Wichtiger Entwicklungsschritt

Hurra, unser Kind lügt!

Statt Lügen hart zu bestrafen, sollten Erwachsene lieber auf Vertrauen setzen.

 

Wieder einmal hat Marie (4) sich einen Stapel Papiere vom Schreibtisch der Eltern geholt, um darauf ein buntes Bild zu malen. Maries Mutter ist sauer und schimpft mit ihrer Tochter; sie soll das Kindermalpapier nehmen. Doch diesmal schimpft das Kind zurück: „Ich war das nicht.“ Damit hatte Mama nicht gerechnet. Zum ersten Mal hat sie ihre Tochter bei einer richtigen Lüge erwischt. Sie ist enttäuscht – und wütend. Schließlich haben die Eltern ihrer Kleinen oft genug gesagt, dass es wichtig ist, die Wahrheit zu sagen. Kann ein Kind in Mariechens Alter schon so arglistig sein? Weiß es überhaupt, was wahr und falsch ist?, fragen sich die Eltern.

 

Kleine Kinder durchschauen das Spiel mit der Wahrheit

Ein Kind wie Marie weiß das sehr wohl und meist viel besser, als die Erwachsenen ahnen. Schon Vierjährige durchschauen das Spiel mit der Wahrheit, können täuschen und tricksen und haben damit einen Meilenstein in ihrer Entwicklung gemacht. Wenn die Eltern den ersten Schrecken überwunden haben, müssten sie eigentlich jubeln: Hurra, unser Kind lügt. 

Von jetzt an haben sie es mit einem neuen Persönchen zu tun, das ein Stück vorangekommen ist in unserem auf Lügen und Rollenspiele aufgebauten Gesellschafts-System. Das Kind wird weiter lügen – zuerst meistens aus Angst vor Strafe, später um Vorteile zu haben, seinen Freunden zuliebe, weil es Spaß macht oder weil die Phantasie mit ihm durchgeht.

 

Drei- bis Sechsjährige haben bereits moralisches Empfinden

Erwachsene schätzen das Urteilsvermögen von Kindern falsch ein, wenn sie versuchen, ihnen mit aller Strenge einzubläuen: Du darfst nicht lügen – gleichgültig, was dahintersteckt. Die Mehrheit der Drei- bis Sechsjährigen, so vermuten Experten, beurteilt eine Lüge nach der Absicht, die dahintersteckt. Diese Kinder haben also bereits ein moralisches Empfinden. Genauso wie Erwachsene. Die lügen nämlich auch – und zwar durchschnittlich 200 Mal am Tag. Ein Großteil davon geschieht aus Höflichkeit.

 

Je schlauer die Kinder sind, desto besser schätzen sie das Risiko ein

Auch Kinder wissen, dass ein Kompliment („Du siehst heute aber toll aus“) eine Lüge ist, wenn Mama kurz danach über das Aussehen der Freundin lästert. Sie haben erfahren, dass gelogene Artigkeiten („Danke für die schöne Strumpfhose“) sie weiterbringen; die Wahrheit („Die kratzt, und ich hätte sowieso lieber Schokolade“) wird Mamas Rüffel und künftig gar keine Geschenke mehr bringen. 

Erfolgreiches Betrügen ist eine hohe Kunst. Das Kind muss sich in die Gedankenwelt eines anderen hineinversetzten, strategische Schachzüge theoretisch durchspielen, sein Opfer durch eine Falschaussage in eine bestimmte Richtung lenken, seine Emotionen unter Kontrolle haben, sich konzentrieren können und ein guter Schauspieler sein. Alles Eigenschaften, auf die Eltern eigentlich stolz sind.

 

Strenge Strafen ziehen nur bessere Lügen nach sich

Strenge Regeln um Beweise und Zeugenaussagen sollten für Kinder nicht gelten. Gewiss ist die Versuchung der enttäuschten Eltern groß, ihr Kind aus Rache zu überführen, es bloßzustellen und zu bestrafen – doch das wird nur neue Lügen nach sich ziehen, die höchstwahrscheinlich besser durchdacht sind. 

Rote Wangen, Verplappern, Stolpersprache oder ein plötzlicher Redeschwall, der vom Thema ablenkt, ein albernes Alibi, Nuancen in der Stimme – wer sein Kind gut kennt, bemerkt seine Not. Eltern sollten versuchen, es mit allen Mitteln zur Aufrichtigkeit zu ermuntern. Wenn es gelingt, ihm den Vertrauensverlust klarzumachen, den Lügen verursachen, wird sich eine starke Instanz von selbst einschalten und pädagogisch wertvoll wirken: das Gewissen. Wenn Lügner und ihre Opfer die gleichen Wertvorstellungen haben, entwickeln sich Schuldgefühle am besten. Der Vertrauensbruch ist dann so hart, dass die Kinder es von allein vermeiden, ihre Eltern zu belügen.   

 

So können Eltern ihre Kinder zur Ehrlichkeit erziehen

 

1. Konsequenzen zeigen

„Niemand wird dir mehr glauben. Du verlierst das Vertrauen der anderen.“ Erwachsene können Kindern gut erklären, welche Auswirkungen negative Lügen haben. 

 

2. Loben

Wenn ein Kind in schwierigen Situationen die Wahrheit sagt, sollte es gelobt werden. Auch wenn es eine schlechte Nachricht überbringt.

 

3. Vertrauen

Ein vertrauensvolles und offenes Verhältnis in der Familie fördert Ehrlichkeit. Wenn Kinder sicher sind, dass sie bedingungslos geliebt werden, sind sie eher bereit, aufrichtig zu sein und Fehler zuzugeben als sie durch Lügen zu vertuschen.

 

4. Sofort ansprechen

Wird ein Kind beim Lügen erwischt, sollten Eltern das Thema sofort ansprechen – jedoch ohne Vorwürfe und Schuldzuweisungen. „Wir wissen, dass das nicht stimmt. Lass uns mal zusammen überlegen, wie du es besser machen könntest.“

 

5. Sich helfen lassen

Lügen Kinder immer wieder, steckt vielleicht ein tieferes Problem dahinter. Dann kann es hilfreich sein, professionelle Unterstützung zum Beispiel bei einer Familienberatungsstelle in Anspruch zu nehmen. 

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