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Umbau statt Neubau

Wie aus einem Haus ein Familiennest wird

Ein aufwendiger Neubau muss nicht immer sein. In vielen Fällen lohnt sich auch die Renovierung: Mit Fantasie und Planung lassen sich viele gebrauchte Immobilien in kindgerechte Familienhäuser umwandeln

Das erste Urteil von Antje und Markus Grimm, als sie vor dem nur 80 Quadratmeter großen Siedlungshaus aus den 50er-Jahren im Hamburger Stadtteil Iserbrook standen, war vernichtend: viel zu klein und total spießig, außerdem verwohnt.

Doch der attraktive Preis des renovierungsbedürftigen Hauses auf dem fast 800 Quadratmeter großen Grundstück ließ ihnen keine Ruhe. Zusammen mit einem befreundeten Architekten fuhren sie noch einmal hin und gaben dem Häuschen eine zweite Chance.

Nur zwei Wochen später saßen sie mit Tochter Emma beim Notar und unterschrieben den Kaufvertrag für ihr neues Zuhause, allen Vorurteilen und Bedenken zum Trotz. Für die kommenden zwei Jahre nahmen sie sich ein strenges Arbeitsprogramm vor, unterteilt in mehrere Schritte.

Im ersten Block renovierte Vater Markus fast alleine das vorhandene Minihaus und schuf durch den Abriss nicht tragender Wände größere Räume wie die gemütliche Wohnküche. Im Obergeschoss entstand aus zwei kleinen Kämmerchen ein großes Elternschlafzimmer, die Deckenbalken wurden freigelegt, sodass der Raum mehr Großzügigkeit erhielt.

„Als ich die nackten Balken sah, habe ich spontan eine Schaukel für Emma aufgehängt“, berichtet Antje Grimm. „Ihr erstes Kinderzimmer bei uns im Haus in einer ehemaligen Abseite war mit fünf Quadratmetern wirklich klein, aber wir wussten zu dem Zeitpunkt schon, wie es weitergehen sollte.“

Weiter ging es im Fall der Familie Grimm allerdings erst einmal mit der Familienplanung. Das plattdeutsche Sprichwort „Neue Dören, neue Gören“ bewahrheitete sich nämlich schneller als geplant – Sohn Ove war unterwegs. Zeit für die Familie den zweiten Bauabschnitt zu starten: die Erweiterung des bisherigen Hauses um 120 Quadratmeter.

In Holzständerbauweise entstand innerhalb von nur drei Wochen auf der Rückseite des Hauses ein kubischer, eingeschossiger Holzanbau mit  einer großen Fensterfront zum Garten. Die Familie hat nun ein 60 Quadratmeter großes Wohnzimmer mit elektrischer Fußbodenheizung und Kamin und im Obergeschoss zwei je 30 Quadratmeter große Kinderzimmer – ein Spielparadies für Emma und Ove.

Einen Bungalow aufstocken

Aus Kostengründen verzichtete die junge Familie auf eine Unterkellerung des Anbaus, die Kosten pro Quadratmeter Neubau lagen nun bei 1100 Euro. „Durch die phasenweise Renovierung mussten wir nicht auf einen Schlag die ganze finanzielle Belastung tragen, sondern konnten zwischendurch einmal Luft holen“, freut sich Antje Grimm.

„Und durch die hohe Eigenleistung meines Mannes haben wir viel Geld gespart, auch wenn natürlich nicht alle Wände und Fliesen ganz perfekt sind.“ Sie selbst griff mit zum Pinsel, verschönerte die Wände mit farbigen Akzenten und gab dem Haus einen wohnlichen, skandinavischen Stil.

Doch nicht nur Siedlungshäuser eignen sich hervorragend für einen Anbau. So mancher aus der Mode gekommene Bungalow bekommt mit einem nachträglich aufgesetzten Dachgeschoss neuen Charme und allerhand mehr Wohnqualität. Ungedämmte, meist nur als Dachböden genutzte Walldächer, können im Nu durch einen gläsernen Dachaufbau ersetzt werden, der mit umlaufender Terrasse zum Refugium für die „Großen“ werden kann, wenn eine tobende Kinderhorde den Garten fest in Beschlag nimmt.

Durch den Wegfall der Eigenheimzulage wird es für immer mehr Familien attraktiv, auf den Neubau eines Häuschens im Grünen zu  verzichten und in Bestandsimmobilien in gewachsenen Stadtvierteln zu investieren. „In den letzten Jahren zeichnet sich ein deutlicher Trend zum Umbau statt Neubau ab“, bestätigt der Münchner Architekt Amandus Sattler, der in seinem Buch „Umbau statt Neubau“ zahlreiche Ideen für gelungene Modernisierungen alter Immobilien vorstellt.

Ein weiteres Plus des Umbau-statt-Neubau-Prinzips: Wer sich für eine alte Immobilie entscheidet, findet sein künftiges Zuhause meist schon inmitten einer gewachsenen Struktur – die Nachbarschaft ist seit Jahren etabliert, Gärten und Gehwege sind angelegt und der Alltag im neuen Haus wird nicht von Baulärm und matschigen Pfaden über provisorisch ausgelegte Paletten getrübt.

„Vor allem aber ist die Planungsphase beim Umbau sehr viel geringer“, gibt Sattler zu bedenken. „Alle Grundplanungen des Hauses sind bereits abgeschlossen, nun gilt es nur noch die  Modernisierungsmaßnahmen abzustimmen.“ Daran schließt sich ein massiver Zeitvorteil an. Experte Sattler rechnet für einen Neubau rund zwei Jahre, Renovierungsmaßnahmen sind schon in zwei bis drei Monaten zu realisieren.

„Umfangreiche An- oder Ausbaumaßnahmen sollten jedoch noch vor dem Kauf mit dem zuständigen Bauamt besprochen werden“, empfiehlt Sattler. „Vor den Planungen für eine Aufstockung sollte zudem geprüft werden, ob das Haus überhaupt das zusätzliche Gewicht tragen kann.“

Mit etwas Geschick gibt es für die Renovierung eines alten Hauses  sogar Geld vom Staat: Für denkmalgeschützte Häuser gibt es zahlreiche Fördermittel, für energetische Sanierungen von der KfW oder den Kreditanstalten der Länder günstige Darlehen.    

 

Sandra-Valeska Bruhns

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