Spiegelbild

Zwillinge: Hingucker und nur auf den ersten Blick gleich

"Sie erwarten Zwillinge". Ein Satz, der das Gros der Mamas und Papas in spe wohl erst Mal umhaut. Mit dem Bauch wächst jedoch die Vorfreude. Auf zwei Menschen, die ähnlicher nicht sein könnten. Und doch so verschieden sind.

Moses und Aaron Wilcox kommen im Jahr 1819 nach Millsville, Ohio. Sie verkaufen Land zu günstigen Preisen. Und sie sind auch bereit, Land für einen öffentlichen Platz und 20.000 Dollar für eine Schule zu stiften – vorausgesetzt, die Regierung benennt Millsville in Twinsburg um. Moses und Aaron Wilcox sind nämlich eineiige Zwillinge, die sich – so sagt man – derart ähnlich sind, dass selbst ihre engsten Freunde sie kaum auseinanderzuhalten vermögen.

Die Zwillingsbrüder waren Zeit ihres Lebens Geschäftspartner, heirateten zwei Schwestern, bekamen gleichviele Kinder und starben im Abstand von nur wenige Stunden. Twinsburg ist heute ein Städtchen mit rund 17.000 Einwohnern, in dem jedes Jahr im August das größte Zwillingstreffen der Welt stattfindet.  

Schwanger hoch zwei

Zwillingstreffen, Zwillingsstammtische, Zwillingsforen, Zwillingskongresse, sogar eine Zeitschrift, die sich speziell an Zwillingseltern richtet: Zwillinge müssen ausgesprochen besonders sein. Schon die Schwangerschaft ist ausgesprochen besonders. „Es geht immer um drei Menschen“, betont Professor Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtshilfe am Universitätsklinikum Jena, der selbst zirka 250 Zwillingspaaren auf die Welt geholfen hat. „Wenn  ‚doppelt so viel Kind im Bauch‘ ist, gibt es für die Mutter auch mehr Risiken.“

Zwillingsschwangerschaften sind deshalb immer Risikoschwangerschaften. Werdende Zwillingsmütter kämpfen besonders während der zweiten Schwangerschaftshälfte mit  Beschwerden, leiden häufiger unter Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck und besitzen ein erhöhtes Risiko für eine Frühgeburt. Eine Komplikation, die bei eineiigen Zwillingen auftreten kann, ist das sogenannte fetofetale Transfusionssyndrom.

Weil sich eineiige Zwillinge eine Plazenta teilen und beide Blutkreisläufe der Kinder miteinander verbunden sind, kann es passieren, dass eines der Ungeborenen mehr Nährstoffe bekommt als das andere; der eine Zwilling dem anderen also sozusagen die Nahrung „klaut“. „Der ‚Geber‘ wird mangelversorgt, bleibt kleiner und produziert kein Fruchtwasser mehr, während der ‚Empfänger‘ viel Fruchtwasser produziert und zu stark wächst“, erläutert der Gynäkologe die Folgen. „Ich empfehle Schwangeren deshalb eine erweitere Ultraschalldiagnostik in der ersten Schwangerschaftshälfte bei einem erfahrenen Pränataldiagnostiker, der das fetofetale Transfusionssyndrom rechtzeitig erkennt.“

Um das Risiko für Komplikationen zu reduzieren, finden die Vorsorgeuntersuchungen ab der 30. Schwangerschaftswoche wöchentlich statt. Wenn alles gut verläuft, stehen auch die Chancen gut, den doppelten Nachwuchs spontan zu entbinden. Ein Kaiserschnitt ist bei Zwillingen nämlich kein Muss. „Der Arzt muss individuell entscheiden, ob ein Kaiserschnitt notwendig ist. Liegt das erste Kind zum Beispiel in Beckenendlage und setzen die Wehen vor der 34. Schwangerschaftswoche ein, führt daran kein Weg vorbei“, erklärt Professor Schleußner.

