Über alle Berge Mit Kind & Kraxe durchs Aostatal

Man braucht Ziele im Leben. Das unserer Autorin Evelyn Fohrmann ist der Höhenweg Nummer eins im italienischen Aostatal. Den will sie vier Tage lang mit Mann Jens und Sohn Hannes erwandern. Ein Selbstversuch.

Ob das gut geht? Jens hat die Kraxe angeschnallt, in der Hannes (15 Monate) Platz genommen hat; ich trage den Großteil des Gepäcks, das wir für die nächsten vier Tage auf dem Höhenweg Nummer eins, italienisch: Alta Via No. 1, brauchen werden. Der „Höhenweg der Riesen“ ist einer der zwei Höhenwege des Aostatals und führt in 17 Tagesetappen vorbei an den höchsten Bergen Europas – Mont Blanc, Matterhorn und Monte Rosa. Zusammen mit dem Alta Via No. 2 bildet er einen 330 Kilometer langen Rundweg. Es gibt Verrückte, die diesen beim Berglauf „Tor de Géants“ rennend zurücklegen. Wir versuchen einen Bruchteil der Strecke erst mal gehend. Aber ich bin sicher: Es wird fast genauso anstrengend! Auch, wenn wir in Sonthofen auf knapp 1.000 Metern wohnen, wir uns entsprechend vorbereitet haben und mit Hannes regelmäßig durch die Berge kraxeln.

1. Tag: von Doues zum Refugio Champillon auf 2.375 Metern Bis zum Refugio Champillon – auf 2.375 Metern

Das Refugio Champillon auf 2.375 Metern. (Foto: Evelyn Fohrmann)
Das Refugio Champillon auf 2.375 Metern. (Foto: Evelyn Fohrmann)

Bis zum Refugio Champillon - Refugio ist das italienische Wort für "Hütte" - sind es etwa eineinhalb Stunden, inklusive 500 Höhenmetern. „Wir wollen uns für den Anfang schließlich nicht zuviel vornehmen!“, sagt Jens. Zunächst geht’s auf ebener Strecke durch Wald. Hannes findet’s toll und quäkt fröhlich vor sich hin, vermutlich, weil’s auf Papas Rücken so schön schaukelt. Dann kommt, was kommen muss, wenn man im Gebirge unterwegs ist: der Anstieg. Es dauert nicht lange, bis er uns die Schweißperlen auf die Stirn treibt, sodass wir kurzerhand eine Pause einlegen.

Nach rund 300 zusätzlichen Höhenmetern erreichen wir schließlich das Refugio, wo uns Hüttenwirtin Marina Petitjacques umsorgt. Wir lassen uns Pasta, Schinken und die für das Aostatal typische Polenta, Brei aus Reisgries, schmecken. Zum Nachtisch kredenzt Marina meinem Mann und mir ein besonderes Leckerli: ein Zuckerstück, das in giftgrüner Brühe – Schnaps, Minze und Thymian – schwimmt. „Das sorgt für Ruhe auf der Hütte!“, erklärt Marina mit Augenzwinkern. Es schmeckt furchtbar!

2. Tag: vom Refugio Champillon nach Saint Rhémy auf 1.600 Metern

Hannes hat sichtlich Spaß.
Hannes hat sichtlich Spaß.

Der nächste Tag beginnt mit Muskelkater und einem famosen Sonnenaufgang. Nach einem typisch kargen italienischen Frühstück mit Weißbrot und Kaffee schnüren wir unsere Wanderschuhe, setzen Hannes in die Kraxe und marschieren los. Der hat übrigens geschlafen wie ein Stein – muss an der Höhenluft liegen! Enge Serpentinen führen hinauf zum Col Champillon auf 2.709 Metern. Hier oben ist es so still, dass es in den Ohren schmerzt. Nur gelegentlich summt eine Biene oder zwitschert ein Vogel.

Menschen begegnen wir keinen. Dafür rechter Hand dem Mont Blanc beziehungsweise Monte Bianco, wie er auf Italienisch heißt. Allerdings kennt kaum jemand den 4.809 Meter hohen Riesen unter diesem Namen, weil alle denken, er gehöre zu Frankreich. Zugegeben: Mit der Sprache ist das hier so eine Sache. Italienisch und Französisch sind zwar Amtssprachen; viele Orte haben aber französische Namen. Da kommt es schon mal vor, dass man vergisst, dass man sich in Italien befindet. Jedenfalls kann man Europas höchsten Gipfel auch vom Aostatal aus besteigen. Diese Herausforderung sparen wir uns für unseren nächsten Besuch auf und begnügen uns erstmal mit saftig-grünen Almwiesen.

Nach 1.000 Metern Bergabmarsch kehren wir im Agriturismo „La Grndze In Tsi Inconnu“ in Prailles ein. Ferienbauernhöfe wie diesen findet man überall im Aostatal. Sie sind bei Familien sehr beliebt; bei den Kleinen natürlich vor allem wegen der Tiere, denen man ganz nah kommt. Wir werden hier nicht übernachten, sondern gönnen uns nach einem weiteren Marsch ein Hotel in Saint Rhémy.

