"Der kleine Unterschied" Brauchen Jungs eine andere Erziehung als Mädchen?

Klingt nach überholtem Rollenklischee, ist aber tatsächlich so: Jungen sind anders als Mädchen. Damit sich beide Geschlechter optimal entwickeln und niemand wegen des kleinen Unterschieds benachteiligt wird, sollten Eltern auf die Stärken und Schwächen ihrer Söhne und Töchter ganz individuell eingehen.

 

Ausflug der 1a. Ich begleite die Klasse meiner Tochter. Einmal in den Zoo und zurück. Für dieses Ehrenamt habe ich mich freiwillig gemeldet. Ich will mal sehen, wie es heute im Schulalltag zugeht. Die Lehrerin schreitet vorweg. Direkt hinter ihr die üblichen Verdächtigen für unberechenbares Benehmen: die wildesten Jungs. Ich übernehme die Nachhut und muss aufpassen, dass hinten keiner Mist macht, ausschert, trödelt, den Anschluss verpasst oder anderweitig abhanden kommt. Ich bin eine Art Hütehund. Kann ja nicht so schwer sein, denke ich, als ich mich positioniere und erkenne: Ich bekomme die Leicht-Erziehbaren, die Mädchen. Frau Lehrerin ordnet Zweiergrüppchen an. Hand in Hand geht es los – bis zur ersten Ampel. Kaum müssen wir stehen bleiben, wird es direkt hinter der Lehrerin unruhig.

 

Die Jungs hampeln, die Mädels sind artig

Joe aus Reihe zwei schubst nach vorne. Von da kontert Konstantin mit einem Tritt nach hinten. Vier weitere Jungen geben das Händchenhalten gleichzeitig auf. Rangeln, Drängeln, Kippeln – und das gefährlich dicht am Straßenrand. Der Anschiss kommt postwendend. Die Lehrerin brüllt. Die Knaben kichern. Bei mir ist alles ruhig. Meine Mädchen stehen brav da, halten alle Ausgehregeln ein. Ich staune. Es ist also immer noch so wie in meiner Schulzeit. Jungs hampeln herum, erscheinen frech und undiszipliniert. Mädchen sind artig.

Vierzig Jahre Feminismus, Frauenquote und Förderprogramme, Gleichstellungsbeauftragte und Genderschulen, berufstätige Mütter und Elternzeit nehmende Väter. Es gibt doch so viele Ansätze für gesellschaftliche Wandlungen, die etwas bewirken müssten. Die strikte Trennung der Geschlechterrollen von früher hat viel zur Diskriminierung von Mädchen und Frauen beigetragen. Moderne Mütter und Väter wünschen sich zeitgemäße Antworten auf alte Fragen. Sie wollen Abschied nehmen von Schwarz-Weiß-Pädagogik. Von guten Mädchen und bösen Jungen. Doch offensichtlich klappt das nicht.

 

Mädchen und Jungen sind immer noch grundverschieden

Ob es genetisch, umwelt- oder erziehungsbedingt ist, spielt letztendlich keine Rolle, sagen Experten. Fakt ist und bleibt: Der kleine Unterschied hat immer noch große Folgen. Mädchen und Jungen unterscheiden sich in ihren Talenten, Temperamenten, Fähigkeiten und Bedürfnissen fundamental. Eltern und Erzieher müssen das wissen, damit sie unrealistische Erwartungen vermeiden können und keine falschen pädagogischen Konsequenzen daraus ziehen.

 

Was trennt die Welten der Boys und Girls?

  • Mädchen sind konzentrationsstärker. Sie können länger still sitzen und besser aufpassen. Sie interessieren sich eher für Personen und deren Beziehungen als für Sachen und ihre Funktionsweise.
  • Jungen haben einen stärkeren Bewegungsdrang. Ihr Testosteron- spiegel sorgt dafür, dass sie wilder, lauter, stärker und rivalisierender sind. Sie lieben Wettkämpfe, gehen Konfrontationen nicht aus dem Weg und setzen sich Risiken aus.
  • Mädchen wünschen sich mehr Harmonie, kooperieren besser, sind kommunikativ stärker
  • Jungen mögen klare Hierarchien, eindeutige Ansagen, keine langen Verhandlungen, das Lernen an männlichen Vorbildern.
  • Studien haben gezeigt: Das menschliche Gehirn ist so aufgebaut, dass Mädchen mit Worten (Lesen, Schreiben, Reden) stärker sind, und Jungen es eher mit Zahlen haben (Rechnen, logisches Denken).

