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Helikopter-Eltern und Vorurteile
Ich bin die Mutter, die in der Kita-Garderobe heult

Unsere Autorin Silke sollte einen Artikel über Helikopter-Eltern schreiben. Aber sie wollte nicht. Stattdessen schreibt sie, warum sie es leid ist, dass Eltern immer wieder in Schubladen gesteckt werden.

Eine Mutter föhnt ihrem Kind die Toilettenbrille warm – und das Internet lacht sich schlapp. Ganze Bücher mit gesammelten Anekdoten wie dieser schaffen es in unsere Bestseller-Listen. Und jeder amüsiert sich darüber, wie lächerlich, albern und bekloppt diese Eltern doch alle sind. 

Natürlich sind "diese Eltern" immer die anderen. In diesem Fall: Die Helikopter-Eltern, denen - so schreibt es Bild.de - nichts schwerer fällt, "als ihre Kinder mal in Ruhe zu lassen". Und ich sehe ein: Jede einzelne dieser Geschichten wirkt, aus dem Zusammenhang gerissen, übertrieben oder gar absurd. Einen abschätzigen Lacher sind die Stories wert, mehr nicht. Und sie hinterlassen das erhabene Gefühl, es selbst besser zu machen. Doch das ist Quatsch.

Ich weiß nicht, was diese Mutter dazu bewegt hat, ihrem Kind den Toilettensitz warmzuföhnen. Vielleicht hat es jeden Morgen einen Wutanfall bekommen und wollte nicht aufs Klo gehen, weil ihm die Brille zu kalt war. Vielleicht hat sie mit diesem ungewöhnlichen Trick den morgendlichen Wut-Teufelskreis durchbrochen. Vielleicht ist ihr Leben durch die warmgeföhnte Toilettenbrille deutlich besser geworden und sie lacht viel lauter über uns als wir über sie. Vielleicht, und das wünsche ich ihr, ist es ihr aber auch herrlich egal. Weil sie weiß, dass diese eine Aktion, diese ach-so-witzige Anekdote, nicht stellvertretend für ihre gesamte Mutterschaft dasteht.
 

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Ich tue solche Dinge doch selbst!

Nein, ich föhne meinem Sohn nicht die Toilettenbrille warm. Aber ich tue täglich Dinge, die mich, betrachtet man sie ebenso isoliert wie die Klo-Geschichte, im Handumdrehen auch zur Helikopter-Mama machen. Und den Bruchtteil eines Augenblicks später tue ich andere Dinge, die mich als Rabenmutter dastehen lassen würden.

  • Ich bin die Mutter, die Gemüse-Gesichter schnitzt und das Brot in Herzchenform aussticht. Und ich bin die Mutter, die auf dem Spielplatz Haribo und Capri-Sonne dabei hat.
     
  • Ich bin die Mutter, die an einem Tag stundenlang Verstecken spielt. Und ich bin die Mutter, die an einem anderen Tag den Augenkontakt mit ihren Kindern vermeidet, damit sie bloß nicht mitspielen muss.
     
  • Ich bin die Mutter, die die Waschmaschine für ein einziges Teil anschmeißt, damit der Sohn sein Lieblings-Outfit anziehen kann. Und ich bin die Mutter, die die Sportsachen fürs Kinderturnen vergisst.
     
  • Ich bin die Mutter, die ihrer Tochter beim Spielen mit kleinen Essenshäppchen in der Hand hinterherrennt und sie füttert. Und ich bin die Mutter, die am Wochenende vergisst, Mittagessen zu kochen.
     
  • Ich bin die Mutter, die Fernsehen nur am Wochenende erlaubt. Und ich bin die Mutter, die ihr Kind mit 4 Jahren schon ins Kino lässt.
     
  • Ich bin die Mutter, die von Fremden gelobt wird, weil sie mit ihrem Baby spielt und nicht mit ihrem Handy. Und ich bin die Mutter, die ihre Emails beantwortet, während ihr Kind im Sandkasten heult.
     
  • Ich bin die Mutter, die die "Ein-Geschenk-reicht"-Regel am Geburtstag eingeführt hat. Und ich bin die Mutter, die sich selbst am allerwenigsten daran hält.
     
  • Ich bin die Mutter, die nachts um 3 Uhr in der Küche steht, um dem Sohn einen Lego-Geburtstagskuchen zu modellieren. Und ich bin die Mutter, die vergisst, Kerzen und Luftballons zu kaufen.
     
  • Ich bin die Mutter, die beim Elternabend Protokoll führt. Und ich bin die Mutter, die keine Ahnung hat, wohin nochmal am Donnerstag der Kita-Ausflug geht.
     
  • Ich bin die Mutter, die die Tombola organsiert. Und ich bin die Mutter, die Bier trinkt, während sie die Lose verkauft.
     
  • Ich bin die Mutter, die der Kita Spielsachen kauft. Und ich bin die Mutter, die vergisst in die Gruppenkasse einzuzahlen.
     
  • Ich bin die Mutter, deren Kinder besonders früh sprechen konnten. Und ich bin die Mutter, deren Kinder besonders früh fluchen konnten.
     
  • Ich bin die Mutter, die von ihren Nachbarn angesprochen wird, weil sie "einfach immer so herrlich fröhlich" ist. Und ich bin die Mutter, die in der Kita-Garderobe heult, weil ihr gerade alles zu viel wird.
     

Ich bin all diese Mütter. Und noch viel mehr. Was für eine Mutter bin ich nun?

Ich könnte mein eigenes Helikopter-Eltern-Buch schreiben, und die Leser da draußen könnten sich kaputtlachen über mich. Oder ich schreibe ein Buch über meine Rabenmutter-Seite und stehe als die schlechteste Mutter der Welt da. Ich mache viele Dinge falsch. Aber noch viel mehr Dinge genau richtig. So wie jedes andere Elternteil da draußen auch.

Ich bin keine Helikopter-Mutter, keine Rabenmutter und keine Über-Mutter. Ich bin einfach nur die Mutter meiner Kinder, so gut ich es nunmal kann. Es wäre mir deutlich lieber, wenn solche Schubladen-Begriffe schlicht weg nicht mehr existieren würden. Aber mir ist bewusst, dass das nicht geschehen wird. Deshalb ignoriere ich sie, so gut ich kann. Und höre weiterhin nur auf die Bezeichnung, die mir ohnehin am liebsten ist: Das "Mama" aus den Mündern meiner Kinder.

Autorin: Silke Schröckert

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