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Teilzeitarbeit Kinder erziehen und in Teilzeit arbeiten - so funktioniert es und so nicht

Kinder erziehen und arbeiten – das funktioniert! Auch ohne, dass sich mindestens ein Elternteil zerreißen muss. Im Folgenden zeigen Steffi und Melanie, wie es klappen kann oder daneben geht.

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"Teilzeitkraft" Foto: Schwarzkopf & Schwarzkopf

Ein Gastbeitrag unserer Expertin Yasmin Noel-Schütt, Karrierecoach, Bewerbungstrainerin und Buchautorin von "Teilzeitkraft". Der Ratgeber erzählt auf kurzweilige Art von den Erfahrungen der Autorin bei der Suche nach einem Teilzeitjob.

"Teilzeitkraft" bietet jede Menge wertvolle Praxistipps und Episoden zum schmunzeln. Das Werk ist 2018 im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf erschienen. Das Taschenbuch kostet rund 10 Euro.

Steffi: So funktioniert es nicht!

Steffi sieht auf die Uhr. Schon fast 12.00 Uhr, sie muss los, sonst schimpft die Einrichtungsleiterin, dass sie schon wieder zu spät dran ist. In Windeseile gibt sie den Auftrag fertig ein, an dem sie gerade an ihrem PC gearbeitet hat. Zur Sicherheit überprüft sie ihre Eingaben nochmal und ist jetzt wirklich zu spät dran. Hastig sucht sie ihre Sachen zusammen und stopft diese in ihre Tasche. Mit einem kurzen Blick in die Runde verabschiedet sie sich und steuert die Tür an. Der Blick ihrer Kollegin Lina entgeht ihr dabei nicht. Schon öfter ist ihr aufgefallen, dass ihrer Kollegin offensichtlich etwas missfällt – dabei war sie früher fast schon mit ihr befreundet.

Steffi hastet zum Auto, fühlt sich unter Druck. Sie steigt ein, knallt die Tür zu, sinkt in den Autositz und schließt die Augen. Diese Hetzerei, dieses Tempo, das Gefühl, niemals etwas in Ruhe beenden zu können - lange hält sie das nicht mehr aus. Sie startet den Motor, legt den Rückwärtsgang ein, verlässt den Firmenparkplatz und macht sich auf den Weg zum Kindergarten.

Die Erzieherin erwartet sie mit einem Kopfschütteln. Steffi schluckt es hinunter. Früher galt sie als absolut zuverlässig, heute muss sie sich ständig entschuldigen. Schnell blinzelt sie die Tränen weg, umarmt ihre Tochter Romy zur Begrüßung, hilft ihr beim Anziehen und bringt sie zum Auto. Nach dem Einkauf im Supermarkt, dem Besuch bei der Reinigung und bei der Bank, kann sie endlich mit ihrer Tochter nach Hause.

Romy will spielen. Sie ist drei Jahre alt und braucht viel Aufmerksamkeit. Steffi setzt sich zu ihr auf den Boden während Romy ihre Playmobil-Prinzessin holt und ihrer Fantasie freien Lauf lässt. Steffi macht eher halbherzig mit - kreativ ist sie beim Spielen schon lange nicht mehr. Außerdem sieht die Wohnung aus wie ein Saustall und sie weiß, was ihr Mann Rolf sagen wird, wenn er nach Hause kommt und ihr gemeinsames Zuhause in diesem Zustand sieht: "Ich verstehe das einfach nicht! Du arbeitest doch nur in Teilzeit! Kannst Du hier nicht für etwas Ordnung sorgen?". Also steht sie auf und fängt an, aufzuräumen, was Romy, die mit ihrer Mutter spielen will, natürlich sehr missfällt: "Nie spielst Du mit mir!". Sofort schaltet sich Steffis mütterliches Gewissen ein und so schiebt sie den Gedanken an Rolfs Worte zur Seite und spielt weiter Prinzessin. Zwischendurch, wenn Romy tief genug in ihr Playmobil-Rollenspiel abgetaucht ist, schleicht sie sich jedoch zur Waschmaschine, befüllt diese und schaltet sie ein - dass auch noch die Wäsche ausgeht, will sie nicht riskieren. Die Spülmaschine hat sie heute Früh schon eingeräumt, also stellt sie noch die letzten herumstehenden Gläser hinein und drückt auf "Start". Der Müll muss warten, denn vom Nebenzimmer ruft Romy erneut nach ihr. "Den Abfall kann ich auch noch zur Tonne bringen, wenn Romy bereits schläft", denkt Steffi und setzt sich wieder zu Romy.

