Kinderbücher "Bücher lösen Gefühlsbäder aus"

wirEltern.de sprach mit der Kinderbuchlektorin Antje Lehbrink über Geschichten, Bücher und den Spaß am Lesen.

wireltern.de: Warum sind Kinderbücher wichtig?

Antje Lehbrink: Bücher machen sowohl realistische als auch fantastische Welten für Kinder zugänglich. Die Kinder begegnen darin starken, unkonventionellen Figuren – Vorbildern, Freunden, aber auch Feinden und ambivalenten Gestalten – und lernen alternative Gesellschaftsstrukturen und Wertgefüge sowie Handlungsoptionen kennen. Geschichten liefern der Fantasie Futter und regen zum Nachdenken, Vorstellen, Nachfühlen an. Mitunter lösen Bücher ganze Gefühlsbäder aus. Die Kinder erkennen einen Teil von sich wieder und erfahren gleichzeitig etwas völlig Neues.

Lernen Kinder durch Bücher?

Kinderbücher fördern die sprachliche Entwicklung, die Fantasie und das Abstraktionsvermögen. Zudem können Ereignisse durchgespielt, Gefühlswelten erkundet und mögliche Konsequenzen für Handlungen erfahren werden. Aus guten Büchern wird man immer etwas lernen – teilweise eignet man sich auch ganz einfach Sachwissen an, wenn sich die Geschichten beispielsweise um historische Ereignisse, fremde Kulturen etc. drehen.

Wie findet man ein gutes Kinderbuch?

Private und professionelle Empfehlungen, das Stöbern im Buchhandel, Rezensionen und Bestsellerlisten, ein Besuch in der Bibliothek u. v. m. können zahlreiche Anregungen bieten. Was "gut" ist, wird dabei jeder für sich entscheiden – denn jeder hat seinen eigenen Hintergrund, seine Vorlieben und Sympathien.

Kindgerechte Illus machen das Lesen zum Vergnügen – siehe Buch-Tipp. Illu: Nikolai Renger, "Die Kakerlakenbande", FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag

Ab welchem Alter eignen sich Vorlesegeschichten?

Wir haben im Duden-Kinderbuchprogramm Vorlesegeschichten ab zwei Jahren. Das sind kleine, einfache Geschichten mit kurzer Vorlesedauer, die Dinge aus dem Alltag der Kinder aufgreifen. So finden auch die Jüngsten einen sofortigen Zugang zu den Geschichten und können sich mit den Figuren identifizieren.

Welche Bedeutung haben Gutenachtgeschichten?

Viele Kinder gehen nicht gerne schlafen, haben Angst vor der Nacht oder noch so viele Dinge im Kopf, die sie tun und erzählen möchten. Gutenachtgeschichten können beruhigen, entspannen, mit schönen Bildern und Gedanken in den Schlaf geleiten. Auch hilft das Ritual: das Vorlesen der Gutenachtgeschichte als gemeinsame Handlung, nach der dann das Einschlafen dran ist.

Was ist für Sie persönlich die schönste Kindergeschichte? Welche Kinderbuch-Klassiker sollte jeder kennen?

Da gibt es so viele, dass ich unmöglich einen Gewinner küren kann. Natürlich sind darunter Klassiker von Astrid Lindgren, Michael Ende oder Otfried Preußler, geliebt habe ich als Kind auch "Silas", "Die rote Zora" oder den "Kater Mikesch". Heute zählen für mich auch neue Erzähler wie Valija Zinck oder Tanya Stewner dazu, ebenso Geschichten wie die um die Kuh Lieselotte oder "Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab". Für die Älteren beispielsweise "Wunder", "Rico, Oscar …", "Der Junge im gestreiften Pyjama" oder "Simpel".

Haben personalisierte Bücher eine Daseinsberechtigung?

Das ist ein netter Effekt, der bei inflationärem Einsatz schnell an Reiz verliert. Die Kinder können sich ohnehin mit den Protagonisten identifizieren, gleiten mühelos in die Welten der Geschichte hinein und wieder hinaus. Und das sollte auch gefördert werden – zu sehr sollte man es mit der Personalisierung nicht übertreiben, auch wenn und gerade weil das sicherlich ein gesellschaftlicher Trend ist.

Immer wieder nachgefragt werden Geschichten, die sich um den Tod, das Sterben drehen. Was muss ein solches Buch bieten?

Einfühlungsvermögen, Authentizität, es muss die Leser bzw. Zuhörer ernstnehmen – gleichzeitig sollte es Trost und Hoffnung spenden. Ich denke, was Bücher hier anbieten können, sind Bilder, Metaphern, Deutungen, die Halt und Verständnishilfen geben.

Sind Kinderbücher beliebt, die vom Thema Freundschaft oder von Tierthemen erzählen? Gibt es weitere große Themen-Bereiche bei den Kinderbüchern?

Selbstverständlich – die Themen, die Kinder auch im Alltag interessieren, machen einen großen Komplex im Kinderbuch aus. Freundschaften, Tiere, Autos bzw. Maschinen, die Schule, auch speziellere Themen wie Fußball, Pferde etc. Zudem die fantastischen Themen: magische Welten und Wesen, zauberhafte Reisen, Superhelden etc.

Große Geschwister sind Vorbilder – auch beim Umgang mit Büchern. Foto: Getty Images

Welche Rolle spielt Humor in Kinderbüchern?

