Ein ehrlicher Beitrag übers Stillen

Ich still, wie ich will!

Muttermilch ist die beste Ernährung für Babys. Unsere Autorin Silke Schröckert weiß das. Doch sie weiß auch: Das ständige Brust-Auspacken ist keineswegs immer so entspannt, wie es oft präsentiert wird. Etwas mehr Ehrlichkeit über den Stillalltag würde den Mamis guttun. Und dem Stillen eine große Portion Perfektionsdruck nehmen.

D, E, F, C, F, D, B. Was sich liest wie eine verkorkste Tonleiter, ist der traurige Werdegang meiner Körbchengröße im Laufe von zwei Schwangerschaften und Stillzeiten. Sicher, das war es wert! Die Ernährung meiner Kinder ist wichtiger als mein Ausschnitt, keine Frage. Und ich sage jetzt gleich zu Beginn einmal ganz deutlich: Ich bin dankbar und glücklich, dass es mit dem Stillen bei mir beide Male problemlos geklappt hat. Ohne eine Sekunde darüber nachzudenken, würde ich mich jederzeit wieder dafür entscheiden, meinen Kindern die Brust zu geben – obwohl es mich das Dekolleté und einiges an Nerven gekostet hat.

 

Und dennoch: Wenn es nach mir geht, müssen stillende Mamis auch mal meckern dürfen. Darüber, dass sie ihre Garderobe (nach dem Wechsel auf Umstandsmode) noch einmal komplett dem Stillen anpassen müssen. Darüber, dass jedes einzelne dieser Kleidungsstücke ständig nach Milch müffelt. Darüber, dass ihre Brüste entweder spannen, drücken oder brennen – aber nie, nie, nie einfach Ruhe geben. Und vor allem: darüber, dass sie es – egal wie, wann und wo sie stillen – ohnehin NIE richtig machen können. 

Stillen in der Öffentlichkeit - ja oder nein?

Bei all den Diskussionen über das Stillen in der Öffentlichkeit kommt man sich fast schon verklemmt vor, wenn man nicht im vollbesetzten Bordbistro der Deutschen Bahn die Brust rausholt. Ich persönlich habe nie zu den Frauen gehört, die nonchalant im Café oder in der U-Bahn stillen können (oder wollen). Selbst wenn wir mit Besuch auf meiner eigenen Couch sitzen, ziehe ich mich lieber zum Stillen ins Schlafzimmer zurück. Ich kann einfach kein entspanntes Gespräch führen, wenn meine blanke Brust mit im Raum ist. Doch siehe da: Auch das ist in den Augen vieler meiner Mitmenschen nicht richtig. Schnell ertönen Sprüche wie „Wir schauen dir schon nichts weg!“ oder „Wie verklemmt kann man sein?!“. (Ja, ist mir beides passiert.) 

Ein ruhiger Rückzugsort zum Stillen

Wo es keinen Rückzugsort gibt oder meine lange Abwesenheit sonderbar wäre, taste ich mich sensibel an die Antwort auf die Frage heran, ob es okay wäre, hier und jetzt zu stillen (für alle Anwesenden, für mich, für mein Kind). Und ich versichere euch: Mindestens eine Person ist immer dabei, die sich durch die Situation genauso peinlich berührt fühlt wie ich selbst. Ich überspiele das Ganze mit krampfhaftem Augenkontakt und aufgesetzt heiteren Gesprächen. Oder akzeptiere, dass die betroffene Person pikiert den Raum verlässt (logisch, dass ich mich in beiden Fällen absolut unwohlfühle). Ein Eiertanz um die angeblich „natürlichste Sache der Welt“, der mich regelmäßig wahnsinnig macht. 

Promi-Mütter setzen uns unter Druck

Deshalb empfinde ich Muttermilch-Kampagnen mit selig auf das Kind herabschauenden Models und Still-Selfies von makellos zurechtgemachten Promi-Müttern, die sich im Arbeitsalltag mit Baby an der Brust ablichten, auch als Schlag ins Gesicht. Sicher, es gibt diese wunderbaren Momente voller Glückseligkeit und zuckersüß gurgelnd-glucksender Geräusche, die dich einfach platzen lassen wollen vor Mutterliebe! Dieses Gefühl lässt sich kaum in Worte fassen, deshalb probiere ich es gar nicht erst.

