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Kolumne Joko Zoellner

Total typisch – Familie heute!

Die Frage danach, was "Familie heute" heißt, wird am besten beantwortet, wenn man weiß, was "Familie früher" ausmachte. Macht euch auf viele Überraschungen gefasst...

Max hat Geburtstag. In vier Wochen wird er sechs Jahre alt. Auf einem Sonntag. Aber diesmal wird es erstmals keine gemeinsame Feier geben. Und davor hat die ganze Familie Bammel. Denn Maxis Eltern, Eveline und Thomas, haben sich vor einem halben Jahr getrennt und das bis dahin friedliche – wenn auch nicht immer unproblematische – Zusammenleben hat seitdem einen gehörigen Knacks abgekriegt.

Herbe Einschnitte - vor allem für die Kinder. Sie sind das Opfer einer elterlichen Entscheidung und machtlos. Dieser Sprengsatz, mit dem das Familienleben in die Luft fliegt, muss bereits jedes vierte Kind in Deutschland miterleben und auf die Geborgenheit gemeinsam mit Mama und Papa unter einem Dach verzichten.

Stattdessen ordnen alternative Lebensformen das Leben neu und auch sie müssen erstmal gelernt werden. Nicht nur von Max, sondern auch von seinen Eltern. Theoretisch mag das durchaus vernünftig und richtig sein, aber in der Praxis sind solch oft drastisch veränderte Gewohnheiten vielfach problematisch - psychisch und ökonomisch.

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Trennungen bedeuten Verlust. Trennungen kennen keine Sieger. Mütter, Väter, Kinder - sie alle schauen zunächst einmal auf die zahlreichen Scherben gutgemeinter, hoffnungsfroher Zukunftspläne und stehen vor einer ungewissen Zukunft. Die Eltern haben sich für diesen Weg entschieden und tragen dafür die Verantwortung. Und wieder sind Kinder die Leidtragenden. Sie entscheiden nichts.

Das ist Familie heute – wir erleben sie im Wandel, im Umbruch. Oder etwa auch im Aufbruch?

Max hat Geburtstag. Vor kurzem hat sein Vater mit Sack und Pack das Haus verlassen und ist in eine kleinere Wohnung gezogen - nur 25 Kilometer entfernt. Von wegen "nur". Für Max ist das am Ende der Welt. Er sieht jetzt seinen Papi gerade mal noch jedes zweite Wochenende, muss auf den täglichen Gute-Nacht-Kuss und auf viel mehr "Mein Papa" verzichten. Und am Geburtstag?

Familie heute – sie verlangt von uns Eltern mehr Flexibilität denn je und eine weithin verbesserte Kompromissbereitschaft, damit der tiefe Sinn des Familienlebens erfüllt ist. Für die Psychologin Professor Dr. Birgit Leyendecker "soll die Familie ein Schutzraum sein, ein Ort, an dem man sich aufgehoben fühlt, selbstverständlich füreinander da ist und sich bedingungslos vertrauen kann".

Sind diese so wichtigen Voraussetzungen für eine intaktes Familienleben allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr gegeben, ist die nur allzu oft logische, aber manchmal auch voreilige und nicht immer nachvollziehbare Folge der Ausstieg – die Trennung.

An seinem Geburtstag am Sonntag - wird Max ausnahmsweise geteilt. Der Papa holt ihn nicht wie sonst üblich am Samstag ab, sondern erst am Sonntagmorgen, damit auch Mama "noch etwas von ihm habe", wie sie sich ausdrückt. Und Max? Der hätte am liebsten den ganzen Sonntag mit seinen Eltern zusammen verbracht – wetten?

Familie heute: Der Umgang mit Trennungen gehört mittlerweile für eine wachsende Anzahl von Familien zum gelebten Alltag inklusive  aller wichtigen organisatorischen, wirtschaftlichen und emotionalen Konsequenzen. Allerdings ist die Behauptung voreilig und falsch, dass die Kernfamilie vom Aussterben bedroht sei. Das Vater-Mutter-Kind-unter-einem-Dach-Prinzip ist immer noch die mit großem Abstand beliebteste Familienform, auch wenn sie seit über 30 Jahren stetig abnimmt.

Knapp 70 Prozent (Statistisches Bundesamt, 2017) der Familien leben so. Einelternfamilien, im Volksmund Alleinerziehende genannt, folgen mit 15 Prozent vor den Patchwork-Familien mit 14 Prozent, die nach allen Berechnungen in Zukunft den größten Zuwachs haben werden. Diese drei Gruppen sind auch weiterhin das Fundament deutscher Familien. Nicht bestritten wird, dass darüber hinaus die Vielfalt familiären Zusammenlebens weiter wachsen wird.

