnase? Natürlich von Mama! Wohl alle frischgebackenen Eltern unterziehen ihren Sprössling nach der Geburt dem obligatorischen Lookalike-Contest – und entdecken dabei allerlei Ähnlichkeiten.

Halb Mama, halb Papa?

Eine Studie aus den 1990er-Jahren hat allerdings gezeigt: Die These, dass die meisten Kinder ihren Eltern wie aus dem Gesicht geschnitten sind, ist nicht haltbar. US-Forscher hatten 100 objektiven Betrachtern Bilder von Kindern verschiedener Altersklassen sowie drei Bilder von potenziellen Müttern und Vätern vorgelegt. Die Probanden sollten nun Vater oder Mutter des Kindes bestimmen.

Das Ergebnis: Nur bei einem Teil der Einjährigen konnten die Studienteilnehmer Ähnlichkeiten feststellen – und zwar mit dem Vater. Fakt ist: Wir tragen etwa 30.000 Gene in uns. Sie befinden sich auf den Chromosomen – das sind lange Ketten aus DNA (Desoxyribonukleinsäure) – und enthalten unsere Erbinformation, die wir durch Fortpflanzung an unsere Nachkommen weitergeben. Wenn Samen- und Eizelle verschmelzen, bekommt das Kind jeweils 23 Chromosomen von Vater und Mutter, sodass jedes Gen in allen entstehenden Körperzellen des Embryos doppelt vorkommt. Ein Kind ist also halb Mama, halb Papa? Falsch! Denn: Die Gene werden völlig neu kombiniert, sodass eine ganz neue, individuelle Mischung entsteht.

Rote Haare, braune Augen

So kommt es vor, dass manche Gene „stärker“ sind als andere. Hat zum Beispiel die Mutter blaue Augen und der Vater braune, wird das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit braune Augen bekommen, da dieses Merkmal in der Regel dominant vererbt wird, wie Genetiker sagen. Oder es tauchen plötzlich Merkmale von Oma oder Opa auf, die bei den Eltern nicht aufgetreten sind. Beispiel: Das Kind hat rote Haare, obwohl Mutter und Vater selbst nicht rothaarig sind.

Das geht so: Hat die Oma väterlicherseits rote Haare und ist der Opa dunkelhaarig, geben sie die Erbanlagen für rotes sowie für dunkles Haar an ihren Sohn weiter. Da das Gen für dunkle Haare dominant vererbt wird, setzt es sich durch – und der Sohn hat selbst eine dunkle Mähne. Dennoch gibt er eines der Gene – entweder das für dunkle Haare oder das für rote Haare – an seinen Nachwuchs weiter. Wenn er nun mit einer Frau ein Kind bekommt, die ebenfalls ein Gen für rote Haare in sich trägt, kann das Kind theoretisch von beiden Elternteilen die Anlage für rote Haare erben – und selbst ein Rotschopf sein, ohne dass Mama und Papa rothaarig sind. Es können aber auch Genkombinationen auftreten, die es weder in der Familie der Mutter noch in der Familie des Vaters gibt. Ob ein Kind braune Augen oder ein Talent zum Geigespielen hat, hängt allerdings nicht von einem einzelnen Gen ab, sondern vom Zusammenspiel vieler Gene.

Ein komplexes Wechselspiel

Gene sind also die Grundlage unserer biologischen und psychologischen Merkmale. Sie beeinflussen, wie intelligent und temperamentvoll wir sind,  wie wir mit Stress umgehen und wie wir auf äußere Einflüsse reagieren. Unsere Erbanlagen legen jedoch nur den Rahmen fest, sind also sozusagen der „Bauplan“. Wie sich ein Kind innerhalb dieses Rahmens entwickelt, hängt von Umweltfaktoren ab. Erziehung, Ernährung, Freunde, Bildung – das alles spielt eine Rolle. Ein Kind, das mit musikalischer Begabung auf die Welt kommt, kann diese also nur nutzen, wenn die Eltern sein Talent auch erkennen und entsprechend fördern. Umgekehrt wird aus einem musikalisch unbegabten Kind sehr wahrscheinlich kein zweiter Mozart. Fazit: Jeder Mensch ist das einmalige Ergebnis eines komplexen Wechselspiels von Genen und Umwelt, wobei beide laut Experten jeweils zu 50 Prozent beteiligt sind. Zwar wurde das menschliche Genom – also die Gesamtheit aller Gene – inzwischen entschlüsselt. Welche Gene für welche Merkmale zuständig sind, weiß man jedoch nicht. Es gibt für die Wissenschaftler also noch viel zu tun.

Drei Fragen an Dr. Christine Jung, Fachärztin für Humangenetik

Sind die Gene Schuld an Übergewicht?

Es gibt Menschen, die genetisch gute „Futterverwerter“ sind. Das war entwicklungsgeschichtlich lange ein großer Vorteil, um Hungerperioden zu überstehen. Heute bedeutet das bei erhöhtem Nahrungsangebot und Bewegungsmangel jedoch ein Risiko, Übergewicht zu entwickeln. Bei manchen Menschen ist eine einzelne Genveränderung die Hauptursache für starkes Übergewicht – trotz normaler Kalorienzufuhr. Das ist aber die Ausnahme.

Geben Eltern Charaktereigenschaften wie Geselligkeit, Humor etc. an ihren Nachwuchs weiter?

Die meisten unserer Eigenschaften – dazu gehören auch die persönlichen – sind multifaktoriell bedingt. Das heißt: Welche Eigenschaften ein Mensch entwickelt, hängt vom Zusammenspiel seiner Erbanlagen ab, aber auch von den Umwelteinflüssen, denen der Mensch ausgesetzt ist. Geht man beispielsweise von Intelligenz als „Charaktereigenschaft“ aus, die zu etwa 80 Prozent erblich ist, liegt der Schluss nahe, dass die Gene auch bei anderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Humor, Geselligkeit etc. eine große Rolle spielen.

Ist es möglich, sein „Wunschkind“ mit Wunscheigenschaften auszustatten?


Bisher ist es nicht möglich, einzelne Gene menschlicher Keimzellen zu manipulieren. Vielleicht mag es irgendwann gelingen, das gesamte Genom des Embryos im frühsten Stadium zu entschlüsseln. Die gewonnenen Ergebnisse zu interpretieren, bleibt aber extrem schwierig. Denn was die einzelnen Genvarianten (von denen jeder Mensch mehrere Hundert, wenn nicht Tausende trägt) bedeuten und wie sie zusammenspielen, ist nicht vorhersagbar. Es ist also nicht sicher, ob das Kind die gewünschten Eigenschaften auch tatsächlich hat.

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