Zum Vorlesen und Nacherzählen Die fiese Finja

Lena war schon fünf Jahre alt, und damit alt genug für ein eigenes Handy. Das fand sie jedenfalls. Mama war aber nicht dieser Meinung: „Wen willst du damit anrufen?“, fragte sie, „deinen Teddy?“ Mama lachte, aber Lena fand das gar nicht lustig.

Nun war endlich Weihnachten.

Lena hatte sich natürlich ein Handy gewünscht, aber bekommen hatte sie – eine Puppe! Lena war sauer. „Nun sei doch nicht traurig“, sagte Mama. „Spiel doch lieber mit deiner neuen Puppe.“ Aber die Puppe starrte Lena aus leblosen Glasaugen nur dumm an und Lena warf sie in die Ecke.

Lenas Bruder Paul war schon zwölf.
„Hier hast du mein altes Handy“, sagte er. „Das funktioniert zwar nicht mehr, aber zum Spielen und So-tun-als-ob reicht’s noch.“ Er gab Lena ein uraltes, verkratztes Ding. „Danke“, murmelte Lena, aber sie hätte doch lieber ein funktionierendes Handy gehabt.

Abends, als Lena im Bett lag, konnte sie lange nicht einschlafen.
Voll ätzend, so klein zu sein, dachte sie. Nichts durfte man: Nicht lange fernsehen, nicht am Laptop spielen und natürlich auch kein Handy haben! Weihnachten war doof dieses Jahr! Aber dann dachte Lena daran, wie wunderschön der Weihnachtsbaum gewesen war, wie hell die Kerzen gestrahlt und wie lecker die Plätzchen geschmeckt hatten … Und irgendwann fielen ihr dann doch die Augen zu und sie schlief ein.

Was war denn das?

© Angelika Neiser

Lena schreckte aus dem Schlaf hoch: Da war doch ein Geräusch gewesen! Lena glaubte nicht mehr an Monster unterm Bett und Gespenster im Kleiderschrank, aber irgendwie hatte sie jetzt doch ein bisschen Angst. Der Mond schien durchs Fenster und füllte das Zimmer mit unheimlichem Zwielicht.

„Hallo?“, sagte da auf einmal jemand.
Lena erschrak. Und da kam es noch einmal: „Hallo?“ Ganz leise und piepsig, wie von einer Maus, aber Mäuse können doch nicht sprechen, oder? Lena schaute in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. War da etwa jemand in ihrem Zimmer? Und was war das für ein geheimnisvolles Leuchten da auf dem Stuhl?

Lena nahm all ihren Mut zusammen und stieg aus dem Bett.
Mit zitternden Knien schlich sie zu dem Stuhl und wie groß war ihre Überraschung, als sie sah, was da so leuchtete: Da lag das alte Handy, das Paul ihr gegeben hatte! Der Bildschirm war an und strahlte hell, und darau war ein Mädchen mit wilden lila Strubbelhaaren zu sehen. „Hallo?“, sagte das Mädchen. Es hielt einen Stab mit einem silbernen Stern an der Spitze in der Hand, und klopfte damit von innen gegen den Bildschirm des Handys. Zumindest sah es so aus, dachte Lena, denn das Mädchen konnte ja wohl nicht im Handy drin sein, oder? „Oh, endlich, da ist ja jemand!“, klang es piepsig aus dem Lautsprecher. Und es sah tatsächlich so aus, als ob das Mädchen aus dem Handy Lena genau in die Augen schaute.

Bei ihrem Bruder hatte Lena schon öfter gesehen, wie er sich kleine Filme auf seinem Handy angeschaut hatte – war das vielleicht ein Trick? War das Mädchen nur ein Film, der auf dem Handy gespeichert war? Wollte ihr Bruder sie damit ärgern? Na warte, dachte Lena, der kann was erleben!

Lena nahm das Handy in die Hand.
Sie war stolz, dass sie ihren Bruder durchschaut hatte, und dann ließ sie es vor Schreck beinahe fallen. Das Mädchen sprach zu ihr! „Kuck nicht so blöd!“, sagte das Mädchen. „Ja genau, dich meine ich, du mit dem Babyschlafanzug mit den Häschen drauf.“

War das eben wirklich passiert?
Lena konnte es kaum glauben. Schuldbewusst schaute sie an sich herunter. Ja, tatsächlich, sie hatte den uncoolen rosa Schlafanzug mit den Häschen an – wie peinlich! „Lass mich raus, ich bin hier eingesperrt – ich bin eine verzauberte Fee!“, rief das Mädchen. „Leider wirkt meine Zauberkraft hier drin nicht. Dafür hat der Zauberer Zampano gesorgt, der hat mich hier eingesperrt! Der denkt, in dem alten Handy findet mich niemand.“ „Ich soll dich rauslassen? Aber wie?“, fragte Lena. Die Fee – wenn es denn wirklich eine war – rief: „Ich kenne die Geheimzahl: Eins – neun – fünf – fünf. Dass ich die weiß, das ahnt der Zauberer nicht.“

Lena hielt das Handy in der Hand und wusste nicht, was sie tun sollte.

