Rituale: Wertvolle Begleiter im Kinderalltag Und täglich grüßt das Murmeltier

Jeden Morgen Brot mit Käse, jeden Mittag diesen lustigen Spruch vor dem Essen und jeden Abend die Tigerenten-Geschichte: Kinder lieben Rituale, sie geben ihnen Halt. Den Eltern helfen sie ganz nebenbei, Regeln durch die Hintertür durchzusetzen.

 

„Und jetzt das Buch mit den Zwergen!“, jubiliert Lina Abend für Abend, wenn ihr Papa sie ins Bett bringt. Die Vierjährige kennt das Bilderbuch in- und auswendig. Aber sie freut sich immer wieder aufs Neue, den Abenteuern der Zwergenfamilie vor dem Schlafengehen zu lauschen. Ihr Vater hingegen kann sie eigentlich nicht mehr hören. Aber er weiß: „Dank der Gute-Nacht-Geschichte hüpft meine Kleine freiwillig ins Bett!“ Wie für Lina gibt es für viele Kinder mitunter nichts Schöneres, als lieb gewonnene Gewohnheiten regelrecht zu zelebrieren.

 

Familienrituale vermitteln Halt und Geborgenheit

Dass die Kleinen leidenschaftlich auf ihre Lieblingsrituale bestehen, hat – neben dem Spaßfaktor – auch einen psychologischen Hintergrund: Gewohnheiten wie die abendliche Gute-Nacht-Geschichte helfen ihnen, sich im Alltag zu orientieren. Oft beherrscht Hektik ihre Welt, manchmal wechselt mehrmals am Tag die Bezugsperson. Kein Wunder, dass da Orientierung durch stetig wiederkehrende Verhaltensmuster guttut. „Kinder sind auf eine strukturierte Umwelt angewiesen“, bestätigt die Psychologin Dr. Annette Böttcher. In einem geordneten Alltag fühlen sich Kinder aufgehoben, die ständige Widerholung verheißt: Darauf kannst du dich verlassen.

 

Rituale sind kleine Helfer

Auch wenn sie die Nerven der Erwachsenen gelegentlich mächtig strapazieren – Rituale können für die Erziehung ein Segen sein: „Regeln lassen sich leichter setzen und auch durchsetzen, wenn sie zunächst als Ritual eingeführt werden“, erklärt Dr. Annette Böttcher. Vor allem kleine Kinder lernen auf diese Weise, spielerisch auf Mama und Papa zu hören.

So kann etwa das abendliche Zähneputzen zum Kinderspiel werden. Die Psychologin rät, zunächst eine Wohlfühlatmosphäre im Bad zu schaffen. Dann putzen Mama und Kind erst dem Lieblingsteddy die Zähne, anschließend dem Kind – schließlich versucht es der Nachwuchs selbstständig. „Ein schönes Abendritual, das mit der Zeit in die Regel übergeht, sich vor dem Schlafengehen die Zähne zu putzen“, erläutert Dr. Annette Böttcher.

Nach diesem Schema lassen sich für verschiedene Situationen passende Rituale finden: von der Kuschelrunde nach dem Aufstehen bis hin zum gemeinsamen Trinkspruch beim Abendessen. Nur allzu viel Routine am Tag sollte es nicht sein. „Ein durchritualisierter Alltag entwertet die Gewohnheiten und legt Kindern wie Erwachsenen Fesseln an“, sagt Dr. Annette Böttcher.

 

Familienzeit

Ob ein Ritual funktioniert, ist auch eine Frage des Charakters. Nicht jedes Kind möchte stürmisch geweckt werden oder vor dem Essen ein Gebet sprechen. „Es kann sein, dass ein Kind mehrere Möglichkeiten ausprobieren muss“, weiß die Psychologin. Für ein funktionierendes Ritual hat sie einen Tipp: „Das Zusammensein mit der Familie sollte im Vordergrund stehen.“ Wichtig ist demnach, dass sich die Eltern Zeit für gemeinsame Aktivitäten nehmen und selbst Freude daran haben – genauso wie das Kind.

 

Flexibilität ist gefragt, wenn die Kleinen ihren Gewohnheiten entwachsen. Die von Mama oder Papa vorgelesene Gute-Nacht-Geschichte, der die Tochter oder der Sohn im Kindergartenalter fasziniert lauschte, muss irgendwann modifiziert werden. „Kinder zwischen sieben und zehn Jahren könnten den Eltern ihre Lieblingsgeschichte selbst vorlesen“, schlägt die Pädagogin vor. Später ist es ein schönes Ritual, wenn sich die Familie jeden Abend zusammensetzt, und jeder erzählt von seinem Tag.

Übrigens: Auch Jahresrituale stiften Orientierung. Besonders herbeigesehnt: Der Geburtstag, an dem die ganze Familie singt, bevor die Geschenke überreicht werden. Oder spaßvolle Traditionen, etwa wenn Mama und Papa mit dem Nachwuchs zu Ferienbeginn ins Schwimmbad gehen. Gerade diese Jahresrituale offenbaren: Gemeinsam mit der Familie machen sie einfach am allermeisten Spaß!

 

Tipps für kleine Rituale im Alltag

 

  • Die Kleinen anstelle eines Weckers mit einer Kuschelrunde wecken oder gemeinsam im Bett eine Tasse Tee trinken.
  • Während des Zähneputzens anstelle einer Sanduhr, die die Minuten herunter zählt, das Lieblingslied hören
  • Bei der Begrüßung die Nasen wie Eskimos aneinander reiben
  • Vor dem gemeinsamen Abendessen einen kurzen Spruch oder ein Gebet aufsagen, dann prosten sich alle zu und trinken gemeinsam
  • Beim Zubettgehen wird auch allen Kuscheltieren eine gute Nacht gewünscht

 

Unsere Expertin:

Dr. Annette Böttcher, Diplom-Pädagogin und Psychotherapeutin, Wiesbaden

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