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Familienzuwachs

Das zweite Kind

Wann ist der beste Zeitpunkt fürs Zweite? Und wie reagiert Nummer eins auf die Entthronung?

Wir lagen erschöpft auf dem Sofa. Der Fernseher lief, doch vor lauter Müdigkeit fielen mir die Augen zu. Wie so oft nach langen Tagen mit kleinem Kind waren wir froh, nichts mehr machen zu müssen. Mit Wahnsinnsaufwand hatten wir gerade Anna (3) ins Bett manövriert, als das Telefon klingelte. Meine Mutter war dran – mit einer Nachricht, die unsere Ruhe empfindlich störte: „Ich habe deine Schulfreundin Susi getroffen. Die kriegt jetzt das Zweite.“

Wollen wir wirklich noch ein Kind?

Ein harmloser Satz. Eigentlich. Aber für uns viel mehr. Sollte es eine Mahnung sein („Wartet nicht zu lange, sonst klappt es später nicht mehr“)? Eine Erinnerung?

Als ob wir Überlegungen zum Thema zweites Kind einfach vergessen könnten. Das hätte gar nicht geklappt. Denn um uns herum entstanden überall „Zweite“. Annas Kindergartenfreundin bekam demnächst ein Schwesterchen. Die Nachbarn legten vor und verkündeten die zweite Schwangerschaft. Und jetzt auch noch Susi, die sich bestimmt demnächst melden würde mit der Frage aller Fragen: „Wann ist es bei euch so weit?“ – Klar, das fragten wir uns auch schon länger. Doch das Grübeln über den perfekten Zeitpunkt führte zu keinem Ergebnis.

Während der Geburt unserer Anna hatte ich mir versprochen: Einmal und nie wieder. Kinderkriegen tut einfach sehr, sehr weh. Kurz danach – Anna lag schlummernd in meinem Arm – waren wir überzeugt: Davon wollen wir noch ganz viele. Und so waren wir drei Jahre lang hin- und hergerissen. Denn es gibt für jeden Zeitpunkt gute Argumente.

Zwei Kinder sind irgendwie machbar​

Am Anfang fiel uns das Aufschieben leicht. Erst mal das Elternsein verkraften. Das Baby vom Schreien abhalten. Stillen, Herumtragen, Wickeln, ins Bettchen legen. Aufs Einschlafen warten – für uns war es unvorstellbar, dass auch nur eine Minute Zeit übrig bleiben könnte für ein weiteres Kind. Ehrfürchtig bestaunte ich Eltern mit Zwillingen, die versicherten: „Das geht schon – irgendwie.“

Wir kapitulierten trotzdem. Den ganzen Stress mal zwei? Da können wir unserer Prinzessin und unseren eigenen Ansprüchen doch gar nicht mehr gerecht werden. Das Ansinnen hatte auch eine ganz merkwürdige Komponente: Wie könnte ein zweiter kleiner Mensch neben unserem über alles geliebten Kind überhaupt bestehen? Wäre das nicht so, als würde ich zu meinem Mann sagen (oder er zu mir): „Weil es mit uns so schön ist, will ich so was wie dich jetzt noch mal.“ 

„Was ist denn das für ein bescheuerter Gedanke? Nur eine Ausrede“, sagte meine Freundin, ebenfalls Zweitmutter, und versicherte: „Wenn das Nächste erst mal da ist, hast du es automatisch genauso lieb.“ Ich blieb skeptisch.

Die ersten wiedergewonnenen Freiheiten nicht aufs Spiel setzen

Nach zwei Jahren (Anna ging inzwischen stundenweise zu einer Tagesmutter) hatten wir erstmalig das Gefühl, wieder etwas freier zu sein. Mal ausgehen mit Babysitter, mal Kurzurlaub ohne Kind dank Großeltern, zeitweise arbeiten dürfen. Das wollten wir nicht aufs Spiel setzen.

Doch im dritten Jahr fingen wir an, unsere eigenen Argumente langsam zu verwandeln. Anna war aus dem ganz großen Chaoten-Alter heraus. 