© Angelika Neiser

„Nun mach schon!“, flehte das Mädchen. Na, was soll schon passieren, dachte Lena, und dann tippte sie mit dem Zeigefinger auf die Tasten des Handys: Eins – neun – fünf – fünf …

Was nun geschah, würde Lena ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen. Der Bildschirm des Handys klappte auf wie ein Topfdeckel, dann schob sich der Kopf heraus, und schließlich kam die ganze Fee herausgekrabbelt. Sie wurde immer größer und größer, bis sie schließlich in voller Lebensgröße vor Lena stand: mit lila Strubbelhaaren, Sommersprossen auf der Nase und einem löchrigen rosa Rüschenkleid, das schon bessere Tage gesehen hatte.

„Du kannst deinen Mund jetzt wieder zumachen, sonst fliegt dir noch ne Fliege rein“, sagte die Fee zu Lena.  Sie stupste sie mit ihrem Stab an die Nase. Lena klappte gehorsam den Mund zu und wusste nicht, was sie sagen sollte, so verblüfft war sie. „Darf ich mich vorstellen?“, sagte das Mädchen. „Ich bin die Fee Finja. Und wer bist du?“
„Le … Lena“, stotterte Lena. „Na, dann freu dich, Lena“, sagte die Fee Finja. „Weil du mich befreit hast, darfst du dir etwas wünschen. Drei Wünsche hast du frei, so lautet die alte Regel.“ Dann kicherte sie und sagte: „Aber sei vorsichtig – man nennt mich nicht umsonst die fiese Finja.“ Sie zwirbelte ihre Strubbelhaare um den Zeigefinger und sagte: „Man weiß nie, was passiert, wenn ich jemandem einen Wunsch erfülle …“ Dann schaute sie Lena ziemlich erwartungsvoll an.

Lena kümmerte sich nicht um Finjas Warnung und wünschte einfach drauflos: „Ich möchte gern ein eigenes Handy!“ Finja fuchtelte mit ihrem Stab in der Luft herum (denn der war natürlich ein Zauberstab) und murmelte einen unverständlichen Spruch. Und dann passierte … nichts!

„Ups!“, sagte Finja.

© Angelika Neiser

„Ein Satz mit X: Das war wohl nix!“ Lena schluckte ihre Enttäuschung herunter, aber Finja lachte: „War ja klar: Du hast ja schon ein Handy – das von deinem Bruder! Das war dein erster Wunsch – zwei hast du noch!“ Jetzt wurde Lena aber stinkig. „Das ist ungerecht!“, rief sie. „Nö“, sagte Finja, „so sind die Regeln. Und nun quatsch nicht lang rum und sag deinen zweiten Wunsch.“ Was blieb Lena anderes übrig? Sie überlegte kurz, und dann sagte sie: „Ich wünsche mir, das hübscheste Mädchen der Welt zu sein!“

Diesmal klappte Finjas Zauber.
Sie murmelte etwas, das klang wie: „Schlamasseldibrassel“. Der Stern an der Spitze des Zauberstabes leuchtete auf, es machte puff – und Lena hatte plötzlich Eselsohren!

Lena war geschockt.
„Was hast du gemacht!“, schrie sie voller Wut. Die Fee Finja aber lachte so laut, dass die Scheiben klirrten und Lena Angst hatte, dass ihre Eltern aufwachen würden. „Krass!“, sagte Finja. „Also für mich bis du schönste Mädchen der Welt – keine andere hat so schöne Ohren wie du!“ Jetzt wusste Lena, warum man Finja die „fiese Finja“ nannte! Kein Wunder, dass der Zauberer Zampano sie eingesperrt hatte …

„So“, sagte Finja, „einen Wunsch hast du noch.

© Angelika Neiser

Lass mich raten: Du willst deine schönen Ohren wieder loswerden, so ist es doch, oder?“ Aber Lena hatte schon eine bessere Idee. Sie grinste Finja frech ins Gesicht und sagte: „Ich wünsche mir, dass du wieder im Handy eingesperrt bist!“ „Mist“, fluchte Finja, „sie hat mich reingelegt!“ Es war der dritte Wunsch, und den musste sie erfüllen, so lautete die alte Regel.

Puff – machte es, und die fiese Finja war fort.
Als Lena das Handy aufhob, glotzte die kleine Fee wutschnaubend durch den Bildschirm und streckte Lena die Zunge heraus. „Und nun?“, fragte Finja. „Nun lass ich dich wieder raus“, sagte Lena. „Aber nur, wenn du mir drei neue Wünsche gibst! Zuerst machst du mir die Eselsohren weg, und dann hab ich immer noch zwei Wünsche frei …“ Lena lächelte zufrieden.
1Weihnachten war toll dieses Jahr!

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