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Interview

"Wichtig sind Eltern, die in sich ruhen"

Der bekannte Kinderpsychiater Michael Winterhoff warnt: Wir lassen Kinder viel zu oft alles entscheiden. So lernen sie niemals richtig das Erwachsensein.

KiNDER: Sie schreiben, dass heutzutage Eltern ihre Kinder unbewusst als Teil von sich selbst empfinden. Wie sieht diese Symbiose denn aus?
Michael Winterhoff: Die Eltern sehen ihre Kleinen als Teil von sich, wie einen Arm. Wenn der schmerzt, müssen sie ihn halten. Übertragen heißt das: Wenn ein Kind hinfällt, trösten die Eltern es in jedem Fall. Egal ob es wirklich weh tut, oder das Kind nur markiert und Aufmerksamkeit will. Eltern ist die Intuition verloren gegangen, auch aus der Distanz die Dinge realistisch einzuschätzen. Sie lesen dem Kind jeden Wunsch von den Lippen ab, weil sie in Wirklichkeit ihr Kind steuern wollen – wie eben einen Teil von sich.

Sind diese Kinder deshalb so ausgeprägte Egomanen?
Sie haben keine Frustrationstoleranz, kein Unrechtsbewusstsein, keine Empathie oder sehen sich als Opfer. Und vor allem denken sie, alles würde sich um sie und das Stillen ihrer Bedürfnisse drehen.

Aber Kinder sind doch das Produkt der Erziehung ihrer Eltern – die sind doch eigentlich verantwortlich ?
Sicherlich. Vater und Mutter sind wesentlich – aber auch überfordert von der heutigen, digital geprägten Außenwelt. Und die Kinder dieser Eltern werden in ihrer Entwicklung gebremst, ihre emotionale und soziale Psyche bildet sich nicht richtig aus. Die jungen Patienten, auch die Jugendlichen, die in meine Praxis kommen, haben das Weltbild eines 16 Monate alten Kleinkinds.

Das erscheint jetzt aber sehr dramatisch dargestellt.
Es ist so schlimm, glauben Sie mir. Ich arbeite jetzt seit 28 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater. Was ich seit 1995 täglich in meiner Praxis sehe, gab es zuvor nicht: 1995 hatten wir zwei auffällige Schüler pro Klasse, heute sind nur noch 30 Prozent der Schüler nicht auffällig. Das ist mehr als besorgniserregend.

Was ist 1995 passiert?
Ab diesem Jahr fiel mir eklatant die wachsende Zahl von auffälligen Schülern auf. Das hat sicher damit zu tun, dass der Computer in fast allen Haushalten Einzug hielt. Das veränderte alles. Viele Erwachsene sind davon seitdem überfordert, Stress und permanente digitale Erreichbarkeit verstärkt das heute. Eltern wissen nicht mehr, was sie wollen im Leben. Sie sind nicht in der Lage, Freude oder Zufriedenheit zu empfinden.
Als Eltern machen sie dann die Freude und die Zufriedenheit des Kindes zu ihrer eigenen. Sie denken, fühlen, spüren durch das Kind. Früher hatten wir eine Gesellschaft, die klar Orientierung geboten hat. Heute ist alles unsicher geworden. Dennoch hat der Erwachsene ein Bedürfnis nach Anerkennung, Sicherheit.
Wenn die Gesellschaft dies nicht mehr leistet, ist die Gefahr groß, dass er das, was ihm fehlt, über das Kind ausgleicht. Das gilt auch für Lehrer, Erzieher und Großeltern: Sie wollen von den Kindern unbedingt geliebt werden. Das führt zu einer Machtumkehr: Der Erwachsene ist bedürftig und braucht das Kind, um dieses Bedürfnis zu stillen.

Das ist aber harter Toback.
Es geht nicht darum Schuld zu verteilen. Als Psychiater analysiere ich nur die vielen Fälle, die in meiner Praxis auflaufen. Und so eine Entwicklung habe ich in langen Jahren als Mediziner und Psychiater noch nicht erlebt. Ich möchte ja auch mit diesem neuen Buch aufrütteln, weil ich mir große Sorgen um die Kinder und Jugendliche in der heutigen Zeit mache. Früher hatten Kinder, die in die erste Klasse kamen, die Schulreife. Sie konnten vier Stunden lang auf einem Stuhl sitzen, zuhören und akzeptieren, dass die Lehrerin das Sagen hat. Heute leben sie lustorientiert im Moment und meiden jegliche Anstrengung. Wie sollen sie dem Schulstoff folgen können, wenn sie nie gelernt haben, stillzusitzen, zuzuhören oder etwas zu tun, worauf sie keine Lust haben? Richtig ist: Es liegt ja nicht daran, dass sie es nicht gelernt haben – sondern da sie psychisch Kleinkinder sind, sind sie nicht in der Lage, dieses zu leisten. Wären sie psychisch auf dem Stand ihres Alters, kein Problem.

Können denn die Eltern von heute aus diesem Dilemma herauskommen?
Viele Erwachsene leben ja in einer Art Katastrophenmodus. Sie sind blockiert. das ganze Leben wird krisenhaft empfunden. Positive gesellschaftliche Perspektiven fehlen oft. Man denkt nur ans Jetzt – quasi um zu überleben. Erwachsene, eben auch Eltern, müssen wieder ganzheitlich auf die Dinge gucken. Eltern müssen wieder in sich ruhen.

Und damit auch Vorbild sein?
Das Problem ist, dass alle die irrige Vorstellung haben, sie müssten dem Kind wie einem Partner auf Augenhöhe nur lange genug alles erklären, dann würde es schon mitmachen. Aber das funktioniert nicht, weil man so dem Kind Erwachsenen-Eigenschaften abverlangt. Und genau die kann es entwicklungspsychologisch gar nicht haben. Autorität und Hierachie wird deshalb heute auch als negativ empfunden.

Was können Eltern und Erzieher tun, um zu retten, was zu retten ist?
Die Symbiosebeziehung zwischen sich und dem Kind lösen. Indem sie zur Ruhe kommen, mal ein paar Stunden alleine sind mit sich, ohne Ablenkung, ohne Handy. Zum Beispiel bei einem stundenlangen Spaziergang im Wald. Die meisten Erwachsenen halten das ja gar nicht mehr aus. Doch die Psyche kommt dann zur Ruhe, man bekommt Distanz zu den Dingen. Und danach werden Eltern sich nicht mehr auf die üblichen Machtkämpfe einlassen mit ihren Kindern, die sie nicht gewinnen können. Sie werden nicht reflexartig auf jeden Wunsch des Kindes reagieren, sondern verzögert reagieren: zunächst mal innerlich bis vier zählen.
So lernt das Kind, dass es einen Unterschied gibt zwischen Gegenständen und Menschen: Der Mensch reagiert nämlich nicht auf Knopfdruck. Das ist anfangs hart für beide Seiten. Aber es wirkt.

Zur Person:

Michael Winterhoff (58) ist promovierter Humanmediziner und Pyschotherapeut mit fast 30-jähriger Praxiserfahrung  als Kinder- und Jugendpsychiater. Mit dem Bestseller „Warum unsere Kinder Tyrannen werden” löste er heftige Erziehungsdebatten aus. In seinem neuen Buch „SOS Kinderseele” (Bertelsmann 2013, 17,99 Euro) diagnostiziert er die fehlende Herausbildung der emotioanlen und  sozialen Intelligenz bei Kindern und Jugendlichen. Die verzögerte Reifung der Psyche sei ein gesamtgesellschaftliches Problem.

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