Schaden mehr als sie nützen

Antibiotika bei Erkältung?

Antibiotika werden kritisiert – doch sie sind ein Segen, wenn sie gegen Bakterien eingesetzt werden. Wenn Kinder unter einer banalen Erkältung leiden, sind sie eher schädlich.

 

Eltern kennen das: Der Sohn oder die Tochter fühlt sich schlecht, hat Fieber und weiße Stippchen auf den Mandeln. Schnell geht es zum Hausarzt und der verschreibt ein Antibiotikum. Vielleicht ist es genau das, was viele Eltern sich vom Arztbesuch erhofft haben. Aber es ist nicht immer das richtige. Denn gerade Hausärzte verschreiben zum Beispiel bei Rachenmandel- und Mittelohrentzündungen gern das „Allheilmittel” Breitspektrum-Antibiotikum. Egal ob eine Viruserkrankung vorliegt oder eine eitrige, bakterielle Variante. Für die wäre ein klassisches Penicillin passend. 

Viele Eltern beurteilen den Einsatz von Antibiotika für Kinder als kritisch 

„Es werden noch immer zu oft und voreilig Antibiotika verschrieben und von einigen Eltern auch eingefordert“, sagt Dr. Ulrich Enzel, Kinderarzt und Allergologe mit eigener Praxis seit 30 Jahren in Schwaigern bei Heilbronn. Auf Eltern- und Ärzteseite bestehe einerseits häufig der Wunsch und die Vorstellung, absolute Sicherheit durch die Einnahme eines Antibiotikums zu haben. Andererseits beurteilen schon 65 Prozent der Eltern in Deutschland die Verordnung von Antibiotika für ihre Kinder als kritisch, so eine neue repräsentative Umfrage der DAK. Experte Enzel warnt davor, dass Thema „zu emotional zu diskutieren“. Bestimmte Antibiotika, auch seit Jahrzehnte verwendete, seien genau das richtige Medikament, beispielsweise für eitrige Angina oder bakterielle Mittelohrentzündungen. Sogenannte Breitspektrum-Antibiotika würden allerdings viel zu oft – auch bei Erwachsenen – verschrieben. 

Das führt jedoch zunehmend zu Resistenzen, „auch weil die – für die Immunabwehr wichtige – Darmflora durch das Antibiotika oft angegriffen, manchmal fast zerstört wird”, so Dr. Enzel. Inzwischen hat sich die Situation so verschärft, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen globalen Aktionsplan für den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen verabschiedet hat. Denn das gilt natürlich ebenso für erwachsene Patienten.

 

Manchmal ist Abwarten die bessere Alternative

Hat ein Kind außer einer Mandelentzündung auch Husten und Schnupfen, sei das in der Regel eher ein Zeichen eines Virusinfekts. „Eltern sollten den Arzt um eine harmlose Blutentnahme bitten, um eine sichere Diagnose zu stellen“, empfiehlt Enzel. Ein Abstrich im Hals zum Beispiel allein reiche nicht. 

Grundsätzlich kann beim Auftreten der typischen Symptome – ab einem bestimmten Alter des Kindes – erst einmal abgewartet werden. „Bei einem unkomplizierten fieberhaften Infekt sollte man ein Kindergarten- oder Schulkind ohne Antibiotikum für zwei bis vier bis acht Tage beobachten. Etwa 80 bis 90 Prozent aller Infekte sind dann ausgeheilt“, sagt der erfahrene Kinderarzt.

 

Ein pflanzliches Medikament bei hoher Infektanfälligkeit 

Bei der akuten Mittelohrentzündung bestimmt das Kindesalter die Therapie mit. Ist der kleine Patient noch keine sechs Monate alt, muss sofort ein Antibiotikum gegeben werden, weil das Risiko für schwere Infektionen größer ist. „Bei Kleinkindern zwischen einem halben und zwei Jahren kann gut 24 Stunden, bei älteren sogar zwei Tage abgewartet werden, bevor es erneut dem Arzt zur Kontrolle vorgestellt werden sollte“. In jedem Fall muss eine rasche Wiedervorstellung erfolgen bei plötzlicher Verschlechterung, starken Schmerzen, hohem Fieber (um 39,5 Grad Celsius), wiederholtem Erbrechen, Hautausschlag oder gar Bewusstseinsstörungen . 

Nur bei Kindern mit großer Infektanfälligkeit biete sich ein Medikament, am besten auf pflanzlicher Basis, zur Immunstärkung an. Dagegen sei übertriebene Hygiene, wie das ständige Säubern der Zimmer mit desinfizierten Tüchern, völlig sinnlos. „Wasser und Seife zum Waschen reichen völlig aus“, so der Allergologe. 

„Viel frische Luft und viel Trinken ist generell die beste Medizin. Und natürlich sollten große Menschenansammlungen gemieden werden. Die Kinder können ja einfach mal zwei, drei Tage zu Hause bleiben”, rät Dr. Enzel. Der erfahrene Kinderarzt plädiert für Abwarten und Tee trinken – unter Beachtung der genannten Hochrisikozeichen.

 

Unbedingt nötig sind Antibiotika bei:

 

 

Fragen an den Arzt:

 

  • Ist ein Schmerzmittel während des Abwartens sinnvoll?
  • Welche Argumente sprechen für und welche gegen ein Antibiotikum?
  • Ist die Infektion wirklich durch Bakterien verursacht? Falls eine Unsicherheit besteht, ist ein CRP-Test möglich?
  • Wenn sich der Zustand des Kindes wie verändert, soll ein erneuter Besuch erfolgen?
  • Wie kann bei einer Antibiotika-Einnahme eine mögliche Resistenzentwicklung verhindert werden?
  • Wie kann die geschädigte Darmflora nach einer Antibiotika-Einnahme möglichst schnell regeneriert werden?

Unser Experte

Dr. med. Ulrich Enzel, der erfahrene Kinder- und Jugendarzt ist auch Dozent für Pädiatrie

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