Wie Kinder mit chronischen Hautkrankheiten umgehen Das juckt uns nicht!

Hänseleien gehören zum Alltag von Kindern mit Schuppenflechte und Neurodermitis. Die Folge: Seelischer Stress, der wiederum neue Krankheitsschübe auslöst. Strategien, diesen Teufelskreis zu durchbrechen.

 

Jonathan hat die Nase voll. Der Sechsjährige will keinen Fuß mehr ins Klassenzimmer setzen, weil ihn seine Mitschüler wegen seiner Schuppenflechte immerzu hänseln. Niemand möchte neben ihm sitzen und in der Pause mit ihm spielen, weil alle sich ekeln und Angst haben, sich anzustecken.

Pso... was?

Dabei ist Schuppenflechte (Psoriasis) nicht ansteckend. Die genauen Ursachen sind zwar unbekannt, sicher ist aber, dass eine genetische Veranlagung vorliegt: Leidet ein Elternteil an Schuppenflechte, hat das Kind ein Risiko von 30 Prozent, ebenfalls zu erkranken. Sind Mutter und Vater betroffen, erhöht sich das Risiko sogar auf 60 Prozent.

Viele Kinder haben eine Veranlagung zu Schuppenflechte, bleiben jedoch von ihr verschont. Sie bricht nämlich nur bei zehn Prozent der unter Zehnjährigen aus und kann mehrere Generationen überspringen. Damit sie ausbricht, braucht es einen Auslöser. Das können Infektionen sein, aber auch Medikamente und psychischer Stress. Die Folge: Der Körper bildet  überflüssige, neue Hautzellen, sie sterben ab – zurück bleiben Schuppen mit rötlichen Entzündungsherden, die mitunter stark jucken.

Ene, mene, mu...

Quälender Juckreiz plagt auch Kinder mit Neurodermitis. Die kleinen Patienten reagieren mit Kratzattacken – die Stellen entzünden sich, bluten und der "Juckreiz-Kratz-Zirkel" beginnt von vorn. „Weil sich die Erscheinungsbilder ähneln, werden Neurodermitis und Schuppenflechte nicht selten verwechselt“, weiß Dr. Sibylle Scheewe von der Fachklinik Sylt für Kinder- und Jugendliche. Das mache eine Diagnose oft so schwer. Die beiden Hautkrankheiten haben aber noch mehr gemeinsam. Zum Beispiel die genetische Veranlagung. Und: die Vielschichtigkeit der Auslöser. Bei manchen Kindern verursachen Nahrungsmittel einen Neurodermitisschub, bei anderen Hausstaubmilben, Pollen oder Tierhaare.

Von Neurodermitis sind jedoch weitaus mehr Kinder betroffen: Sie ist die häufigste chronische Hauterkrankung bei Säuglingen und betrifft rund 15 Prozent der Klein- und Vorschulkinder. Die meisten entwickeln die Symptome zwischen dem dritten Lebensmonat und dem zweiten Lebensjahr. Typisch sind Ekzeme an Handgelenken, in Ellenbeugen und Kniekehlen. Diese können sich über den ganzen Körper ausbreiten. Ansteckend sind sie nicht.

 

Selbstbewusstsein stärken

Fakt ist: Beide Hauterkrankungen sind nicht heilbar. Neurodermitis verschwindet bei den meisten Kindern bis zum Schulalter, kann den Nachwuchs jedoch auch ein Leben lang begleiten. Das gilt auch für die Schuppenflechte. „Umso wichtiger ist eine Therapie, die das seelische Leiden lindert und das Selbstbewusstsein der kleinen Patienten stärkt. Nur so können sie neue Krankheitsschübe durchstehen und Hänseleien die Stirn bieten“, betont Dr. Sibylle Scheewe. Die Expertin empfiehlt, spezielle Schulungsprogramme zu besuchen. Dort bekommen Betroffene Tipps zu Hautpflege, Kratzalternativen und Stressbewältigung und lernen in Rollenspielen, wie sie sich bei Hänseleien verhalten.

Aber: Wie reagiert ein Kind am besten, wenn ein anderes es wegen seiner Hauterkrankung piesackt? Die Dermatologin rät zu Offenheit. „Der kleine Patient sollte sein Gegenüber fragen, warum es ihn anschaut und darauf hinweisen, dass die Krankheit nicht ansteckend ist.“ Hänseleien unter Kindern sind normal. Nehmen sie jedoch Überhand, sollten Eltern die Lehrer und Erzieher informieren, damit sie das Problem in der Gruppe ansprechen und über die Krankheit aufklären. Apropos aufklären: Nur wenn das Kind über seine Krankheit Bescheid weiß und das „Krankheitsmanagement“ – eincremen, auf die Ernährung achten, Auslöser erkennen und meiden – eigenverantwortlich übernimmt, lernt es, seine Krankheit zu akzeptieren.

 

Perspektiven schaffen

Neurodermitis hin, Schuppenflechte her: Die Hautkrankheit gehört zwar zum Leben des Kindes, darf es aber nicht dominieren. „Das Wichtigste ist, dass Eltern ihr Kind so lieben, wie es ist und die Krankheit nicht in den Mittelpunkt der Familie stellen“, betont Dr. Sibylle Scheewe.

Eltern sollten dem Kind neue Perspektiven eröffnen und gemeinsam mit ihm Ziele entwickeln, damit es wieder Licht am Horizont sieht. Das kann ein Familienurlaub sein, ein Besuch bei den Großeltern, ein neues Hobby, ein Haustier etc.

 

Unsere Expertin:

Dr. med. Sibylle Scheewe, Oberärztin an der Fachklinik Sylt für Kinder- und Jugendliche

 

wirEltern.de - Newsletter

Gewinnspiele und deine Themen. Jede Woche neu.