Synergie-Effekte beim Vorlesen

Wir erwischten uns bei Sätzen, die wir zwei Jahre früher als Verrat empfunden hätten. Zwei in einem Abwasch sind doch auch ganz praktisch. Warum sollten wir nicht einen Kinderwagen schaukeln, wenn wir eh auf dem Spielplatz hocken? Wieso nachts nicht zwei Minis ins Bett lassen, wenn eh eins unseren Schlaf stört? Beim Vorlesen ist es egal, ob vier oder zwei Öhrchen lauschen. Anna könnte dem Baby einerseits schon die Flasche geben, andererseits später vielleicht noch mit ihm spielen. Langweilige Nachmittage beim Kinderarzt werden effektiver, wenn gleich zwei Kinder durchmarschieren. Und wir würden das Ganze lockerer angehen. Unsere Freunde bestätigten, was wir hören wollten: „Soo schlimm ist das gar nicht mit dem Zweiten.“

Nach dem ersten Kind weiß man: Nicht jedes Wehwehchen endet in der Notaufnahme

Tatsächlich sind Eltern cooler, wenn sie schon Erfahrung haben. Rotznasen werden als Normalzustand akzeptiert. Nicht jedes Wehwehchen endet in der nächtlichen Notaufnahme. Baby-Geschrei wird zwar nicht schöner, aber auch nicht mehr als Strafe für vermeintliche Unfähigkeit der Eltern empfunden. Die Gelassenheit tut allen gut. Ob Trösten, Grenzen setzen, sich nicht reinreden lassen, selbstbewusst sein – all das geht jetzt mit Routine. Mann und Frau müssen nicht mehr Mutter und Vater werden, sondern können bleiben wie sie sind – nur mit einem zusätzlichen Kind.  

Einer kümmert sich ums Baby, der andere ums Erstgeborene

Also los, beschlossen wir. Annas Bruder ließ nicht lange auf sich warten und sollte kurz vor ihrem vierten Geburtstag kommen. Das fand sie gut: „Der kann dann auch zu meiner Feier kommen.“ Wir widersprachen lieber nicht. 

Die Entthronung bleibt leider keinem „großen“ Kind erspart. Doch wir bemühten uns mit den üblichen Tricks. Sollte Anna ihre Windel oder die Babybreiflasche wiederhaben wollen – wir waren bereit, ihr alles zu geben. Viel öfter als früher zog einer mit ihr alleine los, während der andere bei Baby Jonathan blieb. Auch das war attraktiv für sie. Denn allein hat ein Erwachsener mehr Muße, sich auf mäßig interessante Kindergespräche einzulassen. Manchmal wollte sie sogar, dass ich mit Jonathan rausgehe, damit Papa zum Lego-Spielen in ihr Zimmer kommt. Warum nicht? Kinderwagen-Schieben fand ich weniger anstrengend als Rollenspiele mit Puppen, die sie wiederum von meinem Mann nicht verlangte.

Die Ankunft des Bruders nahm sie fast nebensächlich zur Kenntnis. Denn die bevorstehende Geburtstagsfeier blieb wichtiger. Natürlich durfte es da keine babybedingten Abstriche beim Programm geben. Auch das kriegten wir hin.

Spielgefährte trotz Altersunterschied

Nach ein paar Monaten hatten wir alle vergessen, dass es Zeiten ohne Jonathan gab. Er gehörte jetzt dazu. Wir schämten uns ein bisschen, dass wir jemals gedacht hatten, ein zweites Kind nicht genauso lieb haben zu können wie das erste. Anna  war mal eine Mini-Mama, mal eine Spielkameradin für ihn. Für sie war das Baby vor allem klein, altersgemäß ein bisschen doof, aber sonst ganz süß. Störte er beim Spielen, rief sie streng, dass wir ihn holen sollten. Wollte sie nicht allein sein, musste er zu ihr ins Zimmer. 

Wie die beiden zusammen spielen? Auch da hatten wir uns wegen des Altersabstands viele Gedanken gemacht. Doch eines Morgens brachte ich Jonathan ins Kinderzimmer und sah einige Zeit später, dass er mit einem Malheft auf dem Bauch eingeschlafen war. „Oh, was habt ihr denn gespielt?“ – „Schule“, erklärte Anna wichtig. „Ich war das Schulkind und er der Lehrer.“ Ach so, geht doch. Von wegen zu großer Altersunterschied.  

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