Spannendes Forschungsobjekt

2010 kamen in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 11.573 Zwillinge zur Welt – Tendenz steigend. Das dürfte die Zwillingsforscher Dr. Andreas Busjahn und Professor Frank Spinath freuen. Schließlich steigt damit auch die Anzahl potenzieller Probanden. Dr. Andreas Busjahn ist Leiter des Berliner „HealthTwiSt“-Instituts, das auf Zwillingsstudien zum Thema „Gesundheit“ spezialisiert ist – und hat sich bereits seit 15 Jahren der Zwillingsforschung verschrieben. Warum?

„Weil uns Zwillinge eindrucksvoll vor Augen führen, dass wir biologische Wesen mit vordefinierten Grenzen sind“, unterstreicht Dr. Busjahn. „Sie können uns helfen herauszufinden, inwieweit wir durch unsere Gene vordefiniert und durch die Umwelt formbar sind. Was macht uns zu dem, der wir sind? Bestimmen die Gene, wer wir sind? Oder Umwelt und Erziehung? Mithilfe von Zwillingen können wir Antworten auf diese Fragen finden.“

Was Dr. Busjahn inzwischen weiß: Gene und Umwelt sind gleichermaßen daran beteiligt, welche Eigenschaften ein Mensch hat. Jetzt geht es darum, herauszufinden, wie genau das Wechselspiel zwischen beiden funktioniert. Professor Spinath von der Universität des Saarlandes interessiert sich indes weniger für einzelne Gene. „Wir untersuchen Persönlichkeitsmerkmale. Wir bitten jeden Zwilling zunächst, sich selbst einzuschätzen – beispielsweise, ob er gerne unter Menschen ist, ob er schnell Freunde findet etc. Anhand dieser Einschätzungen können wir Werte berechnen, die wir miteinander vergleichen und die zeigen, wie ähnlich sich ein- und zweieiige Zwillinge sind.“

Das Ergebnis: Eineiige Zwillinge sind sich in vielen Eigenschaften etwa doppelt so ähnlich wie zweieiige. Professor Spinath: „Das passt zum genetischen Erklärungsmuster. Schließlich teilen sich eineiige Zwillinge einhundert Prozent der Gene, zweieiige nur die Hälfte.“

Zweifach ist nicht einfach

Das erklärt wohl auch die innige Verbundenheit zwischen eineiigen Zwillingen. Man kennt den Bruder oder die Schwester  wie kein anderer, versteht den anderen blind, weil er genauso tickt und genauso aussieht, wie man selbst. Professor Spinath ist überzeugt, dass Zwillinge eine besondere Verbindung haben, warnt aber auch davor, die Sache mit dem „unsichtbaren Band“ zu ernst zu nehmen.

„Die Annahme, Zwillinge können über eine Distanz von 200 Kilometern fühlen, wie es dem anderen geht, halte ich schlicht für Unsinn. Es gibt keine wissenschaftlichen Befunde, die das belegen. Und keines der Zwillingspaare, die wir in unseren Untersuchungen befragt haben, hat das bestätigt.“

Fakt ist: Es hat nicht nur Vorteile, wenn man einen Menschen so gut kennt. Dr. Busjahn hat erlebt, dass diese extreme Nähe auch umschlagen kann. „Zwillinge wissen natürlich genau, welche Knöpfe sie drücken müssen, um dem anderen weh zu tun. Wir haben bei unseren Untersuchungen Zwillingspaare kennen gelernt, die sich so gestritten haben, dass wir sie nicht mehr gemeinsam zu Studien einladen dürfen.“ Nicht zuletzt sind Konflikte auch vorprogrammiert, weil sich Zwillinge schon vor der Geburt alles teilen müssen: den Platz in Mamas Bauch, später die Liebe und Aufmerksamkeit der Eltern. Und doppelt füttern, wickeln und trösten verlangt Müttern und Vätern wiederum alles ab.

Vom Wir zum Ich

Sie müssen den Zwillingen Fläschchen geben, die Zwillinge in die Kita bringen oder die Zwillinge ... Die Zwillinge – nicht etwa Finn und Frederick, Laura und Luiz. „Die meisten Eltern bemühen sich, ihr Duo nicht über einen Kamm zu scheren, erwischen sich aber doch immer wieder dabei, wie sie Formulierungen mit ‚ihr‘ verwenden“, stellt Dr. Busjahn fest. Wichtig sei, dass Eltern auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen „und ein Gespür dafür bekommen, was ihre Kinder selbst wollen“.