3. Tag: von Saint Rhémy zum Refugio Frassati auf 2.542 Metern

Gipfel so weit das Auge reicht. (Foto: Evelyn Fohrmann)
Gipfel so weit das Auge reicht. (Foto: Evelyn Fohrmann)

Heute bleibe ich im Hotel, so k. o. wie ich bin! Hannes hat uns nachts immer wieder wachgehalten. Vielleicht ist das Hotel zuviel Zivilisation für Hannes. Es hilft alles nichts: rein in die Wanderschuhe, rauf auf den Berg! Vorbei an der Alp Merdeux Inferiore, die bei Jens und mir wegen der lautlichen Ähnlichkeit „merde“ (zu Deutsch: Sch ... ) für Gelächter sorgt. Unser Weg zum Refugio Frassati ist gespickt von Pausen, weil Hannes extrem quengelig ist.

Alle halbe Stunde holen wir ihn aus der Kraxe, damit er an der Hand von Mama oder Papa ein paar Schritte durch die Berge unternehmen kann. 20 Pausen später erreichen wir völlig abgekämpft unser Tagesziel. Das Refugio Frassati hat mit einer traditionellen Alpenhütte nichts mehr gemein: metallische Fassade, riesige Gaststube, 64 Betten. Die Schutzhütte ist eine von vielen der „Operazione Mato Grosso (OMG)“ – eine Wohltätigkeitsorganisation, die die Erlöse, die sie durch die Hütten einnimmt, für soziale Projekte unter anderem in Peru, Brasilien und Ecuador spendet.

4. Tag: vom Refugio Frassati zum Refugio Bonatti auf 2.025 Metern

Schnee ist unser ständiger Begleiter. (Foto: Evelyn Fohrmann)
Schnee ist unser ständiger Begleiter. (Foto: Evelyn Fohrmann)

Wir brechen schon um sieben Uhr auf; schließlich erwartet uns die wohl die härteste Etappe unserer Tour: 1.300 Meter Anstieg, 930 Meter Abstieg. Es geht stetig bergan. Je höher wir kommen, desto mehr Schnee liegt am Wegesrand. An einer ungefährlichen Stelle halten wir an und lassen Hannes in der weißen Pracht spielen. Er ist natürlich völlig verzückt und versucht sich mit Papa an einem Schneemann, der allerdings im Nu in sich zusammensackt – die Sonne ist einfach zu stark. Das Licht ist so gleißend, dass wir es nicht wagen, ohne Sonnenbrille einen Blick auf das imposante Panorama zu riskieren.

„Lass mal weitergehen“, dränge ich, „auf zum Gipfel!“ Der „Gipfel“, ist zwar „nur“ ein Pass – der Aufstieg zum „Col Malatrà“ auf 2.928 Meter ist dennoch mühsam und verlangt mir – und noch mehr meinem Mann alles ab. Das würde er zwar nie zugeben, aber ich sehe es ihm an. Mich überkommen Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, so eine Tour mit Hannes zu unternehmen. Aber aus der Nummer kommen wir nicht mehr raus. Gebetsfahnen signalisieren uns schließlich, dass wir’s geschafft haben. Die Landschaft, die sich weit unterhalb des Col Malatrà vor uns ausbreitet, sieht aus wie die in „Herr der Ringe“: grüne Bergrücken, Felsbrocken, ein plätschernder Gebirgsbach.

Die Landschaft um uns herum sieht aus wie die in "Herr der Ringe".
Die Landschaft um uns herum sieht aus wie die in "Herr der Ringe".

„Guck mal Hannes, da sind Murmeltiere!“, jauchze ich. „Sie haben uns erspäht!“ Und ehe ich den Satz zu Ende ausgesprochen habe, sind die Nager auch schon in ihrem Erdloch verschwunden. Nach einer letzten Pause überqueren wir eine Holzbrücke und erreichen nach einem kurzen Bergabmarsch das Refugio Walter Bonatti, wo wir von lautem Stimmengewirr empfangen werden.

Die Stimmen gehören Kindern, die auf der Hütte eine Ferienfreizeit verbringen. „Das machen viele Kinder“, erklärt uns Mara Rizzo, die die Hütte seit 1998 betreibt. Sie kommt aus Turin und ist eigentlich Grundschullehrerin. „Ich habe mich in die Berge des Aostatals verliebt. So sehr, dass ich irgendwann selbst eine Berghütte haben wollte.“ Kinder sind im Refugio Bonatti herzlich Willkommen, insofern sie sich an die Regeln halten: „Dazu gehört zum Beispiel, dass sie ihre Teller am Buffet nicht hochachtungsvoll laden.“ Das Refugio setzt auf Nachhaltigkeit: Strom wird dank Wasserturbine selbst produziert; die Servietten werden nach Gebrauch für den Kompost in kleine Stücke gerissen. Rizzo bewirtschaftet die Hütte zehn Monate im Jahr. Unsere vier Tage auf dem Höhenweg Nummer eins sind vorbei. Morgen steigen wir nach Lavachey ab. Ob wir die Tour mit Hannes noch mal machen würden? Ja! Wir lieben die Berge. Und das geben wir unserem Sohn mit.