 

Die Steinzeit ist vorbei, doch die Programme von einst sind geblieben

Diese Unterschiede sollen evolutionsbedingt sinnvoll sein: Der Mann entscheidet schnell und zielgerichtet, setzt Tempo, Kraft und körperliche Geschicklichkeit ein, um als Jäger Erfolg zu haben. Die Frau hält die Horde zusammen, agiert geschickt als Kommunikatorin und vermittelt wertvolles Wissen an die Kinder. Die graue Vorzeit ist vorbei. Steinzeit-Systeme sind nicht mehr aktuell, doch das Überlebensprogramm ist geblieben – auch es nicht mehr zum heutigen Leben passt.  

Das genetische Programm hat Männlein und Weiblein verschiedene Verhaltensweisen mit auf den Weg gegeben. Weil Dinge, die einem leichter fallen, bekanntlich mehr Spaß machen, führen unsere Anlagen dazu, dass jeder meistens automatisch das tut, was seinem Geschlecht entspricht. Das heißt aber keineswegs, dass wir nicht anders können. Jedes Abweichen von genetischen Vorgaben ist lernbar. Und da müssen Eltern ansetzen, die ihre Kinder optimal auf Anforderungen der modernen Gesellschaft vorbereiten wollen.

 

Eltern sollten gar nicht versuchen, geschlechtsspezifisch zu erziehen

Mädchen müssen heute zum Glück nicht mehr jedermanns Liebling sein, hübsch aussehen und darauf warten, geheiratet zu werden. Sie können genauso lernen wie Jungen und später berufstätig sein, sich durchsetzen, Geld verdienen, Macht erlangen, ohne ihr Geschlecht zu verleugnen. Sie brauchen nur das Selbstvertrauen dazu. Von kleinen Kerlen wird kein Mackertum mehr erwartet. Teamfähigkeit steht hoch im Kurs. Wer das früh lernt, hat später bessere Chancen als jemand, der sich nur mit Kraft und Power durchsetzen will. Auch das erfordert Selbstbewusstsein im Sinne von Zurücknehmen der eigenen Bedürfnisse.  

Auf der sicheren Seite sind Eltern, wenn sie gar nicht erst versuchen, geschlechtsspezifisch oder anti-geschlechtsspezifisch zu erziehen, sondern sich intensiv mit den Begabungen und Fähigkeiten ihrer Kinder beschäftigen. Sie nehmen einfach hin, dass ihr Kind so ist, wie es ist, und fördern die Seiten, die noch schwach ausgeprägt sind: Jungen dürfen toben, raufen, laut sein, aber sie müssen sich dabei an Regeln halten und auch beim Abwasch in der Küche helfen. Mädchen dürfen mit Puppen spielen, aber auch beim Autoreparieren helfen oder auf dem Fußballplatz auflaufen. Jungen brauchen in den ersten Schuljahren oft mehr Unterstützung beim Lernen, weil sie sich schlechter konzentrieren können. Mädchen hingegen benötigen eher Ermutigung, sich nicht selbst zurückzunehmen, um Harmonie zu schaffen.   

Zuwendung brauchen beide

Ob ein kleiner Junge Autos mag oder ein Mädchen Rosa liebt – das spielt für die Entwicklung keine wesentliche Rolle. Eltern müssen angeborenes Verhalten nicht mit viel Energieaufwand in eine bestimmte Richtung lenken. Viel wichtiger sind die Grundlagen für ein glückliches Miteinander: Liebe, Zuwendung, Anerkennung, Trost und Aufmerksamkeit brauchen eben Mädchen und Jungen. 

 

So entwickelt sich die Geschlechteridentität

Wann ist Kindern überhaupt bewusst, ob sie ein Mädchen oder ein Junge sind und was das bedeutet? Mit zwei bis zweieinhalb Jahren wissen die Kleinen, welchem Geschlecht sie angehören. Doch welches Verhalten dazu passt und dass die Rolle lebenslänglich festgelegt ist, das begreifen sie erst ein paar Jahre später. Eltern, die ganz bewusst keine typischen Mädchen oder Jungen erziehen wollen, reagieren in dieser Zeit häufig erschrocken über die ersten stereotypen Klischeebilder, die beide Geschlechter voneinander haben. Aussagen wie „Alle Mädchen sind doof“ oder „Fußball ist nur für Jungs“ sind bei Fünf- bis Sechsjährigen noch ganz normal und dienen der Identitätsfindung. Das Weltbild der Kinder ist in diesem Alter noch sehr einfach. Sie denken nicht differenziert. Das können sie erst mit sieben oder acht Jahren. Eltern müssen sich keine Sorgen machen, wenn ihr Erstklässler plötzlich mit Chauvi-Sprüchen ankommt. Kinder werden später von allein flexibler in ihrer Einstellung.

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