Schnell ist es viertel nach sechs, es herrscht immer noch Unordnung, das Essen ist noch nicht gemacht. Steffi möchte, wie sie es von Ihrer Ursprungsfamilie kennt, spätestens um sieben Uhr zu Abend essen. Also holt sie das Fleisch aus dem Kühlschrank und bemerkt, dass sie das gefrorene Gemüse in der Einkaufstasche vergessen hat. Der Karton ist durchweicht, ob das Gemüse wohl noch schmeckt...? Da betritt Romy die Küche mit den Worten "Mama, ich hab Hunger!". Gleichzeitig hört Steffi, wie der Schlüssel im Schloss der Wohnungstür umgedreht wird. Kein fertiges Abendessen und ein Chaos in der Wohnung - sie will Rolfs Gesichtsausdruck gar nicht sehen.  Steffi fühlt, wie ihr das Herz schwer wird und ihr die Tränen in die Augen steigen.

Melanie: So funktioniert es!

Melanie tastet im Dunklen nach dem Wecker. Zeit zum Aufstehen und Frühstückmachen! Sie streckt sich noch einmal, dann setzt sie sich an den Bettrand, zieht Hausschuhe und Morgenmantel an und schlurft in die Küche, setzt Wasser auf, deckt den Tisch. Von nebenan hört sie ein Geräusch aus dem Kinderzimmer. Sie sieht nach: Ihr Sohn Lukas ist wach und zieht sich bereits an, wie sie lächelnd feststellt - Michael, ihr Mann, hat ihn geweckt, während sie noch mit dem Vorbereiten des Frühstücks zu Gange war. Zufrieden sieht sie zu, wie er dem Vierjährigen beim Anziehen seiner Jogginghose hilft. 

Nachdem die Familie gefrühstückt hat und Michael ins Büro gefahren ist, bringt Melanie Lukas in den nahe gelegenen Kindergarten. Die Verabschiedung verläuft reibungslos, Lukas geht gerne in den Kindergarten. Melanie hat Glück: Auf dem kurzen Weg zu ihrer Arbeitsstelle sind die Straßen in einem erträglichen Maß befahren.

Ihre Gedanken schweifen zu ihrem bevorstehenden Arbeitstag. Heute steht ein wichtiges Meeting an und Melanie hat sich gut darauf vorbereitet.  Im Office angekommen, warten schon ihre Kolleginnen Lina und Paula sowie ihr Vorgesetzter Robert auf sie. Es gibt Neuigkeiten - ein wichtiger Großkunde wurde gewonnen - und das Team tauscht sich fachlich aus, um diesen in Zukunft bestmöglich zu betreuen.

Melanie fühlt sich an ihrem Arbeitsplatz wohl. Sie ist sehr gut in ihr Team integriert. Nachdem ihr  Sohn Lukas auf die Welt kam, hat sie ihre Wochenarbeitszeit von 40 Stunden auf 24 Stunden reduziert. Seither arbeitet sie täglich vier Stunden, außer am Mittwoch, an dem sie acht Stunden im Office bleibt. Ihre Mutter wohnt in Geh-Nähe zu Melanies Wohnung und ist bereit, Lukas jeden Mittwoch vom Kindergarten abzuholen und bis abends zu betreuen. Das gibt Melanie die  Gelegenheit, in ihrem Job einen Vollzeittag pro Woche einzurichten. Und der ist Gold wert: für ihren Chef, die Kollegen und nicht zuletzt für Melanie selbst, die an diesem Tag längerfristige Arbeiten erledigen kann. 

Ihr Chef ist sehr zufrieden mit Melanies Arbeitsleistung. Ihre Aufgaben hat er entsprechend ihrer aktuellen Wochenarbeitszeit reduziert, umverteilt und für die fehlenden Stunden eine zweite Teilzeitkraft eingestellt - Paula. Der Einsatz von Teilzeitbeschäftigten ist nichts Neues im Unternehmen, arbeitet doch die Ehefrau des Geschäftsführers ebenfalls mit reduzierter Stundenzahl. Böse Blicke oder Kommentare gibt es aufgrund des Unmuts über ein alternatives Arbeitszeitmodell in dieser Firma nicht- ein solches Verhalten widerspricht der Firmenpolitik und würde von der Geschäftsführung nicht geduldet. Der Geschäftsführer selbst hat vor zwei Jahren kurzweilig Elternzeit genommen und besitzt auch seinen Mitarbeitern gegenüber eine familienfreundliche Einstellung. Melanie ist sehr dankbar dafür. Sie sieht aus dem Fenster, lächelt und fühlt sich gut. Dann widmet sie sich wieder ihrer Arbeit.