Aber: Stillen kann auch heißen, dass dein Kind dich aus voller Seele anschreit, weil es ihm gerade nicht schnell genug geht. Es kann bedeuten, dass deine Brustwarze beim Ansaugen so sehr brennt, dass du körperliche Angstreaktionen vor der nächsten Milchmahlzeit entwickelst – und die Zähne vor Schmerz aufeinanderpresst, wenn es wieder so weit ist. Und Stillen kann auch all das auf einmal bedeuten, kombiniert mit einem Dreijährigen, der seine plärrende kleine Schwester durch Köpfchenstreicheln beruhigen will und sich dabei so ungeschickt auf deine ohnehin schon schmerzende Brust lehnt, dass du laut mitschreist (willkommen in meiner Welt ...). 

Fenchel regt den Milchfluss an.
Perfekte Stillmomente sind eher selten

Mir ist schon klar, dass das kein geeignetes Instagram-Motiv ist. Und im besten Fall ist Stillen tatsächlich jedes Mal genauso wunderschön und emotional, wie Miranda Kerr, Gisele Bündchen oder Olivia Wilde es in den sozialen Medien zeigen. Doch mich stört das überzogen perfektionistische Bild vom Stillen, das (werdenden) Müttern damit suggeriert wird. Denn kaum eine Mutter wird es schaffen, diesem Ideal jederzeit zu entsprechen – und sich im Umkehrschluss verunsichert fühlen. In der Realität ist (meine ganz persönliche Einschätzung) maximal eine von zehn Milchmahlzeiten so harmonisch und glückselig, wie es Werbemotive und Still-Kampagnen präsentieren. Der Rest findet schlaftrunken und schlecht gelaunt mitten in der Nacht, gestresst zwischen Tür und Angel, unter enormem Zeitdruck oder anderen widrigen Umständen statt.

Genug gemeckert: Stillen ist WIRKLICH wunderschön!

Kurz zusammengefasst: Ich kann mittlerweile ganze Stiftsammlungen unter meinem baumelnden Brust-Bindegewebe spazieren tragen. Alles hier riecht säuerlich nach alter Milch – trotz Raumspray und Waschmaschine in Dauer-Rotation. Ich gerate regelmäßig in mir und/oder meinem Umfeld unangenehme Situationen, weil ich nicht überall einfach so drauflos stillen kann. Oder weil ich es manchmal eben doch tue, wenn es sein muss. Und dennoch: Diese wenigen Male, in denen das Stillen genauso harmonisch, intim, wunderbar und werbetauglich ist wie auf den Instagram-Bildern der Supermodels, entschädigen einen im Bruchteil einer Sekunde für all das. 

Jede Mama darf stillen, wie sie will

Genau deshalb möchte ich allen Mamis Mut machen, die sich von den perfekten Heile-Welt-Still-Szenarien unter Druck gesetzt fühlen: Es ist vollkommen normal, dass du NICHT jede einzelne Milchmahlzeit als „wunderschön“ empfindest. Es läuft nichts falsch bei dir, wenn das Stillen NICHT von Anfang an das Harmonischste auf der Welt für dich und dein Baby ist. Das kommt im Laufe der Zeit. Oder eben nicht – und auch das ist okay. Denn: Eine entspannte Mutter, die zum Fläschchen greift, kann meiner Meinung nach besser für ihr Kind da sein als eine durch und durch gestresste Mutter, die unter dem Druck, unbedingt stillen zu müssen, zerbricht.

 

Die Hauptsache ist: Es geht DIR gut beim Stillen. Dann wird es auch deinem Baby dabei gutgehen. Wo und wie das passiert, das entscheidest ganz allein du. Zieh dich zurück, wenn dir danach ist, und ignoriere die Kommentare. Oder stille an Ort und Stelle und ignoriere die blöden Blicke. Konzentriere dich auf dich und dein Baby und blende den Rest aus. Und wenn er dann da ist, dieser perfekte Moment zwischen dir und deinem glücklich saugenden Kind, dann wirst du sofort merken: Es ist noch tausendmal schöner als jedes aufgesetzt Supermodel-Still-Selfie.

Tipps, wenn das Stillen nicht klappen will
  • Sich und dem Kind viel Zeit lassen und ein möglichst entspanntes Stillumfeld schaffen

  • Mit der Hebamme sprechen oder eine Stillberatung aufsuchen

  • Sich nicht scheuen, abgepumpte Milch mit der Flasche zu füttern

  • Bei saugschwachen Babys oder bestimmten Brustwarzenformen helfen möglicherweise Stillhütchen. Sie erleichtern das Saugen und schützen die Brust vorm Wundwerden 

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