Der Mythos von der unbeschwerten Kindheit

Die 6 größten Ängste deines Kindes - und wie du sie ihm nimmst

Eine sorgenfreie Kindheit ist ein Märchen. Eines, von dem wir Eltern träumen. Der Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort plädiert dafür, sich viel stärker in die Kinder hineinzuversetzen, um ihnen so auch Ängste zu nehmen.

Hatten wir nicht früher eine unbeschwerte Kindheit? Eine bessere als unsere Töchter und Söhne heute? Und die Probleme und Gefühle von Angst kamen doch erst später, oder? Mit dem Erwachsenwerden. Wahrscheinlich ist es wirklich ein Mythos von der idyllischen Kindheit, mit der der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Professor Michael Schulte-Markwort aufräumen will. Der rosarote Zuckerguss, mit dem wir Kindheit allzu oft übergießen, verdeckt den Blick auf das Seelenleben unserer Kinder, sagt er. Nach knapp 30 Jahren Berufsalltag weiß er nur allzu gut, was Kinderseelen wehtut. Und zeigt, wie wir Erwachsenen erkennen können, was die Kleinen belastet – durch einen Perspektivwechsel: Wir versetzen uns in die Kleinen, überlegen, wovor sie heute Angst haben:

1. Mama und Papa lassen sich scheiden

Wenn Eltern sich trennen, empfinden Kinder das als Katastrophe. Dass Eltern sich nicht mehr mögen, belastet die Kinder enorm. Denn sie geraten in einen Loyalitätskonflikt, der sich nicht auflösen lässt. Ratlos sehen sie auf den emotionalen Scherbenhaufen der Eltern, ständig zwischen den beiden hin- und hergerissen. 

 

Der Experte rät: Kinder niemals anlügen. Alle in der Familie zusammen informieren, sobald der Entschluss zu Trennung feststeht. Auch die Gründe für das Eheende ehrlich nennen. Möglichst ein Elternteam bleiben, aber gemeinsame Urlaube oder Feiertage sollte man meiden – denn so wie früher wird es nicht mehr. Ein klarer Schnitt ist besser. 

2. Niemand kann mich leiden.

In der Schule und im Sportverein müssen sich Kinder in Gruppen integrieren. Dort wird sich verbündet, man hält zusammen und schließt aber auch diejenigen aus, die den inneren Frieden stören – und damit einsam zurückbleiben. Die Gruppe fühlt sich dadurch stärker, wenn sie einen ausstoßen konnte. Besonders Außenseiter, Kinder mit körperlichem Handicap bis hin zu Auffälligkeiten wie roten Haaren, Übergewicht oder Akne werden gern „weggebissen“. Wenn die Betroffenen dann auch noch scheu und zurückhaltend sind, werden sie gern gequält und gedemütigt, so der Experte. In Schule oder Kita sind primär die Erzieher gefragt, durch die Sitzordnung und beispielsweise Lob und Ansprache des Opfers einzugreifen. Denn Schüler sind nicht allein verantwortlich füreinander.

 

Der Experte rät: Eltern sollten einen Elternabend mit den Kindern einberufen. Und der Klasse zeigen, dass es so nicht geht. Die Kinder müssen den Schulterschluss der Eltern sehen. 

3. Bald gibt es Krieg.

Kinder kriegen mit, dass sich die Erwachsenen Sorgen über die Weltlage machen. Terror und Kriegsbilder sind über Fernsehen und Radio allgegenwärtig. Kinder hören Kommentare über Trump, Anschläge, die Sorgen der Großen. Ab zehn Jahren wird das Interesse an Nachrichten größer, sie informieren sich dann auch selbst übers Internet.

