„Selbstbewusstsein fördern“

Strategien bei Neurodermitis

Die Haut juckt, das Kind kratzt, die Stellen entzünden sich, bluten und lösen weitere Kratzattacken aus. Manche Eltern könnten schier verzweifeln, wenn sie sehen, wie ihr Nachwuchs leidet. Die Hautärztin und Allergologin Professor Dr. Natalija Novak rät, die Selbstständigkeit der kleinen Neurodermitiker zu stärken – und ihnen Verantwortung für ihren Körper zu übertragen.

wireltern.de: Frau Professor Novak, gibt es Taktiken, den so genannten „Juckreiz-Kratz-Zirkel“ zu durchbrechen?

Professor Natalija Novak: Eine rückfettende Basispflege ist essentiell, da auch trockene Haut an sich schon zu Juckreiz führt. Das tägliche Cremen sollten Eltern mit ihrem Kind einüben. Weiterhin ist es wichtig, für die juckenden Stellen Kratzalternativen wie Klopfen oder Streicheln zu finden. Eine kalte Creme aus dem Kühlschrank und feuchte Umschläge sind eine gute Maßnahme, da die Kühle den Juckreiz lindert. Akute Ekzeme müssen natürlich angemessen behandelt werden.

Ist es richtig, Neurodermitiskinder in Watte zu packen?

Wenn Eltern ihr Kind zu stark behüten und die Krankheit sein Leben kontrolliert, führt das mitunter dazu, dass Kontakte zu Gleichaltrigen ausbleiben und der altersgemäße Ablösungsprozess behindert wird. Dabei spielen Hobbys und Freundschaften außerhalb der Familie eine wichtige Rolle für Erfolgserlebnisse und Anerkennung durch andere! Präventions- und Therapiestrategien sollten daher möglichst natürlich, altersentsprechend und eigenverantwortlich in den Alltag des Kindes eingebunden werden.

Die Ekzeme zeichnen ein Kind nach außen und mitunter schämt es sich, das Haus zu verlassen. Wie können seine Eltern ihm am besten helfen?

Das Wichtigste ist, dass die Familie dem Kind signalisiert, es mit oder ohne Hauterkrankung zu lieben, dass sie es auch mit seinen Ekzemen schön finden. Eltern können ihrem Nachwuchs die Erkrankung erklären und konkrete Verhaltensweisen wie Entspannungsübungen, Kratzalternativen oder richtiges Eincremen spielerisch einüben. Auch Erläuterungen zu ihrem Verhalten und der damit erzielten Wirkung sind sinnvoll: „Das Kratzen lindert das Jucken. Es verletzt aber auch die Haut, und dann juckt sie noch viel mehr. Verstehst du?“

Lässt sich das Selbstbewusstsein der kleinen Neurodermitiker trainieren?

Selbstbewusstsein beginnt mit der Selbstständigkeit des Kindes und muss gefördert werden. Misserfolge und Fehler kommen dabei zwangsläufig vor und sind auch erlaubt. Es ist gut, wenn Kinder lernen, die Auslöser für ihre Krankheit eigenständig zu erkennen und zu vermeiden, wie beispielsweise die Katze des besten Freundes. Die Eigenverantwortung für sein „Krankheitsmanagement“, also das Cremen, die Ernährung, der Umgang mit dem Juckreiz, sollte schrittweise dem Kind überlassen werden. Mütter und Väter können zudem mit ihrem Nachwuchs kritische, soziale Situationen durchspielen und gemeinsam überlegen, wie er reagieren kann, wenn er gehänselt wird. Andere Kinder müssen wissen: Ekzeme sind nicht ansteckend.

Experten raten Eltern, mit ihren Kindern Neurodermitis-Schulungen aufzusuchen. Was genau verbirgt sich dahinter?

Es handelt sich um interdisziplinäre Schulungen für Neurodermitispatienten bzw. für die Eltern betroffener Kinder. Sie werden gemeinsam von einem Kinder- und Hautarzt, einer Pflegekraft, einem Psychologen oder Pädagogen und einem Diätassistenten durchgeführt. Im Rahmen mehrerer Termine bespricht die Gruppe verschiedene Aspekte der Neurodermitis: Diagnostik, auslösende Faktoren, Prävention, Therapie und Allergien. Auch Fragen zur psychologischen Belastung des Patienten und seiner Angehörigen, Stressbewältigung, Kratzreduktion, Pflege oder sinnvolle Diäten werden besprochen.

Sollten Familien dieses Angebot wahrnehmen?

Durch die Besprechung von medizinischen als auch psychologischen Aspekten können viele Unklarheiten beseitigt und individuelle Therapiestrategien entwickelt werden. Die Patienten lernen, dass eine konsequente, rückfettende Basispflege Schüben vorbeugt. Sie erhalten einen Behandlungsplan, in dem verzeichnet ist, in welchem Stadium, sie welches Medikament anwenden können bzw. wann es Zeit für einen Arztbesuch ist. Die Schulungen verzeichnen einen nachhaltigen Effekt: Die Patienten sind besser über die Krankheit aufgeklärt, leiden seltener unter Schüben und nehmen weniger Medikamente. Sie erlangen also eine höhere Lebensqualität.

Wie laufen die Veranstaltungen ab?

Während der Treffen behandeln die Kursleiter verschiedene Themenschwerpunkte. Die Informationsvermittlung findet nicht nur in Vortragsform, sondern interaktiv und anschaulich statt. So können die Teilnehmer eigene Pflegemittel mitbringen oder sich spezielle Neurodermitisanzüge anschauen. Eigene Erfahrungen und Rückfragen sind in der Runde willkommen. Darüber hinaus zeigen die Kursleiter den Patienten Verhaltensübungen für den Alltag. Nach der Sitzung bekommen sie „Hausaufgaben“. Zu Beginn des nächsten Treffens berichtet jeder, inwieweit er das Erlernte, zum Beispiel Entspannungsübungen, im Alltag umsetzen konnte.

Welches Feedback geben die Eltern?

Es hilft ihnen sehr, bestimmte Punkte in Ruhe und mit ausreichend Raum für Rückfragen besprechen zu können. Bei einer schweren Neurodermitis des Kindes ist häufig auch die ganze Familie belastet. Andere Aspekte des Alltags, Geschwister und vor allem auch die Bedürfnisse der Eltern werden zurückgestellt. Das führt zu Unzufriedenheit – und manchmal auch zu einer zwiespältigen Haltung dem betroffenen Kind gegenüber. In diesen Fällen ist es wichtig, einen richtigen Umgang mit der Erkrankung zu finden, damit die Neurodermitis nicht das gesamte Familienleben dominiert.

Weitere Informationen zum Thema: www.neurodermitisschulung.de

Unsere Expertin

Prof. Dr. med. Natalija Novak, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Universität Bonn

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