Auf Störtebekers Spuren

Inselabenteuer auf Rügen

Zwischen Kreidefelsen und Sandstränden werden Rügens Seeräuber wieder lebendig.

Lisa (8) läuft mit ihrem Papa voran. Sie kann es kaum erwarten, den Piraten Störtebeker, den sie schon vom Denkmal in Hamburg kennt, in Aktion zu sehen. Wir sind gespannt, wie die Naturbühne aussieht, auf der die Abenteuer der Seeräuber-Kumpanen aufgeführt werden. Lisa ist ein großer Fan der Karl May-Spiele in Bad Segeberg, und in unserem diesjährigen Sommerurlaub schauen wir uns zur Abwechslung die Störtebeker-Festspiele auf der Ostseeinsel Rügen an.

Piraten mit donnernden Stimmen
Heute Abend sind wir daher in Ralswiek. Uns erwartet eine beeindruckende Freilichtbühne mit Blick auf den Großen Jasmunder Bodden – ein Nebengewässer der Ostsee – und seine bewaldeten Küsten. Gleich geht es los. Störtebekers Name soll aus dem Ausruf „Stürz den Becher“ entstanden sein. Dem Piraten wird Trinkfes­tigkeit nachgesagt, und aufgrund dieser Eigenschaft erhielt er wohl seinen Namen. Darin soll er für unsere Tochter natürlich kein Vorbild sein – zum Glück stellen diese Freilicht-Festspiele eher seinen Mut und seinen Gerechtigkeitssinn in den Vordergrund. Der Balladensänger singt von Moral und Frieden.

Die Akustik ist beeindruckend – donnernde Stimmen hallen von den Felsen. Aber Lisa hat keine Angst. Vielmehr lacht sie über die fluchenden Reiter. Sie freut sich, dass so viele Pferde mitspielen, ihre Lieblingstiere: „Mama, ich will später auch mal so ein schwarzes Zottelpferd haben!“ Echte Schiffe, die Teil des Stücks sind, fahren im Wasser hinter der Bühne. Analog zur Entwicklung der Handlung wird es allmählich immer dunkler. Wolken, die vom letzten Tageslicht beschienen werden, tragen zur abenteuerlichen Stimmung bei. Plötzlich erschrecke ich vom lauten Knall der Kanonen, und auch Lisa zuckt ­zusammen.

Als brennende Menschen über die Bühne laufen, frage ich mich, ob das noch so kindergeeignet ist, aber Lisa scheint Realität und Fiktion schon ganz gut unterscheiden zu können und findet das Ganze eher amüsant. Doch als ein Adler dicht über unseren Köpfen durch die Luft saust, erschrickt auch sie erneut. Das atemberaubende ­Finale besteht aus einem gigantischen Feuerwerk über der Bucht – auf einmal wird es kurzzeitig wieder taghell und  wir müssen fast die mittlerweile ans Dämmerlicht gewöhnten Augen zukneifen. Als das Feuerwerk vorbei ist, ­sehen wir immer noch Lichtblitze vor  den Augen.

Leuchtturm und Fischbrötchen
Am nächsten Tag wollen wir nachmittags in Kap Arkona am nördlichsten Punkt der Insel einen der Leuchttürme besteigen. Mit diesem Lockmittel können wir Lisa dazu bewegen, zwei Kilometer zu laufen, da man dorthin nicht mit dem Auto kommt. Das bleibt in Putgarten stehen. Und tatsächlich werden wir am Ende unseres kleinen Spaziergangs belohnt und bestaunen zunächst von außen die beiden Leuchttürme, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Der alte besteht aus drei quadratischen Stockwerken und trägt oben eine 24-eckige Laterne. Der neuere Turm vom Anfang des 20. Jahrhunderts steht auf einem eckigen Sockel, ist aber ansonsten rund und mit seinen 35 Metern etwas höher als der alte Turm.

Wir erklimmen den runden Ziegelbau, kraxeln die steinerne Wendeltreppe hinauf, um von oben einen überwältigenden Rundumblick zu genießen. Zum Glück ist die Sicht klar und wir können weit sehen. Nicht nur über das Meer, sondern auch über die Insel. „Wisst ihr was? Ich kann unser Auto sehen“, freut sich Lisa. Hier ist sie gar nicht mehr wegzulocken. In ihrer Fantasie ist sie eine Piratin, die Ausschau nach feindlichen Schiffen hält. Immer wieder läuft sie im Kreis und schaut nach allen Seiten hinunter.

