Pimp my kid Wie viel Förderung braucht das Kind?

Mathe, Musik, Mandarinchinesisch – viele Eltern beginnen früh, ihrem Kind intellektuellen Input zu geben. Schließlich werden die Weichen für die Zukunft im Kindesalter gestellt. Eine Rechnung, die selten aufgeht. Warum Eltern einen Gang zurückschalten und ihrem Kind mehr zutrauen sollten.

Vor 21 Uhr geht Julian selten ins Bett. Denn der Fünfjährige ist viel beschäftigt. Vormittags besucht Julian erst einmal die Kita. Dienstags um 15 Uhr steht Englisch auf dem Programm. Durch Lieder soll sich der Junge in diesem Kurs der Sprache spielerisch nähern. Musikalisch geht es um 17 Uhr weiter. Mit Klassik. Die Klänge von Mozart und Händel sollen Julians Gehör schulen. Freitags kickt Julian um diese Zeit in der Bambini-Mannschaft des ortsansässigen Fußballvereins. Abends bleibt ihm noch Zeit, um Riesentürme aus Holzklötzen zu bauen oder mit dem Hund im Garten zu toben. Bis Julians Mutter vor dem Zubettgehen noch mal die CD aus dem Englischkurs einlegt und mit ihm ein paar Lieder singt. Julians Tagesablauf hat Widererkennungswert. Und dokumentiert einen Trend, der in Deutschland seit geraumer Zeit zu beobachten ist.

Voll auf Kurs

Die Zahl der Förderangebote ist in den letzten Jahren  gestiegen – genauso wie die Zahl der Kinder, die sie nutzen. Da ist zum Beispiel „Helen Doron Early English Baby’s Best Start“, ein Englischkurs für Kinder ab drei Monaten. Oder „Zwergensprache“ – ein Kurs, in dem Eltern und Baby Handzeichen lernen, mit deren Hilfe sie sich verständigen können, bevor das Baby sprechen gelernt hat.

Woher kommt diese Entwicklung? „Es gibt eine Reihe von Gründen“, weiß der Schweizer Kinderarzt Professor Remo Largo. „Die meisten Eltern haben nur noch ein bis zwei Kinder, die nicht – wie früher – schicksalhaft auf die Welt kamen, sondern für die sie sich ganz bewusst entschieden haben. Damit wird das einzelne Kind für die Eltern sehr wichtig. Und da sie ihrem Nachwuchs die bestmöglichen Ausgangsbedingungen für seine Zukunft bieten möchten, nehmen sie entsprechende Kurse in Anspruch.“ Zudem lasse sich das Kind, dadurch, dass beide Eltern häufig berufstätig sind, schwieriger in den Alltag integrieren, sodass Eltern ihre Verantwortung hinsichtlich Betreuung und Förderung an andere delegierten.

Zu wenig Betreuungsmöglichkeiten

Für den Bildungsforscher Professor Klaus Hurrelmann liegt die Ursache für den Förderboom darin, dass Eltern die Förderung ihres Kindes wegen mangelnder Betreuungsmöglichkeiten selbst in die Hand nehmen: „Wir haben in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern erst sehr spät begonnen, die Vorschulbetreuung systematisch auszubauen und ausreichend Kindergarten- bzw. Krippenplätze zu schaffen. Gleiches gilt für Ganztagsprogramme in den Grund- und weiterführenden Schulen. Da gibt es großen Nachholbedarf.“

Gute Krippe, gute Bildungschancen

Zu diesem Ergebnis kommt auch der Bildungsbericht 2012, eine aktuelle Bestandaufnahme des deutschen Bildungssystems im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMFBF) und der Kultusministerkonferenz (KMK). Zwar schreitet der Ausbau der Krippenbetreuung voran – der Anteil der Dreijährigen, die eine Betreuungseinrichtung besuchen, die sogenannte „Bildungsbeteiligung“, hat deutlich zugenommen. Ging im Jahr 2000 gerade mal jedes zweite dreijährige Kind in den Kindergarten, waren es 2006 bereits 74 Prozent. Heute ist der Besuch einer Kindertageseinrichtung oder Kindertagespflege die Regel – 94 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen gehen in die Kita. Die sogenannte „Bildungs- und Betreuungsquote“ der unter Dreijährigen liegt im Vergleich dazu bei gerade einmal 25 Prozent. Kitaplätze für alle bleibt – auch nach Inkrafttreten des Rechtsanspruchs im August 2013 – eine große Herausforderung.

