Familienreise Im Jeep durch Namibia

Madleen (29) und Peter Cipra (45) fuhren mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn Nanook in 18 Tagen 4.000 Kilometer durch Namibia. Ein Familienabenteuer.

wireltern.de: Manche waren von eurem Vorhaben ja nicht gerade  begeistert.

Madleen Nothnagel: Allerdings. Allen voran die Kinderärztin. Sie hat zwar nicht direkt gesagt, dass sie es unverantwortlich findet, aber ihr Stirnrunzeln sprach Bände. Als wir wieder zurück waren und sie gesehen hat, dass alles gut gegangen ist, fand sie es dann doch ganz interessant und wollte alles wissen. Wenn wir heute mit Nanook einen Termin bei ihr haben, ertönt es schon von weitem „Da ist ja mein kleiner Abenteurer!“

Verunsichern solche Ressentiments?

Man denkt zumindest darüber nach – besonders, wenn die Familie welche hat. Das ist aber eine Frage des Selbstbewusstseins. Mir ist  egal, was andere Leute über uns denken. Ich kann und muss es nicht jedem Recht machen. Das Feedback von vielen, die anfangs skeptisch waren, war letztlich doch überaus positiv.

Was hat dich auf der Reise am meisten beeindruckt?

Ich erinnere mich an diesen Moment, als Peter gefahren ist und Nanook  auf der Rückbank friedlich geschlafen hat. Da sind mir Tränen übers Gesicht gelaufen – Freudentränen! Da ist dieses Gefühl, das ich beim Reisen empfinde. Das Ganze „Du musst das!“, „Das darfst du nicht!“ – all das lasse ich hinter mir, sobald ich ins Flugzeug steige. Das ist wie ein Befreiungsschlag! Ich nehme die Natur und die Menschen um mich herum ganz anders wahr, und besinne mich wieder auf das, was wirklich wichtig ist im Leben. Im hektischen Alltag passiert es, dass ich das vernachlässige. Einfach als Familie beisammen sein, Nanook den ganzen Tag lachen und flitzen sehen. Was mich auch beeindruckt hat: Zu Hause hatte Nanook selbst vor den kleinsten Hunden Angst; auf der Farm, die wir in Namibia besucht haben, hat er den Jack Russell-Terriern ins Maul gefasst.

In deinem Buch über die Reise beschreibst du, wie ein Hund eine Ziege anfällt.

Die Natur ist nun mal grausam. Ich bin natürlich froh, dass Nanook das nicht mitbekommen hat, auch nicht, dass der Hund später erschossen wurde. Nichtsdestoweniger bin ich immer dafür, Kindern die Wahrheit zu sagen. Es ist viel schlimmer, wenn man ihnen etwas vorgaukelt und sie im Nachhinein erfahren, wie es wirklich ist.

Habt ihr Nanook gegen Tollwut impfen lassen?

Er hat alle Impfungen, die von der STIKO empfohlen werden, aber keine gegen Tollwut. Man kann nicht für alles vorsorgen! Wir haben Nanook nie unbeaufsichtigt gelassen – Mama war nonstop im Abstand von einem halben Meter hinter ihm; das nächste Krankenhaus immer in ein paar Stunden erreichbar. Als Peter und ich verreist sind, bevor Nanook auf der Welt war, war die nächste Stadt Tage entfernt.

Heiß auf Eis: Nanook schleckt mit Papa Peter auf dem Bordstein genüsslich an einem Eis.
Heiß auf Eis: Nanook schleckt mit Papa Peter auf dem Bordstein genüsslich an einem Eis.

Du schreibst: „Wenn wir mal ganz ehrlich sind, ist ein solcher Trip natürlich mit Ängsten und Gefahren verbunden“. Das war jedoch kein Hindernis, die Reise zu wagen?

Nie. Das heißt natürlich nicht, dass wir blauäugig an die Sache rangegangen sind. Wir haben uns mit der Sicherheit beschäftigt,  welche Krankheiten auftreten können, was nach einem Schlangenbiss zu tun ist. Wir haben alles getan, um die Risiken zu minimieren. Wichtig ist aber auch, dass sich die Eltern sicher sind, in dem, was sie tun. Unsicherheit überträgt sich aufs Kind. Einige Mütter und Väter sind ja vor der Reise schon so panisch, ob sie auch ja nichts vergessen haben, ob alles gut geht – dabei geht es nur an die Ostsee.

Muss man nicht Unmengen Zeug mitnehmen, wenn man so eine Reise mit Kind unternimmt?