Doch wir Großen bekommen langsam Hunger und schlagen den Abstieg vor. „Nur noch fünf Minuten“, bettelt Lisa. Wir geben uns geschlagen. Und im Anschluss freuen wir uns über frisch geräucherten Fisch im Brötchen, den wir an einem Imbiss im benachbarten Fischerdorf Vitt kaufen. Wir klettern auf ein paar Felsen am Wasser und machen es uns zum Nachmittags-Snack gemütlich. Nun merkt auch Lisa, dass sie erschöpft ist. Und so wird der Rückweg zum Auto unsere letzte wirkliche Aktivität für diesen Tag.

© Tourismuszentrale Rügen, Thomas Kalak

Malerische Architektur
Zurück in unserem Appartement in einem Seebäderhaus in Binz lassen wir uns erst einmal auf die Betten fallen und faulenzen ein wenig. Abends überredet uns mein Mann noch zu einem kurzen Spaziergang. Während Lisa sich fragt, was die Piraten hier früher gemacht haben, wenn sie an Land gegangen sind, bewundern mein Mann und ich die Bäderarchitektur – überwiegend weiße Häuser mit Türm-chen, Balkonen, dreieckigen Giebeln und Rundbögen oder Rechteckfenstern – die diese Insel dominiert und für sie so charakteristisch ist. Hier treffen Einflüsse aus verschiedenen Epochen in einer stimmigen Kombination aufeinander. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden Villen, die von wohlhabenden Berliner Kaufleuten gerne als Urlaubsdomizile genutzt wurden. Für mich sehen sie wie gemalt aus. Heute prägt das Bild die ganze Insel und trägt gemeinsam mit der rauen Natur zu einem ganz besonderen Flair bei.

Kreidiges Wasser
Ein Rügenbesuch ohne Ausflug zum 118 Meter hohen Königsstuhl, einem der zahlreichen Kreidefelsen auf dieser Insel, sei undenkbar, haben wir uns sagen lassen. Der Nationalpark Jasmund zwischen Sass­nitz und Lohme ist mit etwa 3.000 Hektar der kleinste Deutschlands. Wir können uns entweder für den Wanderweg ­oberhalb der Steilküste oder eine ­beschwerliche Kraxelei über Geröll und Kreidefelsen-Vorsprünge unten am Strand entscheiden. Unsere Wahl fällt auf den leichteren Wanderweg, der oben nahe der Klippe entlangführt.

Wir genießen die leicht salzige Luft und den Waldduft. Immer wieder gibt es zwischen den dichten Buchen an der Steilküste lohnende Aussichtspunkte. Endlich beim Königsstuhl angekommen, klettern wir die rund 500 Stufen – unsere Kleine zählt sie natürlich mit – hinunter, um von unten den massiven Fels hinaufzublicken. Ganz schön ­beeindruckend. Und irgendwie beängstigend, dass immer wieder Teile der Kreide abbrechen und vom Meer fortgespült werden. Ob es diese Kreidefelsen, die rund 50 Millionen Jahre alt sind, irgendwann nicht mehr geben wird? Wie gut, dass ­wenigstens der kommerzielle Kreideabbau hier gestoppt wurde.

Lisa wischt mit der Hand über einen Vorsprung im ­Kreide­felsen und zaubert sich damit eine ­„piratische Malerei“, wie sie es nennt, ins ­Gesicht. Am Morgen hat es geregnet, ­daher sieht das Wasser jetzt milchig weiß aus und wir müssen aufpassen, auf den Felsvorsprüngen nicht auszurutschen. Zum Baden ist es hier nicht gerade einladend. Aber dafür gibt es ja auch noch zahlreiche Strände mit feinem Sand, besonders weiter im Süden der Insel. Doch bei so vielen Ausflugszielen wird aus unserem Strandurlaub letztendlich nichts mehr. Aber das macht nichts, findet auch Lisa, im Gegenteil: „Das ist eine richtig echte Pirateninsel“, lautet ihr Fazit.

Störtebeker Festspiele 2011

Was? „Störtebekers Gold – Der Schatz der Templer“

Wo? Naturbühne in Ralswiek, Rügen

Wann? 18. Juni bis 3. September: montags bis samstags, 20 Uhr.

Wie teuer? Kinder ab 10,50 Euro, Erwachsene ab 12,50 Euro. Kinder bis vier Jahre haben ohne eigenen Sitzplatz freien Eintritt.

Was noch? Weitere Infos gibt’s unter www.stoertebeker.de

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