Es kommt jedoch nicht nur auf die Anzahl der Plätze an, sondern vor allem auf die Qualität der Betreuung. „Wir haben nichts von vielen Betreuungsplätzen, wenn dort keine gute Arbeit geleistet wird“, betont Professor Hurrelmann. Dazu gehöre auch eine funktionierende Kooperation mit den Elternhäusern. „Die Bildungsinstitution muss dem Kind die richtigen Impulse geben, die wiederum von den Eltern aufgenommen und verarbeitet werden müssen.“ Im Klartext: Je besser Kindergarten und Elternhaus zusammenarbeiten, desto mehr profitiert das Kind.

Dass sich die Qualität einer Betreuungseinrichtung unmittelbar auf die Bildungschancen auswirkt, zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung: Kinder, die eine gute Krippe besucht haben, sind bei Schuleintritt weiter entwickelt und verbuchen eine erfolgreichere schulische Karriere als Kinder, die in den ersten Lebensjahren ausschließlich in der Familie aufwachsen. Die Annahme, dass es für ein Kind das Beste sei, in den ersten Jahren bei seiner Familie zu sein, ist nach Meinung von Professor Largo längst überholt. „In der Krippe können die Kinder jeden Tag stundenlang mit anderen Kindern spielen. Das fördert ihre sprachliche Entwicklung und soziale Kompetenz. Die Kinder können vielfältigere Erfahrungen sammeln, als in den meisten Kleinfamilien.“
 

Wie Kinder lernen

Erfahrung ist das Stichwort. „Kinder lernen durch Erfahrung“, weiß der Göttinger Hirnforscher Professor Gerald Hüther. „Und zwar nur das, was für sie bedeutsam ist.“ Das sind in den ersten Lebensjahren die grundlegenden Kompetenzen Sprache, Motorik und Sozialverhalten. Die Fähigkeit, diese zu erlernen, ist angeboren. Den Zeitpunkt, wann ein Kind laufen, sprechen und mit dem Löffel essen lernen will, bestimmt es allerdings selbst. In diesem Zusammenhang ist oft die Rede von Zeitfenstern, in denen Kinder eine bestimmte Kompetenz erwerben oder erworben haben sollten. Diese Zeitfenster stehen nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung und schließen sich dann wieder. Professor Hüther sieht diese Theorie kritisch: „Man hat die Eltern damit verrückt gemacht. Diese Erkenntnisse stammen mitunter aus Tierversuchen. Tiere entwickeln sich jedoch sehr viel schneller und die Zeitfenster, in denen sie sich Fähigkeiten aneignen, sind viel enger als beim Menschen.“ Fakt ist: Der Grundstein für die intellektuelle Entwicklung wird in den ersten Lebensjahren gelegt.

Eine Fremdsprache lernen Kinder zum Beispiel viel leichter als Erwachsene. Vorausgesetzt, sie tauchen in das „Sprachbad“ ein, wie Linguisten sagen und erleben die Sprache in konkreten Situationen. „Ein Kind braucht keinen Kurs. Wenn es in eine Kita geht, in der Englisch gesprochen wird, kann es in sechs bis zwölf Monaten perfekt auf Englisch kommunizieren“, weiß Professor Largo. Die Realität in den Kindergärten ist allerdings häufig eine künstliche Sprachumwelt, in der Kindern Vokabeln und Grammatik wie in der Schule vermittelt wird. Überhaupt ist das Erlernen einer Fremdsprache nur sinnvoll, wenn das Kind sie tatsächlich braucht, um sich beispielsweise im Alltag mit der Familie zu verständigen.