Nein. Ich hatte für Nanook drei Shirts und drei Hosen dabei – und eine Tube „Rei“. Die Sachen schnell durchgewaschen, eine Stunde auf einen Busch gehängt, fertig. Spielzeuge sind im Grunde überflüssig. Steine, Sand, einen Stock – und du hast das glücklichste Kind der Welt.

Nanook hat ganz schön viel Eis gegessen.

Bei der Hitze! Unsere „Eiszeit“ war ein Ritual. Ich habe es geliebt, mit meinen beiden „Männern“ auf der Bordsteinkante zu sitzen, an einem Eis zu schlecken und das Geschehen zu beobachten. Zu Hause bekommt Nanook nur hin und wieder ein Eis.

Ihr wart unterwegs immer „am Machen und am Tun“. Klingt nicht gerade nach Erholung.

Mit süßem Nichtstun hatte die Reise rein gar nichts zu tun. Wir waren immer in Aktion. Schlafplatz suchen, Zelt aufbauen, Essen kochen ... Und dann ist da ja noch ein einjähriger Knirps. Es gibt  Kinder, die ruhig in der Ecke sitzen und sich mit einem Buch beschäftigen. Nicht so Nanook. Der hat Hummeln im Hintern.

Nerven wie Drahtseile sind demnach ein Vorteil.

Manchmal schon. Oft waren wir abends so müde, dass wir nicht mal mehr ein Feuer gemacht haben und einfach nur ins Zelt gefallen sind. Man schläft ganz anders, wenn man den ganzen Tag Action hat. Liegt man nur am Strand, sind die Nächte nicht annähernd so erholsam.

Du schreibst „Ich muss an meinen Einstellungen, Denkweisen und Handlungsstrukturen arbeiten, um innerlich nicht mehr so gestresst zu sein.“ Ist dir das inzwischen gelungen?

Ein Stückweit. Das gelingt allerdings nicht im Handumdrehen, das ist ein langer Prozess. Handlungsmuster und Denkweisen haben sich über die Jahre eingeschliffen und sind einem teilweise in die Wiege gelegt. Man muss zunächst erkennen, warum man in einer Situation so oder so handelt, erst dann kann man sein Verhalten ändern. Auch heute erwische ich mich immer wieder, wie ich mir selbst das Leben unnötig schwer mache, mich blockiere – durch negative Gedanken, irgendwelche Zwänge oder weil ich wieder glaube, es allen Recht machen zu müssen. Gerade als Mutter denkt man das oft beziehungsweise lässt sich das einreden. Da entbrennen regelrechte Kriege! Ich habe mal versucht, an einer Krabbelgruppe teilzunehmen. Ich sage dir: ein Graus!

Gibt es etwas, das du anders machen würdest?

Mami hier, Mami da ... Ich war immer sofort zur Stelle, wenn Nanook etwas wollte. Vielleicht habe ich es damit gelegentlich übertrieben. Mein Kind ist für mich mein ein und alles, aber ich muss es auch einfach mal machen lassen.

Komm uns bloß nicht zu nah, Du Strauß! Eine Bürste hilft, das Federvieh auf Abstand zu halten.
Komm uns bloß nicht zu nah, Du Strauß! Eine Bürste hilft, das Federvieh auf Abstand zu halten.

„Nanook“ stammt aus der Sprache der Inuit und bedeutet übersetzt „mächtiger Eisbär“. Man hätte einen afrikanischen Namen erwartet.

Weil es alle erwartet haben, haben wir uns dagegen entschieden! Im Ernst: Das mit der Namensfindung ist ja nicht ganz einfach, schon deshalb, weil da zwei zu gehören. Ich habe in der Schwangerschaft ein paar Namensbücher gewälzt, da war allerdings nichts dabei. Dann habe ich „Nanook“ in einem Artikel gelesen. Ich habe Peter davon erzählt, und nachdem wir uns mit dem Namen beschäftigt haben, war die Sache klar – außer für das Standesamt. Wir mussten zunächst ein Gutachten erstellen lassen, da der Name keine eindeutige Aussage über das Geschlecht zuließ. Letztlich hat’s dann aber geklappt.

Im Buch fasst ihr Mosambik als Reiseziel ins Auge.