Fazit

Zugegebenermaßen sind die beiden Schilderungen über die Teilzeitkräfte Steffi und Melanie etwas überspitzt. Genau durch diese überspitzte Darstellung wird jedoch klar, worauf es bei der Ausübung einer Teilzeitstelle sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich ankommt.

Für den beruflichen Bereich ist es vor allem wichtig, dass der Aufgabenbereich der Teilzeitstelle klar definiert und in der reduzierten Arbeitszeit machbar ist und dass im Unternehmen von der Geschäftsführung bis in alle darunterlegende Hierarchiestufen eine respektvolle Haltung zu allen Teammitgliedern herrscht - egal, ob diese in Teilzeit oder Vollzeit arbeiten.  Eine weitere wichtige Voraussetzung für das Gelingen ist eine gute Vorab-Information des Arbeitgebers über das Teilzeit-Modell. Melanie wird an ihrem Arbeitsplatz durch die positive Grundeinstellung und die bereits bestehende Teilzeit-Erfahrung im Unternehmen mit großer Wahrscheinlichkeit keine Diskussionen über die Handhabung von Feiertagen, ihre Urlaubsberechnung oder ihre Arbeitszeiten erleben. Das ist in der Praxis häufig anders, denn nicht alle Arbeitgeber kennen sich gut mit dem Teilzeitmodell aus.

Ein großes Plus, um das Melanie ihren Chef noch bitten könnte, ist das Einrichten einer Homeoffice-Option inklusive der Installation der entsprechenden Technik bei ihr zu Hause, um beispielsweise an Webkonferenzen teilnehmen zu können. Das Ziel: Melanie soll auch als Teilzeitkraft optimale Leistungen bringen. Das Ganze darf nicht als "Extrawurst" einer Teilzeitkraft verstanden werden - diverse Unternehmen stellen ihren VOLLZEIT-Mitarbeitern ebenfalls die genannten Optionen zur Verfügung, um deren Kapazität optimal ausnutzen zu können.

Das Gelingen des Konzepts der Teilzeitarbeit erstreckt sich jedoch nicht ausschließen auf den  beruflichen Bereich. Wie man an Steffis Beispiel sieht, muss auch von familiärer Seite eine positive Basis geschaffen werden, damit Job, Kinderbetreuung und Haushalt gleichermaßen machbar sind. Steffis Ehemann Rolf nimmt die überfordernde Situation seiner Frau nicht wahr und übt  offenbar stetig Kritik an ihr - ein Problem, dass sich leider häufig einstellt, wenn Kinderbetreuung und Job aufeinander treffen. Dass Steffi "nur" in Teilzeit arbeitet bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie allen anfallenden Aufgaben außerhalb ihres Jobs mit links gerecht wird! Vielmehr scheint das Aufgabenvolumen, das Steffi zu stemmen versucht, nicht realistisch zu sein. Steffi müsste entweder weniger Wochenstunden arbeiten oder Unterstützung bei ihren zusätzlichen Aufgaben erhalten. Beides ist nicht der Fall und so sind zukünftige Konflikte oder gar gesundheitliche Probleme auf Steffis Seite in Aussicht gestellt.

In Teilzeit arbeiten und gleichzeitig Kinder großziehen funktioniert eben nur dann, wenn alle Spielfiguren sich aufmerksam beteiligen. Und wenn die entsprechenden Einflussfaktoren durchdacht und gegebenenfalls angepasst werden - sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht.

Unsere Expertin

Buchautorin Yasmin Noell-Schütt. Foto: privat

Yasmin Noell-Schütt ist 1975 in München geboren. Aus ihrer langjährigen persönlichen Erfahrung als Bewerbungscoach weiß sie um die Schwierigkeiten der Suche nach Teilzeitstellen.

Mit ihrem Buch "Teilzeitkraft - Eine Bewerbungsgeschichte für alle, die mit der Teilzeit-Stellensuche jonglieren" will die Autorin Bewerber mit einer Mischung aus Humor und Praxisnähe abholen.

Mehr Infos unter schwarzkopf-verlag.net und unter www.bewerberzone.de.

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