Unsere elterlichen Vorfahren kannten im 18. und 19. Jahrhundert bereits unterschiedliche Familien-Modelle, auch Alleinerziehende und auch Patchwork-Familien. Allerdings mit einem wichtigen Unterschied. Auf Grund vieler Krankheiten mit Todesfolge und der unzähligen Kriegsopfer waren viele Witwen mit Kind zwangsweise alleinstehend oder aber man tat sich mit anderen zusammen, um zu überleben. Heute sind diese Maßnahmen freiwillige Entscheidungen.

Max erlebte einen wunderbar abwechslungsreichen Geburtstag. Wenn auch freiwillig getrennt, hatte er schöne Momente. Mama hatte für ihn morgens gesungen, Papa später mit ihm ferngesehen und ihm dann ihr altes Lieblingslied vorgespielt: "We are family", gesungen von Sister Sledge. Jetzt wartete auf Maxi der nächste ganz große aufregende Schritt, auf den sich auch seine Eltern schon freuen: Der kleine, große Sohn wird eingeschult...

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es für Familien ohne Diskussionen ein klare Aufgabenteilung: Der Vater war der Ernährer und hatte das Sagen. Die Mutter räumte Trümmer weg, machte den Haushalt, brachte Kinder zur Welt, versorgte und erzog sie. Bis hinein in die sechziger Jahre hielt sich dieses durchweg harmonische Familienbild. Und so wäre es vielleicht auch heute noch, wenn sich die Frauen (auch Mütter) nicht aufgemacht hätten, darüber nachzudenken, wie sie mehr aus ihrem Leben machen könnten. Die Anti-Baby-Pille war der vielleicht entscheidende Grund für den Aufbruch in ein anderes Rollen-Verständnis. Das Schlagwort: Emanzipation. Und mit ihr veränderte sich die einst so starre Familienleben dramatisch.

Ehefrauen machten ihren Führerschein. Mütter studierten oder sie suchten nach Nebenjobs, um einerseits ihre Kasse aufzufüllen, aber wichtiger war ihnen, dem Alltagstrott zu entfliehen und ihrem Leben neue Impulse zu geben. Dahinter verbarg sich der wichtige Schritt zu einem eigenständigeren Denken und unabhängigeren Handeln.

Damit brachen auch männliche Selbstverständlichkeiten im Haushalt nach und nach ein. Ihr Essen stand nicht mehr automatisch auf dem Tisch, ihr Bier blieb unverschlossen im Kühlschrank, ihr Hemd war noch nicht gebügelt. Ehemänner, die nun ihre Augen aufmachten, begriffen schnell, dass ihre Gattinnen nach Gleichberechtigung strebten. Dazu gehörte dann auch der eigene Beruf - zunächst die Ausbildung oder zurück in den alten Job. Und all das möglichst in Teilzeit, denn der Haushalt und die Kinder verlangten auch weiterhin ihre Zeit und Aufmerksamkeit.

Die Gleichberechtigung von Frauen und Müttern wurde intensiver, nachhaltiger und fand ihre grundsätzliche gesellschaftliche Anerkennung.  Ein sichtbares Zeichen dafür war und ist auch heute noch das weibliche Eindringen in einst abgeschottete Berufswelten ihrer männlichen Kollegen.  Pilotinnen zum Beispiel. Sie gehörten zu den ersten, die bewiesen, dass sie ihren Mann stehen können.  Aktuell sind es unter anderem Sportmoderatorinnen, die - verheiratet oder schwanger mit Bäuchlein vor der Kamera - nicht nur für ihre männlichen Kollegen eine attraktive Konkurrenz sind, sondern sie vom Bildschirm vertrieben und durch ihr Fachwissen imponieren.

Die Einschulung von Max war für ihn ein kleines Freudenfest - und das aus einem ganz einfachen Grund: Sie waren beide gekommen, Mama und Papa saßen gemeinsam auf der Bank in der Aula. Es tut Kindern einfach gut, wenn Eltern im Laufe ihrer Trennung erkennen, dass sie für ihre Kinder immer ihre Eltern bleiben, egal wo sie sind, und sich dementsprechend verhalten. Dieses positive Gefühl kann hilfreich sein bei allen vorhandenen Konfliktstoffen. Eveline nahm diese gute Stimmung zum Anlass, ihrem getrennt lebenden Mann zu informieren, ohne ihn vorher gefragt zu haben: "Ich arbeite wieder."