Wir waren 2012 dort und haben in diesen zwei Wochen so unglaublich viel erlebt, dass es uns viel länger vorkam. Wir haben uns zuvor Nebenpisten rausgesucht, und gleich am ersten Tag den Asphalt verlassen. Wir haben schwarz gecampt – das ist da kein Problem –, wieder mit Jeep und Dachzelt. Wir hatten zwar einen Kompass, aber trotzdem haben wir uns einmal verfahren – Peter musste anhalten und mit der Machete die Äste stutzen. Schilder gab es natürlich keine, und die Fahrspuren taugten nicht als Orientierung, da diese auch noch aus der Kolonialzeit stammen konnten. Plötzlich standen wir mitten in einem kleinen Dorf. Dort lebten die Shangaan. Die alten Herren saßen unter einem schattigen Bäumchen, die Frauen hatten gerade Maniok gekocht. Wie die guckten! So oft verirrt sich in ihr Dorf kein Auto mit zwei weißen Menschen und einem kleinen, tapsigen Blondschopf. Blitzschnell wurden alte Plastikstühle aufgestellt – die Shangaan selbst saßen auf dem Boden –, und dann haben wir zusammen gegessen. Und ein anderes Mal stand da plötzlich so ein Typ vor unserem Jeep.

Angst?

Nein. Natürlich kann einem was passieren, dass man überfallen wird ... Aber durch Peter fühle ich mich sicher. Er bereist Afrika schon viel länger als ich, kennt Land und Leute und ist nicht zuletzt ein stattlicher Kerl. Alleine würde ich so eine Reise niemals machen. Der Mann konnte jedenfalls ein paar Brocken Englisch und bot uns an, bei ihm zu schlafen. Er stieg zu uns ins Auto und wir fuhren zu seinem Dorf – eine Schlaf- und Speisehütte unter Kokospalmen und Orangenbäumen. Es war eine Ehre für uns, mit dem Mann und seiner Familie zu essen und dort zu übernachten. Und Nanook hat mit den Kindern gespielt.

Eure nächste Reise führt euch in die Arktis?

Das haben wir tatsächlich schon überlegt. Auf jeden Fall geht’s wieder nach Namibia, wo Peters bester Freund lebt. Das Land bietet einfach unendlich viele Möglichkeiten. Selbst wenn man schon öfter dort war, hat man längst noch nicht alles gesehen. Ansonsten bin ich für alles offen – bloß kein Pauschalurlaub! Asien wäre ein schönes Ziel. Da muss ich allerdings noch Überzeugungsarbeit leisten ...

„Ratschläge verteilen kann jeder Idiot“, heißt es auf der ersten Seite deines Buchs. Hast du dennoch einen Tipp für die, deren Neugierde nun geweckt wurde?

Hört auf euer Bauchgefühl! Kein Ratgeber der Welt kann dir sagen, was gut für dich und dein Kind ist. Das bedeutet nicht, dass man vor Ratschlägen die Ohren verschließen soll, aber man soll sie auch nicht für bare Münze nehmen. Man sollte sich vorab mit dem Land und mit den Risiken beschäftigen, die eine Reise dorthin mit sich bringt. Wenn man nicht den Willen hat, das Abenteuer zu leben und auf die Leute zuzugehen, dann braucht man sich das nicht antun, dann kann man auch Urlaub an der Ostsee machen.

 

Die Ostsee ist nichts für euch?

Abgesehen davon, dass wir an der Ostsee wohnen: Nicht, dass es an der Ostsee nicht schön wäre, aber es gibt noch viele andere schöne Orte auf der Welt! Wenn man schon immer Abenteurer gewesen ist, hört man nicht mit der Geburt eines Kindes auf, einer zu sein. Das ist eine Lebensphilosophie! Für uns hat Abenteuer Priorität, für andere Eltern Sicherheit – die fahren dann mit ihrem Kind nur noch an die Ostsee. Aber selbst dort lauern Risiken.

Interview: Janine Overmann, Fotos: Madleen und Peter Cipra

Buchtipp „Ein Eisbär in Afrika. Mit Kleinkind auf Abenteuerreise durch Namibia – und von der Reise zu sich selbst“, Windsor 2013, 12,99 Euro.
 

Info

Es war Peter, der Madleens Leidenschaft für den schwarzen Kontinent entfachte. Nach nicht einmal zwei Monaten Beziehung flogen sie nach Namibia; auf einer weiteren Afrika-Reise ist Madleen gewissermaßen zusammen mit Nanook von der Victoria Falls-Brücke an der Grenze von Simbabwe und Sambia an einem Seil 110 Meter in die Tiefe gesprungen – dass sie schwanger war, wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Madleen und Peter bereisen Afrika regelmäßig, haben Freunde und Verwandte dort - und sogar dort geheiratet. Die Familie lebt in Wismar.

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