Erziehungstipps So lernen Kinder, mit Gefühlen umzugehen

Freude, Jubel, Angst, Ärger, Wut – Emotionen bestimmen unser Leben und sind der Schlüssel zu Glück und Erfolg. Wenn Kinder lernen, klug mit ihren Gefühlen umzugehen und sie angemessen auszudrücken, profitieren sie ein Leben lang davon.

 

Klara ist richtig sauer. Zum dritten Mal hat die Fünfjährige beim Schachspielen gegen ihren Opa nach wenigen Zügen verloren. Sie fegt die Figuren vom Brett, läuft weinend in ihr Zimmer und knallt die Tür zu. Dabei hat der Großvater sie keineswegs überfordert. Sie hat einfach dreimal hintereinander den gleichen Fehler gemacht. Jetzt wird Mama ebenfalls wütend: „Mensch, Klara, beherrsch dich doch mal!“, meckert sie und raunt danach Richtung Opa: „Du kannst sie ruhig mal gewinnen lassen. Sonst rastet die ja völlig aus.“ Der Großvater bleibt cool: „Lass sie doch. Die Wut muss raus.“

Recht hat er. Das Beherrschen von Gefühlen gilt zwar später im Leben als höchst erstrebenswert, für kleine Kinder ist es aber noch kein vorrangiges Erziehungsziel. Denn sie lernen die emotionale Beherrschung nur auf sinnvolle Weise, wenn sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen dürfen. Ob positive oder negative – Emotionen brechen häufig mit großer Wucht auf Kinder ein. Die haben sich dann keineswegs so unter Kontrolle, wie Erwachsene es sich wünschen. Sie brüllen oder trampeln vor Wut, hüpfen vor Freude, verstecken sich vor Angst, weinen aus Hilflosigkeit.

Kein Wunder. Schließlich fehlt ihnen die Erfahrung von Erwachsenen. Wenn Schlimmes droht, können sich große Leute sagen: „Das geht vorbei. Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. Ich habe schon so viele Konflikte durchgestanden, da wird es wohl auch diesmal gutgehen.“ Kinder können das nicht. Sie haben keinen Erfahrungsschatz, aus dem sie eine solche Zuversicht schöpfen können. Also gehen ihre Gefühle regelrecht mit ihnen durch. Eltern sind dann schnell verunsichert. Wie reagieren sie richtig?

 

Ausflippen oder zurückziehen? Zu Hause ist alles erlaubt

Wie so oft in Erziehungsfragen gilt auch beim Umgang mit extremen Gefühlsäußerungen vor allem eines: Erst einmal gelassen bleiben. Eltern können ihre Kinder unterstützen, indem sie die Emotionen der Kleinen ernstnehmen und nicht verbieten. Natürlich muss Klara bald lernen, dass es keine Lösung ist, ein Spiel durch die Gegend zu schleudern, weil man verloren hat. Doch Wut und Enttäuschung über sich selbst sind erlaubt. Gleichgültig ob ein Kind ausflippt, wenn etwas nicht so läuft wie gewünscht, oder ob es still in Tränen ausbricht – das eigene Zuhause, der geschützte Raum in der Familie, ist der beste Ort, um Emotions-Management zu lernen. 

Eltern tun gut daran, wenn sie viel zuhören, was das Kind erzählt. Sie entwickeln so ein Gefühl dafür, was ihren Nachwuchs beschäftigt. „Aber unser Kind erzählt kaum etwas von sich“, klagen viele Mütter und Väter. „Woher soll ich dann wissen, was in ihm vorgeht?“ Das funktioniert durch Beobachten.

Selbst wenn kleine Mädchen und Jungen ihre Emotionen noch nicht in Worte fassen können oder nicht besonders redefreudig sind, verrät zum Beispiel die Körperhaltung etwas über ihren Gemütszustand. Auch Bilder geben Auskunft. Farben und Motive verraten Gefühle. Häufig kommen Mütter oder Väter mit ihren Kindern ins Gespräch, indem sie von sich erzählen: „Als ich in deinem Alter war, ist mir mal so was Ähnliches passiert.“ Gute Bilderbücher greifen oft sehr emotionale Themen auf, die zu Dialogen anregen: „Was hättest du in diesem Fall gemacht?“ – „Glaubst du, dass die Eltern dem weinenden Kind auf dem Bild helfen können?“ – „Was müssten sie dafür tun?“ – „Warum ist die kleine Maus am Anfang des Buches so traurig?“ Es tut Kindern gut, über Emotionen zu reden – selbst dann, wenn es nicht die eigenen sind. Wer erst einmal lernt, die Gefühle von anderen auszudrücken, wird sich danach auch besser über die eigenen klar. 