Wenn Zwillinge zum Beispiel das gleiche Outfit anziehen möchten, sollten Eltern ihnen den Wunsch nicht abschlagen; ihnen den Partnerlook aber auch nicht aufdrängen, wenn die Kinder ihn partout nicht wollen. Und wenn sie ohne einander (noch) nicht können, sind verschiedene Kitagruppen und Schulklassen keine gute Wahl. Der Wunsch nach Individualität ist bei jedem Zwilling unterschiedlich ausgeprägt.

„Mancher Zwilling entscheidet sich irgendwann ganz bewusst, Dinge anders zu tun, als der Bruder oder die Schwester, um so etwas wie ein Ich zu entwickeln“, weiß Dr. Busjahn. Der Wissenschaftler kennt aus seiner Praxis allerdings manche Zwillingspaare, denen es noch nicht individuell genug ist, wenn der eine zum Sport und der andere zum Klavierunterricht geht. „Es gibt Zwillinge, die an unseren Studien nur deshalb teilnehmen, weil sie von uns Belege wollen, dass sie wirklich unterschiedlich sind.“

Unterschiede –  Professor Spinath ist froh, dass es sie gibt. „Meine Haupterkenntnis aus der Zwillingsforschung lautet: Unterschiede zwischen Menschen sind etwas, das wir respektieren sollten. Zwillinge sind wie alle Menschen unterschiedlich in ihren Fähigkeiten und Interessen. Und man sollte nicht versuchen, diese Unterschiede aufzulösen.“ Schließlich helfen sie uns, Zwillinge auseinander zu halten. Professor Spinath hat durch seine Projekte mehr als 300 Zwillingspaare persönlich kennen gelernt. „Trotzdem kam es immer wieder vor, dass ich – trotz meiner beruflichen Routine als Zwillingsexperte – raten musste, wer wer ist, weil sich die Zwillinge so ähnlich sahen.“

Unsere Experten:

Professor Dr. med. Ekkehard Schleußner, Direktor der Klinik für Geburtshilfe, Universitätsklinikum Jena

Professor Dr. Frank M. Spinath, Differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik, Universität des Saarlandes

Dr. Andreas Busjahn, Klinischer Psychologe und Leiter des „HealthTwiSt“ Zwillingsregisters Berlin, www.healthtwist.de

Zwillinge wanted!

Die Universitätshautklinik Kiel sucht in Zusammenarbeit mit dem „HealthTwiSt“ Zwillingsregister Berlin eineiige Zwillinge ab zwei Jahren für eine Neurodermitisstudie zum Thema „epigenetische Faktoren für Neurodermitis“, von denen einer oder beide Zwillinge an Neurodermitis erkrankt waren oder akut betroffen sind.

Mehr Infos unter der kostenlosen Hotline 0800-1289467 oder per E-Mail: info@healthtwist.de

Bärbel und Jörn Backhaus mit ihren zweieiigen Zwillingen Jana (3) und Nils, zwei Minuten jünger

„Mit Zwillingen fällt man auf. Im Geburtsvorbereitungskurs, den mein Mann und ich besucht haben, waren ausschließlich Frauen, die ein Kind erwarteten. Ihre Reaktion, als wir bei der Vorstellungsrunde verkündeten, dass wir Zwillinge bekommen: ‚Wow, Zwillinge? Wie wollt ihr das schaffen?’ Eine Frage, die uns immer wieder gestellt wurde. Und die Ängste schürt.

Selbstverständlich haben wir überlegt, wie wir den Alltag mit zwei Babys meistern. Sehr hilfreich war dabei der Austausch mit Gleichgesinnten. Ich habe viel in Zwillingsforen gesurft. Sie sind eine gute Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Fragen zu stellen. Werdende Zwillingsmütter haben nämlich andere Fragen als „normale“ Schwangere. Ganz banal: Kann man parallel stillen? Was mache ich, wenn beide Babys gleichzeitig schreien oder die Windel voll haben? Als Zwillingseltern wird man ganz anders gefordert.