Wenn aus Förderung Überforderung wird

Überforderung droht, wenn Eltern ihrem Sprössling Fähigkeiten aufdrängen, die er nicht braucht und noch nicht bereit ist zu lernen. „Kinder machen in diesem Fall eine negative Lernerfahrung, die dazu führt, dass sie das Interesse am Lernen verlieren. Und das endet dann in der Schule in ‚null Bock’“, erklärt Hüther. Professor Hurrelmann appelliert an Eltern, ihr Kind zwar zu guter Leistung zu motivieren, es aber auf keinen Fall unter Druck zu setzen. „Die Berufslaufbahn beginnt heute schon im Alter von sechs Jahren. Viele Eltern machen ihren Kindern klar, dass nun der Ernst des Lebens beginnt und der Spaß vorbei ist. Das ist ein Fehler.“ Nicht nur, weil es für Eltern schwierig wird, an das Kind heranzukommen, wenn es versucht, sich gegen die ihm aufgezwungenen Kompetenzen zu wehren. Überforderung wirkt sich auch auf die Gesundheit des Kindes aus. Die Alarmsignale: Das Kind ist missmutig und verstimmt, es leidet unter Kopfschmerzen, Schlaf- und Essstörungen.

Das Kind und seine Bedürfnisse ernst nehmen

Wie fördern Eltern also ihr Kind, ohne es zu überfordern? „Kinder brauchen keine spezifische Förderung, sondern ein kindgerechtes Umfeld“, meint Professor Largo. „Eltern sollten auf das Spontanverhalten ihres Kindes achten und seine Bedürfnisse ernst nehmen. Nur so erkennen sie, was es wirklich will und was es für seine Entwicklung braucht.“ Und das sind nach Meinung des Entwicklungsspezialisten drei Dinge: Ein Kind will sich geborgen fühlen, es braucht Erfahrungsmöglichkeiten, die seinen Entwicklungsbedürfnissen entsprechen und es muss  die Möglichkeit haben, mit anderen Kindern zu spielen. Um dem Kind ein entsprechendes Erfahrungsangebot zu bieten, ist kein Kurs nötig.

„Wichtig ist, dass Eltern etwas machen, das alle Sinne des Kindes anspricht. Ich kann mit meinem Kind zum Beispiel jede Woche zu einem festen Zeitpunkt durch den Wald gehen und Tierspuren suchen“, sagt Professor Hurrelmann. Wenn sich  Eltern allerdings für einen Kurs entscheiden, sollte er auf das Kind zugeschnitten sein – also seinem Entwicklungsstand, seinen Interessen und Begabungen entsprechen. Und: Dem Nachwuchs muss ausreichend Zeit zum Spielen bleiben. Hurrelmann rät, sich vorab über die Träger des jeweiligen Angebots zu informieren. Am besten bei Eltern, die das Angebot schon in Anspruch genommen haben.

Und: Er plädiert dafür, Kindern bei der Entscheidung eine starke Stimme zu geben: „Väter und Mütter sollte nichts tun, was dauerhaft gegen das Kind ist. Jungen und Mädchen sind heute nämlich sehr realistisch und wissen ziemlich genau, was für sie das Beste ist.“ Professor Hüther appelliert ebenfalls an die Eltern, dem eigenen Kind mehr zuzutrauen. „Eltern sollten sich von ihren Vorstellungen lösen, was aus dem Sohn oder der Tochter irgendwann einmal werden soll. Dann werden sie erkennen, dass Kinder über Fähigkeiten verfügen, die sie ihnen gar nicht zugetraut haben.“

Unsere Experten:

Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte: Bildungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik.

Professor Gerald Hüther leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg.

Remo H. Largo ist Professor für Kinderheilkunde und Entwicklungspädiatrie. Er leitete von 1978 bis 2005 die Abteilung „Wachstum und Entwicklung“ an der Universitätskinderklinik Zürich und hat zahlreiche Fachbücher veröffentlicht.

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