 

Ich bin wütend, das hat aber nichts mit euch zu tun“

Eltern haben dabei eine wichtige Vorbildfunktion. Mama muss kein Engel sein, der sein Kind immer lieb umsäuselt. Genauso wenig darf Papa den Starken spielen, der über allen Emotionen steht und sich rücksichtslos durchsetzt. Eltern dürfen mal schlechte Laune haben, unzufrieden oder traurig sein – und Kinder sollten das ruhig mitkriegen. Wichtig ist nur, dass niemand in der Familie seine Laune am anderen auslässt oder gar Schuldgefühle im Gegenüber weckt. Eine Mutter oder ein Vater kann erklären: „Ich bin wütend, weil ich mich im Job geärgert habe. Das hat aber nichts mit euch zu tun.“ In Familien, in denen Kinder die ganze Bandbreite von Gefühlen erleben dürfen, lernen sie von ganz allein, was richtig und was falsch ist. Leider sind Erwachsene da nicht immer gute Vorbilder. Der Umgang mit Gefühlen ist nämlich auch für sie nicht einfach.

 

Eltern wollen Vorbilder sein, ohne sich verstellen zu müssen

„Wenn jemand nicht machte, was mein Vater wollte, verschwand der in seinem Arbeitszimmer und sprach tagelang nicht mehr mit uns.“ So erinnert sich Silke M., heute Mama von drei kleinen Kindern, an das „Gefühls-Management“ ihres eigenen Vaters. „Mein Mann und ich wollen das besser machen und unseren Kindern nicht mit schlechter Stimmung das Familienleben vermiesen“, sagt die 34-Jährige. Mit klaren Aussagen lassen sich Missverständnisse und unnötige Schuldgefühle vermeiden. Wer seine Liebsten gut kennt, wird in Zeiten, in denen der andere nicht gut drauf ist, Rücksicht nehmen und zusätzliche Nervereien vermeiden.

 

Angst vor unerledigten Aufgaben? Möglichst schnell damit loslegen

Ist jemand häufig schlecht gelaunt, helfen selbstkritische Fragen: Welchen Unannehmlichkeiten will ich aus dem Weg gehen? Was bedrückt mich? Bin ich gestresst oder überfordert? Wie kann ich das ändern? Gibt man sich selbst ehrliche Antworten, geht es oft um fehlende Anerkennung, den unerfüllten Wunsch nach Zuneigung oder Geborgenheit. Gespräche mit dem Partner oder einem professionellen Coach können dann hilfreich sein.

Leichter lässt sich der Frust über das Aufschieben von unangenehmen Aufgaben loswerden. Hat man das Problem für sich selbst erst einmal erkannt, gilt es, sich aufzuraffen und es hinter sich zu bringen. Die Stimmung steigt danach von allein. Das können größere Kinder gut verstehen, wenn sie es selbst schon erlebt haben. Der Gedanke an die bevorstehenden schwierigen Hausaufgaben macht richtig üble Laune? Also möglichst schnell loslegen und sich auf das gute Gefühl danach freuen.

 

Schon früh im Leben Macht über die eigenen Gefühle haben

Wer gelernt hat, seine Emotionen geschickt einzusetzen, kommt in fast allen Lebenslagen besser zurecht. Kinder sollten nach Ansicht von Experten so früh wie möglich lernen, dass sie Macht über ihre Gefühle haben – und nicht umgekehrt. Das gelingt zum Beispiel so: Ein Kind ist allein und bekommt Angst. Es fühlt sich einsam. Die negativen Gefühle sind in der Übermacht. Nun ist das Kind schon ein bisschen geschult im Hinblick auf den Umgang mit Gefühlen. 

Es denkt nach. „Wie war das denn beim letzten Mal? Da hatte ich doch auch zuerst Angst und dann nicht mehr.“ Klar, jetzt fällt es ihm wieder ein. Es hat sich Musik angemacht, einem Hörspiel gelauscht, die negativen Gedanken wurden schwächer. Das Kind konnte die schlechten Gefühle schließlich mit guten vertreiben. Dass ihm das aus eigener Kraft ohne Hilfe der Eltern gelungen ist, verhilft ihm zu einer optimistischen Grundeinstellung. Es kann seinen Gemütszustand beeinflussen.

Das ist keine angeborene Fähigkeit, sondern ein Prozess der lebenslang anhält und schon sehr früh beginnt. Ein weinendes Baby erfährt zum Beispiel, dass es nicht hilflos ist, wenn seine Eltern es auf den Arm nehmen und trösten. Eine Erziehung mit Liebe und Verständnis für die Bedürfnisse des Kindes ist der Grundstein, auf den der spätere Umgang mit Gefühlen aufbaut. Herausforderungen, die das Kind erfolgreich bewältigen kann, bringen es weiter. Gute Gefühle beflügeln es zu großen Taten.