Familie heute heißt Alleinerziehend. Zu 90 Prozent sind es Mütter. Alleinerziehend bedeutet heute vielfach auch: allein gelassen. Trotz der Reform des Unterhaltsrechts können sich viele Mütter nicht darauf verlassen, dass Väter den finanziellen Pflichten nachkommen, und das schafft Unsicherheit, oft verbunden mit psychischen Ängsten und existentiellen Sorgen. Denn die staatliche Hilfe reicht nur für ein Leben in aller Bescheidenheit. Und das Geld ist noch  knapper, wenn  alleinerziehend sind Mütter zwei Kids versorgen. Teilzeitarbeit muss dann her. Ein Teil des Geldes geht allerdings für die Betreuung der Kinder gleich wieder verloren. In der deutschen Familienpolitik sind Alleinerziehende weiterhin ein neuralgischer Punkt, der noch nicht wirklich gelöst ist.

Im Elternhaus von Max gibt es völlig unerwartet Zoff. Die Tatsache, dass sich Mama Eveline einen Halbtagsjob gesucht hat, stößt bei Noch-Ehemann Thomas auf Unverständnis. "Du bekommst doch staatliche Unterstützung", faucht er sie an, "und ich zahle Dir meinen Anteil dazu, und Du weißt, dass Du Dich auf mich verlassen kannst, oder etwa nicht?" Maxis Mutter muss sich gefallen lassen, sich anzuhören, dass sie den Hals nicht vollkriegen könne anstatt sich um Maxi zu kümmern. Schließlich habe er auch die Kita bezahlt.

Eveline reagiert geschockt und genervt. Vielen Familien heute fehlt - ob getrennt oder nicht - das nachhaltige Vertrauen, von dem die Familienforscherin Professor Leyendecker gesprochen hatte. Zu schnell und zu ungeduldig reagieren Ehepaare heutzutage oft auf Probleme, die sich mit etwas Goodwill und ohne Rechthaberei lösen lassen. Maxis Mutter ist beunruhigt. Sie kennt ja ihren Mann und fürchtet sich nun vor der einen oder anderen Rache-Aktion.

Familie heute: das ist auch die Patchwork-Familie. Patchwork - dieser englische Begrifft bezeichnet im Ursprung eine bestimmte Form der Textiltechnik und heißt übersetzt "Flickwerk". In einer so betitelten Patchwork-Familie tun sich Alleinerziehende mit einem neuen Partner zusammen, der eventuell auch Kinder in die neue Beziehung mitbringt. Der Begriff "Flickwerk" trifft die Unternehmung allerdings nicht, denn diese Art von "Flickwerk" kann durchaus ihre Qualitäten haben.

Viele Mütter und Väter gehen hoffnungsfroh diese Verbindung ein, weil es ihr Ziel und ihre Hoffnung ist, dass ihre Kinder in dieser Familienkonstellation neuen Halt und Sicherheit finden.

Eine neue Familie, in der alle Mitglieder wissen und damit leben, dass es für die Kinder immer noch einen anderen Elternteil gibt. Das kann zweifellos gut-, aber auch in die Hose gehen.

Denn ein neuer Partner für die Mama oder den Papa bedeutet auch eine neue Bezugsperson für das Kind. Was ist, wenn trotz aller Bemühungen die Chemie partout nicht stimmt. Da gibt es dann den einen klassischen Satz aus dem Kindermund, der das ganze Drama in kurzen Worten zusammenfasst: "Du hast mir gar nichts zu sagen."

Die verständliche aufkommende Ratlosigkeit kann am besten durch ein ständiges Miteinander überwunden werden. Aber es braucht Zeit. Es braucht Geduld und erfordert von den Erwachsenen die Bereitschaft, alte, eingefahrene Denkmuster hinter sich zu lassen. Will Patchwork keinen Flickenteppich sein, müssen alle in der neuen Familie bereit sein, gemeinsam ein neues Leben mit eigenen Zielen aufzubauen. Auch hierbei hilft eine transparente Rollenverteilung, wie sie sich schon oft in Familien bewährt hat.

Und worauf kommt es beim Patchworken an?  Auf Flexibilität anstatt auf Rechthaberei unter den Eltern; auf Respekt und Verständnis für alle Kinder, egal zu wem sie gehören und - absolut wichtig - keine "Einmische" in die Belange der nicht elterlichen Kinder.

Max geht nun zur Schule. Er ist dreimal in der Woche nachmittags bei einer befreundeten Nachbarin, während seine Mutter zur Arbeit geht. Sie streitet mit ihrem Noch-Ehemann um Unterhalt. Er hat eine deutlich jüngere Freundin und schließt nicht mehr aus, mit ihr zusammen zu ziehen. Auch nicht, noch mal Vater zu werden.

Max findet "die Neue" ganz okay, "aber Mama viel besser". Jetzt steht Urlaub an. Aber wer mit wem? Wann?  Und wohin? Das alles muss noch geklärt werden.

Typisch - Familie heute.

Autor: Joko Zoellner

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