Der Experte rät: Den Kindern die News nicht vorenthalten. So viel Realität wie möglich ist angebracht – ältere Kinder kriegen sowieso Vieles mit, die kleineren hören genau hin, wenn es im Gespräch der Erwachsenen um ernste Dinge geht. Deshalb ist es wichtig, mit dem Kind darüber zu reden. Nichts bagatellisieren, aber ihm sagen: „Ja, das macht uns Sorgen – aber wir tun alles, um dich zu beschützen und dafür zu sorgen, dass du sicher bist.“

4. Mein Geschwisterchen nimmt mir die Eltern weg.

Wenn kleine Geschwister die Familie erweitern, bricht für ältere Kinder die bisherige Ordnung zusammen. Es passiert sogar, dass Schulkinder plötzlich wieder einnässen, wenn ein kleiner Bruder oder eine kleine Schwester geboren wird. Es ist wichtig zu wissen: Unter Geschwistern gibt es keine Konstellation ohne Konkurrenz. Doch jedes Kind muss in der Lage sein, seine Rivalität so weit zu steuern, dass es zu keinen Aggressionen kommt. Das gelingt am besten, wenn Eltern Verständnis zeigen und ihm sagen, dass es geliebt wird.

 

Der Experte rät: Eltern müssen dem Kind vorleben, wie ein Miteinander geht – mit Zuhören und Aussprachen von allen zusammen. Und: Niemals die Geschwister gegeneinander ausspielen. Klappt das nicht, sollten sich die Erwachsenen rechtzeitig Hilfe holen. 

5. Hoffentlich passiert meinen Eltern nichts.

Diese Angst kommt so häufig vor wie die Angst vor dem Gespenst oder die Angst vor Spinnen. Angst ist ein zentrales Gefühl von Kindern und Jugendlichen, Angststörungen sind mit zehn Prozent die häufigsten psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Doch Angsthasen, besonders wenn es Jungs sind, werden oft lächerlich gemacht.

Aber: Das ängstliche Kind ist ein sensibles, liebenswertes Wesen, das uns darauf hinweist, welche tiefen Dimensionen das Leben hat und was sich hinter vermeintlich sicheren Fassaden alles verbergen kann. Angstfreie Kinder sind sehr selten – und absolute Angstfreiheit geht leider oft mit anderen psychischen Beeinträchtigungen einher. 

Der Experte rät: Wer einen kleinen Angsthasen zu Hause hat, darf ihn auf keinen Fall abwerten. Eltern sollten mit ihm beständig das Annähern an eine (vermeintliche) Gefahrenquelle besprechen und dann auch üben. Und: Zu großes Verständnis gibt es nicht, ebenso wenig wie es zu viel Liebe geben kann. 

6. Ich hab Angst, alleine zu schlafen.

Für Kinder ist der Schlaf etwas ganz anderes als für Erwachsene: Statt Erholung und Ruhe bedeutet er für Kinder meist etwas Ungewisses und Unangenehmes. Darum brauchen die Kleinen Rituale, um so von einer in die nächste Situation zu kommen – das Ritual des Vorlesens oder Gutenachtsingens hilft dabei, die Angst zu nehmen. Denn das Ritual ist vorhersehbar und überschaubar. Die Kinder sind einerseits nicht allein, die Eltern sitzen ja am Bett, gleichzeitig wird die körperliche Trennung von ihnen deutlich gemacht. Deshalb ist es auch falsch, bei den Kindern im Bett zu liegen. Kinder sollen schnell merken, dass jeder in seinem eigenen Bett einschläft, also auch die Eltern. Die Unsicherheiten der Eltern bezüglich der „Schlafstörung” werden von den Kleinen sehr genau registriert. Viele Eltern probieren dann ungewöhnliche Rituale zum Einschlafen, wie die Runde im Auto um den Block. Der Kinderpsychiater hält dies für übertrieben.

Der Experte rät: "Trennt euch allabendlich von euren Kindern. Je schneller und schmerzloser alle einschlafen, umso größer wird die Freude auf den nächsten gemeinsamen Tag."

Unser Experte

Professor Michael Schulte-Marktwort, Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, Autor von „Kindersorgen”Verlag: Droemer Knaur, 19,99 Euro. Seine anderen Titel „Superkids” und „Burnout-Kids” sind viel beachtete Bestseller und ebenfalls bei Droemer Knaur erschienen. 

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