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Jetzt bist du aber mal dran!

Mehr Lob, weniger Vorwürfe: So managen Paare ihre Freizeit mit Baby

Das Baby ist da – von nun an ist Freizeit Mangelware für die Eltern. Während der eine im Job alles gegeben hat, war der andere von früh bis spät mit dem Nachwuchs beschäftigt. Beide glauben, sie haben jetzt eine Auszeit verdient. Wie lässt sich Streit vermeiden?

Feierabend. Es war ein anstrengender Tag. Er schließt die Wohnungstür auf. „Da bist du ja endlich!“, ruft sie hocherfreut und eilt ihm entgegen. Doch anstatt dem schmerzlich Vermissten einen leidenschaftlichen Kuss auf die Lippen zu pressen wie früher, drückt sie ihm eine übelriechende Tüte in die Hand. „Bring mal eben die Windeln runter, bitte!“

Gerade will er sagen: „Wenn du wüsstest, was heute alles los war!“, aber sie ist mal wieder schneller und sagt: „Wenn du wüsstest, was heute alles los war! – Jetzt bist du aber mal dran!“ Dabei wollte er sich heute Abend die DVD anschauen, die er vor einem halben Jahr zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Und sie hat ungeduldig auf ihn gewartet, damit sie ihr lang ersehntes Bad nehmen kann.

Um das Luxusgut Freizeit wird häufig gerangelt, wenn aus Paaren Eltern werden. Kein Wunder: Nie mehr tun und lassen zu können, was man möchte. Daran muss man sich erst gewöhnen. Manche Paare erwischt es eiskalt. „Das hatten wir uns doch irgendwie anders vorgestellt...“

In Zeiten der Großfamilie konnten sich werdende Eltern konkreter vorstellen, was sie erwartet, denn es gab ein enges Familiennetz, in dem das Wissen weitergegeben wurde. Heute ist das Elternbild oft sehr vage und manche „schwangeren“ Paare haben gar keine anderen jungen Eltern in ihrem Umfeld. Die Paar- und Familientherapeutin Eva Tillmetz rät, Kontakt zu anderen Familien mit kleinen Kindern zu suchen: und zwar schon bevor das Baby da ist. Die Regensburgerin leitet  Seminare, in denen sie auf die neue Lebenssituation vorbereitet: „In den ersten Lebensmonaten des Babys ist die Hauptaufgabe der Eltern, mit Enttäuschungen zurechtzukommen und einen realen Weg zu finden, wie Familie funktioniert.“

Vertragspartner auf Lebenszeit

Die Beziehung vor der Geburt war eine Freizeitbeziehung. Verantwortung gab es kaum. „In der zweiten Beziehung, der Elternbeziehung, sind wir auf einmal Vertragspartner auf Lebenszeit“, erklärt die Buchautorin. Die Elternbeziehung ist also eine Arbeitsbeziehung. Die „Ich gehe jetzt und habe keine Ahnung, wann ich zurückkomme“-Zeiten sind erst einmal vorbei.

Die „Kannst du mal“- und „Hast du schon“-Sätze häufen sich. Ohne Absprachen läuft nichts mehr und es gilt, als Team zusammenzuwachsen. Und das ist manchmal gar nicht so leicht, wenn beide übermüdet und überarbeitet sind.

Dazu kommt: Jetzt müssen andauernd Entscheidungen getroffen werden. Wie kommt das Familieneinkommen zustande? Wer kümmert sich um das Baby? Die neue Situation setzt beide Partner unter Druck. Wenn er alleine für das Finanzielle verantwortlich ist, verbringt er eventuell noch mehr Zeit im Büro. Und sie fühlt sich vielleicht alleingelassen mit dem ganzen Babystress. Da liegen schnell Vorwürfe in der Luft und Paare verbringen eine Menge Zeit damit, sich vorzurechnen, wie viel Zeit sie in den Familientopf geworfen haben. Kostbare Zeit, die sie sinnvoller nutzen könnten. Zum Beispiel indem sie sich zusammensetzen und Pläne schmieden.

Aber auch Zeitmanagement muss man erst lernen. Tillmetz empfiehlt dazu, einen Plan zu erstellen, der früh um sechs anfängt und erst nachts aufhört. Anfangen sollte man mit der Freizeit. Der erste Schritt heißt Nachspüren. Anstatt dem anderen vorzuhalten: „Du nimmst dir zu viel“, sollte man sich fragen: „Wie viel persönliche Zeit brauche ich, damit ich nicht in zwei Monaten ausgebrannt bin?“ Auch wenn es nur zweimal die Woche eine Stunde ist, die einem ganz alleine gehört: Diese Ruhepausen braucht es, um neue Kräfte zu sammeln. Am entspanntesten ist es, wenn diese Auszeit außer Haus stattfindet oder wenn der Partner mit dem Baby unterwegs ist.

Bei all dem ist es wichtig zu verstehen: Ohne Unterstützung geht es kaum. „Ein Paar auf sich alleine gestellt ist völlig überfordert“, weiß die Expertin. Die Hebamme ist meist die Erste, die der kleinen Familie mit Rat und Tat zur Seite steht. Danach kommen andere hinzu: die Nachbarin, die gerne einmal auf das Neugeborene aufpasst, die Babysitterin oder eine neue Freundin aus der Krabbelgruppe. Sich ein Netzwerk aufzubauen ist insbesondere dann sinnvoll, wenn die eigene Familie nicht in der Nähe wohnt. Für eine harmonische Partnerschaft ist es darüber hinaus notwendig, sich einander Respekt und Anerkennung zu zeigen.

Mehr Lob, weniger Vorwürfe lautet das Motto. Merke: Wenn man sich gegenseitig „freiwillig“ etwas Freizeit gönnt, muss man diese auch nicht selbst so forsch einfordern. Und: Es ist zwar verlockend auszubreiten, wie aufopferungsvoll man selbst wieder gewesen ist. Stattdessen könnte man aber auch über den selbstmitleidigen Schatten springen und die Heldentaten des anderen rühmen, die sicher genauso wichtig für die Familie waren. Und dann könnte man sagen: „Schatz, soll ich dir ein Bad einlassen – ich glaube, das hast du dir verdient!“ Und ein bisschen egoistisch darf man natürlich hoffen, dass diese Szene morgen noch einmal mit vertauschten Rollen stattfinden wird.

Inka Pesch

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