Tipps zum Trip

Informieren www.lovevda.it

Hinkommen mit dem Auto: direkte Anbindung über Turin über die A5; mit dem Flugzeug: z. B. mit Lufthansa oder Air Berlin von vielen deutschen Flughäfen nach Mailand-Malpensa, dann weiter mit dem Mietwagen

Kommunizieren Amtssprachen sind Französisch und Italienisch.

Reisezeit Der Höhenwanderweg Nummer eins ist nur in der Zeit von Juli bis September begehbar.

Voraussetzungen Wandererfahrung mit Kraxe, Trittsicherheit und eine gute Kondition sind unabdingbar. Das Berggehen mit Kind und Kraxe will gelernt sein! Vor allem für Flachlandtiroler und weniger geübte Wanderer gilt: Vorher unbedingt ausgiebige Wandertouren unternehmen!

Gesundheit Die „Empfehlungen der Medizinischen Kommission der Union Internationale Des Association D’Alpinisme (UIAA)“ sagen: „Soweit bislang bekannt, reagieren Kinder praktisch identisch zu Erwachsenen auf die akute Höhenexposition.“ Die allgemeine Empfehlung lautet, mit Kindern im Vorschulalter nicht über 3.000 Meter aufzusteigen und möglichst unterhalb von 2.500 Metern zu übernachten. Legen Sie zudem regelmäßige Pausen ein und nehmen Sie Ihr Kind aus der Kraxe – allerdings nicht auf der Passhöhe, sondern davor oder danach. Geben Sie Ihrem Kind alle 300 bis 500 Höhenmeter zu trinken.

Wanderkarten Gran San Bernado – Valpelline und Monte Bianco – Courmayeur – La Thuile, erhältlich bei der Touristeninformation

Hütten www.rifugiochampillon.it; www.rifugiofrassati.it; www.rifugiobonatti.it

Alternativen Auch Familien, die weniger hoch hinaus wollen, kommen im Aostatal auf ihre Kosten. Es gibt eine Vielzahl von familien- sowie kinderwagenfreundlichen Wanderwegen mit Gehzeiten von 60 Minuten - lesen Sie auf der nächsten Seite weiter.

Wanderwege für Familien, die nicht ganz so hoch hinaus wollen

Gebiet Gran San Bernardo-Valpelline

Hütte Prarayer in Bionaz, dem See Place Moulin entlang - 1 Stunde - flach

Hütte Crête Sèche in Bionaz - 2 Stunden - Höhenunterschied: 700 m

Hütte Champillon in Doues - 1,15 Stunde - Höhenunterschied: 450 m

Hütte Chaligne in Gignod - 1 Stunde - Höhenunterschied: 400 m

Hütte Frassati in Saint-Rhémy-en-Bosses - 2 Stunden - Höhenunterschied: 550 m

 

Gebiet Courmayeur

Hütte Walter Bonatti in Courmayeur - 1 Stunde - Höhenunterschied: 400 m

Hütte Elena in Courmayeur - 1 Stunde - Höhenunterschied: 300 m

Hütte Torino - mit der Seilbahn

 

Gebiet Parco Mont Avic

Hütte Barbustel in Champdepraz - 1.30 Stunden von Champorcher - Höhenunterschied: 250 m

Hütte Miserin in Champorcher - 1.30 Stunden - Höheunterschied: 450 m

 

Gebiet Gran Paradiso

Hütte Benevolo in Rhêmes-Notre-Dame - 1,30 Stunden - Höhenunterschied:  450 m

Hütte Federico Chabod in Valsavarenche - 2.30 Stunden - Höhenunterschied: 900 m

Hütte Vittorio Emanuele in Valsavarenche - 2.30 Stunden - Höhenunterschied: 800 m

Hütte Vittorio Sella in Cogne - 2.30 Stunden - Höheunterschied: 900 m

Hütte Mario Bezzi in Valgrisenche - 2 Stunden - Höhenunterschied: 500 m

Hütte Chalet de l'Epée in Valgrisenche - 2 Stunden - Höhenunterschied: 600 m

 

Gebiet Monte Rosa    

Hütte Alpenzu in Gressoney-Saint-Jean - 1 Stunde - Höhenunterschied: 370 m

Hütte Feraro in Ayas - 1 Stunde - Höhenunterschied: 400 m

Hütte Vieux Crest in Ayas - mit der Seilbahn

Hütte Grand Tournalin in Ayas - 2.30 Stunden - Höhenunterschied: 850 m

Hütte Arp in Brusson - 2 Stunden - Höhenunterschied: 600 m

 

Mehr Infos: http://www.lovevda.it/turismo/

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