Die erste Zeit mit Jana und Nils war sehr anstrengend, weil sie anfangs noch keinen gemeinsamen Rhythmus hatten. Wenn Nils schlief, schrie Jana. Hatte Jana Hunger, war Nils satt. Hatten wir beide gerade angezogen, hatte Nils die Windel voll – im Winter  besonders spaßig. Ich kann mich erinnern, dass ich ein großes Schlafdefizit hatte. Mein Tipp für Zwillingseltern: Kontakt zu anderen Zwillingsmüttern und -vätern suchen und ein Netzwerk aufbauen.“

Melanie Burbach und Heiko Meffert mit ihren eineiigen Zwillingen Louisa (2), und Paula, neun Minuten älter

„Wir begegnen oft Menschen, die sagen ‚Oh Gott, wie könnt ihr Paula und Louisa auseinander halten?’ Ich finde das nicht schwer, weil die beiden sehr unterschiedlich sind. Louisa ist größer und kräftiger als Paula. Und sie ist schüchtern, wenn Besuch kommt. Paula ist offen und geht auf Menschen zu. Wir legen Wert darauf, dass jedes Kind seine eigenen Interessen entwickelt. Deshalb haben wir uns auch bewusst dagegen entschieden, Paula und Louisa gleich anzuziehen.

So unterschiedlich unsere Töchter sind, so innig ist ihre Beziehung. Sie nehmen sich zum Beispiel in den Arm und geben sich gegenseitig Küsschen, um sich zu trösten. Oder wenn Paula weint, geht Louisa los, um ihr ihren Teddy zu bringen. Aber natürlich kracht es auch zwischen den beiden – das volle Zickenprogramm inklusive Kratzen, Beißen und An-den-Haaren-ziehen. Mal sehen, wie es wird, wenn Louisa und Paula in den Kindergarten gehen. Sie kommen erst Mal in dieselbe Gruppe, weil wir denken, dass ihnen die Trennung von Zuhause so leichter fällt.

Ob Zwillinge nun in dieselbe Kita-Gruppe gehen, die gleichen Sachen tragen sollten oder nicht – Eltern sollten sich von unterschiedlichen Meinungen nicht verrückt machen lassen. Als ich schwanger war, haben mich andere Zwillingseltern auf meinen dicken Bauch angesprochen: ‚Zwillinge? Die sind soooo anstrengend!’ Rückblickend kann ich sagen, dass es natürlich anstrengend war. Aber nicht viel mehr, als bei meinen Freundinnen, die ‚nur’ ein Kind im selben Alter hatten. Wichtig ist, dass man sich gut organisiert.“

Tanja Roth und Ralf Bauer mit ihren zweieiigen Zwillingen Alina (10 Monate) und Jonathan, eine Minute älter

„Mein Mann hat mich nach dem Ultraschalltermin vom Arzt abgeholt. Ich habe ihm das Ultraschallbild gezeigt – und er hat sich natürlich gefreut, dass unsere Tochter Emma ein Geschwisterchen bekommt. Allerdings hat er nicht gesehen, was los ist. Als ich ihm zeigte, dass da zwei Babys im Bauch sind, hat es ihm die Sprache verschlagen. Und Emma?

Hat der Tagesmutter klipp und klar gesagt, dass sie keine zwei Geschwister will: ‚Zwei sind zu viel!’ Das habe ich am Anfang auch gedacht. Und mir den Kopf darüber zerbrochen, was da auf uns zukommt. Inzwischen hat Emma Jonathan und Alina fest ins Herz geschlossen. Sie hilft beim Füttern, bespaßt oder beruhigt sie. Emma ist so stolz darauf, zwei Geschwister zu haben, dass sie es allen erzählt. Hin und wieder ist sie natürlich – wie alle Geschwister –  eifersüchtig.

Für Emma war die Situation verständlicher Weise nicht einfach. Drei Jahre lang war sie die Nummer eins. Und plötzlich sind da zwei Babys, die alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Allen gerecht zu werden, fällt zugegeben manchmal schwer. Zwillinge zu haben, ist ein Abenteuer. Und es ist toll, dieses Abenteuer mit der Familie, Freunden und auch anderen Zwillingseltern zu teilen. Mittlerweile sind sehr nette Kontakte  entstanden.“

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