 

Die beleidigte Leberwurst über den richtigen Umgang mit Schmollkindern

Das Kind schiebt die Unterlippe nach vorn, verschränkt die Arme, blickt grimmig und stampft auf den Boden: „Menno!“ Für seine Familie ist auch ohne Worte klar: „Mir passt etwas nicht. Deshalb bin ich jetzt beleidigt.“ Vielleicht schreit es seine Wut heraus. Möglicherweise verstummt es aber auch für kurze Zeit. Meist passiert das in Situationen, in denen das Kind etwas tun soll, was es nicht möchte. Oder in denen andere etwas tun, was das Kind nicht möchte. Vor allem im Vorschulalter schmollen die Kleinen häufig, um sich durchzusetzen. Wenn sie damit dauerhaft Erfolg haben, bewährt sich die Strategie aus ihrer Sicht und wird natürlich fortgesetzt. Doch erst einmal ist es ein ganz normaler Entwicklungsschritt

Eltern von beleidigten kleinen Leberwürsten müssen sich deshalb keine Sorgen machen. Zwar ist Beleidigt-Sein später eine sehr unangenehme Eigenschaft, die Beziehungen zerstören kann, doch bei Kindern gehört es in Sachen Emotions-Verarbeitung zum Lernprogramm. Die Kleinen versuchen, sich gegen eine Übermacht zur Wehr zu setzen und kennen noch keine besseren Weg. Es ist ein gutes Zeichen, wenn sich ein Kind traut, seine Gefühle auf diese Weise zu zeigen. Denn nur wenn es sich in seinem Zuhause bei den Eltern und Geschwistern sicher fühlt, kann es seine Emotionen ausleben. Erwachsene sollten dabei nur Grenzen setzen (zum Beispiel, wenn das Kind anfängt, Mama und Papa zu beschimpfen) und den grummelnden Nachwuchs ansonsten erst einmal in Ruhe lassen. Meist kehren die Kinder nach kurzer Zeit zurück. Dann können alle zusammen über das Geschehene reden: „Warum warst du denn so wütend? Erzähl uns davon.“ 

Wichtig: Nicht das Kind als Person angreifen („Du hast dich ja blöd aufgeführt“), sondern klar benennen, was nicht passt: „Ich möchte nicht, dass du mich beschimpfst“. Wenn das Kind – etwa in der zweiten oder dritten Klasse – gelernt hat, seine Konflikte im Gespräch zu lösen, wird es seltener schmollen. 

 

Emotionale Förderung

Ob schüchtern oder draufgängerisch – jedes Kind reagiert anders auf neue Herausforderungen und braucht deshalb individuelle Unterstützung.

 

Beobachter

Neue Menschen, neue Orte, ein bisschen Abstand zu Mamas Rockzipfel – so etwas macht stillen Kindern Angst. Sie sind zwar neugierig, halten sich aber zurück, solange sie sich fremd fühlen. Hier ist Geduld gefragt. Eltern sollten stille Beobachter ermuntern, auf andere zuzugehen und mal über den eigenen Schatten zu springen, damit sie lernen, sich selbst zu vertrauen. Wichtig sind Erfolgserlebnisse, deshalb mit kleinen Aufgaben anfangen. 

 

Draufgänger

Wenn sie etwas wollen, dann mit aller Macht. Kleine Draufgänger sind weder rücksichtsvoll noch geduldig, wenn es darum geht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Für sie ist es wichtig, dass sie lernen, sich zurückzunehmen, auf die Gefühle der anderen zu achten und die Vorteile von Teamarbeit zu erkennen. Einerseits brauchen Draufgänger viel Raum, um sich auszutoben, ohne ständig ermahnt zu werden. Andrerseits möchten sie gut mit anderen Kindern zurecht kommen. Eltern sollten Gruppenspiele fördern. 

 

Schlauköpfe

Lernbücher, Experimentierkästen, Wissensmedien – diese Kinder sind clever, nerven Gleichaltrige aber manchmal mit Belehrungen. Eltern können sie bewusst in eine andere Richtung lenken: Herumtoben, albern sein, sich bewegen und auch mal etwas Unvernünftiges machen – das tut ihnen gut. 

 

Selbstdarsteller

Wenn Erwachsene andere Kinder beachten, geraten kleine Selbstdarsteller in Alarmbereitschaft. Sie sind sofort zur Stelle, reden dazwischen, zeigen etwas, lenken ab, fordern Aufmerksamkeit – zur Not auch, indem sie andere zurückdrängen. Für diese Kinder sind Gruppenerlebnisse und Konzentrationsspiele wichtig, die Durchhaltevermögen und Geduld erfordern. Lob ist angebracht, wenn sie sich allein beschäftigen und nicht ablenken lassen. 

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