Ich glaube, ich habe noch kein gutes Kinderbuch gelesen, das nicht auch durch Humor bestach. Kinder sind gerne und unmittelbar bereit, sich vor Lachen zu schütteln – die schönsten Passagen bei Lesungen werden vom Gegiggel oder auch lauten Gelächter der kleinen Zuhörer begleitet.

Viele Kindergeschichten gibt es als Hörbuch – ersetzen Hörbücher das Vorlesen oder Selbstlesen?

Nein, im Idealfall ist das im Kinderzimmer-Regal ein schönes und buntes Miteinander. Hörbücher eröffnen neue Facetten, verleihen Figuren an Leben – aber wer vor- bzw. einliest, interpretiert ja auch immer ein Stück weit. Wer selbst liest, kann die Geschichte ganz nach seinem eigenen Geschmack vor sich auferstehen lassen. Beim Vorlesen wiederum ist die zusammen erlebte Zeit ein entscheidender Punkt. Im Idealfall sollten alle Kinder lesen, vorgelesen bekommen und Hörbücher hören.

Wie kann man in der heutigen Zeit der Digitalisierung dafür sorgen, dass Kinder sich weiterhin für Bücher interessieren?

Man sollte sie von Anfang an das Medium Buch heranführen, die Fantasie fördern, die vielen Facetten dieses stromlosen Mediums aufzeigen. Bibliotheken, Buchhandlungen, Lesungen mit den Kindern besuchen. Wer Geschichten so intensiv erlebt, will mehr davon. Dafür braucht es keine Apps oder andere digitale Zu- oder Ersätze. Es geht darum, dass die Eltern gute Vorbilder sind, dass man sich die Zeit für das gemeinsame Leseerlebnis nimmt.

Mutige Helden in Geschichten und Büchern sprechen Kinder an – und sind sie noch so klein. Illu: Nikolai Renger, "Die Kakerlakenbande", FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag

Beim Übergang von der Kita in die (Vor-)Schule: Wie motiviert man den Nachwuchs, selbst mit dem Lesen zu beginnen?

Viele Kinder entwickeln im Lauf der Zeit selbst ein großes Interesse an Schriftsprache. Sie wollen wie die Großen lesen und schreiben. Sie identifizieren früh einzelne Buchstaben, verstehen, dass sie für Laute stehen, beginnen, sie aneinanderzureihen. In dieser Zeit schnappen sie sich Bücher und geben vor, daraus vorzulesen. Hier lässt sich motivatorisch gut ansetzen. Das geschieht dort, wo das Buch, das Lesen, das Vorlesen einen hohen Stellenwert haben, und diesen gilt es zu vermitteln.

Andernfalls gilt es, genau diese Faszination der Schrift zu verdeutlichen, zu zeigen, dass Buchstaben für etwas stehen, dass man sich damit Inhalte erschließt, dass Lesen eine faszinierende Beschäftigung und ein schönes Ritual sein kann, etc. Die Gemeinsamkeit, das Vorlesen spielen hier eine entscheidende Rolle.

Hilfreich sind Bücher, in denen Hauptwörter durch Bilder ersetzt werden, wie beispielsweise die Reihe "Mit Bildern lesen lernen" von Duden Leseprofi. Dabei lesen die Erwachsenen den Text und die Kinder die Bilder vor.

Sehr motivierend für Leseanfänger sind auch Bücher, in denen der Fließtext vom Vorlesenden gelesen wird, aber einzelne Textpassagen für die Kinder in großer Fibelschrift stehen, wie die Reihe "Erst ich ein Stück, dann du" oder der "Leseanfang" des Duden Leseprofi.

Die Bücher sollten den Interessen der Kinder entsprechen. Lieblingsbücher plötzlich selbst lesen zu können, ist ein großer Moment. Vielleicht wählen die Kinder auch erst einmal Comics oder andere Formate. Dann sollte man das fördern – viele Kinder haben ihre ersten Leseversuche mit Donald Duck & Co. unternommen. 

Woran erkennt man ein gutes Buch für Erstleser?

Die Handlung ist überschaubar und von den Kindern unmittelbar zu erschließen, gleichzeitig aber spannend und/oder lustig, sodass sie das Buch nicht aus der Hand legen möchten. Der Text steht in großer Fibelschrift, Wortschatz und Satzbau sind dem Lesevermögen der Kinder angemessen, Bilder illustrieren den Textinhalt und fördern so das Textverständnis, liefern aber gleichzeitig Raum zum Entdecken.

Dieses neue Kinderbuch ist ein Muss

Das Kinderbuch "Die Kakerlakenbande" eignet sich zum Vor- und Selbstlesen. Foto: Verlag

"Die Kakerlakenbande: Applaus für die Laus", Band 1, von Christian Tielmann und Nikolai Renger.

Zum Vor- und Selbstlesen ab sechs Jahre, 9 Euro, Fischer KJB.

 

 

"Die Kakerlakenbande" als Hörbuch. Foto: Verlag

"Die Kakerlakenbande" gibt es auch als Hörbuch, gesprochen von Mechthild Großmann.

Etwa 9 Euro, Argon.

 

 

 

Unsere Kinderbuch-Expertin

Lektorin Antje Lehbrink. Foto: privat

Antje Lehbrink, Lektorin im "FISCHER Kinder- und Jugendbuch Verlag"

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